Non-Stopp Deutschlandumrundung Etappentagebuch November

 


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Ruhetag in Breisach / 01.11.2010

Die Europastadt Breisach am Rhein war nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu 85 Prozent zerstört. Bereits 1950 forderte die "Europa-Bewegung" die Bevölkerung auf, sich für ein zukünftiges grenzüberschreitendes Europa zu entscheiden. Die Wahlbeteiligung lag bei 87 Prozent. 96 Prozent der Bevölkerung entschieden sich damals schon für ein freies Europa.

Ruhetag in Breisach / 01.11.2010Im Zeichen der deutsch-französischen Freundschaft und als Brückenschlag im Herzen Europas verschwisterte sich Breisach 1960 mit Saint-Louis und 2000 mit Neuf-Brisach. Zum 50igsten Jahrestag der Breisacher Europa-Abstimmung schuf der in Breisach ansässige Künstler Helmut Lutz eine Skulptur aus griechischem Marmor und Bronze, die aus dem Münsterplatz enthüllt wurde. Die griechische Mythologie erzählt von Zeus und seiner Verwandlung in einen Stier, der auf seinem Rücken die Königstochter Europa nach dem nach ihr benannten Europa vom Orient zum Okzident trägt. Gleich den Fluten des Meeres in der Mythologie durchbricht der Stier den Pflasterboden vor dem Breisacher Münster. Die Gestalt ist dem Stier von Knossos angelehnt. Dem Aufbrechen in ein neues Europa entspricht Hand und Fuß, gehen und handeln. Das Dreieck ist das Zeichen der Region hier im Herzen Europas.

Am Eckartsberg folge ich dem "Weg der Lyrik". Auf dem sagenumwobenen Berg befand sich im frühen Mittelalter die Burg des "Getreuen Eckart". Bis ins 18.Jahrhundert war die Burganlage geprägt von unterirdischen Kasematten und Kasernen. Seit dem 19. Jahrhundert gehört der Eckartsberg zu den berühmten Weinlagen der Region. Rund um den Weinberg finden sich Lyrik und Zitate zu den Themenbereichen Breisach und der Rhein, Grenze und Europa, Krieg und Geschichte, Jahreszeiten und Wein.

Während meines Spaziergangs rund um den Eckartsberg finde ich ein Zitat von Richard von Weizsäcker (Bundespräsident von 1984 – 1994). "Nicht ein Europa der Mauern kann sich über Grenzen hinweg versöhnen, sondern ein Kontinent, der seinen Grenzen das Trennende nimmt".

Oben auf dem Berg bietet sich ein phantastischer Rundumblick. Im Westen die Vogesen mit Grand Ballon (1424 m), Petit Ballon (1272 m), Hohneck 1362 m) und Col de la Schlucht (1139 m). Im Osten der Kaiserstuhl sowie der Schwarzwald mit Kandel (1242 m) und dem Schauinsland (1284 m).

Während des Spaziergangs durch Breisach treffe ich Menschen, für die Grenzen keine Bedeutung haben. Ein Ehepaar aus Krozingen, das nach dem Verkauf ihres Geschäfts eine achtmonatige Rucksackreise rund um die Welt angetreten hat. Die aus Ungarn stammende Katalin David, die vor zwei Tagen von Freiburg nach Breisach umgesiedelt ist. Für sie existieren keine Grenzen mehr. Internet, so sagt sie, lässt uns weltweit, grenzenlos surfen. Peppi und Biljana aus Bulgarien treffe ich am Münsterplatz. Die beiden Frauen leben mit ihren Männern in Bonn. Gerade kommen sie von einem Kurzurlaub aus der Schweiz zurück.

Ruhetag in Breisach / 01.11.2010

Den Abend verbringe ich mir Freunden. Anne und Rüdiger sind aus dem Hunsrück angereist. Rüdiger wird mich während der kommenden drei Tage begleiten. Corina und Alexander aus Badenweiler, bei denen habe ich vor wenigen Tagen zu Gast war, sind ebenfalls nach Breisach gekommen. Wir sitzen gemeinsam beim Italiener unmittelbar an der deutsch-französischen Grenze.

 

192. Etappe / Breisach – Vogtsburg-Bickensohl / 02.11.2010

Vor etwa 60 Millionen Jahren senkte sich der Oberrheingraben immer weiter ab. Eine Folge davon war, dass flüssiges Gestein aus der Erdkruste floss und der spätere Kaiserstuhl zu einem Vulkan anwuchs. Als sich das Magma beruhigt hatte, trug die Witterung einen Großteil des Gebirges wieder ab. Der Kaiserstuhl ist eine Vulkanruine, die sich durch vielfältige Gesteinsarten und fruchtbaren Lössboden auszeichnet.

192. Etappe / Breisach – Vogtsburg-Bickensohl / 02.11.2010Die Böden und das überdurchschnittliche warme Klima schaffen optimale Bedingungen für Spitzenweine. Die Landschaft um den Kaiserstuhl ist geprägt durch Rebterrassen.

Dorthin wandere ich mit Rüdiger und Emma. Wir werden zwei Tage Richtung Norden unterwegs sein, um die Landschaft am Kaiserstuhl kennen zu lernen. Seit einigen Jahren hat das Gebiet eine Vielfalt von Themenwanderwegen: den Wiedehopfpfad, den Steinkauzpfad, den Neulindenpfad, den Knabenkrautpfad und zuletzt den Qualitätsweg Kaiserstuhlpfad. Wandergenuss auf der Sonnenterrasse zwischen Schwarzwald und Rhein.

In Breisach ist am Dienstagmorgen nach dem Feiertagswochenende Ruhe eingekehrt. Entlang des Fahrradweges neben der Landstraße verlassen wir Breisach, um nach Ihringen an den Fuß des Kaiserstuhls zu gelangen. Unterwegs durchqueren wir große Obstplantagen. An vielen Apfelbäumen hängen noch die Früchte. An einigen Bäumen entdecken wir sogar Anfang November rosarot-weiße Apfelblüten. In Ihringen erkundigen wir uns in der Touristinformation nach den verschiedenen Möglichkeiten, den Kaiserstuhl nach Norden Richtung Rhein zu überqueren. Wir entscheiden uns für den neu geschaffenen Kaiserstuhlpfad, der uns nach Endingen bringen soll. Von Endingen geht's über den Kirschbaunpfad nach Sasbach am Rhein. Dort wollen wir morgen Abend ankommen.

192. Etappe / Breisach – Vogtsburg-Bickensohl / 02.11.2010Hinter der Kirche verlassen wir über einen Anstieg Ihringen. Wir durchwandern auf dem Weg nach oben wunderbare alte Holwege. Wir scheinen durch einen riesigen Krater zu laufen. Eingebettet und im Schutz dieser alten Vulkanmauern stehen terrassenartig die Rebstöcke. Je höher wie steigen, desto besser erkennt man das Ausmaß dieser gigantischen Landschaftsformation Kaiserstuhl. Das Höhenprofil des Kaiserstuhlpfades gleicht dem einer schweren Alpenetappe während der Tour de France. Die Gipfel am Kaiserstuhl sind zwar nicht so hoch aber das ständige Auf und Ab fordert Kraft und Kondition. In den Weinbergen herrscht an diesem Morgen absolute Ruhe. Kein Windhauch ist zu spüren, kein Vogel ist zu hören. Gegen Mittag lichten sich teilweise die Hochnebel am Oberrhein und in den Vogesen. Die ersten Höhenzüge werden sichtbar.

Abends sind wir mit Petra Niederquell und Herbert Thyssen verabredet. Anfang September hatte ich die beiden auf dem Weg von Passau nach Suben in Wernstein am Inn getroffen. Sie sind in Breisach zu Hause. Dort wollten wir uns wieder sehen. Beim Abschied verabreden wir das nächste Treffen: in Rüdigers wunderschönem Hotel im Hunsrück, der Historischen Schlossmühle, werden wir uns wieder sehen. www.historische-schlossmuehle.de

 

193. Etappe / Vogtsburg-Bickensohl – Sasbach am Rhein / 03.11.2010

193. Etappe / Vogtsburg-Bickensohl – Sasbach am Rhein / 03.11.2010Neben den terrassenartig angelegten Rebflächen sind Lösshohlwege charakteristische Landschaftselemente am Kaiserstuhl. Seit 1989 sind auf dem Gebiet von Vogtsburg sechs gut erhaltene Hohlwege als "Flächenhafte Naturdenkmale" unter Schutz gestellt. Gleich zu Beginn unserer Tour wandern wir durch die Eichgasse, einen der eindrucksvollsten Hohlwege im gesamten Kaiserstuhlgebiet. Fast 15 Meter tief hat sich der Weg in den Lössboden eingegraben. Über mehrere hundert Jahre wurde durch tausende von Ochsenkarren und unzählige Sturzbäche aus dem steilen Lössweg eine Hohlgasse geformt.

Es wird ein fast nicht enden wollender Anstieg an diesem Morgen. Über dreihundert Höhenmeter müssen wir überwinden bis zum höchsten Punkt, dem Totenkopf, auf 557 Höhenmetern. Die Hochnebelfelder lichten sich, der Blick wird frei auf die Rheinebene, die Höhenzüge der Vogesen und im Süden Freibug mit den dahinter liegenden Schwarzwaldbergen. Wir befinden uns auf dem Kaiserstuhlpfad von Bickensohl nach Endingen. Der Wandertag wird zu einem großartigen Wandererlebnis. Der Weg ist nicht nur gut beschildert sondern die Wegtrasse wurden mit vielen Höhepunkten erstklassig gestaltet.

Kurz vor Endingen entschließen wir uns am Waldrand zu rasten. Emma kuschelt sich ins bunte Laub der Bäume. Sie ist von den Herbstfarben des Laubes kaum zu unterscheiden. Wenn die Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke fallen, leuchtet der Herbstwald in allen traumhaften Farben, von Goldgelb bis Dunkelbraun.

193. Etappe / Vogtsburg-Bickensohl – Sasbach am Rhein / 03.11.2010Über eine Kastanienallee erreichen wir auf schmalem Pfad den Ortrand von Endingen. Dort stoßen wir auf die Beschilderung des Kirschbaumpfades, der von Riegel über Endingen nach Sasbach führt. Noch führen uns 13 beeindruckende Wanderkilometer durch den Naturgarten Kaiserstuhl. An einer Baumreihe hängen kleine, runde, lilafarbene Früchte. Der Besitzer klärt uns auf. Es handelt sich um Wildpflaumen, besser bekannt in dieser Gegend als "Ziebärtle". Der Schnaps aus den Früchten soll sehr gut schmecken. Heute Abend wollen wir ihn probieren.

Nach fast neun Stunden erreichen wir Sasbach. Die Sonne steht bereits tief im Westen hinter den Bergen. Leider bekommen wir in unserer Herberge keinen Wildpflaumenschnaps. Dafür ein Bett und einen guten Wein. Morgen wird Rüdiger noch einen Tag mitwandern. Dann muss er zurück "an seinen Herd". Für Emma und mich beginnen die letzten 14 Tage unserer gemeinsamen langen Wanderung rund um Deutschland.

 

194. Etappe / Sasbach – Rheinhausen / 04.11.2010

Die heutige Wanderung ist das totale Kontrastprogramm zu den beiden letzten Wandertagen. Von Sasbach wandern wir Richtung Westen durch den Auenwald und sind nach kurzer Zeit am Rhein. Nun geht es auf dem Rheindamm Richtung Norden, fast immer am Wasser entlang über endlos scheinende lange Wege. Am Hochrhein, zwischen Schaffhausen und Basel, ist der Rhein nicht schiffbar. Ab Basel wird der Fluss bis zum Meer Großschifffahrtsstraße. Lastkähne kommen uns entgegen oder überholen uns auf ihrer Fahrt von Süden nach Norden.

194. Etappe / Sasbach – Rheinhausen / 04.11.2010Einige Kilometer hinter Sasbach dringen Flötentöne an unser Ohr. Auf der anderen Rheinseite im Elsass stehen einige Häuser. Irgendwo dort spielt jemand Flöte. Je näher wir kommen umso deutlicher ist die Musik zuhören. Der Rhein bildet die Grenze wischen Deutschland und Frankreich. Die Musik kennt keine Grenzen. Ich applaudiere übers Wasser hinweg. Und dann erklingt scheinbar nur für uns "El Condor pasa". Wir bleiben stehen und hören fasziniert zu.

Unsere wärmenden Jacken sind im Rucksack verstaut. Im Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln wandern wir Anfang November durch strahlenden Sonnenschein. Warmer Fönwind erreicht uns von Süden. Ein Sommertag im November. Der Schiffsverkehr nimmt zu. Die Schiffe werden größer. Irgendwann passiert uns ein Schubschiff Richtung Süden. Es trägt den Namen Dillingen, einer Stadt an der Saar im Saarland. Heimatgedanken überkommen mich. In weniger als 14 Tagen werde ich zu Hause sein.

Kurz vor dem Leopolds-Kanal müssen wir den Rhein verlassen. Der Damm und die Wasserregulierungsanlagen werden beidseitig instand gesetzt. Großbaustelle am Wasser. In Rheinhausen entscheiden wir die Wanderung nach 17 Kilometern zu beenden.

194. Etappe / Sasbach – Rheinhausen / 04.11.2010Auf dem Weg zum Dorf begegnet uns ein junges Mädchen mit einer vier Monate alten Deutschen Dogge. Sofort ist Emma hellwach, der langweilige Trott am Rhein sofort vergessen. Emma animiert die Dogge zum spielen. Fast eine halbe Stunde toben beide durch die Wiesen und Felder. Sie kann überhaupt nicht genug davon bekommen und dies nach dem langen Fußmarsch des Tages.

Die blaue Stunde des Wandertages endet am Gasthaus zum Schiff in Rheinhausen bei einem kühlen Bier. Anne, Rüdigers Frau, ist bereits unterwegs um ihn abzuholen. Morgen werde ich mit Emma an den Rhein zurückkehren und weiter Richtung Norden wandern.

 

195. Etappe / Rheinhausen – Meißenheim / 05.11.2010

Emma blickt sich suchend um, so als wolle sie fragen: wo ist Rüdiger? Emma wandert gerne mit mehreren Wanderern. Zum einen ist sie beschäftigt das Rudel zusammen zu halten, zum anderen fällt bei den Pausen immer noch ein extra Happen für sie ab.

Rüdiger ist zurück in den Hunsrück gefahren. Mit Emma muss ich zunächst zurück zum Luitpold-Kanal und von dort einige Kilometer zum Rheinufer wandern. Von dort aus geht es fast nur noch geradeaus. Auf dem Weg bis nach Rhinau auf französischer Seite müssen wir zwei Kurven laufen. Dazwischen verläuft der Rhein auf über fünf Kilometern kerzengerade. Soweit kann ich nicht einmal sehen, der Weg scheint sich im Horizont aufzulösen.

195. Etappe / Rheinhausen – Meißenheim / 05.11.2010Bis Rhinau begegnet mir niemand. Ich versuche mich abzulenken. Denke an schöne Tage und Stunden während meiner nun bereits siebeneinhalb Monate dauernden Deutschlandumrundung. Am Rheindamm wächst links und rechts in den Wiesen Thymian. Ich pflücke mir einige Blüten und inhaliere den Duft.

Emma trottet gelangweilt hinter mir her. Nicht einmal ein Stöckchen hat sich hierher verirrt. Ab und zu horcht sie auf, wenn Wildschwäne mit kräftigem Flügelschlag übers Wasser ziehen oder wenn wir kleine Entenfamilien am Rheinufer aufschrecken und sie mit lautem Geschnatter auf Wasser ziehen.

An der Fähre in Rhinau herrscht Hochbetrieb. Mit Futtermittel beladene Fahrzeuge wollen von Deutschland auf die französische Seite. Auf der Straße, die von Kappel am Rhein zur Fähre führt, ist ein regelrechter Stau entstanden.

Eigentlich wollte ich vor in Rhinau die Rheinseite zu wechseln, aber auf der anderen Seite ist der Weg genau so gestaltet wie in Deutschland. Eine lang gezogene Kurve folgt Rhinau und dann wieder eine endlose lange Gerade bis zum Horizont. Ich zähle die Schiffe die von Süden nach Norden fahren und die, die von Norden nach Süden unterwegs sind. Die meisten fahren von Norden nach Süden.

Ein Jogger überholt mich und grüßt, eine Familie mit drei Kindern kommt mir entgegen. Die Kinder ziehen ziemlich lange Gesichter. Wenn nach mehreren Kilometern eine Bank weit vor uns erscheint versuche ich abzuschätzen mit wie viel Schritten wir sie erreichen. Meine Schätzungen liegen immer falsch. Aber ich kann mich somit der Monotonie der Weggestaltung entziehen. Einige Male klingelt an diesem Tag das Handy – eine willkommene Abwechslung des Wanderalltags am Rhein.

195. Etappe / Rheinhausen – Meißenheim / 05.11.2010Kurz vor Meißenheim verlasse ich das Rheinufer und wandere durch den Rheinauenwald nach Meißenheim. Die Temperatur steigt auch an diesem Nachmittag auf über zwanzig Grad. Wandern im November mit sommerlichen Temperaturen. Hoffentlich hält die angenehme Temperatur noch einige Tage an. Etwas mehr als zweihundert Kilometer muss ich mit Emma noch zurücklegen. Dann schließt sich der Kreis am Weltkulturerbe Völklinger Hütte. Ich glaube zur Eröffnung der Keltenausstellung am 20. November bin ich zurück.

HEIMAT:

Unterwegs sein – von einem Ort zum anderen
laufen – sehen was auf der anderen Seite des Berges – der Grenze ist.
Und dann wieder heim kommen an einen Ort
an dem man sein kann und willkommen und geliebt ist,
das ist Heimat "dahoam sii".

Leis

 

196. Etappe / Meißenheim – Honau / 06.11.2010

Beim Start am Morgen befindet sich Meißenheim unter einer grauen Wolkendecke. Allerdings liegt die Temperatur immer noch im zweistelligen Bereich. Bis Kehl folgen wir der Beschilderung des Rheinaueweges, eine weiße Raute mit drei blauen Wellenlinien. Die Hafenanlagen auf der gegenüber liegenden Seite im Süden von Straßburg sind von Weitem zu erkennen. Mit Wind im Rücken haben wir nach etwa 20 Kilometern die Europa Stadt Kehl erreicht. 2004 feierten die Städte Kehl und Straßburg die erste grenzüberschreitende Gartenschau am Rheinufer. Entlang beider Rheinufer erstrecken sich mehr als 50 Hektar Parkfläche, die durch eine außergewöhnliche Brücke verbunden sind: die Passerelle des deux Rives. Die Brücke ist nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu überqueren und wurde von dem Pariser Architekten Marc Mimram so gestaltet, dass sich die beiden Stege der Brücke in der Mitte über dem Rhein treffen. Dort hat er eine 100 Quadratmeter große Plattform geschaffen als Treffpunkt auf der Grenze. Die beiden Brückenköpfe, auf denen die geschwungene Brücke steht, haben die Form von Schiffskörpern.

196. Etappe / Meißenheim – Honau / 06.11.2010

Vor wenigen Wochen war die Brücke beim Nato-Gipfel Treffpunkt der wichtigsten Politiker der westlichen Welt zu. Dort wo Barak Obama die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich überschritt, stehe ich jetzt mit Emma auf der Plattform mitten über dem Rhein – halb in Frankreich halb in Deutschland.

Wir spazieren Richtung Innenstadt, um uns ein Plätzchen für die Mittagsrast zu suchen. Auf dem Marktplatz ist neben einem Flohmarkt auch ein Bauernmarkt aufgebaut. An einen Verkaufstand für Liköre und Schnäpse entdecke ich eine Flasche mit der Aufschrift "Ziebärtle". Ich denke an die vergangenen Tage und die Früchte der Wildpflaume am Kaiserstuhl. Abends wollte ich mit Rüdiger einen Schnaps aus diesen Früchten verkosten. Unser Gasthaus hatte leider keinen im Angebot. Obwohl die Last des Rucksacks drückt, kaufe ich eine kleine Flasche. Zu Hause werde ich mit Rüdiger auf unsere gemeinsamen Tage anstoßen.

196. Etappe / Meißenheim – Honau / 06.11.2010Über die Parkanlage der Gartenschau verlasse ich Kehl. Am Rheinufer entdecke ich einen Sandsteinquader mit der Zahl 123, ein Relikt der alten badischen Rheinkilometrierung, die ihren Nullpunkt an der schweizerisch-badischen Grenze – heute Kilometer 170 – hatte. Unterhalb schlossen sich die bayrische, hessische und preußische Kilometrierung an. Heute hat der Rhein eine durchgehende Kilometrierung, die bei Rheinkilometer 0,000 in der Achse der Straßenbrücke Konstanz beim Ausfluss des Rheins aus dem Bodensee beginnt und mit Rheinkilometer 1034,5 bei der Mündung in die Nordsee endet.

Auf der alten Straßenbrücke über den Rhein stauen sich die PKW bis weit nach Kehl. Wir unterqueren die Brücke und lassen Straßen- und Baulärm hinter uns. Bis Honau haben wir noch zweieinhalb Stunden zu wandern. Auf der Höhe von Auenheim mündet die Kinzig in den Rhein. Am Honauer-Weiher beenden wir unsere Tour. Für morgen ist schlechtes Wetter angekündigt.

Den Abend verbringe ich bei Freunden. Rita und Engelbert Koch wohnen in Diersburg, einen Katzensprung von Meissenheim entfernt. Engelbert ist Grenzgänger unter Wasser. Er ist begeisterter Fotograph und findet die phantastischsten Motive in der Unterwasserwelt. Auch im Badesee bei Honau ist er schon oft getaucht, ebenso wie in vielen Rheinarmen und Seen, die ich bei meiner Wanderung noch von der Oberfläche sehe. Er zeigt mir unglaubliche Bilder von der Flora und Fauna seiner Heimatgewässer. Rita verwöhnt uns mit eine thailändische Currygericht, auch für Emma wird gekocht. In der Gemütlichkeit des Abends vergesse ich tatsächlich die beiden zu fotografieren! Nicht zu glauben.

 

197. Etappe / Honau – Greffern / 07.11.2010

197. Etappe / Honau – Greffern / 07.11.2010Trübe Aussichten für Emma und mich. Das Land am Rhein ist grenzüberschreitend mit Einheitsgrau überzogen. Leichter Nieselregen fällt von oben. Es ist windstill. Jedesmal wenn ich nun einen Weiher, Teich oder Altarm passiere achte ich darauf, ob große Luftblasen an der Oberfläche zu erkennen sind. Vielleicht ist Engelbert auf Fotomotivsuche und unter Wasser gerade am fotografieren.

Der gestrige Abend hat mich begeistert und fasziniert. Als Wanderer entlang des Wassers hatte ich bislang keine Vorstellung wie sich das Leben unter Wasser abspielt. Engelbert hat mir nur einen kleinen Einblick in seine Unterwasserwelt gewährt. Die Zeit war zur kurz, um das gesamte Spektrum seiner exzellenten Aufnahmen zu bewundern. Unterwasseraufnahmen kannte ich bislang nur von Bildern von leuchtend bunten Korallenriffen und vielen durchs Meerwasser wuselnden exotischen Fischen. Wie schön die Unterwasserlandschaft in dieser Ecke Deutschlands sein kann, habe ich erst gestern gesehen. Ich hoffe ich werde bald wieder Gelegenheit haben mit Engelbert per Diashow in die Unterwasserwelt einzutauchen.

Bis Freistett wandere ich mit Emma am Rheindamm. Nur vereinzelt begegnen mir Spaziergänger, meistens mit Hund. Mit Regenschirm oder tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen bleibt nur Zeit für einen kurzen Gruß und das gegenseitige Bedauern bei diesem Wetter vor die Tür zu müssen.

197. Etappe / Honau – Greffern / 07.11.2010Hinter Freistett nehme ich den Weg durch den Auenwald und entlang einiger Streuobstwiesen. In vielen Pappeln und Obstbäumen hängen Misteln in Hülle und Fülle. Bald ist Adventszeit. Auf den Weihnachtsmärkten werden dann die Mistelzweige angeboten. In drei Wochen ist bereits der erste Adventssonntag und ich bin mit Emma schon vor Ostern aufgebrochen. Wenn meine Gesundheit mitspielt und das Wetter keine Kapriolen anstellt werde ich in zehn Tagen in Völklingen ankommen. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Aber bis dahin werde ich noch 180 Kilometer zu Fuß unterwegs sein.

Am Mündungsarm der Rench gelangen wir wieder unmittelbar an den Rheindamm. Die Fähre zwischen Frankreich und Deutschland oberhalb von Grauelsbaum hat an diesem Sonntag wenig zu transportieren. Nach einer weiteren Rheinschleife endet die Wanderung am Yachthafen von Greffern. Emma schüttelt sich. Bei diesem Wetter würde sie sich lieber auf der Couch das Fell krauen zu lassen. Ich eigentlich auch.

Heute wäre es unter Wasser sicher schöner gewesen und viel nasser auch nicht. Ich bitte Engelbert mir per mail ein paar Fotos zu schicken, damit ich meine Begeisterung mit meinen Tagebuchlesern teilen kann. Vielen Dank dafür.

 

198. Etappe / Greffern – Mothern / 08.11.2010

198. Etappe / Greffern – Mothern / 08.11.2010Nach seinem zweitätigen Ausflug zur Hotelküche kehrt Rüdiger nochmals zwei Tage zurück zum Rhein, um mich auf meiner Wanderung zu begleiten. Die Regenwolken haben sich verzogen, die Temperatur liegt am Morgen im untersten einstelligen Bereich. Als sich auch die Nebelfelder über den Schwarzwaldhöhen verziehen, erkennen wir die leicht gepuderten Berge. In der Nacht ist Schnee gefallen.

Die Wasservögel scheinen die Sonnenstrahlen sichtlich zu genießen. Schwäne laufen lautstark übers Wasser, die vielen Entenfamilien am Ufer und in den Altarmen im Auenwald machen mächtig Lärm, als wir uns ihnen nähern. Kleine Graugansformationen fliegen über uns hinweg Richtung Süden. An der Staustufe in Iffezheim die erste Rast. Im gegenüberliegen Bois de Beinheim kreisen hunderte von Graugänsen. Immer wieder steigen hunderte Gänse auf. Vielleicht wollen sie den anderen deutlich machen, dass ihr Flug nach Süden weitergeht.

Unser Weg geht weiter nach Norden. Hinter der Staustufe verlassen wir das Rheinufer, um über verschiedene Wegtrassen durch den Auenwald zu wandern, der uns stark an einen Urwald erinnert.

Ein alter Kahn weckt unsere Aufmerksamkeit. Im Altrheinarm "Schmidtseppengrund" liegt der Aalschokker "Heini", mit dem 1989 die Familie Hauns aus Wintersdorf die Aalfischerei betrieb. Der Beruf des Aalschokkerfischers war mit einem hohen Arbeitsaufwand verbunden und hauptsächlich Nachtarbeit, da der Aal das Tageslicht scheut. Nur bei Nacht oder in sehr trüben Gewässern sucht der Aal seine Nahrung. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren noch zweiundzwanzig Aalschokkfischer zwischen Mannheim und Kehl im Einsatz.

198. Etappe / Greffern – Mothern / 08.11.2010Irgendwann überquere ich während des Tages die 5000 Kilometer-Marke. Wie viele Schritte es wohl sein mögen? Wie viele Schritte ein Mal rund um Deutschland? Vielleicht werde ich es zu Hause einmal überprüfen. Mitten auf dem Weg finde ich ein wunderschönes Steinherz. Als hätte es jemand für mich – wie zur Belohnung – auf den Weg gelegt.

In Plittersdorf wandern wir über die Altarmbrücke Richtung Rhein. Am Brückenkopf eine Überraschung. Aus einem Nest 15 Meter über uns beobachtet uns ein Schwarzstorch. beobachtet. Nur wenige Meter weiter die zweite, allerdings unangenehme Überraschung. Die Fähre, die uns von Deutschland nach Frankreich bringen soll, ist außer Betrieb.

Rüdigers Frau Anne, die im gegenüberliegenden Frankreich auf Quartiersuche ist, bringt uns mit ihrem Auto ans gegenüberliegende Ufer. Entlang des Rheins wandern wir noch einige Kilometer bis Mothern. Morgen endet in Lauterbourg die Rheinpassage und damit auch mein Weg nach Norden. Ab Lauterbourg geht's Richtung Westen.

 

199. Etappe / Mothern – Wissembourg / 09.11.2010

199. Etappe / Mothern – Wissembourg / 09.11.2010In der Nacht hat es geregnet. Unaufhörlich fielen die Regentropfen auf das Fenstersims meines Hotelzimmers. Als ich jedoch mit Rüdiger und Emma zur Wanderung nach Wissembourg starte, ist der Regen vorbei. Nach vier Kilometern endet unsere Wanderung entlang des Rheins. Seit Konstanz war ich nun ununterbrochen am Rhein unterwegs, zunächst Richtung Westen und ab Basel Richtung Norden. Kurz vor Lauterbourg höre ich zum letzten Mal das Tuckern eines Rheinschiffes, das Richtung Süden fährt. Das Schiff liegt tief im Wasser und quält sich voll beladen gegen die Strömung. Wir könnten neben ihm her wandern, so langsam erscheint uns die Geschwindigkeit. Der Weg Richtung Norden endet hier für uns. Wir wollen Richtung Westen und orientieren uns am Wanderweg GR53, der am Rheinufer angezeigt wird. Das Wegzeichen, ein rotes Rechteck auf weißem Untergrund, soll uns von Lauterbourg nach Wissembourg führen.

Entlang einiger Straßen wandern wir durch Lauterbourg und anschließend nach Scheibenhardt. Eine Brücke über die Lauter verbindet das deutsche Scheibenhardt mit dem französischen Scheibenhardt. Die beiden Grenzschlagbäume auf deutscher Seite sind auf "Dauergeöffnet" gestellt. In der französischen Boulangerie werden Croissants, Baguettes sowie Eclairs angeboten, in der deutschen Konditorei, wenige Meter hinter der Brücke, finden wir Apfelkuchen, verschiedene Sorten Brot und viele kleine, süße Teilchen. Wir widerstehen und machen uns auf den Weg.

199. Etappe / Mothern – Wissembourg / 09.11.2010Hinter Scheibenhardt beginnt ein wunderbarer Weg entlang der Lauter, die sich hier als Grenzfluss zwischen Frankreich und Deutschland hin und her schlängelt: der Sentier des Lignes de la Lauter. Auf einem Erdwall wandern wir auf kleinem Pfad. Der Wall gehörte zu einer Befestigungsanlage der Lauter, die bereits 1706 entlang der Lauter gebaut wurde. Die "Lanzensee-Schanze" bestand aus einer durchgehenden Brüstung und aus annähernd 50 Schanzen und 28 Schleusen, mit denen man das Lautertal unter Wasser setzten konnte. Die Befestigungsanlage erstreckte sich zwischen dem Rhein und den Vogesen. Heute ist der Brüstungswall an vielen Stellen unterbrochen. Hinter dem Wall ist der Grenzgraben, der die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich markiert gut erkennbar. Immer wieder entdecken wir am Graben alte Grenzsteine.

Die dicken Wolken verziehen sich während der Wanderung. Vereinzelt stehende hohe Kiefern und Buchen recken ihre Kronen in den blauen Herbsthimmel. Nach 6 Stunden kommen wir in Wissembourg an und finden im "Schneckehiesel", einem typischen elsässischen Hotel, eine Unterkunft. Morgen müssen Rüdiger und Anne wieder zurück. Mein Weg endet in einer Woche in Völklingen.

 

200. Etappe / Wissembourg – Fischbach/Pfalz / 10.11.2010

Rüdiger und Anne müssen zurück. Wir sitzen gemeinsam beim Frühstück im "Schneckehiesel" in Wissembourg als die Tür aufgeht. Horst Heck, mein Wanderfreund aus Völklingen, steht in der Tür. Er hatte mich vom Start meiner Wanderung am 20. März von Völklingen bis Trier begleitet. Einmal pro Woche hat er sich während meiner gesamten Deutschlandumrundung telefonisch gemeldet. Neben meiner Frau Bernadette war Horst mein Verbindungssprachrohr ins Saarland. Jetzt wird er mich auf den letzten Tagen meiner Mammutwanderung in meine Heimat zurück begleiten. Danke Horst.

200. Etappe / Wissembourg – Fischbach/Pfalz / 10.11.2010Endlich kann ich die Wanderkarte zur Seite legen. Mit Horst an meiner Seite ist verlaufen fast nicht möglich. Er ist ein ausgezeichneter Kartenleser, immer mit dem Daumen dort auf der Karte, wo wir uns gerade befinden. An den kniffligen Kreuzungspassagen überprüft er lieber einmal mehr alle Wegpassagen und Markierungen. Das schützt vorm verlaufen. Oft habe ich mich zu früh entschieden in eine bestimmte Richtung zu laufen, war oft zu faul in die Karte zu schauen, dafür habe ich während meiner Tour immer wieder Lehrgeld bezahlt, das heißt es gab hin und wieder Zusatzkilometer zu absolvieren. Mit Horst komme ich sicherlich auf kürzestem Weg nach Hause.

Nach den vielen Flachetappen entlang des Rheins heißt es heute wieder bergauf und bergab. Hinter Weiler der Aufstieg zum Refuge du Pigeonnier Club Vosgien (432 m), das leider an diesem Wochentag geschlossen hat. Anschließend der Abstieg nach Climbach und weiter Richtung Petit Wingen ou Neudoerfel. Kurz danach der Aufstieg zum Col du Litschhof (337 m) und weiter nach oben über den Krappenfels, dem Col Hohenbourg (475 m) und der Soucre Maidenbrunnen (501 m) zum Kaiser Wilhelm Stein (501 m).

200. Etappe / Wissembourg – Fischbach/Pfalz / 10.11.2010Hier wechseln wir von Frankreich nach Deutschland vom Elsass in die Pfalz. Wir befinden uns im Forst von Annweiler, wandern begab bis Schönau. Immer wieder überraschen uns kleine Regenschauer. Über uns blaue Flecken, die durch die Wolken zu erkennen sind und trotzdem Regentropfen von oben. Emma macht es heute besonders viel Spaß durch Laub zu rasen. Im Pfälzer Wald ist fast das gesamte Laub von den Bäumen gefallen und liegt wie ein dicker, brauner Blätterteppich auf den Wegen.

Durchs Naturschutzgebiet Königsbruch erreichen wir die Ortsrandlage von Fischbach und das Biosphärenhaus im Biosphärenreservat Naturparks Pfälzerwald. Biosphärenreservat ist die Bezeichnung für ein von der UNESCO im Rahmen des Programms "Der Mensch und die Biosphäre" anerkanntes und unter nationalem Schutz stehendes Gebiet. Die Reservate sind großflächige, repräsentative Ausschnitte von Natur- und Kulturlandschaften, die sich durch landschaftliche Eigenart und beispielhafte Konzepte zu Schutz, Pflege und Entwicklung auszeichnen. Der Naturpark Pfälzerwald in Deutschland und der daran angrenzende Naturpark Nordvogesen in Frankreich wurden 1998 von der UNESCO zum grenzüberschreitenden Biosphärenreservat Pfälzerwald/Nordvogesen erklärt.

Das Naturerlebniszentrum am Rande von Fischbach hat einiges zu bieten: zum Beispiel auf Deutschlands erstem Baumwipfelpfad geht es hoch hinaus. In Höhen zwischen 15 und 35 Meter lädt er zum Spaziergang in den Baumkronen ein. Kernstück des futuristischen Gebäudes des Biosphärenhauses ist die interaktive Multimediaausstellung, die spielerisch über die Besonderheiten des grenzüberschreitenden Biosphärenreservats informiert.

In Fischbach verbringen wir die Nacht und gönnen uns pfälzische Spezialitäten zum Abendessen. Morgen ziehen wir weiter Richtung Westen, immer der Heimat entgegen. In sieben Tagen schließt sich der Kreis. Dann werden wir hoffentlich am Weltkulturerbe Völklinger Hütte ankommen.

 

201. Etappe / Fischbach – Kröppen / 11.11.2010

In ihrem Buch "Rendez-vous am Jakobsweg" beschreibt Brigitte Lüger-Ludewig auf vergnügliche und witzige Art ihre Wanderungen auf dem Pfälzer Jakobsweg. Wenn ich zu Hause bin werde ich mich mit ihr in Verbindung setzten. Ich möchte unbedingt von ihr wissen, wie sie auf ihren Wegen mit der kargen oder teilweise nicht vorhandenen Beschilderung der Wege zurecht gekommen ist.

In Speyer kann man sich für zwei Varianten entscheiden: die Nordroute oder die Südroute. Beide Wege enden in Hornbach. Die Nordroute bin ich vor einigen Jahren gewandert. Nun bringt mich meine Deutschlandumrundung auf die Südroute. Zwei Tage wollen wir auf dem Pfälzer Jakobsweg Richtung Westen unterwegs sein. Von Fischbach nach Kröppen und anschließend von Kröppen nach Hornbach.

Horst habe ich meine letzte verbliebene Karte in die Hand gedrückt. Sie dient zur Groborientierung. Später wird sich herausstellen, dass wir ohne diese Freizeitkarte erhebliche Probleme gehabt hätten unser Ziel ausfindig zu machen. Die Markierungen auf dem Jakobsweg scheinen willkürlich angebracht worden zu sein. An Weggabelungen oder längeren Walddurchquerungen fehlt sie fast immer. Nur dort wo der Beschilderer gut mit dem Fahrzeug hinfahren konnte finden wir regelmäßig das Symbol der Jakobsmuschel. Ansonsten Fehlanzeige. Kein beschilderter Wanderweg auf meiner Tour rund um Deutschland war so schlecht ausgeschildert wie die Wegtrasse von Fischbach nach Kröppen.

201. Etappe / Fischbach – Kröppen / 11.11.2010

Horst hat alles im Griff. Immer den Daumen auf der Karte wandert er vor mir her und bringt mich weiter auf meinem Weg. Emma muss anfangs an die Leine. In unserem Hotel waren gestern Abend Jäger aus England am Nachbartisch. In der Nähe von Eppenbrunn ist bis 12.00 Uhr Treibjagd angesagt. Wir kommen zwar erst später dort an, trotzdem lasse ich Emma nicht von der Leine. Wir wissen nicht, ob jeder Jäger eine Uhr trägt oder ob einer der Jäger doch noch auf Spurensuche ist.

Wir wandern durch stille Waldpassagen und über einsame Feldwege. Kaum ein Mensch begegnet uns. Die durchgängig graue Wolkendecke und der immer stärker aufkommende Wind lassen uns ein ordentliches Tempo anschlagen. Leider werden wir immer wieder durch die Suche nach der Beschilderung aufgehalten.

Horst bringt uns sicher zu unserem Tagesziel nach Kröppen. Morgen werden wir das Schilderungssuchspiel fortsetzen. In sechs Tagen hoffe ich mit Emma in Völklingen anzukommen.

 

202. Etappe / Kröppen – Hornbach / 12.11.2010

Blühende Christrosen sind ein eindeutiges Zeichen dass Weihnachten nicht mehr fern ist. In einem Vorgarten in Kröppen entdecke die wunderschöne Blume. Es wird Zeit nach Hause zu kommen. Am 20. März habe ich mich gemeinsam mit Emma am Weltkulturerbe Völklinger Hütte im Saarland auf den Weg gemacht. Am Sonntag in vierzehn Tagen feiern wir den 1. Advent. Ich wandere immer noch.

Der Sturm der letzten Nacht hat viel Altholz auf die Straße geweht, aber auch frisches, junges Tannengrün von den Bäumen gerissen. Im Wald duftet es nach Tannenharz. Am Ende des Stausteiner Waldes passieren wir den Stausteiner Hof. Er bietet für Pilger Zimmer an. Für uns kommt das Angebot allerdings noch zu früh. Als wir die Riedelberger Höhe erreichen bläst uns orkanartiger Wind entgegen. Wir müssen uns mächtig dagegenstemmen, um vorwärts zu kommen. Emmas Ohren stehen waagerecht in der Luft. Manche Windböen sind so stark dass es uns fast von den Beinen reist. Ich habe Angst, dass Emma davon fliegt. Vorsichtshalber wird sie angeleint.

202. Etappe / Kröppen – Hornbach / 12.11.2010Der Wanderweg führt auf diesem Teilstück bis Riedelberg auf einer schmalen Verkehrsstraße. Manche Autofahrer verwechseln allerdings die Straße mit der Autobahn. Zwischen dem Stausteiner Hof und Riedelberg kommen wir der Grenze zwischen Frankreich und Deutschland direkt an der Straße schuhbreit nah. Während ich den Grenzstein fotografiere stehe ich in Frankreich. Derweil schauen mir Horst und Emma von Deutschland aus zu.

Zur Mittagsrast bin ich mit Janis Altherr von der Rheinpfalz verabredet. Morgen wird die Rheinpfalz über den Grenzgänger berichten. Im Landgasthof Alt-Riedelberg beantworten wir alle Fragen und können uns mit einer warmen Suppe aufwärmen. Anrufe aus dem Saarland verkünden weiterhin orkanartige Winde und Regen. Die graue Wolkendecke über uns wird dichter, der Wind bläst weiterhin kräftig von Westen. Eine Wiese zwischen Riedelberg und Mauschbach ist übersäht mit blühendem Löwenzahn. Morgens Christrosen mittags Löwenzahn. War das schon immer so?

202. Etappe / Kröppen – Hornbach / 12.11.2010Hornbach erreichen wir noch ohne Regentropfen. Wir haben Zeit die ehemalige Klosteranlage anzuschauen. Der Wandermönch und Klosterbischof Pirminius hatte 742 das Kloster gegründet, das sich im frühen Mittelalter zu einem wichtigen Kultur- und Kirchenzentrum der Pfalz entwickelte. Pirminius, der lange vor den großen Glaubensspaltungen wirkte, gilt als der Glaubensbote Südwestdeutschlands und des Elsass. Auf sein missionarisches Wirken gehen auch das Kloster Mittelzell auf der Bodenseeinsel Reichenau und mehrere Klöster zwischen Schwarzwald und Vogesen zurück. Das Hornbacher Kloster leitete er bis zu seinem Tod am 3. November 753. Bereits Ende des 8. Jahrhunderts wird Pirminius in einer Handschrift aus Metz als "Sanctus", als Heiliger, bezeichnet.

Als der Regen einsetzt sitzen wir bereits in einer warmen Stube. Morgen wollen wir von der Pfalz ins Saarland wandern.

 

203. Etappe / Hornbach – Blieskastel / 13.11.2010

Die graue Wolkendecke ist geblieben. In der Nacht hat es fast unaufhörlich geregnet. Als ich mich mit Horst zum Frühstück treffe, lässt der Regen jedoch allmählich nach. Wir entschließen uns keinen Ruhetag einzulegen sondern wollen weiter. Barbara aus Ottweiler ruft an. Sie hat sich etwas Zeit freigeschaufelt und will mich ebenfalls von der Pfalz ins Saarland begleiten.

203. Etappe / Hornbach – Blieskastel / 13.11.2010Gemeinsam verlassen wir Hornbach über den Pirminius-Radweg. Die ehemalige Bahntrasse, die vor einigen Jahren zum Radweg ausgebaut wurde, wird an diesem Morgen fast ausnahmslos von Fußgängern benutzt. An der Brücke in Althornbach reibe ich mir verwundert die Augen: auf einer grünen Tafel lädt der Dorfkrug zum Mai-Tanz ein. Da bin ich doch etwas spät dran, schmunzelnd setze ich meinen Weg fort.

Die Stadt Zweibrücken tangieren wir an der Autobahnauffahrt und durchqueren anschließend den Vorort Ernstweiler. An einer Straßenüberquerung kommt mir lächelnd ein Mann entgegen. "Jetzt sinn sie jo ball dahääm", höre ich aus seinem Mund. Ich frage ihn woher wir uns kennen. "Ich hann heit morje die Rheinpalz geläs", ist die Antwort. "Wemma so was lääst, was sie do mache, geht geht emm grad ess Herz off", bückt sich und streichelt Emma mit den Worten "unn du bischad aach e gudda Mensch". Der Mann, dessen Name ich leider nicht erfahren habe, ist begeisterter Wanderer und Mitglied im Pfälzerwald Verein. Lachend verabschieden wir uns.

Die Rheinpfalz, eine Tageszeitung die in Zweibrücken und Umgebung täglich erscheint, berichtet in der Samstagausgabe über den Grenzgänger mit der Überschrift "Es geht ein Günter Schmitt herum…" Janis Altherr hat tags zuvor, als wir uns in Riedelberg getroffen haben, gut zugehört.

203. Etappe / Hornbach – Blieskastel / 13.11.2010Hinter Ernstweiler müssen wir für fast zwei Kilometer entlang der Autobahn Richtung Saarland laufen. Hat man zu meiner Begrüßung extra große Plakate an der Autobahn aufgehängt? Ich lese: " Saarland. Schön dass du da bist".

Über Einöd und Ingweiler erreichen wir die Bliesauen zwischen Homburg und Blieskastel. Weit vor uns sind die ersten Häuser von Blieskastel auszumachen. Zwar bläst starker Wind von vorn, aber die Temperatur ist am Nachmittag merklich gestiegen. Am Ende der Wanderung sitzen wir in Blieskastel in einem Straßencafe der Fußgängerzone unter freiem Himmel. Ich bin wieder im Saarland. Noch vier spannende Tage liegen vor mir, bevor ich am Mittwoch in Völklingen eintreffen werde. Die Nacht verbringen wir im Hotel zur Post und können am Abend die ausgezeichnete Küche testen. "Ich glaab, mia ware doo gudd uffgehob".

 

204. Etappe / Blieskastel – Medelsheim / 14.11.2010

Das einsame, alleinstehende Haus an der Grenze zwischen Peppenkum in Deutschland und dem französischen Guiderkirch im Tal der Bickenalb trägt die Hausnummer 9 und 9a in der Güderkircher Straße. In seiner 70jährigen Geschichte war es Zollamt, Altersheim, Kriegslazarett, Haus mit Notwohnungen, Privat-Sanatorium, saarländisches Grenzhaus, Ferienwohnheim und Mietshaus. Als junger Radsportler habe ich viele Trainingstouren im Bliesgau absolviert. Oft kam ich hier an der Zollstation vorbei. Bei schönem Wetter standen die Zollbeamten meistens vor der Tür, bei schlechtem Wetter sah man sie hinter den Scheiben sitzen. Eine kurze Handbewegung des Zöllners bedeutete, dass man weiter fahren konnte. Den Ausweis mussten wir bei solchen Ausfahrten immer in der mitführen. Allerdings sind wir nur selten kontrolliert worden. Rechts vom Zollhaus wehte die Fahne der Bundesrepublik Deutschland, links vom Zollhaus standen die Schlagbäume meist senkrecht nach oben.

204. Etappe / Blieskastel – Medelsheim / 14.11.2010Vor einigen Jahren hat Ulrike Lupa das Anwesen gekauft und bietet im Grenzgebiet Reitunterricht und Ausritte an. Im alten, ehemaligen Zollgebäude, hat sie eine Ferienwohnung eingerichtet. Im oberen Teil des Gebäudes befinden sich Wohnzimmer und Küche. Dort wo früher die Zollbeamten ihren Dienst versahen, sitzt man jetzt gemütlich auf der roten Couch und schaut durch die großen Fenster ins Grüne. Über eine Treppe gelangt man zum Schlafzimmer nach unten. Neben dem ehemaligen Waffenschrank der Zollbeamten ist das Bad eingerichtet.

Auf meiner nun fast acht Monate dauenden Deutschlandumrundung habe ich viel an der Grenze erlebt und erfahren. Nun kann ich drei Tage vor dem Ende meiner Wanderung in einem ehemaligen Zollhaus übernachten. Großartig. Ulrike Lupa händigt uns die Schlüssel aus, erklärt einige Besonderheiten der Wohnung ist auch schon wieder weg. Die Betten sind schnell verteilt, Horst schläft im unteren Teil des Hauses und ich mit Emma im oberen Teil.

204. Etappe / Blieskastel – Medelsheim / 14.11.2010Ach ja, gewandert sind wir heute auch. Von Blieskastel über die Trasse des gut ausgeschilderten Saarland-Rundwanderweges nach Medelsheim. Der Höheweg durch den Bliesgau eröffnet bei traumhaften Frühlingstemperaturen ungeahnte Fernblicke bis zu den Vogesen. In der alten Kulturlandschaft zwischen dem Saarland und Lothringen fühle ich mich zu Hause. Hier habe ich viele Radtouren unternommen, hier bin ich unzählige Male gewandert. Vertrautes, stilles Land im Grenzgebiet.

Kurz vor Medelsheim greife ich zum Handy. In der Zollstraße wohnen seit vielen Jahren Freunde von mir: Gabi und Karl-Heinz. Sie haben ein Bauernhaus liebevoll restauriert und lieben das Leben auf dem Land. Als wir ihr Haus erreichen dringen wohlvertraute Küchendüfte zur Tür. Minuten später sitzen wir am warmen Kachelofen und füllen die Teller mit Kartoffelklößen, Rotkraut und Gulasch. Dazu gibt`s Bier aus der Flasche. Danke Gabi und Karl-Heinz für den heimatlichen Empfang. Endlich wird wieder intensiv Mundart geschwätzt.

 

205. Etappe / Medelsheim – Saargemünd / 15.11.2010

Nach dem Frühstück bei Gabi und Karl-Heinz am warmen Kachelofen in Medelsheim, entschließt sich Gabi spontan den Weg ins lothringische Saargemünd mitzuwandern. Das Bauernhaus in dem die Beiden seit über zwanzig Jahren leben, wurde 1990 im Landeswettbewerb "Saarländische Bauernhäuser – Zeugnisse unserer Heimat" ausgezeichnet.

205. Etappe / Medelsheim – Saargemünd / 15.11.2010Über Niedergailbach und Rubenheim gelangen wir zur Stiftung Europäischer Kulturpark Bliesbruck-Reinheim. Seit über zwei Jahrhunderten verläuft durch das Bliestal die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen Lothringen und dem Saarland, zwischen Bliesbruck und Reinheim. Mit der Schaffung des Kulturparks wurde bereits 1987 die Grenze "aufgehoben" und überwunden. Der Europäische Kulturpark hat dem Tal seine historische Einheit wiedergegeben.

Im Februar 1954 entdeckte der Kiesgrubenbetreiber Johann Schiel im Bliestal ein kleines Bronzefigürchen, welches sich später als Griff eines Spiegels herausstellte. Die Ausgrabungen des damaligen Staatlichen Konservatoramtes führten zu einer außerordentlichen Entdeckung: das Fürstinnengrab von Reinheim. Das Fürstinnengrab von Reinheim, aus den Anfängen des 4. Jahrhunderts vor Christus, offenbart den materiellen und kulturellen Reichtum der keltischen Aristokratie. Der Schmuck und sowie die die Opfergaben sind Meisterwerke der keltischen Kunst.

Als wir in Reinheim ankommen scheint der Kulturpark im Winterschlaf zu liegen. Wir klingeln. Miriam Heinrich, zuständig für Marketing, Tourismus und PR im Kulturpark öffnet uns. Am Ende ihrer Ausführungen erlaubt sie uns das Fürstinnengrab – obwohl geschlossen – zu besichtigen. Eindruckende Bilder aus einer fernen, weit zurückliegenden Welt. Während der Keltenausstellung im Weltkulturerbe Völklinger Hütte, die am kommenden Wochenende eröffnet wird, kann man parallel dazu, das Fürstinnengrab in Reinheim besichtigen (www.europäischer-kulturpark.de).

205. Etappe / Medelsheim – Saargemünd / 15.11.2010Der Duft von Holzkohlenfeuer liegt in der Luft. Norbert Goddard hat im Holzofen Brot für eine Busgruppe gebacken. Alles abgezählt, sagt er uns. Wir dürfen nur den Duft des Brotes genießen.

Wir wandern weiter durch Bliesbruck und Richtung Habkirchen im Saarland ein. In Habkirchen befindet sich in einer ehemaligen Grenzstation ein Zoll-Museum. Manfred Nagel, der Museumsleiter, hatte dort über 35 Jahre seinen Dienst verrichtet. Als er absehen konnte, dass durch die Unterzeichnung des Schengener Abkommens die Zollgrenzen fallen würden, begann er Utensilien seines Arbeitsalltags zusammenzutragen. Heute kann er dem Besucher über 300 Jahre Grenzgeschichte präsentieren. Besonders stolz ist Manfred Nagel auf eine Kopie des Passes von Karl Marx. Das Dokument trägt den Einreisestempel des "Königlich bayrischen Nebenzollamts 1. Klasse Habkirchen" vom 7. April 1848. Zur damaligen Zeit war Habkirchen bayrisches Gebiet.

Das Zollmuseum ist jeden dritten Sonntag im Monat von 14.00 bis 17.00 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet (www.mandelbachtal.de). Das Museum ist noch für drei Wochen geschlossen. Dann ist der Erweiterungsbau fertig gestellt und Manfred Nagel kann den Besuchern des Museums mehr Platz bieten.

Über die Freundschaftsbrücke erreichen wir die andere Seite der Blies. Wir sind in Frauenberg und damit wieder in Frankreich. Alle zwei Jahre findet hier das deutsch-französische Brückenfest statt. Das grenzüberschreitende Fest zieht sich über die Brücke in beide Länder.

Um 16.45 Uhr wandern wir über die Saarbrücke in Saargemünd. Geschafft! die Regenwanderung ist zu Ende. Nicht weit von hier mündet die Blies in die Saar. Morgen werden wir entlang der Saar Richtung Saarbrücken wandern und hoffen dafür auf besseres Wetter.

 

206. Etappe / Saargemünd – Saarbrücken / 16.11.2010

Entlang der Ufer von Blies und Saar führt der "Circuit de la Faience" zu fünf Zeugnissen der industriellen Steingutfertigung. 1790 entstand im östlichen Frankreich eine Produktionsstätte, die eine kleine Stadt weltberühmt machte: die Steingut Manufaktur, welche die Brüder Nicolas-Heinz und Paul-Augustin Jacobi zusammen mit Joseph Fabry in Saargemünd gegründet haben. Heute, zwei Jahrhunderte später können Kunst- und Geschichtsinteressierte Erfindergeist, Talent, Know-how und Tradition wieder entdecken.

206. Etappe / Saargemünd – Saarbrücken / 16.11.2010Am Ufer der Saar wandern wir aus Saargemünd Richtung Saarbrücken. Rechter Hand mündet die Blies in die Saar. Alte, ausrangierte Flusskähne liegen am rechten Saarufer und warten auf ihre Verschrottung. Meine Gedanken wandern zurück zu meinem Großvater, der für viele Jahre Schiffsbauer an der Saar war. Zwischen Saarbrücken und Völklingen wurden vor dem Zweiten Weltkrieg auf den Werften der Familie Saar und der Gebrüder Schäfer Saarkähne gebaut, so genannte Penichen. Einer der Schäferbrüder hatte die Schwester meines Großvaters geheiratet. Einige Bilder zu Hause erinnern an die Zeit, von der mein Großvater viele Jahre später seinem Enkel erzählen sollte.

Von Hanweiler bis Güdingen bildet die Saar auf einer Strecke von fast neun Kilometern die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich. Vor wenigen Tagen noch bin ich entlang des Oberrheins gewandert, mit Blick auf die Vogesen. In den Nordvogesen entspringen die Rote und Weiße Saar am 1008 m hohen Donon. Kurze Zeit später vereinigen sich die beiden Bäche zur Saar und fließen 250 Kilometer von Süden nach Norden. Bis Saargemünd fließt die Saar ausschließlich durch Frankreich. Dann wir sie bis kurz vor Saarbrücken zum Grenzfluss, bis sie hinter Saarhölzbach das Saarland verlässt und einige Kilometer später bei Konz, kurz vor Trier, in die Mosel mündet. Auch den gesamten Verlauf der Saar von der Quelle bis zur Mündung habe ich vor Jahren erwandert und in meinem Buch "Die Saar" beschrieben. Damals schien mir das eine lange Wanderung zu sein. Im Vergleich zu meiner Deutschlandtour war es eher ein Sonntagsspaziergang.

206. Etappe / Saargemünd – Saarbrücken / 16.11.2010Zwischen dem lothringischen Großbliederstroff und dem saarländischen Kleinblittersdorf hat man vor vielen Jahren eine Fußgänger-Freundschaftsbrücke gebaut. Zwischen den lothringischen und saarländischen Grenzbewohnern herrscht ein freundschaftliches Verhältnis. Viele sind miteinander verwandt oder verschwägert, es geht hinüber und herüber, "driwwer un eniwwer". Der Mundart Entertainer Schorsch Seitz hat es in seinem Lied von der "Blittersdorfer Brick" formuliert:

"Is das e Lääwe uff de Brick,
in aller Hergottsfrüh
Ma trifft so die Bekannte hier,
Hallo, Bonjour, Salu!
E Schwätzje hier, e Küßje dort,
em Schang e scheener Gruß
Ma hats aach gar net eilisch
Ma is jo eh zu Fuß…

Es Zollheisje is abgeriß
Europa kommt sich näher
Mir senn mit ganzem Herz debei
Das fallt uns gar net schwer
De Michel un es Marianne:
L'Allemagne et La France
Die Deutsch-Französisch
Freundschaftsbrick
Das es e große Chance".

Mit Horst und Emma wandere ich über die "grüne Grenze" am Saarufer ins Saarland. Über Güdingen und dem Stadtteil St. Arnual kommen wir in die Landeshauptstadt Saarbrücken. Die vorletzte Etappe meiner Wanderung endet dort. Morgen ziehe ich zum letzten Mal meine Wanderschuhe an, die mich nun seit 5180 Kilometern rund um Deutschland gebracht haben. Morgen endet meine Wanderung am Weltkulturerbe Völklinger Hütte.

 

207. Schlussetappe / Saarbrücken – Völklingen / 17.11.2010

Zum letzten Mal heißt es heute Morgen Rucksack packen und mit Emma loslaufen. Horst und seine Frau Rosemarie erwarten mich. Außerdem Katrin Eichenlaub und Jennifer Brandel von Bild Saarland. Sie wollen über den Grenzgänger in der morgigen Bild Ausgabe berichten.

Über die Westspange gelangen wir ans linke Saarufer und wandern zwischen Saar und Autobahn stadtauswärts bis auf die Höhe des Schanzenberges zwischen Saarbrücken und Gersweiler. Dort unterqueren wir die Autobahn. Es beginnt ein längerer Anstieg durch den Stadtwald Saarbrückens. Oben angekommen befinden wir uns an der lothringisch-saarländischen Grenze. Im Grenzort Schoeneck in Frankreich verläuft die Grenzlinie unmittelbar auf der Bordsteinkante der Rue Pasteur. Dort treffen wir Jean Kaas an seinem Holzstapel. Er wohnt in der Rue Pasteur, sein gespaltenes Holz am Waldrand direkt an der Straße liegt in Deutschland. Während ein gemeinsames Foto entsteht, befindet sich Jean in Deutschland und ich stehe in Frankreich. Zu einer Umarmung reicht es in jedem Fall. Am Ende eines herzlichen Gesprächs verabschieden wir uns freundschaftlich. Die letzte Begegnung direkt an der Grenze und mit der Grenze.

207. Schlussetappe / Saarbrücken – Völklingen / 17.11.2010

Nachdem wir die Straße zwischen Krughütte und Gersweiler überquert haben finden wir am Waldrand die Überbleibsel des ehemaligen Pestlazaretts. Im 12. Jahrhunderts als Kirche für die Orte Aschbach, Gersweiler und Ottenhausen gebaut, diente es der Stadt Saarbrücken im 17. Jahrhundert als Pestlazarett weit draußen vor der Stadt. Später wurde das Gebäude zu einem Bauernhaus umgebaut. Im Volksmund wird die Ruine auch als "Eulebursch" bezeichnet.

Kurz vor der Ruine treffen wir Karl Ernst Forster aus Berlib. Er hatte mich schon in Zittau ? Görlitz ? besucht und ein Stück meines Weges begleitet. Karl Ernst verbrachte seine Kindheit in Gersweiler bevor es ihn nach Berlin zog. Zur letzten Etappe flog er von Berlin nach Saarbrücken, um mich nach Völklingen zu begleiten. Standesgemäß begrüßt er uns mit Bier, Lyoner und Baguette. Obwohl ich zu Hause sehr selten Wurst esse, muss ich zugeben, dass ich "de Lyoner" auf meiner Reise ab und zu vermisst habe. Die "gemeine Fleischwurst" ist damit einfach nicht vergleichbar.

207. Schlussetappe / Saarbrücken – Völklingen / 17.11.2010

Kurz vor Klarenthal erwartet uns eine Gruppe Wandererinnen und Wanderer meines Stammvereins, des Saarwald-Vereins Völklingen. Sie begleiten uns ebenfalls begleiten bis Völklingen. Gemeinsam durchwandern wir das Waldgebiet nach Völklingen. Am Marienkapellchen oberhalb von Fürstenhausen eine weitere Überraschung. Der 90jährige Vater von Karl-Ernst ist von Gersweiler vorausgeeilt und wartet auf uns um die letzten zwei Kilometer mitzuwandern. Über die Saarbrücke bei Völklingen-Wehrden erreichen wir das Weltkulturerbe Völklinger Hütte wo ich am 20. März 2010 zu meiner Nonstop-zu Fuß-Deutschlandumrundung gestartet bin. Heute, am 17. November 2010 schließt sich nach fast 250 Tagen und 5200 Kilometern der Kreis. Ich bin am Ziel und überglücklich. Meine Frau und meiner Schwiegermutter sowie ein paar Freunde erwarten mich zu einem kleinen Sektempfang. Emma wird mit Biowürstchen begrüßt. Meine Wanderfreunde aus Völklingen singen mir zum Abschluss ein Ständchen. Danke für die liebevolle Begrüßung in der Heimat. Morgen werde ich zum letzten Mal einige Tagebuchnotizen schreiben.

207. Schlussetappe / Saarbrücken – Völklingen / 17.11.2010

 

Der Tag danach / 18.11.2010

Am 20. März, Frühlingsanfang, bin ich zu meiner bislang ungewöhnlichsten Reise meines Lebens gestartet. Drei wichtige Details standen von Anfang an fest.

1. 1. Mein Weg war vorgegeben: die Grenze.
2. 2. Ich wollte unbedingt zu Fuß und nonstop diese Reise unternehmen.
3. 3. Meine Beagle Hündin Emma sollte mich begleiten.

Der Tag danach / 18.11.2010

25 Jahre nach der Unterzeichnung des Schengener Abkommens wollte ich wissen, wie es in den Köpfen und den Herzen der Menschen aussieht, die an der Grenze leben und arbeiten. Mein Weg führte mich vom Saarland entlang der französischen, luxemburgischen, belgischen, holländischen und dänischen Grenze bis in den hohen Norden der Bundesrepublik Deutschland. Entlang der Oder-Neisse-Linie wanderte ich entlang der polnischen und tschechischen Grenze, ehe im Süden Österreich und die Schweiz folgten. Mein Rückweg brachte mich entlang der deutsch-französischen Grenze wieder ins Saarland.

Fast 250 Tage war ich unterwegs und habe in dieser Zeit 5200 Kilometer zurückgelegt. Soweit die Fakten.

Bedanken möchte ich mich zunächst bei meiner Frau Bernadette, die diese lange Wanderung mitgetragen hat. Bedanken möchte ich mich bei meinen Sponsoren, die es mir ermöglicht haben, dieses Wagnis zu finanzieren. Bedanken möchte ich mich bei all denen, die mir per SMS, per Mail oder Anruf immer wieder Mut gemacht haben, durchzuhalten und die Wanderung zu einem guten Ende zu bringen.

Ich habe ein phantastisches Jahr erlebt. Ich habe wundervolle Menschen auf meinem Weg rund um Deutschland kennen gelernt, interessante Menschen, die mir unglaubliche Geschichten erzählt haben: Grenzgeschichten, Lebensgeschichten die mich bewegt haben.

Ich konnte ein wunderbares Land vor allem an seinen Grenzen neu kennen lernen. Oft war die Grenze fließend, nicht mehr erkennbar für mich wo ich mich gerade befand.

Der Tag danach / 18.11.2010

Als ich im Frühjahr in Völklingen zu meinem Abenteuer aufbrach hatten die Bäume noch keine Blätter. Jetzt sind sie bereits wieder abgefallen. Dazwischen liegen acht Monate. Nicht einen einzigen Tag möchte ich davon missen. Jeder Tag brachte mich auf meinem Weg zu ungeahnten Eindrücken.

Fast jeden Tag hatte ich das Glück Menschen zu treffen, die mir etwas zu erzählen hatten. Auch Freundschaften sind entstanden, die diese Reise überdauern werden.

Der Tag danach / 18.11.2010Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, meine Erlebnisse als Webtagebuch niederzuschreiben. Danke für die Rückmeldungen. Vielleicht habe ich durch meine Wanderung andere animieren können aufzubrechen und sich auf den Weg zu machen.

In den nächsten Wochen werde ich meine Erlebnisse niederschreiben. Ich hoffe einen Verlag zu finden dem meine Geschichten gefallen. Und vielleicht werde ich dann an einige Orte meiner Reise zurück kehren, um mein Buch vorzustellen.

Das "Tagebuch" geht weiter. In den nächsten Wochen werde ich die Reise wiederholen, in der Erinnerung, mit tausenden Photos und Bergen von Notizen.

Demnächst mehr unter www.guenterschmitt.eu

Emma und ich verabschieden uns.

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