Non-Stopp Deutschlandumrundung Etappentagebuch Oktober

 


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Ruhetag in Bad Wiessee / 01.10.2010

Ruhetag in Bad Wiessee / 01.10.2010"Ankommen und sich wohlfühlen", ist das Motto von Kerstin Korytar und Ronald Stegmüller, die zusammen das Hotel Rheinland in Bad Wiessee betreiben. Emma wird mit Leckerlis und Streicheleinheiten verwöhnt, während ich mich mit viel Ruhe und kleinen Spaziergängen am Tegernsee von meiner Erkältung erhole. Kerstin hat mir eine große Box mit Papiertüchern ans Bett gestellt und versorgt mich mit Lindenblütentee und Salbeitee.

Nach dem Frühstück spaziere ich mit Emma zum See. Dort treffe ich Manuela Illgner und Olaf Thomm aus Berlin. Sie spazieren mit Lui am See. Ganz spontan frage ich ob ich Lui mit Herrchen und Frauchen fotografieren kann. Lui ist nämlich weder Hund noch Katze sondern ein zwölf Jahre alter weißer Papagei, der unaufhörlich irgendwelche Töne von sich gibt. Emma hat den Schwanz eingezogen und schaut sich das Schauspiel erst mal aus der Ferne an. Wenn Herrchen ein Zeichen gibt fliegt Lui eine Runde am See. Beim zweiten Mal verfliegt er sich und landet auf der Schulter eines alten Herrn der fürchterlich erschrickt. Emma traut sich dann doch an Lui heran, die Neugier Emmas ist stärker als die anfängliche Angst.

Unter dem Motto: "Werte in Form bringen", präsentieren vier Bildhauer aus vier Generationen, Emil Cauer der Jüngere (1867 -1946), Helmut Bourger (1929 – 1989), Fred Gerz ( geb. 1944) sowie Patrick Gerz (geb. 1968), direkt am Seeuferweg ihre Werke. Alle Motive sind in Bronze gegossen und stehen im Freiluftmuseum, durch das ich mit Emma problemlos spazieren kann.

Ruhetag in Bad Wiessee / 01.10.2010Der See präsentiert sich in Herbststimmung. Die meisten Boote sind schon eingeholt und liegen eingepackt am See. Das Laub der Bäume verfärbt sich immer mehr. Wir begegnen nur wenigen Spaziergängern.

In der heutigen Ausgabe des Münchener Merkur ist zu lesen: "Als Flaneur Grenzen erfahren. In 200 Tagen einmal rund um Deutschland wandern, 5000 Kilometer immer an der Grenze entlang. Günter Schmitt hat sich viel vorgenommen. Auch das Tegernseer Tal durfte auf der Route des Landschaftsflaneurs nicht fehlen. Immer an seiner Seite: Beagle-Hündin Emma".

Morgen werde ich versuchen, weiter zu wandern. Mein nächstes Ziel wird Lenggries oder Bad Tölz sein. Mal sehen wie weit mich meine Füße tragen. Emma wedelt bereits ungeduldig mit dem Schwanz. Sie ist ausgeruht und will weiter.

 

165. Etappe / Bad Wiessee – Lenggries / 02.10.2010

165. Etappe / Bad Wiessee – Lenggries / 02.10.2010Nirgendwo in Deutschland ist mir so viel Heimatverbundenheit aufgefallen wie hier in Oberbayern. Sei es die Sprache, der Baustil der Häuser oder in die Trachten der Frauen und Männer. Kaum ein Ort ohne Volkstheater oder Heimatbühne. An einem Zaun in Bad Wiessee hängen gleich drei Ankündigungen von volkstümlichen Veranstaltungen. Volksmusikabende und Trachtenvereine gehören ebenso dazu, wie Volkstanzgruppen und die Blasmusik. Selbst die jungen Kälber und die jungen Mädchen, die mir heute beim Almabtrieb begegneten, waren fein rausgeputzt.

Nach zwei Tagen Pause im Hotel Rheinland heißt es wieder Abschied nehmen von lieb gewonnen Menschen. Von Menschen die mich umsorgt haben und bei denen ich mich außerordentlich wohl gefühlt habe. Emma ist froh dass es endlich weiter geht, intensives Schwanzwedeln signalisiert Laufbereitschaft.

Nach zwei Tagen Ruhe fällt es mir besonders schwer den Berg langsam anzugehen. Es ist ein langer und zum Schluss ordentlich steiler Anstieg zur Aueralm (1269 m). Ein gewaltiger Ausblick in die umliegende Bergwelt erwartet mich. Im Süden sind die ersten schneebedeckten Berge zu sehen.

Da es an der Aueralm wieder zu nieseln anfängt, entschließe ich mich, nicht einzukehren sondern weiterzuwandern. Die Neuhütten-Alm scheint bereits verlassen, kein Mensch weit und breit. Dafür entdecke ich auf den Almwiesen den violettfarbenen Enzian, den blauen Enzian und den gelben Enzian. Viele Wanderer sind an diesem Samstag unterwegs. Aus allen Richtungen queren sie meinen Weg.

165. Etappe / Bad Wiessee – Lenggries / 02.10.2010Am Neuhütteneck entscheide ich mich für den Abstieg nach Lenggries. Zwei Stunden werde ich mit Emma bergab wandern. Unsere gewählte Wegtrasse ist besonders beliebt bei Mountainbikern. Bergab werden wir von Bikern überholt, bergauf kommen sie uns mit schwerem Tritt und schwerem Atem entgegen.

Irgendwann schafft es auch die Sonne durch die Wolkendecke zu blinzeln. Herbstblätter fallen von den Bäumen. Die Ahornblätter segeln wie kleine Papierflieger von den Ästen zu Erde. Es macht Spaß dem Schauspiel zuzusehen. Emma versucht das ein oder andere Blatt im Flug zu schnappen. Manchmal gelingt es.

Bis Lenggries wandern wir ein Stück auf der Via Alpina, einem Zusammenschluss von Wanderwegen durch acht Alpenstaaten: Monaco, Frankreich, Italien, Schweiz, Deutschland, Österreich, Liechtenstein und Slowenien. Der Wegeverbund zieht sich quer über das Dach der Alpen: grenzenloses Wandervergnügen.

Die Sonne schafft es endlich für warme Temperaturen zu sorgen. Mit ausgespannten Sonneschirmen locken Cafes und Straßenkneipen. Mit Emma finde ich ein lauschiges Plätzchen zum ausruhen.

 

166. Etappe / Lenggries – Nirwana / 03.10.2010

Bilderbuchwetter, Kaiserwetter, Goldener Oktober allesamt Aussagen, die zu den Wetterbedingungen des heutigen Tages passen. Der Wandertag beginnt für mich und Emma an der Brücke in Lenggries. Mehrere Heißluftballons starten über uns in den wunderbar blauen Himmel.

Die oberbayerische Region entlang der Isar zwischen Bad Tölz und der Landesgrenze östlich von Wallgau bezeichnet man als Isarwinkel. Bereits in einem Vertrag mit Herzog Albrecht IV vom 4. Oktober 1497 wird der Raum zwischen Bad Tölz und Wallgau als "Iserwinkel" bezeichnet.

Die angrenzenden Berge sind nicht meist nicht höher als 1800 Meter. In seinem Heimatroman "Der Jäger von Fall" setzte Ludwig Ganghofer den Bewohnern des Isarwinkels ein literarisches Denkmal und machte dadurch diese Flusslandschaft überregional bekannt.

In seinem Buch "Maximiliansweg" erklärt Eugen Hüsler zum Namen der Isar: "Im Mittelalter hieß die Isar noch Iser. Der Name dürfte auf die keltischen Boiern zurückgehen, die im zweiten vorchristlichen Jahrhundert aus ihrer gallischen Heimat nach Oberitalien und Böhmen auswanderten. In all ihren Siedlungsgebieten fließt eine Iser: die Isère in Savoyen, der Eisack in Südtirol und die Jizera unweit von Prag. Die Isar: ein europäischer Fluss?

166. Etappe / Lenggries – Nirwana / 03.10.2010

Die Isar wird uns fast den gesamten Tag begleiten. Emma hat immer wieder Gelegenheit im köstlich kalten Wasser ihre Pfoten zu kühlen und von dem Wasser zu trinken.

Auf dem Weg nach Bad Tölz begegnen wir Karl-Heinz Fett und seinem Hund Struppi. Die beiden sitzen am Ufer der Isar. Direkt vor ihnen zirka neunzig verschieden hohe Pyramiden aus Kieselsteinen, die Karl-Heinz Fett zusammengebaut hat. Es waren einmal mehr, erzählt er mir, aber das Hochwasser 2005 hat alle weggespült. Anschließend hat er wieder angefangen die Pyramiden aufzubauen. Besucher seiner Pyramiden, die gerade gehen als wir uns unterhalten, spenden einige Cent für seine Arbeit. Er ist glücklich mit Struppi und seinen Pyramiden. Tagtäglich kommt er mit seinem Fahrrad aus dem nahe gelegenen Bad Tölz, um sich an den Steinen zu erfreuen.

166. Etappe / Lenggries – Nirwana / 03.10.2010In der Kreisstadt Bad Tölz herrscht an diesem sonnigen Sonntag Hochbetrieb. Viele nutzen das Wetter zum Spaziergang. Am Ufer der Isar liegen viele Menschen auf den warmen, weißen Kieselsteinen. Einige Kinder wagen sich mit ihren Füßen ins eiskalte Wasser. In den Straßencafes und Restaurants ist kaum ein Platz zu finden. Bad Tölz ist an diesem Sonntag Treffpunkt von Oldtimern. Mitten durch die überfüllte Fußgängerzone fahren im Schritttempo die blank polierten Fahrzeuge aus längst vergangenen Tagen.

In Bad Tölz bin ich mit Dieter Dorby vom Tölzer Kurier verabredet. Es wird ein langes Gespräch über meine Reise entlang der Deutschen Grenze. Zum Fototermin geht es anschließend nochmals an die Isar.

Mit Emma wandere ich noch ein Stück weiter entlang des Flusses. Dann schlagen wir uns nach Westen. Unser heutiger Wandertag endet in Nirwana. Nirwana? Morgen mehr darüber!

 

167. Etappe / Nirwana – Urfeld / 04.10.2010

Am Morgen ein herzlicher Abschied von Donado und Giovanna Caggiano in Bad Tölz. Zwei Tage hatten wir dort "Bei Enzo" gewohnt. Vor allem Emma wurde intensiv verwöhnt.

167. Etappe / Nirwana – Urfeld / 04.10.2010Als Max Gattermann, ein Postinspektor aus der Gegend von Passau, erfuhr, dass zwischen Bad Tölz und Bad Heilbrunn ein kleines Anwesen zu verkaufen sei, das niemand haben wollte, weil es "verhext" sei, griff er zu. Er kaufte das Grundstück und ließ sich vorzeitig pensionieren, um den Rest seines Lebens in dieser Einsamkeit zu verbringen. Dies ist nun fast einhundert Jahre her. Vor dem Ersten Weltkrieg war dieser Landstrich eine fast unberührte Gegend. Als Max Gattermann zum ersten Mal seine neue Heimat sah, soll er ausgerufen haben: "Das ist mein Nirwana". Heute ist das Cafe, das seit 1966 sein Enkel Walter gemeinsam mit seiner Frau Hildegard führt, in jeder Landkarte als Nirwana eingetragen.

167. Etappe / Nirwana – Urfeld / 04.10.2010Am Cafe Nirwana beginnt unser Wandertag. Blauer Himmel, leichter Westwind. Die Berge auf die wir uns allmählich zu bewegen, wirken wie blank geputzt. Über Bad Heilbrunn und Bichl erreichen wir nach drei Stunden Kloster Benediktbeuern.

Benediktbeuern ist eines der ältesten Benediktinerklöster und eines der wichtigsten christlichen Missionszentren in Bayern. Die Gründung des Klosters durch Karl Martell geht auf das Jahr 725 zurück. Am Eingang in die Bergwelt sollte die zunächst rein weltliche Station Buron den Weg über den Kesselberg und durch das obere Loisachtal zum Brennerpass und nach Italien kontrollieren. Erst einige Jahre später wurden auch Mönche hier ansässig. Der heilige Bonifatius weihte 739 die Kirche und führte den Alemannen Lantfried, den Karl Martell als hoheitlichen Vasallen eingesetzt hatte, in sein kirchliches Amt als Abt ein. Karl der Große vermittelte dem Kloster die Armreliquie des Heiligen Benedikt, durch die es später den erweiterten Namen erhielt.

Heute befinden sich in der Klosteranlage zwei Hochschulen, die Philosophisch-Theologische Hochschule sowie die Fachhochschule für Soziale Arbeit. Außerdem befindet sich das Jugendpastoral-Institut Don Bosco in der weiträumigen und weitläufigen Anlage. Hinzu kommen das Institut für salesianische Spiritualität, Pädagogik und Geschichte, das Zentrum für Umwelt und Kultur, eine Jugendherberge, Klostergästehäuser, ein Klosterbiogarten, ein Klosterladen sowie das Fraunhofer-Museum für Glas.

Über den Prälatenweg verlassen wir das Kloster Richtung Kochelsee, den wir entlang der Loisach zwei Stunden später erreichen. Ein besonders Heimat verbundener Landwirt hat die runden Begrenzungspfosten seiner Kuhweide mit weißblauer Farbe angemalt. Die Berge liegen im gleißenden Sonnenlicht, der Fön hat die letzten Wolkenfetzen vertrieben. Auf dem Kochelsee hängen Gleitschirmsurfer schräg im Wind und heben von Zeit zu Zeit vom Wasser ab. Emma ist das Schauspiel nicht geheuer. Sie zieht sich in den Hintergrund zurück.

Ich orientiere mich an der Beschilderung des Jakobsweges Richtung Süden. Die Route führt zum südlichen Ufer des Kochelsees und weiter über den Kamm zum Walchensee. In Urfeld, direkt am Seeufer mit Blick zum Karwendelgebirge, checken wir im Seehotel Karwendelblick ein.

 

168. Etappe / Urfeld – Eschenlohe / 05.10.2010

Ein Wort vornweg: Für die vielen Genesungswünsche per E-Mail, per SMS oder per Handy möchte ich mich ganz herzlich bedanken. Ich denke die vielen Grüße aus der Heimat und von Freunden in ganz Deutschland haben geholfen, dass ich wieder so schnell auf die Beine gekommen bin. In den nächsten Tagen werde ich vorsichtshalber weiterhin ein ruhiges Wandertempo einschlagen. Größere Berganstiege werde ich erst einmal vermeiden.

Der Blick über den Walchensee zum Karwendelgebirge bleibt mir am Morgen verborgen. Mal wieder hat sich das Wetter innerhalb von wenigen Stunden verändert. Die Nebelbänke auf dem See und die nicht einmal zu erahnenden Berge in den tief hängenden Wolken kündigen schlechtes Wetter an.

Meine Laune steigt sofort wieder, als ich schon auf der Titelseite des Tölzer Kurier von meiner Wanderung lese. Redakteur Dieter Dorby schreibt: "Das Schöne am Zeitungsmachen ist, das man mitunter recht interessante Menschen kennen lernt, wie beispielsweise Günter Schmitt. Der Saarländer wandert Deutschlands Grenze ab und hat am Sonntag Station in Tölz gemacht. Mehr über ihn und seine abenteuerliche Reise finden Sie auf unserer Lokalseite 3". Das großflächige Farbfoto mit Emma und mir und der dazugehörige Text füllen über eine halbe Seite.

Ich starte mit Emma entlang des Walchensees zunächst Richtung Süden und wende mich kurz vor Einsiedl nach rechts Richtung Westen. Der Wanderweg nach Eschenlohe ist sehr gut beschildert. Verlaufen ist fast unmöglich. Bereits an der ersten Weggabelung der Hinweis, dass wir uns im Großraum Zugspitzland bewegen. Vor allem Mountainbike Fahrer kommen hier voll auf ihre Kosten. Bis Eschenlohe durchs Eschenlainetal werden uns viele begegnen.

Der Regen bleibt vorerst aus, drückende Schwüle steht in dem engen Tal. Schroffe Felsen die in die Wolken zu wachsen scheinen, sowie das wild rauschende Wasser der Bergbäche bestimmen das Bild. Die zart gelb bis dunkelbraun gefärbten Laubbäume verleihen dem Tal romantische Herbststimmung.

168. Etappe / Urfeld – Eschenlohe / 05.10.2010

Kurz vor Eschenlohe begegnet mir ein Ehepaar aus Regensburg. Sie haben den Weg durch die Klamm gewählt und wissen nun nicht ganz genau wo sie sich befinden. Wir kommen ins Gespräch. Ich erzähle von meiner Wanderung. "Ach", sagt die Frau, "Sie kommen aus dem Saarland. Unser Schwiegersohn stammt aus Neunkirchen". Neunkirchen im Saarland liegt nur wenige Kilometer von meinem Wohnort zu Hause entfernt.

Den Ortsrand von Eschenlohe erreichen wir an einem Hotel, das mit dem Slogan "Zugspitzblick" wirbt. An diesem Dienstag sitzt allerdings niemand auf der Terrasse, um sich das Zugspitzpanorama anzusehen. Morgen werde ich – so meine Planung – in Garmisch Partenkirchen ankommen. Ein freier Blick zur Zugspitze wäre eine feine Sache. Erstmal werde ich heute Nacht davon träumen. Vielleicht hilft es ja.

 

169. Etappe / Eschenlohe – Garmisch-Partenkirchen / 06.10.2010

Die Sonne versucht bereits sehr früh durch die Nebelbänke zu blinzeln. Der leichte Wind und die Berge scheinen mit dem Nebel zu spielen. Im Wind gaukeln Nebelfetzen die irgendwann wie von Geisterhand aufgelöst werden. Mal gleitet der Nebel sanft vom Berg ins Tal, um dann auf der anderen Seite des Tals am Berg entlang zu ziehen und über seine Kuppen zu verschwinden. Auf den Wiesen und auf dem Wasser wirkt der wabernde Nebel wir ein großes Schaumbad. Oder hat ein Kirmesbudenbesitzer tonnenweise Zuckerwatte produziert? Breitband-Fernsehkulisse im Freiluftkino auf dreidimensionaler Bühne. Emma und ich mittendrin. Mal sind wir Beobachter, mal sind wir Teil der Kulisse. Wandern kann so schön sein.

169. Etappe / Eschenlohe – Garmisch-Partenkirchen / 06.10.2010Die Kulisse wird noch traumhafter als wir in an der Loisach in Eschenlohe unseren Wandertag beginnen. Bereits nach der ersten Wegbiegung hinter Eschenlohe erscheint am Horizont das Panorama der Zugspitze. Umwerfend. Der Wanderweg schlängelt sich entlang des Flusses. Die Bänke sind so platziert, dass sie immer mit Blick zur Zugspitze ausgerichtet sind. Ich mache mit Emma öfter Pause, um das Bild förmlich aufzusaugen.

Der Herbstwald hat sein schönstes Kleid angezogen. Einige Berggipfel sind mit Puderzucker bestäubt worden. Aus dem Wasser der Loisach scheinen tausende kleine Edelsteine zu blinken. Die Bauern haben ihre Kühe auf die Wiesen getrieben, das letzte Heu wird eingefahren. Eine junge Bäuerin lacht uns beim vorbeifahren zu. Sie ist damit beschäftigt die dicken Heuballen in die Scheune zu bringen. Wir begegnen uns mehrmals.

Es riecht nach Sommer an diesem traumhaften Sonnentag im Oktober. Die Luft schmeckt nach Frische, Emma leckt frischen Tau vom tropfnassen Gras. Dieser Wandertag sollte niemals enden.

Etliche Fahrradfahrer kommen uns entgegen, auf der Loisach sind zwei Schlauchboote unterwegs. Über Oberau, Farchant und Burgrain erreichen wir die ersten Häuser von Garmisch-Partenkirchen, das Zugspitzpanorama zum Greifen nahe.

169. Etappe / Eschenlohe – Garmisch-Partenkirchen / 06.10.2010Breits am Ortsanfang die ersten Hinweise zu den Alpinen Ski Weltmeisterschaften, die in Garmisch-Partenkirchen Anfang Februar 2011 stattfinden.

Am Nachmittag gleich zwei Pressetermine. Corinna Schuster vom Radio Oberland sendet zehn Minuten über den Grenzgänger und Emma. In der Redaktion des Garmisch-Partenkirchner Tagblatt muss ich Julia Pawlovsky viele Fragen beantworten. Anschließend geht es mit Emma und mir zum Fototermin in die Fußgängerzone.

Christian Neureuther, den ich in Garmisch-Partenkirchen treffen wollte, hat wenig Zeit. Eine Sitzung jagt die andere. Am heutigen Mittwoch soll der Gemeinderat über die Olympiabewerbung für 2018 entscheiden, morgen muss er zu einer Olympia-Podiumsdiskussion nach München. Wir bleiben telefonisch in Verbindung. Mal sehen was die nächsten zwei Tage bringen.

Morgen will ich mit Emma zum höchsten Gipfel Deutschlands. Hoffentlich bleibt das Wetter stabil. Die Prognose ist gut.

 

170. Etappe / Garmisch-Partenkirchen – Zugspitze – Garmisch-Partenkirchen / 07.10.2010

Schwere Eisentüren fallen krachend ins Schloss. Das Abfahrtsignal ertönt. Wir sitzen in der blauweiß angestrichenen Zugspitzbahn. Das schlechte Wetter der letzten Wochen ist vergessen. Keine Wolke ist zu sehen. Die Sonne steigt hinter den Bergen in den blauen Himmel und wärmt bereits mit ihren ersten Strahlen. Eine Traumkulisse im Tal mit Blick nach oben. Wie ein Adlerhorst klebt auf Deutschlands höchstem Berg die Endstation. Die Anzeigetafeln im Waggon verkünden 7 Grad plus und 120 Kilometer Fernsicht. So hatte ich mir den Aufenthalt auf der Zugspitze gewünscht. Jetzt wird er Wirklichkeit.

170. Etappe / Garmisch-Partenkirchen – Zugspitze – Garmisch-Partenkirchen / 07.10.2010Über die Bahnhöfe Hausberg, Kreuzeck, Hammersbach, Grainau und Eibsee fahren wir mit der Zahnradbahn leicht bergan. Dann wird es steil. Am Riffelriss verschwinden wir im Berg, die Bahn quält sich durch einen schmalen Tunnel steil nach oben. Das Zugspitzplatt erreichen wir auf 2600 Meter. Wir müssen umsteigen. Von hartem Gestein in schwankende Kabinen. Auf dem Weg zur Kabinenbahn der erste Schnee. Emma ist begeistert und rast durch den Schnee.

Die restlichen dreihundert Höhenmeter zum Gipfel erreichen wir schwebend über steilem Fels. In kurzer Zeit hat uns die Gletscherbahn nach oben gebracht. Die Luft ist dünner geworden. Im Restaurant gönnen wir uns eine kurze Pause mit verglastem Panoramablick. Wir sind auf 2962 Meter, der höchste Punkt meiner nun bereits sechseinhalb Monate dauernden Deutschlandwanderung. An den Fenstern des Restaurants sind Hinweise mit Kilometerangaben angebracht: Lübeck 730 km, Kopenhagen 930 km, Schottland 1380 km, Oslo 1390 km, Russland 2150 km, Grönland 3180 km, Tibet 5800 km, Taiwan 9750 km.

170. Etappe / Garmisch-Partenkirchen – Zugspitze – Garmisch-Partenkirchen / 07.10.2010Auf dem Gipfelplateau sind Menschen aus aller Herren Länder. Emma wird immer wieder angestrahlt und gestreichelt. In Deutschlands höchst gelegenem Biergarten herrscht Hochbetrieb. Wir machen einen Abstecher nach Tirol. Die Landesgrenze zwischen Deutschland und Österreich verläuft über den Gipfel. Der Grenzgänger ist der Grenze wieder einmal sehr nahe. Die Sicht von der Zugspitze ist atemberaubend, nach Süden, Westen und Osten ist keine Wolke zu sehen. Hunderte von Berggipfel, mal schroff mal abgerundet, mit und ohne Schnee, ragen in die Höhe. Richtung Norden liegt Deutschland unter einer Wolkendecke. Es ist windstill.

Auf dem Dach des Terrassencafes werkeln Dachdecker in luftiger Höhe. Sie sind angeseilt, jeder Tritt ein Wagnis, Grenzerfahrungen ganz anderer Art.

Die Eibsee-Seilbahn bringt uns wieder ins Tal. Von dort geht es mit der Bahn zurück nach Garmisch-Partenkirchen. In der Fußgängerzone gönnen wir uns ein Eis. Zur Belohnung. Erste Windböen des Tages treiben trockenes Laub durch die Straßen. Zwei Stunden später ist die Zugspitze in eine dicke Wolkendecke eingehüllt.

 

171. Etappe / Garmisch-Partenkirchen – Griesen / 08.10.2010

Mal zeigt sie sich im gleißenden Morgensonnenlicht, mal verhüllt sie sich in dichten Nebelbänken. Die Zugspitze ist mit 2964 Metern der höchste Berg Deutschlands. Gestern durfte ich dort bei äußerst angenehmen Temperaturen eine fantastische Fernsicht genießen. Heute heißt es wieder Abschied nehmen.

171. Etappe / Garmisch-Partenkirchen – Griesen / 08.10.2010Der Weg von Garmisch-Partenkirchen bis zum türkisfarbenen Eibsee unterhalb der Zugspitze dauert einige Stunden. Auf meiner Wanderstrecke zum See bin ich meist in Sichtweite der Gleise der Zugspitzbahn. Über Rieß und Obergrainau wandere ich mit Emma entlang sattgrüner Wiesen. Die weidenden Kühe mit ihren Glocken verleihen dem Tag Festtagsstimmung. Noch liegt der Eibsee im dichten Nebel. Es ist kalt am Wasser während wir entlang des Rundwanderweges um den See wandern. Ab und an tauchen Sonnenstrahlen plötzlich ins Wasser, dann sind sie wieder verschwunden und der See verschwindet ebenfalls gänzlich im Nebel. Dann wird der Nebelschleier wieder zur Seite geschoben, eine kleine Insel im See taucht auf, im glasklaren Wasser spiegelt sich der Gipfel der Zugspitze. Grandiose Bilder, nur für mich und Emma inszeniert. Emma schmeckt das kalte Wasser des Sees. Als die Sonnenstrahlen endlich den Nebelschleier vertrieben haben leuchtet das Herbstlaub in den prächtigsten Farben. Wir verabschieden uns von der Zugspitze und wandern hinter dem See in dichtem Laubwald Richtung Westen. Ein Hinweisschild Richtung Griesen mahnt zur Vorsicht: "Griesen ca. 2h, nur für geübte". Das Hinweisschild hat untertrieben. Der ungepflegte Wanderweg ist nicht ungefährlich und fordert pausenlos höchste Aufmerksamkeit und starke Nerven.

Der Grenzverlauf zwischen Österreich und Deutschland ist nicht mehr erkennbar. Statt Grenzpfählen haben Schüler der Berufsfachschule für Holzbildhauer des Bezirks Oberbayern eine "Stelenstraße" entworfen. Sie gehört zum Projekt "Grenzenlos" der Euregio Zugpsitze/Wetterstein-Karwendel. Zwölf Stelen aus Lärchenholz markieren ehemalige Grenzübergänge und symbolisieren durch ihre Form und Farbgestaltung neue und alte grenzüberschreitende Verbindungen. Eine der fast fünf Meter hohen Stelen steht am Ortseingang von Griesen.

171. Etappe / Garmisch-Partenkirchen – Griesen / 08.10.2010Das Grenzstüberl in Griesen ist geöffnet. Traudl ist 1982 nach Griesen gekommen, um das Stüberl zu übernehmen. Anfangs wollte sie gleich wieder weg. Es liegt schon etwas abseits von allem, erzählt sie mir. Mein Haferl Kaffee trinke ich mit Udo Grieshaber. Er will wissen wo ich her komme, und wo ich hin will. Ah, sagt er, Völklingen kenne ich. In Saarbrücken bei den Stadtwerken und auf der Völklinger Hütte hat er Anfang der achtziger Jahre Kabel für Strommasten verlegt. Er war Monteur bei einer Firma aus Köln. Einer seiner Kollegen war aus Losheim, aus Losheim am See, fügt er noch hinzu und sein Autokennzeichen MZG weiß ich auch noch.

Udo Grieshaber dachte, die alte Hütte sei abgerissen worden. Ich erzähle ihm vom Weltkulturerbe Völklinger Hütte und der Keltenausstellung, die bald beginnen wird. Das wäre ja mal wieder ein Grund ins Saarland zu fahren, sagt er lachend zum Abschied. Vielleicht sehen wir uns dann dort wieder.

 

172. Etappe / Griesen – Weißenbach am Lech / 09.10.2010

Der Gebirgsbach Naidernach ist Grenzbach zwischen Deutschland und Österreich. Mit Emma wandere ich unmittelbar hinter Griesen in das sonnenüberflutete Tal. Nur das Gurgeln und Plätschern des Baches ist zu hören. Wir wandern Richtung Westen, immer am Bach entlang. Ein Baum auf österreichischer Seite ist quer über den Bach umgestürzt. Wem gehört das Holz, kommt mir sofort in den Sinn. Ob im Zuge der Grenzvereinbarungen geregelt wurde was ich nicht weiß? Der Baumstamm ist in der Mitte des Baches abgesägt worden. Was auf deutscher Seite lag ist deutsch? Aber der Baum stand in Österreich, ist also österreichisches Holz? Ich mache ein Foto und habe an diesem Morgen viel Zeit über Grenze, Grenzgeschichten und den Unsinn von Grenzen nachzudenken.

172. Etappe / Griesen – Weißenbach am Lech / 09.10.2010Mit roter Farbe gepinselt steht in großen Buchstaben auf dem Grenzweg eine Liebeserklärung: "Guten Morgen Süßmaus. Was für ein wunderschöner Tag. Danke dass ich Dich lieben darf. Immer Dein Bärchen". Grenzgeschichten die das Leben schreibt, vielleicht eine deutsch-österreichische Liebesgeschichte. Ich werde es nie erfahren.

Es bleibt viel Zeit für Emma. Viele Stöckchen fliegen durch den Wald. Emma findet sie alle. Immer wieder animiert sie mich. Beschäftigung für Hund und Herrchen. Wir kommen gut voran. Die Mountainbiker die uns überholen sind wesentlich schneller. Ein verrostetes Schild "Bundesrepublik Deutschland" zeigt uns beim rückwärts blicken mitten im Wald an, dass wir in Österreich angekommen sind.

172. Etappe / Griesen – Weißenbach am Lech / 09.10.2010Es geht in steilen Serpentinen nach oben. Der Mountainbikegruppe die uns kurz vorher überholt hat, kommen wir wieder näher. Ein erster Test nach meiner fast auskurierten Erkältung. Ich bin zufrieden. Ich kann wieder längere Strecken und höhere Berge überwinden.

Den Plansee erreichen wir lange vor der Mittagszeit. Am Ostufer liege ich mit Emma in der Sonne und genieße den Blick über den See und die Berge rundum. Über den Weg am Südufer erreichen wir den Heiterwanger See und wandern über Heiterwang nach Weißenbach am Lech.

 

173. Etappe / Weißenbach am Lech – Schattwald / 10.10.2010

173. Etappe / Weißenbach am Lech – Schattwald / 10.10.2010Das Lechtal in Weißenbach verlasse ich mit Emma in dichtem Nebel Richtung Haldensee. Bei kühlen Temperaturen müssen wir bergauf. In Nesselwängle reißt der Himmel auf. Panoramabilder der umliegenden Berggipfel wie im Bilderbuch. Wir machen eine kurze Rast in der wärmenden Sonne. Eine halbe Stunde später wandern wir bereits wieder in dichter Nebelsuppe.

Unterwegs entdecke ich eine Broschüre über grenzüberschreitende Heimatpflege: "Brauchtumstage 2010 Allgäu – Tirol". Ich lese, dass eine Heimatzeitschrift "HEIMAT ALLGÄU" existiert. Die Zeitschrift berichtet sechs Mal im Jahr vom Engagement der Menschen, von der Region und ihrer Geschichte, von Traditionen und ihren Wurzeln (www.heimat-allgaeu.info).

Seit sechs Jahren besteht der Förderverein mundART Allgäu e.V. (www.mundart-allgaeu.de). In diesem Jahr fanden verschiedene Veranstaltungen statt. Bereits nach wenigen Jahren hat es der Verein geschafft, die Herausgabe des Buches "Mundart Gedichte aus der Heimat" zu präsentieren.

173. Etappe / Weißenbach am Lech – Schattwald / 10.10.2010Die Pflege der Mundart liegt mir besonders am Herzen, engagiere ich mich doch persönlich in diesem Bereich und habe über viele Jahre Mundartsymposien selbst geleitet. Nirgendwo wird die Muttersprache so sehr mit Stolz lebendig gehalten wie in Bayern. Im Bayrischen Rundfunk wie auch im Bayrischen Fernsehen, in Talkrunden mit namhaften Persönlichkeiten steht man dazu.

Im Gegensatz zu meiner Heimat, dem Saarland, wo man sich als "namhafte Persönlichkeit" in der Öffentlichkeit peinlich bemüht jede regionale Sprachfärbung zu vermeiden und es als peinlich gilt, wenn man den "Saarländer" doch "raushört". Für mich ist die Wanderung durch Bayern in dieser Hinsicht Balsam auf meine Seele. Ich bin Stolz Saarländer zu sein und während meiner nonstop-zuFuß-Deutschlandumrundung sowohl Botschafter des Weltkulturerbes Völklinger Hütte als auch der Stadt Völklingen zu sein, einer Stadt, die seit Jahren den Mundartpreis "Völklinger Platt" auslobt.

Die Geierwally Freilichtbühne Elbigenalp – Lechtal widmete sich in dem Stück "EINE HANDVOLL HEIMAT" 300 mutigen Tirolerinnen und Tiroler sowie Rheinländern, die zu einer Reise ins Unbekannte aufbrachen. Getrieben von der Hoffnung auf ein besseres Leben und auf eine bessere Zukunft für ihre Kinder brachen sie im Frühjahr 1857 auf und verließen ihre Heimat.

173. Etappe / Weißenbach am Lech – Schattwald / 10.10.2010Bei meiner Reise rund um Deutschland ist mir die Pflege der Traditionen in keiner Region so deutlich geworden wie hier in Oberbayern. In Verbindung mit der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit der Tiroler Nachbarn wird deutlich, dass Traditionen auch über von Menschen gemachten Grenzen weiterleben.

Ich wandere im Grenzgebiet weiter. Vom Haldensee durchs Tannheimer Tal nach Schattwald. Die Schönheit der Landschaft bleibt meist im Nebel verborgen. Dafür erlaubt die kühle Temperatur ein flottes Tempo durch das neblige Tal. Österreich habe ich in den letzten Wochen bereits bei schönerem Wetter erlebt. Vielleicht wird mich Schattwald morgen früh im Sonnenlicht Richtung Deutschland verabschieden.

 

174. Etappe / Schattwald – Sonthofen / 11.10.2010

Österreich verabschiedet mich mit Kaiserwetter. In Schattwald ist keine Wolke am Himmel zu sehen. Wir steigen nach oben und müssen später kurz vorm Grenzverlauf die B199 queren. Bis zum Oberjoch ist es nicht mehr weit. Von deutscher Seite zieht vom Tal Nebel nach oben. Deutschland scheint im Nebel zu versinken. Die Sichtweite beträgt ganz plötzlich keine fünfzig Meter mehr.

Im Ort Oberjoch muss ich mich durchfragen. Man sieht kaum von Haus zu Haus. Ich möchte Hanspeter Lanig besuchen. Er betreibt auf dem Joch seit vielen Jahren mit seiner Familie das Hotel Lanig. Hanspeter Lanig hat viermal an Olympischen Winterspielen teilgenommen und bei der Olympiade in Squaw Valley 1960 für Deutschland die Silbermedaille in der Abfahrt gewonnen.

174. Etappe / Schattwald – Sonthofen / 11.10.2010

Den begeisterten Radrennfahrer hatte ich vor vielen Jahren bei einer Benefiz Radsportveranstaltung im Saarland kennen gelernt. Zusammen mit anderen Radlern sind wir während der Gingko-Radtour drei Tage quer durchs Saarland geradelt. Damals hatten wir uns zu einer Radtour am Oberjoch verabredet. Nun streife ich während meiner Deutschlandumrundung seine Heimat. Im Hotel frage ich nach und habe Glück. Nach etlichen Jahren schütteln wir uns die Hand, essen ein Stück Kuchen zusammen und trinken eine Tasse Kaffee.

Ich frage ihn nach seinen Grenzerfahrungen. Spontan die Antwort: "Die Radfernfahrt Trondheim-Oslo und die Andenüberquerung mit dem Fahrrad gemeinsam mit meinem Sohn". Bei der Fernfahrt Trondheim-Oslo kann ich mitreden. Auch ich habe diese Mammut-Nonstop-Tour über 580 Kilometer vor etlichen Jahren gemeistert. Hanspeter Lanig hat sie in 18 Stunden und 6 Minuten bewältigt. Ich hatte die Tour damals in einer Zeit unter 20 Stunden absolviert. Wir nicken uns wohlwollend zu.

174. Etappe / Schattwald – Sonthofen / 11.10.2010Zum Abschied schenkt er mir ein Kochbuch, das seine Frau Silvia geschrieben hat: "Allgäu mit Leidenschaft", heißt das Buch der gebürtigen Schweizerin, die vor über vierzig Jahren zum ersten Mal das Oberjoch besuchte. In diesem Kochbuch geht es nicht nur ums Kochen. Alpine Lebensart, Landschaft, Brauchtum, Kultur und Tradition werden ebenfalls von der ehemaligen Redakteurin beschrieben.

Die Sonne blinzelt durch die Wolken, als ich mich von Hanspeter Lanig verabschiede. Vom 1200 Meter hohen Oberjoch muss ich ins Tal über Bad Hindelang nach Sonthofen. Als wir ankommen sehen wir die ersten Berggipfel durch die Wolken spitzen. In zwei Tagen möchte ich den südlichsten Zipfel Deutschlands erreichen. Dazu braucht es unbedingt Sonne. Ungern möchte ich auf 1800 Meter Höhe im Nebel herumirren.

 

175. Etappe / Sonthofen – Birgsau / 12.10.2010

175. Etappe / Sonthofen – Birgsau / 12.10.2010Im Sonthofener Stadtteil Tiefenbach habe ich Quartier bei Meinrad Landerer und seiner Frau gefunden. Der gelernte Schlosser Meinrad Landerer war Zeit seines Lebens gemeinsam mit seinem Partner Anton Kuisle Tüftler und Erfinder. Drei Goldmedaillen von Erfindermessen haben sie mit nach Hause gebracht. In Landerers Büro hängen über 15 Patentschriften an der Wand. Die beiden Erfinder haben Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts innerhalb von drei Monaten eine Pistenraupe konstruiert und in der Garage zusammengebaut.

Vor einigen Jahren konnte man in der Sonthofener Zeitung folgendes darüber lesen: "Wie Landerer betont, geht es nicht nur um irgendeine alte Maschine. Die 1967 in Eigenbau entstandene Raupe hat ein Stück Technik-Geschichte geschrieben: Wie Landerer erzählt, wurde dieses Gerät von der Ulmer Firma Käsbohrer in Lizenz weiterentwickelt und mit einem – auch von ihm und Kuisle vorgeschlagenen - hydraulischen Antrieb versehen. Dieses Überschneefahrzeug ist sozusagen der Urvater des legendären Pistenbully, wie Landerer sagt". So ganz zur Ruhe ist der 72jährige immer noch nicht gekommen. Es macht einfach Spaß, so Landerer, neue Ideen auf den Weg zu bringen.

In Sonthofen herrscht dicker Nebel. Als wir an die Iller gelangen, haben wir kaum 50 Meter Sicht. Wir wandern durch den Nebel, das Wasser der Iller zeigt uns den Weg Richtung Süden nach Obersdorf. In den ersten drei Stunden unserer Wanderung bleiben die umliegenden Berge vor uns verborgen. Als wir Obersdorf erreichen, lichten sich die Nebelbänke, riesige Berge kommen zum Vorschein. Wieder einmal ein fantastisches Schauspiel wenn die Nebelschleier ihre Geheimnisse entschleiern.

175. Etappe / Sonthofen – Birgsau / 12.10.2010Wir durchqueren Oberstdorf und wandern weiter Richtung Süden. Am Parkplatz der Fellhornbahn herrscht Hochbetrieb. Alle wollen auf den Berg, ich will mit Emma weiter Richtung Süden. In Birgsau beenden wir unseren Wandertag am Landhaus Birgsau. Im hinteren Teil des alten Landgasthofes befindet sich im ehemaligen Kuhstall eine Kunstausstellung. Neben moderner Kunst auch Gegenstände und Bilder einer längst vergangenen Zeit. "Gesichter unserer Heimat aus diesem Tal um 1930", heißt eine kleine Fotoecke. Das Foto der rauchenden Rosina Matt genannt "Jockers Bäs", geb. Brutscher, 1929, zeigt markante Züge die mich an eine alte Squaw erinnern. Ich bin überwältigt von dem Gesicht Rosinas, Haut wie gegerbtes Leder, hellwache Augen, den Blick nach vorn gerichtet und eine gewisse Zufriedenheit ausstrahlend.

Ich werde morgen mit Emma ebenfalls den Blick nach vorn richten. Wir wollen auf 1800 Meter steigen und über Einödsbach, der südlichsten Gemeinde Deutschlands, den südlichsten Punkt Deutschland, das Haldenwanger Eck erwandern.

 

176. Etappe / Birgsau – Haldenwanger Eck – Birgsau / 13.10.2010

Protokoll einer Bergtour

08.45 Uhr:
Start in Birgsau. An und in der Kapelle herrscht um diese Zeit himmlische Ruhe. Die Sicht beträgt 600 – 800 Meter. Nebel zieht aus dem Tal nach oben.

08.55 Uhr:
Am Ortsende von Birgsau befindet sich der wahrscheinliche südlichste Buswendeplatz einer Linienbusverbindung. Die Tafel des Naturschutzgebiets Hochalpen zeigt Bilder der Tiere der Hochalpen: Gamsbock, Murmeltier und Steinadler.

176. Etappe / Birgsau – Haldenwanger Eck – Birgsau / 13.10.201009.10 Uhr:
Der linke Hang steigt steil nach oben, der rechte Hang fällt steil ins Bachtal. Wir befinden uns in dichtem Nebel auf einem breiten Forstweg, der als Fahrstraße nach Einödsbach führt.

09.15 Uhr:
Durch die nur noch dünne Nebelwand erkenne ich die ersten 2000 – 2500 Gipfel im Sonnenlicht. Grandios!

09.25 Uhr:
In Einödsbach, dem aus drei Häusern bestehenden südlichsten Ort Deutschlands, treffe ich Thomas Breusche. Er stammt aus dem Erzgebirge und hat hier am südlichen Ende von Deutschland Arbeit im Gasthof von Einödsbach gefunden. Vor einigen Wochen bin ich im Ergebirge durch seine Heimat gewandert. Die letzten Nebelschwaden lösen sich auf. Ich drehe mich im Kreis und sehe ringsum nur Berge.

09.45 Uhr:
Wir überqueren einen Bach und folgen einem geteerten Feldweg weiter nach Süden. Der Weg steigt leicht bergan.

10.40 Uhr:
An der Rappen-Alp fällt zum ersten Mal die Sonne ins Tal. Es ist die letzte bewirtschaftete Alm auf meinem Weg. Die Wirtin ist gerade angekommen. Auf dem Rückweg werde ich dort einkehren.

11.00 Uhr:
Am Ende des geteerten Feldweges stehen drei kleine Hütten. Ich mache mit Emma die erste Rast.

11.08 Uhr:
An der westlichen Hangkante, weit über 2000 Meter Höhe treibt ein Steinadler im Aufwind. Es dauert 30 – 40 Sekunden, dann treibt er über die Hangkante und entschwindet meinem Blick. Trotzdem fantastisch.

11.20 Uhr:
Aufbruch. Es wird steiler.

11.55 Uhr:
Begegnung mit zwei Wanderern, Schwiegersohn und Schwiegervater. Sie haben die Nacht auf der Mindelheimer-Hütte verbracht und wollen nun über Schrotenpass nach Lechleiten. Der Schwiegersohn kommt aus Fulda sein Schwiegervater aus Irland.

12.10 Uhr:
Eine ältere Dame kommt mir mit flottem Schritt entgegen. Sie kommt aus Warth und nutzt das tolle Oktoberwetter für eine Bergtour. Inzwischen ist es richtig steil geworden. Meine kurzen Pausen werden häufiger.

12.40 Uhr:
Wir haben das südlichste Gebäude Deutschlands erreicht. Die Hütte ist geschlossen. Die Kühe sind längst im Tal.

176. Etappe / Birgsau – Haldenwanger Eck – Birgsau / 13.10.201013.00 Uhr:
Zwei junge Burschen mit Hund überholen mich mit flottem Schritt. Sie wollen runter nach Warth ins Lechtal nach Österreich. Emma hat für kurze Zeit einen Spielpartner.

13.10 Uhr:
Geschafft! Mit dem Rücken am südlichsten Grenzstein Deutschlands gelehnt, schweift mein Blick nach Süden und in den wunderbaren blauen Himmel. Es ist warm. und absolut still. Über den Lechtaler Alpen kreist ein Steinadler. Ich bin glücklich und lasse die Bilder auf mich wirken. Emma scheint die Ruhe ebenfalls zu genießen.

13.30 Uhr:
Abstieg bei warmen Temperaturen und Sonnenschein.

14.00 Uhr:
Wir erreichen die südlichste Hütte Deutschlands. Ich ziehe mich im Sonnenschein um.

14.55 Uhr:
An der Hütte, die uns morgens zur ersten Rast diente, kann ich zwei Adler beobachten, die sich an der Hangkante treiben lassen.

15.15 Uhr:
Die Wirtin der Rappen Alm (1242 m) ist noch in der Küche. Zwei Schmalzbrote und der Kaffee dazu schmecken mir vorzüglich.

176. Etappe / Birgsau – Haldenwanger Eck – Birgsau / 13.10.201015.30 Uhr:
Aufbruch nach unten. Vom Tal zieht wieder Nebel auf. Ein kühler, frischer Wind schlägt uns entgegen.

16.00 Uhr:
Die Breitengern Alp passieren wie rechter Hand. Hier schafft es die Sonne nicht mehr durch den Nebel zu dringen. Wir steigen weiter bergab ins Nebelland.

17.00 Uhr:
Die Kapelle in Birgsau erscheint im Nebel. Wir sind wieder unten.

Morgen ist Ruhetag. Feiertag für die Beine und Emma.

 

Ruhetag in Birgsau / 14.10.2010

Nachtrag zum Wandertag von gestern

Ruhetag in Birgsau / 14.10.2010Das Haldenwanger Eck liegt auf 1886 m und ist von Deutschland nur über eine längere Bergtour über den südlichsten Ort Deutschlands, Einödsbach, erreichbar. 17 Kilometer südlich von Oberstdorf steht seit 1986 ein grauer, runder Grenzstein mit der Nummer 147. Er markiert die Grenze zwischen der Republik Österreich und der Bundesrepublik Deutschland. Die runde Grenzsäule ist zugleich auch Dreiländerpunkt zwischen Bayern, Tirol und Vorarlberg. Bei guter Sicht hat man tolle Aussichten in die Lechtaler Alpen. Auf der anderen Talseite sind die steilen Abhänge des Skigebiets rund ums österreichische Warth gut auszumachen.

Während meiner Nonstop-zuFuß-Deutschlandumrundung war ich nun am westlichsten, am tiefsten, dam nördlichsten, am östlichsten, am höchsten und am südlichsten Punkt der Bundesrepublik Deutschland:

25.04.: Westliche Landsstelle an der Deutsch/Niederländischen Grenze Gemeinde Selfkant, Ortsteil Isenbruch, an der Kreisstrasse K1

30.05.: Tiefste Landstelle in der Wilstermarsch, kurz vor dem Nord-Ostsee-Kanal, 3,54 m unter N.N.

08.06.: Nördlichste Landstelle, Landzunge "Ellenbogen" auf der Insel Sylt, nördlich von List, der nördlichsten Ortschaft Deutschlands

19.07.: Östlichste Landstelle in der Gemeinde Neißeaue, Ortsteil Zentendorf (167 Einwohner) an der Deutsch/Polnischen Grenze

07.10.: Höchste Landstelle, Zugspitze (2962 m), Garmisch-Partenkirchen in Bayern

Ruhetag in Birgsau / 14.10.201013.10.: Südlichste Landstelle, Haldenwanger Eck (1886m), Grenzstein Nr. 147 zwischen der Republik Österreich und der Bundesrepublik Deutschland. Außerdem der Dreiländerpunkt zwischen Bayern, Tirol und Vorarlberg

Nach dem Ruhetag will ich morgen mit Emma weiter Richtung Westen. Wenn alles gut geht kann Emma am Sonntag das Wasser des Bodensees verkosten. Schade, dass sie kein Statement über die Geschmacksrichtungen unserer Bäche, Flüsse und Seen abgeben kann.

 

177. Etappe / Birgsau – Balderschwang / 15.10.2010

Die Allgäuer Rundschau hat in ihrer gestrigen Ausgabe eines der zwölf besten "Hoimat-Versla" veröffentlicht. Verfasst von Franz Deubele aus Rettenberg-Kranzegg im Oberallgäu:

177. Etappe / Birgsau – Balderschwang / 15.10.2010Glück isch:
a Huimat hong
uff am Berg doba stong
an Jodlar heare
zue de Trachtlar g'höere
a guete Museg lose
a schöne Fehl liebkose
a quellfrischs Zötlar Bräu
gonz uifach z'friede sei.

Ausgeschrieben war ein Wettbewerb zum Thema Heimat in Zusammenarbeit mit dem Förderverein Mundart Allgäu zu dem 486 Vorschläge in der Redaktion eingingen.

In Birgsau, der zweitsüdlichsten Gemeinde Deutschlands, ist keine Menschenseele zu sehen, als ich mit Emma durchs Tal wandere. Auch am Freibergersee, den wir nach einem kurzen Anstieg bewundern können, herrscht absolute Ruhe. Der See auf 930 Metern Höhe ist mit 16 ha Wasserfläche der größte Allgäuer Hochgebirgssee. Der See entstand während der Eiszeiten. Bis zu 800 Meter hoch türmten sich an dieser Stelle die Eismassen des Stillachgletschers.

177. Etappe / Birgsau – Balderschwang / 15.10.2010Nebel verdeckt weiterhin die Bergspitzen, das Herbstlaub verbreitet sich immer mehr auf den Waldwegen. Wir wandern ein Stück entlang des Sees, ehe wir in Nordwestlicher Richtung weiterziehen. In Kornau frage ich nach Weg Richtung Rohrmoos. Ich verpasse eine Abzweigung, will abkürzen, um nicht zurückgehen zu müssen. Völlig unvermutet trifft mich ein Stromschlag vom Weidezaun, als ich versuche mich unter ihm hindurchzubücken. Mein Kopf ist im Weg, der Stromschlag haut mich hin. Als das Geläut der Kuhglocken lauter wird und Emma an der Leine zieht, berappele ich mich um aufzustehen. Mein Blick fällt in wunderschöne braune Augen, umgeben von hellgrauem Fell. Aber nicht ich bin das Objekt der Kuhbegierde sondern Emma. Emma traut sich, der Allgäuer Bergkuh tief in die Augen zu blicken. Hundeschnauze an Kuhschnauze.

Auf einer Bank in der Nähe machen wir Rast. Mein Schädel brummt noch. Wir müssen trotzdem weiter. Nach Rohrmoos gelangt man nur über eine Mautstraße, die sich vier Kilometer durchs Tal nach oben schlängelt. Ob die Maut auch für Wanderer gilt?

Am Ende des Tales erreichen wir Rohrmoos zur Mittagszeit. Die Holzkapelle St. Anna ist bereits 1568 an dieser Stelle erbaut worden und ist die älteste Holzkapelle Europas. Die Holzmalereien von 1587 sind einzigartig in ihrer Art in Bayern. Seit 1587 steht auch der Berggasthof Rohrmoos auf 1070 Meter Höhe im Rohrmoosertal am Fuß der Gottesackerwände.

In der Gaststube finden wir einen Platz direkt neben dem Kachelofen. Die deftigen Käsespätzle schmecken vorzüglich. Ich sitze mit Emma in der "Prominentenecke". Fritz Walter saß schon hier, Marika Kilius, Georg Thoma, Markus Merk, Hilde Gerg, Irene Epple, Martin Schmitt und Ronny Ackermann, um nur einige zu nennen.

Eigentlich war geplant, hier meinen heutigen Wandertag zu beenden. Da die Wetterprognosen für die nächsten Tage Regen und sogar Schnee ankündigen, entschließe ich mich, mit Emma noch weiter Richtung Balderschwang zu wandern. Die Schneefallgrenze soll am Wochenende auf 800 Meter sinken. Emma würde sich über Schnee freuen, ich weniger.

Morgen werden wir nach über zwei Monaten Wanderzeit Bayern Richtung Österreich verlassen, um am Sonntag den Bodensee zu erreichen.

 

178. Etappe / Balderschwang – Wolfurt / 16.10.2010

Mit festlichem Kuhglockengeläut werden wir in Balderschwang verabschiedet. Wir können die Kühe nicht sehen, sie stehen im nebligen Hang. Die Sicht in die Bergwelt ist auch heute nicht möglich. Auf dem Weg entlang des Baches duftet es nach frisch geschlagenem Holz. Waldarbeiter haben ein Feuer angezündet, um sich zu wärmen. Der Rauch des Feuers zieht ebenfalls durchs Tal. Eine interessante Mischung.

Wir haben sie ohne es zu merken überschritten. Wir haben sie nicht wahrgenommen. Die Landschaft ist fließend, die Almwiesen gehen ineinander über, das Wasser im Bach fließt ungehindert Richtung Westen. Und doch ist sie da: die Grenze. Der Übertritt von Bayern nach Vorarlberg oder von der Bundesrepublik Deutschland zur Republik Österreich geschieht dank dem Schengener Abkommen, das vor 25 Jahren unterzeichnet wurde, ohne Grenzformalitäten. Nicht einmal ein Hinweisschild sagt uns, dass wir Deutschland verlassen haben. Erst als ich an einem nahe gelegenen Bauernhof ein Auto mit Bregenzer Kennzeichen ausmache, weiß ich, dass wir im benachbarten Österreich angekommen sind.

Hinter Gerigsschwend wandern wir fast vier Kilometer entlang der Landstraße bis kurz vor Hittisau. Es ist kalt und es nieselt leicht. Eine kurze Pause im Stehen und Hittisau liegt hinter uns.

178. Etappe / Balderschwang – Wolfurt / 16.10.2010

Wir wandern durch und entlang von Dörfern, deren Namen ich noch nie gehört habe. In Langenegg ein Hinweis auf das preisgekrönte Dorf: Die Europäische Arge für Landentwicklung und Dorferneuerung hat 2010 die Gemeinde Langenegg als Europa-Gewinner ausgelobt. Die Gemeinde scheint sich für unsere Durchquerung extra herausgeputzt zu haben.

Wir steigen bergab ins Tal der Bregenzerach wandern allerdings nicht lange an deren Ufer, da die Flussschleife Richtung Wolfurt nicht begehbar ist. In Bozenau beginnt ein langer Anstieg nach Buch. Genau das Richtige bei diesem nasskalten Wetter. Oben in Buch hätte man sicherlich tolle Ausblicke in den Bregenzer Wald zum Pfänder und erste Blicke auf den Bodensee. Leider nicht bei diesem Wetter. Nach langem Aufstieg ein langer Abstieg.

In Wolfurt an der Brücke nach Kennelbach endet unsere siebeneinhalbstündige Wanderung. Die Temperatur ist leicht gestiegen allerdings noch immer unter 10 Grad plus. Die Alpen liegen hinter uns. Entlang der Bregenzerach erreichen wir morgen den Bodensee. Vielleicht werden wir ihn erst sehen wenn wir direkt davor stehen. Für heute haben wir fertig.

 

179. Etappe / Wolfurt – Lindau / 17.10.2010

An der Brücke über die Bregenzerach zwischen Wolfurt und Kennelbach bin ich heute mit Leis Burchia verabredet. Sie kommt pünktlich mit dem Bus zum verabredeten Zeitpunkt an. Leis verfolgt meine Wanderung seit langem im Internet und wollte unbedingt wissen, mit welcher Schrittfrequenz ich meine täglichen Touren durchziehe.

178. Etappe / Balderschwang – Wolfurt / 16.10.2010Leis ist in Diepholdsau am Rhein aufgewachsen. Als Kind hat sie unmittelbar an der Grenze gespielt. Die Grenze war allgegenwärtig, gehörte einfach zum Leben dazu.

Wir wandern an der Bregenzerach Richtung Bodensee. Nach kurzer Zeit seltsame Bodenwellen im Flussbett. Eine Tafel am Wegesrand verrät, dass es sich bei diesem Naturdenkmal um eine versteinerte Meeresküste handelt. Vor über 20 Millionen Jahren entstand dieses Gestein im Meer. Ein Fluss spülte den Sand ans Meer, Gezeiten und Wellen transportierten ihn weiter. Der tägliche Wechsel von Ebbe und Flut ließ die Sandwellen wandern. Während der Eiszeit formten Gletscher das Rheintal. Heute frisst sich das Wasser der Bregenzerach durchs Gestein. Ein faszinierendes Bild.

Kurz vor der Mündung der Bregenzerach in den Bodensee begegnet uns ein junger Mann mit Schubkarre. Die Wollmütze tief ins Gesicht gezogen, in einer gelben, ärmellosen Jacke mit reflektierenden weißen Streifen, einer orangeroten Hose und Waldarbeiterunfallschuhen, scheint er sein gesamtes Hab und Gut vor sich her zu schieben. Als wir näher kommen, erkenne ich die Jakobsmuschel, das Zeichen der Jakobspilger . Ich frage nach seinem Weg. "Ich laafe no Rom", die prompte Anwort. "An Weinachde bin isch do", so Patrick weiter. Patrick kommt aus Kaiserslautern. In seinem Schubkarren liegt die 28 Kilo schwere Mischlingshündin Kiro. Die 12jährige Hündin ist nicht mehr so gut zu Fuß, lacht Patrick. Aber ich wollte sie unbedingt mitnehmen. Über Kiro hat er eine Überdachung angebracht. Darauf hat er sein Gepäck untergebracht. Am rechten Griff der Schubkarre hat Patrick einen Fahrradbremsgriff installiert mit Verbindung zum Laufrad. Wenn es bergab geht kann er damit besser bremsen.

178. Etappe / Balderschwang – Wolfurt / 16.10.2010Vor dem nahenden Winter und seinem Trip über die Alpen hat er keine Bange, ein bisschen Gottvertrauen, lacht er beim Abschied, dann wird es schon klappen. Dann packt er mit beiden Händen kräftig zu und zieht mit Kiro weiter Richtung Berge.

Den Bodensee sehen wir erst unmittelbar an der Mündung der Bregenzerach in den See. Eine frische Brise schlägt uns von Osten entgegen. Die Berge um den See bleiben verschwunden. Nebel und tief liegende Regenwolken haben sich vermischt. Wir haben Glück an diesem Sonntagmorgen, es wird trocken bleiben bis Lindau.

Es wird eine kurzweilige Wanderung bis dorthin, denn Leis erzählt von ihren Wanderungen in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland. Manchmal zieht sie einen geraden Strich auf der Landkarte von A nach B und versucht dann die beiden Orte zu Fuß miteinander zu verbinden.

Viele Lokale am Seeufer haben geschlossen. Wir wandern ohne Pause über Bregenz und Lochau bis Lindau. Nach fünf Stunden haben wir uns ein Stück Kuchen und einen heißen Kaffee verdient.

Am Abend besucht mich Litwina Boso aus Bludenz. Wir kennen uns seit vielen Jahren von einem Mundartsymposion, haben uns allerdings seit etlichen Jahren nicht mehr gesehen. Litwina liebt ihre Heimat und ihren Dialekt. Sie ist eine Meisterin der Verknappung. Von ihr stammt mein Leitsatz zur Wanderung: "An Wäg ischt doo zum goo. Gang!" Nun gehe ich meinen Weg seit 4545 Kilometer. In wenigen Wochen wird sich der Kreis schließen.

 

180. Etappe / Lindau – Friedrichshafen / 18.10.2010

180. Etappe / Lindau – Friedrichshafen / 18.10.2010In Lindau übernachte ich im Stadtteil Schachen im Schachener Hof. Thomas und Brigitte Kraus sind seit fast zwanzig Jahren in Lindau ein perfektes Team. Die Küche von Thomas Kraus überrascht die Gäste mit Produkten der Region. Brigitte Kraus ist die ideale Gastgeberin und Chefin im Service. Ihr fröhliches Lachen erklingt bei ihrer Arbeit am Abend von jedem Tisch. Hier kann der Gast, wie die beiden es formuliert haben, fröhlich Mensch sein.

Als ich mich bei der Tourismuszentrale in Lindau nach dem weiteren Wegverlauf zu Fuß Richtung Meersburg erkundigt hatte, kam die Antwort der netten Dame am Counter prompt: "Da brauchen Sie keine Wanderkarte. Folgen Sie einfach der Beschilderung des Bodensee-Radrundweges. Das ist die beste Methode den Bodensee kennen zu lernen".

Ich glaube die Dame in der Tourismuszentrale hat noch nie Wanderschuhe getragen, sonst hätte Sie mir diese äußerst unattraktive Strecke nicht empfohlen. Wo wir auch laufen, der See bleibt uns fast überall verschlossen. Gebots- und Verbotsschilder pflastern an diesem Morgen unseren Weg. Schlage ich mich mal zum See durch, stecken wir schnell in einem Sackgassenweg und müssen zurück. Wir wandern entlang der Straßen oberhalb des Sees. Apfelplantagen und Weinberge versperren immer wieder den Zugang zum See. Die Grundstücke bis zum Ufer des Sees lassen kaum Durchgang, hinzu kommen Wildruhezonen und Naturschutzgebiete. Warum muss ich ausgerechnet diesen Weg mit Emma, die den ganzen Morgen an der Leine gehen muss, Richtung Friedrichshafen laufen? Eine unprofessionelle Empfehlung der Tourismuszentrale Lindau!

Ein besonders großes Verbotsschild ist exemplarisch für die vielen Verbotsschilder, die meinen heutigen Weg säumen: "Gehen sie nicht weiter, ohne diesen Text sorgfältig gelesen zu haben. Sie bewegen sich auf Grund, den das neue Bayerische Naturschutzgesetz zum Durchgang und zum Naturgenuss öffnete. Werfen Sie deshalb keine Abfälle und kein Stück Papier weg. Halten Sie sich peinlichst an die Zäunungen und die Abschrankungen zum weiterhin privaten Bereich. Fahren oder schieben Sie weder Moped nach Rad. Machen Sie kein Feuer. Lärmen Sie nicht. Stellen Sie Radio oder Tonbandgeräte ab. Pflücken Sie keine Pflanzen. Führen Sie Ihren Hund strikt an der Leine. Belehren Sie Ihre Kinder im Sinne obiger Hinweise". Leise atmend in gebückter Haltung auf Zehenspitzen leise gehend machen wir uns aus dem Staub.

180. Etappe / Lindau – Friedrichshafen / 18.10.2010In Nonnenhorn wehen die letzten blau-weißen bayerischen Fahnen in den Vorgärten. Zwischen Nonnenhorn und Kressbronn verläuft die Landesgrenze zwischen Bayern und Baden Württemberg. Über zwei Monate bin ich durch Bayern gewandert. Angefangen hat alles mit der Wanderung über den Goldsteigs im Bayerischen Wald. Über Passau ging es dann weiter nach Berchtesgaden zum Königsee. Es folgten die Alpen mit dem Schliersee und Tegernsee und der höchsten Erhebung der Bundesrepublik Deutschlands, der Zugspitze. Hier am Bodensee endet die Wanderung entlang der Bayerischen Grenze. Müssen die Bayern eigentlich für ihr wunderschönes Bundesland so etwas wie eine Paradiessteuer zahlen?

Die Farbe Grau dominiert an diesem tristen Montag unsere Wanderung. Erst in Kressbronn können wir zu ersten Mal ungehindert zum See. Emma ist begeistert und trinkt das glasklare Wasser. Am Schiffsanleger verbindet sich am Horizont das Grau des Sees mit dem Grau des Himmels.

 

181. Etappe / Friedrichshafen – Meersburg / 19.10.2010

181. Etappe / Friedrichshafen – Meersburg / 19.10.2010Am Zeppelin-Museum in Friedrichshafen bin ich mit Patrik Stäbler und seinem Kameramann verabredet. Sie wollen einige Filmsequenzen mit dem Grenzgänger und Emma drehen. Der Hafen und die Stadtsilhouette von Friedrichshafen werden zur Filmkulisse. Der Bodensee saugt die ersten Sonnenstrahlen des Tages auf. Emma zeigt sich an diesem Morgen von ihrer Schokoladenseite. Geduldig trottet sie neben mir her, wenn der Kameramann Anweisungen erteilt und wir einen bestimmten Weg mehrmals laufen müssen. Irgendwann sind die Aufnahmen im Kasten. Später erhalte ich eine SMS von Patrik Stäbler, dass der Film bereits am Abend gesendet wird. Wer Lust hat den drei Minuten Streifen anzuschauen findet ihn unter www.regio-tv.de.

181. Etappe / Friedrichshafen – Meersburg / 19.10.2010Über die Fußgängerpromenade verlasse ich mit Emma Friedrichshafen. Die spitzen Schreie der Möwen locken Emma immer wieder ans nahe Ufer. Blauer Himmel zeigt sich über dem Bodensee. Die Wolken verziehen sich allmählich. Auf der anderen Seite des Sees kann ich die ersten schneebedeckten Berge der Schweiz erkenne. Eine Traumkulisse zum wandern.

Am Ufer des Sees entdecke ich das Klangschiff "Im Augenblick" des Breisacher Künstlers Helmut Lutz. Das Klangschiff ist eine von zwei Skulpturenbühnen aus Stahl und Holz, die der Künstler gemeinsam mit seiner Breisacher Schule geschaffen hat. Das 40 Meter lange Klangschiff bildet in der Mitte eine Rundbühne, aus der der Europa-Stier emporsteigt und mit seinen Hörnern auf den Euterpe-Turm verweist. Auf dem Rammbocksbalken liegt Urania, die Sternenkunde. Aus ihrem Auge führt das Augen-Blick-Seil zum Turm. Das große Anliegen des Künstlers Helmut Lutz ist die Aussöhnung zwischen West und Ost über die Grenzen hinweg. Das Klangschiff entstand 1994 während des Krieges im ehemaligen Jugoslawien. Ein Jahr später fuhr das Klangschiff– montiert auf ein Donauschiff – in Friedensmission auf der Donau über Passau, Linz, Wien, Bratislava und Budapest bis an die Kriegsgrenze. Im Jahr 2000 stand das Klangschiff für ein halbes Jahr in Sarajevo, der Partnerstadt Friedrichshafens, ehe es 2001 seinen endgültigen Hafen am Ufer von Friedrichshafen fand.

An der Uferpromenade finde ich einen Hinweis auf einen Bodensee Rundwanderweg, gekennzeichnet mit einem blauen Punkt und einem schwarzen Pfeil der sich um den blauen Punkt legt. Diesem Punkt folgen wir bis Meersburg. Eine gelungene Wegführung, meistens in der Nähe des Seeufers mit wundervollen Blicken weit über den See ans andere Ufer und die dahinter liegenden Berge. Als der Wind auffrischt fallen die Wellen behutsam und fast geräuschlos zum Ufer. Später erinnern mich die Wellen an die Brandung der Ostsee. Meeresrauschen am Bodensee.

181. Etappe / Friedrichshafen – Meersburg / 19.10.2010Am Spätnachmittag folge ich einer Einladung des Grafen Björn Bernadotte auf die Insel Mainau. Von Meersburg bin ich schnell mit der Fähre auf der anderen Seite des Bodensees. Der Graf und Emma verstehen sich auf Anhieb. Im Schloss habe ich die Möglichkeit Graf Björn über meine ungewöhnliche Reise zu berichten.

Vor wenigen Wochen, am Tag des offenen Denkmals, wurde im Areal des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, ein ungewöhnlicher Landschaftsgarten eröffnet: das Paradies. Nach Plänen der Landschaftsarchitektin Catherine Gräfin Bernadotte, der Schwester des Grafen, entstand zwischen Kokerei und Saarufer ein 33.000 Quadratmeter großer Landschaftsgarten. Hier können die Besucher erleben, wie die Natur einen stillgesetzten industriellen Ort erobert und verwandelt hat. Fast 25 Jahre war das Gelände der Natur überlassen. Tiere und Pflanzen konnten sich ungestört – wie im Paradies – entfalten.

Zur Keltenausstellung, die in wenigen Wochen im Weltkulturerbe Völklinger Hütte beginnt, wird Gräfin Catherine Bernadotte im Hüttenareal auch einen keltischen Kräutergarten präsentieren.

 

182. Etappe / Meersburg – Stein am Rhein / 20.10.2010

Die Fähre bringt mich und Emma von Meersburg nach Staad nördlich von Konstanz. In der Nacht hatte es am See noch intensiv geregnet. Während wir zur anderen Seite übersetzen wird das Sonnenloch über dem Bodensee immer größer. Das Schloss der Familie Bernadotte auf der Insel Mainau liegt im gleißenden Sonnenlicht. Auf der gegenüberliegenden Schweizer Seite hat es in der Nacht wohl kräftig geschneit. Die Wiesen und Hänge unterhalb der Berge sehen aus wie mit Puderzucker bestäubt. Der Wind treibt kräftige Wellen ans Bug der Fähre, die das Wasser schäumend zur Seite schiebt. Ich schließe meine Jacke bis zum Kragen, der Wind steigt durch alle Ritzen. Ich hoffe, der Winter lässt noch etwas auf sich warten.

182. Etappe / Meersburg – Stein am Rhein / 20.10.2010Nach knapp einer Stunde haben wir die Brücke in Konstanz erreicht und folgen der Beschilderung des Seerundwanderweges Richtung Westen. Hinter Konstanz wandern wir vom Paradies in den Rosengarten und von dort nach Gottlieben. Irgendwo zwischen diesen kleinen Dörfern mit ihren klangvollen Namen haben wir die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz überschritten. Gerne hätte ich mit Emma im Paradies übernachtet. Es ist noch zu früh. Der blaue Himmel lässt uns weiterwandern. Wer weiß wie sich das Wetter in den nächsten Wochen entwickeln wird.

Am Hafen in Ermatingen machen wir die erste kurze Rast. Unzählige Schwäne liegen wie weiße Bojen auf dem Wasser, die Hälse und Köpfe tief eingetaucht. Ein Hinweisschild informiert mich, dass in Ermatingen und einigen westwärts gelegenen Stellen, die ersten Bewohner des heutigen Kantons Thurgau an den geschützten Buchten des Untersees ihre Hütten bauten. Einige Funde lassen sich eindeutig in die Steinzeit um etwa 3000 Jahre v. Chr. zurückdatieren. Andere Funde sprechen für eine noch frühere Besiedlung der Gegend rund um Ermatingen.

Viele alte Fachwerkhäuser sind liebevoll restauriert und verleihen dem Ortskern ein besonderes Flair. Dunkle Wolken ziehen auf aber wir wandern noch auf der Sonnenseite über Mannenbach, Berlingen und Steckborn immer in Sichtweite des Wassers.

Rechter Hand sehen wir die Insel Reichenau. Mit 4,5 Kilometern Länge und 1,5 Kilometern Breite ist sie die größte der drei Bodenseeinseln. Seit 1838 ist sie mit einem Damm mit dem Festland verbunden. 724 gründete der Wanderbischof Pirmin auf der Insel das Benediktinerkloster. Vom 8. bis zum 11. Jahrhundert entwickelte es sich zu einem geistigen Zentrum des Abendlandes. Die UNESCO hat im Jahr 2000 die frühere Klosterinsel Reichenau in die Welterbeliste aufgenommen, da sie als Kulturlandschaft ein herausragendes Zeugnis von der religiösen und kulturellen Rolle eines großen Benediktinerklosters im Mittelalter ablegt. Die gut erhaltenen Kirchen der Insel bieten anschauliche Beispiele der klösterlichen Architektur vom 9. bis 11. Jahrhundert. Die restaurierten Wandmalereien zeigen die Reichenau als "künstlerisches Zentrum mit großer Bedeutung für die europäische Kunstgeschichte des 10. und 11. Jahrhunderts". Heute leben auf der Insel etwa 3500 Einwohner.

In Steckborn entladen sich einige Wolken zu einem kräftigen Regenguss. Als die ersten Tropfen fallen schaffen wir es gerade noch in einem Cafe Unterschlupf zu finden. Der heiße Milchkaffee und ein Stück Apfelkuchen schmecken ausgezeichnet. Nach weniger als einer halben Stunde ist der Spuk vorbei, die Sonnenstrahlen wärmen wieder während der letzten sechs Kilometer auf dem Weg nach Stein am Rhein. Dort haben wir den Bodensee endgültig hinter uns gelassen.

Im Tourismusbüro von Stein am Rhein frage ich nach einem Zimmer. Yvonne Bähler und ihr Mitarbeiter telefonieren sich im wahrsten Sinne des Wortes die Finger wund. Über eine Stunde sind sie am telefonieren bis sie ein Zimmer für uns gefunden haben. Danke nochmals für die tolle Unterstützung. Während der Zimmersuche verdunkelt sich die Stadt unter schwarz-violetten Wolken, die sich in einem heftigen Hagelschauer entladen. Vor der Tür der Tourismuszentrale ist der Boden der Fußgängerzone mit kleinen weißen Kugeln übersät.

182. Etappe / Meersburg – Stein am Rhein / 20.10.2010Vor einigen Wochen, als ich mit Emma den kleinen und großen Arber auf dem Goldsteig überquerte hatten wir ähnliches Wetter. Damals waren wir allerdings den kleinen spitzen Kugeln von oben wehrlos ausgesetzt.

Im abendlichen Sonnenschein erkunde ich mit Emma den Altstadtkern von Stein am Rhein. Vor allem am Rathausplatz zeugen die mittelalterlichen Häuser mit eindrucksvollen Fassadenbemalungen und Erkern vom Reichtum vergangner Tage. Stille Winkel und stattliche Fachwerkhäuser lassen den Spaziergang zu einem wunderbaren Erlebnis werden. Über der Stadt thront Burg Hohenklingen.

Die Lindauer Zeitung berichtete in ihrer heutigen Ausgabe über den Grenzgänger und seine Beagle-Hündin Emma: "Keine Frage, dieser Mann erlebt unser Land mit allen Sinnen. Er wirkt überlegt, ausgeglichen und keinesfalls so, als müsse er sich morgens motivieren, weiterzulaufen. Vielmehr scheint er gespannt darauf zu sein, was die nächsten Etappen bringen".

Morgen ziehen wir weiter Richtung Westen. Ich bin gespannt was uns auf den letzten 400 Kilometern erwartet.

 

183. Etappe / Stein am Rhein – Schaffhausen / 21.10.2010

Die Sonne steigt langsam von Osten über den Berg, als ich mit Emma Richtung Schaffhausen starte. Die linke Seite des Rheins liegt schon im Sonnenlicht während Richtung Westen Nebel aus dem Wasser steigt. Die Menschen am Rhein sagen dazu Flussrauchen. Hoch oben auf Burg Hohenklingen flattert weithin sichtbar die Schweizer Fahne. Auch an den kleinen Wingertshäuschen im Weinberg zeigt man Flagge. Fast in jeder Blickachse werde ich auch meinem fünfstündigen Weg immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass ich mich in der Schweiz befinde.

Autofahrer, die in den frühen Morgenstunden losfahren, müssen erst den Regen der letzten Nacht beseitigen. Nicht auf der Straße sondern auf den Scheiben. In Stein am Rhein höre ich zum ersten Mal wieder das Geräusch, wie Autofensterscheiben von ihren Besitzern frei gekratzt werden. Vier Wochen muss ich noch gehen, denke ich, es kann verdammt kalt werden.

Wir wandern für längere Zeit in Ufernähe bevor wir an einer großen Rheinbiegung, das Ufer verlassen müssen und in den nahe gelegen Mischwald wandern. Mitten im Wald steht ein Grenzstein von 1839 und zwei runde Eisenstangen, eine Stange ist mit rot-weißer Farbe angemalt, die andere in den Farben schwarz-rot-gold.

Kurz vor Gailingen erreichen wir wieder das Flussufer. Das Wasser ist glasklar, große und kleine Fische wuseln flink hindurch.

183. Etappe / Stein am Rhein – Schaffhausen / 21.10.2010

Zwischen dem deutschen Gailingen und dem schweizerischen Diessenhofen verbindet eine überdachte Holzbrücke die Schweiz mit Deutschland. Dort wartet eine Überraschung auf mich. Zwei deutsche Zollbeamte überwachen auf deutscher Seite den Aus- und Einreiseverkehr. Es sind die ersten Zollbeamten auf die ich bei meiner nun über sieben Monate dauernden Wanderung treffe! Wir kommen ins Gespräch und ich erfahre interessante Einzelheiten des deutschen Grenzverkehrs. Etwa 30.000 Zollbeamte sind noch im Dienst, an Flughäfen, an innerdeutschen Zollstationen oder im Überwachen der Straßen hinter den Grenzübertritten. Nur etwa 300 Zollbeamte versehen den Dienst so wie die beiden, noch unmittelbar an Grenzübergängen auf der Straße. Da die Schweiz das einzige Drittland neben den angrenzenden Eurostaaten ist, wird der Dienst auch nur noch an der schweizerischen Grenze versehen. Die Zöllner auf schweizerischer Seite, so die beiden deutschen Zollbeamten, haben "sich längst aus dem Staub gemacht".

Es herrscht reger Grenzverkehr an diesem Morgen. Viele Autofahrer halten kurz an, um sich irgendwelche Ausweispapiere unterschreiben und abstempeln zu lassen. Die beiden haben keine Langeweile.

Ich wandere mit Emma weiter am Rhein Richtung Büsingen. Büsingen ist die einzige Gemeinde Deutschlands, die eine Exklave des Bundesgebiets bildet. Der Ort ist gänzlich von Schweizer Staatsgebiet umgeben. Die Kantone Schaffhausen, Zürich und Thurgau grenzen unmittelbar an Büsingen.

183. Etappe / Stein am Rhein – Schaffhausen / 21.10.2010Ein geteerter Feldwirtschaftsweg führt direkt auf den Ort zu. Eine ideale Radfahrstrecke denke ich, als mir ein Radfahrer auch schon entgegenkommt. Kurz vor mir wird er langsamer und mustert mich ausgiebig. Er trägt einen Fahrradhelm, eine runde Brille und sein Gesicht ist blank rasiert. Sein Blick lässt nicht von mir los. Ah, denke ich, wahrscheinlich gibt es jetzt eine Belehrung eines scharfen Wildaufsehers oder Jägers weil Emma, immerhin ein Jagdhund, ohne Leine durch sein Revier läuft. Ich werde unruhig, der Blick des Radfahrers ist weiterhin unmittelbar auf mich gerichtet. Da öffnen sich seine Lippen und ich höre: "Was guckst du mich so blöd an?" Die Stimme kenne ich! Lachend fallen wir uns in die Arme. Es ist Christian Schmid aus Schaffhausen, den ich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte. Vor einigen Wochen hatten wir uns telefonisch für den heutigen Abend in Schaffhausen verabredet. Allerdings kannte ich Christian nur mit blank polierter Glatze (sieht man nicht unter dem Helm) und einem dicken Rauschebart im Gesicht. Außerdem hatte ich ihn an dieser Stelle mit dem Fahrrad auch nicht erwartet. Nach kurzem Plausch fährt er weiter und ich laufe Richtung Büsingen.

Am Ortsrand lese ich: "Büsingen, die deutsche Gemeinde in der Schweiz, umfasst eine Gemarkung von 7,62 Quadratkilometer. Das Leben und das Schicksaal des Dorfes sind durch die besondere Lage als deutsche Exklave (Gebietsausschluss) und schweizerische Enklave (Gebietseinschluss) geprägt worden. 1770 verkaufte Österreich seine landgräflichen Rechte über die Gemeinden Dörflingen und Ramsen an Zürich. Im Pressburger Frieden von 1805 ging Büsingen zusammen mit der Landgrafschaft Nellenburg an Württemberg und kam 1810 zum Großherzogtum Baden. 1835 trat Baden dem deutschen Zollverein bei. Aufgrund seiner Lage wurde Büsingen zum Ausschlussgebiet, das heißt deutsches Zollausland".

Die letzte Chance der Büsinger, der Schweiz angegliedert zu werden, bot sich 1956. Damalige Verhandlungen zwischen der Schweiz und Deutschland führten allerdings zu keinem Ergebnis in dieser Angelegenheit. Am 4. Oktober 1967 trat der neue Staatsvertrag zwischen Deutschland und der Schweiz in Kraft, der den rechtlichen Status von Büsingen regelt. Büsingen, das zum Landkreis Konstanz (KN) gehört, hat sogar ein eigenes Auto-Kennzeichen: BÜS.

Am Ortsrand von Büsingen wehen friedlich nebeneinander die Fahnen der Bundesrepublik Deutschland und der Schweiz. Im Ortskern befinden sind die Telefonhäuschen der Deutschen und Schweizerischen Telecom direkt nebeneinander. Über dem Postamt lese ich: D-78266 Büsingen und CH-8238 Büsingen.

Hinter Büsingen verläuft der Weg zwischen Straße und Rhein. Christian kommt von seiner Trainingsstrecke zurück und schiebt sein Fahrrad bis Schaffhausen neben mir her. Für den Abend verabreden wir uns im Schaffhauser Blauburgunderland zum Essen.

 

184. Etappe / Schaffhausen – Hohentengen / 22.10.2010

Christian Schmid, mit dem ich am gestrigen Abend bei Schweizer Rösti und Blauburgunder zusammen saß, ist ein Kind der Grenze. Sein Vater war Grenzwächter in der Schweiz. Christian`s Satz "Meine Heimat ist die Grenze", klingt mir immer noch im Ohr. Christian, der seit 1988 als Redakteur beim Schweizer Radio DRS1 regelmäßig mit seinen Sendungen "Schnabelweid" und "Siesta" zu hören ist, hat in seinem Buch "Nebenhausen" seine Kindheit an der Grenze verarbeitet.

184. Etappe / Schaffhausen – Hohentengen / 22.10.2010Im Klappentext des Buches steht:

"Anfang der fünfziger Jahre lebte das junge Grenzwächterehepaar Schmid, beide aus dem Berner Worblental stammend, mit seinen zwei Knaben zuhinderst in der Ajoie an der Grenze im Weiler Les Bornes, der auf Deutsch ‚Die Grenzsteine' hiesse. Die Welt von Les Bornes, die erinnert erfunden und erzählt wird, eine Welt kurz nach dem Krieg und kurz vor dem großen Aufschwung, ist voll Grenzen. Sichtbar, wenigstens streckenweise, ist nur die Landesgrenze. Dennoch sind die anderen nicht weniger fühlbar, zum Beispiel jene zwischen Bernern und Jurassiern, zwischen Deutsch und Welsch, zwischen katholisch und protestantisch, zwischen Männern und Frauen, zwischen Erwachsenen und Kindern – zwischen uns und ihnen. Einige lassen sich leicht überschreiten, andere nur mit Mühe oder gar nicht. Die Welt von Les Bornes ist ein stilles, abseitiges Paradies ohne Ausweg – eine Welt ‚näbenuss' würde man auf Berndeutsch sagen. Spiele und Arbeit beschäftigen hier die Hände der Kinder und Erwachsenen, aber füllen die Köpfe nicht. In ihnen ist Platz für Geschichten von Schmugglern, vom Krieg, von Bern und dem Jura, Geschichten aus dem Rucksack des Herkommens, den man mit sich trägt, Geschichten vom Hier und Jetzt und von der Zukunft. Muster werden sichtbar im Alltag und in den Geschichten. Muster, an denen man festhält, obwohl nicht mehr alle überzeugen. Mitten in dieser Welt erwacht ein Kind zur Sprache, zum Begreifen und zum Ahnen".

Zum Abschied schreibt er mir in mein Heimatbildersammelbuch:

"Für mich ist die Grenze ein wichtiger
Teil der Heimat. Als Sohn eines Grenzwächters
Aufgewachsen, habe ich, drei Jahre ausgenommen,
mein ganzes Leben an der Grenze verbracht. Ich
bin zwar ein Randschweizer, von den richtigen
immer etwas beargwöhnt – man wohnte ja schon
halb im Ausland. Aber genau diese Distanz
brauchte ich, um mich daheim zu fühlen.
An der Grenze".

184. Etappe / Schaffhausen – Hohentengen / 22.10.2010Der Rhein-Wanderweg zwischen Schaffhausen und Basel verläuft nahe am Flussufer. Etwa 120 Kilometer werde ich in den nächsten Tagen Richtung Westen laufen, um dann an der Rheinbiegung wieder nach Norden zu wandern. Aufbruch in Schaffhausen am Rheinufer. Nach etwa einer knappen Stunde führt der Wanderweg direkt an den tosenden Wassermassen des Rheinfalls vorbei. Auf einer Breite von 150 Metern und einer Fallhöhe von 23 Metern stürzen seit über 15.000 Jahren cirka 600.000 Liter Wasser pro Sekunde herab. Seit 1983 ist der Rheinfall im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung.

In flachen Booten, werden Besucher an die schäumende Gicht des Wassers gebracht. Ein Fels im Rheinfall ist über eine Treppe begehbar. Oben auf der Plattform ist man dem tosenden Wasser ganz nahe.

Hinter der ersten Flussbiegung kehrt Stille. Wir wandern an diesem Nachmittag entlang des Rheins und seinen Flussbiegungen über Rheinau, vorbei an Rüdingen und Buchberg. Um nach Eglisau zu kommen müssen wir über die "Rhi-Brigg". Dort mache ich mit Emma eine kurze Rast. Bis Hohentengen sind es noch eineinhalb Stunden. Die nächsten zwei Tage ist Ruhe angesagt.

 

Ruhetag in Hohentengen / 23.10.2010

In einer Schweizer Buchhandlung habe ich das Kultbuch "SCHWEIZ" von Anna-Katharina Rickert und Ralf Schlatter entdeckt. Im Untertitel heißt es: "Alles was wir Lieben: vom Alphorn bis zum Rütlischwur".

Während meiner Ruhetagslektüre habe ich einige Stichworte aus dem Buch herausgepickt:

Ruhetag in Hohentengen / 23.10.20101. ALPHORN: "Zugegeben, lange Holztrompeten gibt es in vielen Ländern und Landschaften, aber in der Schweiz gilt nur das Alphorn. Schon im Jahre 1527 wurde es zum ersten Mal erwähnt, im Rechnungsbuch eines Klosters‚ zwei Batzen an einen Walliser mit Alphorn' heißt es dort über ein Geschäft mir einem mittelalterlichen Straßenmusikanten. Die Form hat das Alphorn von den Föhren, aus denen es gemacht wird. Sie sind am Strunk gewölbt und werden in rund 70 Stunden Handarbeit geschält und ausgehöhlt bis zu einer Wanddicke von einem halben Zentimeter. Eingefasst wurde es früher mit Rindenblättern oder Holzsteifen, heute nimmt man Peddigrohr. Ein Alphorn hat keine Klappen oder Ventile und beruht deshalb auf der Naturtonreihe. Die Länge des Horns bestimmt die Tonart. Das in der Schweiz verbreitete Fis/Ges-Horn ist 3,26 Meter lang. Je nach Landschaft kann man ein Alphorn fünf bis zehn Kilometer weit hören. Musikerinnen und Musiker wie Elina Burki, Hans Kennel oder Balthsar Streiff (vom Duo "Stimmhorn") versuchen mit Erfolg, das Alphorn aus den traditionellen Klammern zu lösen und seine musikalischen Facetten um Experimentelles und Jazziges zu erweitern. Dazu braucht es in der Schweiz allerdings einen ziemlich langen Atem".

2. SCHWEIZER OFFIZIERSMESSER: " Ob es nun offiziell Schweizer Offiziersmesser heißt oder Schweizer Armeemesser oder Schweizer Messer, in der Schweiz ist es schlicht und ergreifend das Sackmesser und es heißt, jeder rechte Schweizer müsse eins im Sack haben. Sack bedeutet in der Schweiz Hosentasche. Darin tragen es die Männer seit 1891. Alles ist geschützt am Offiziersmesser, vom aufgeprägten Schweizer Wappen bis zum Namen. Nach dem 11. September 2001 gab es übrigens starke Umsatzeinbußen für die Messerhersteller, da auf den Flughäfen niemand mehr ein Offiziersmesser als Souvenir kaufen wollte, weil es einem vor dem Flug wieder weggenommen wurde. Seither gibt es auch Schweizer Offiziersmesser ohne Messer. Das ist dann, mit Verlaub, schon fast wie ein Schweizer Mann ohne Sack".

Ruhetag in Hohentengen / 23.10.20103. SCHOKOLADE: "Es gibt keine weltweit gültige Vorstellung davon, wie gut Schokolade schmecken soll, aber Schweizer Schokolade trifft offenbar den Geschmack etlicher Erdbewohner: 60,5 % der Gesamtproduktion von 181 266 Tonnen gingen 2007 ins Ausland. Es wird also mehr Schokolade exportiert als im Land gegessen. Was aber nicht heißt, dass im Land wenig ‚Schoggi' gegessen wird. Mit einem Pro-Kopf-Konsum von 12,3 Kilogramm pro Jahr sind die Schweizer Weltmeister.

4. RICOLA: "'Wer hat's erfunden?' – ‚Die Schweizer.' – ‚Und wer genau?' –‚Ricola.' Der kleine aufgeweckte Mann – notabene der in der Schweiz wohlbekannte Volksschauspieler Erich Vock -, der mit dem roten Warnblinker auf dem Kopf kreuz und quer durch die Welt saust und den Aborigines, den Japanern und den finnischen Saunagängern die Herkunft der Kräuterbonbons nahe legt, hat Ricola ‚weltberühmt' gemacht. Ricola ist ein traditionelles Schweizer Familienunternehmen. Emil Richterich gründete die Firma 1930, später wurde aus der Richterich und Co. in der Basler Kleinstadt Laufen der Name Ricola. Mit einem kohlebeheizten Herd, mit Kupferkesseln, Kühltisch, Spindelpresse und Drageetrommeln nahm er die Süßwarenproduktion auf, ausgehend vom so genannten Hustenwohl, einem Bonbon mit Kräutern gegen Husten und Heiserkeit. Heute beschäftigt Ricola weltweit 350 Mitarbeiter und exportiert in rund 50 Länder in Europa, Asien, Nordamerika und seit neustem auch nach Australien. Der kleine Mann mit dem roten Warnblinker hat also noch jede Menge Kilometer abzuspulen, um den berühmten ‚Ri-co-laaaa!'-Ruf anzustimmen. Wenn er dabei nur nicht heiser wird".

5. SCHWYZERDÜTSCH: "Das schöne am Schwyzerdütsch ist, dass man es sagen und schreiben kann, wie einem der Schnabel gewachen ist, Hauptsache, man wird verstanden. Hochdeutsch, sagt man hierzuland, sei die Sprache des Verstandes, Schwyzerdütsch aber die Sprache des Herzens. Eine Liebeserklärung in Schwyzerdütsch klingt etwa so: ‚Du min liebschte Schatz, ich ha di gärn und tüüf i min Härz'. Wenn Sie jetzt meinen, das stamme von Walter von der Vogelweide, dann haben Sie gar nicht so unrecht, denn das Schweizer-deutsche ist ein alemannischer Dialekt und als solcher nicht sehr weit vom Mittelhochdeutschen entfernt. Übrigens: Wenn Sie meinen, Sie verstehen sehr gut Schweizerdeutsch, versucht der Schweizer, der mit ihnen spricht, wahrscheinlich gerade, ein möglichst gutes Hochdeutsch zu sprechen. Wenn Deutsche wiederum versuchen, Schweizerdeutsch zu sprechen, empfehlen wir zuerst einmal den folgenden Probesatz: ‚Chasch s Kafichacheli, wo im Chuchichäschtli staht, no abtröchne?'

Wer mehr über die Schweiz wissen will: Kultbuch Schweiz, Alles was wir Lieben: vom Alphorn bis zum Rütlischwur, Komet-Verlag, ISBN: 978-3-89836-838-4, Autoren: Anna-Katharina Rickert und Ralf Schlatter, www.komet-verlag.de, www.schoenundgut.ch

 

Emmas Ruhetag am Sonntag / 24.10.2010

Ein Wetter zum Hundeweglaufen, nebligtrüb, mal Nieselregen, mal starker Regen und hundekalt. Kein besonders tolles Hundewanderwetter. Da bin ich doch hundefroh, dass mein Herrchen einen zweiten Ruhetag eingelegt hat. Wenn mein Herrchen einen Ruhetag einlegt krieg ich das als Hund sofort mit. Abends schaltet er an seinem Handy den Weckton aus, da weiß ich sofort: morgen wird länger geschlafen. Dann kann ich mich auch auf eine lange Hundenacht einstellen und von den vergangenen Hundewandermonaten träumen. Gerade in den letzten Wochen hatte ich einige Begegnungen mit anderen Hunden. Da haben einige ganz schön die Augen gerollt und mich angemacht. Aber wenn mein Herrchen merkt, dass es zu eng wird, nimmt er mich an die Leine und wir ziehen weiter. Ziemlich ungerecht. Ich glaube, da wäre die eine oder andere gute Hundepartie für mich drin gewesen.

Emmas Ruhetag am Sonntag / 24.10.2010Na ja, wir sind ja noch einige Wochen unterwegs. Mal sehen was mir noch so alles an Hundekandidaten begegnen wird. Andererseits wird es jetzt bald richtig kalt, da begegnen uns wahrscheinlich nicht mehr so viele Vierbeiner. Und im Herbst beginnt ja auch die Jagdsaison. Da muss ich sicherlich öfter an die Leine. Nicht dass mich noch so ein verrückter Jäger erschießt.

Gestern hat sich mein Herrchen für die kalten Tage einen Hut aus Filz gekauft. Ich muss mich erst noch daran gewöhnen, Herrchen mit Hut. Ich hab' ja mein Fell auch für die kalten und nassen Hundetage aber meinem Herrchen fehlen auf dem Hinterkopf einige Fellhaare. Da muss er gucken, dass er nicht krank wird. Wir wollen ja in vier Wochen zu Hause sein.

Vergangene Nacht habe ich von unserer Wanderung zum südlichsten Punkt Deutschlands geträumt. Dass war ein supertoller Hundetag. Kein Verkehr, kein Auto. Neun Stunden laufen und rumtoben ohne Leine. Ein Hundeparadies war das. Und überall fantastische Duftspuren die ich niemals zuvor irgendwo gerochen hatte. Oben in den Bergen hat die Sonne geschienen und ab und zu haben wir auch einige Wanderer getroffen, die ich alle begrüßt habe. Das macht man so im Hundeleben, mit freundlich wedelndem Schwanz Hallo sagen.

Manchmal gehen Menschen an uns vorbei, die nicht einmal ‚Guten Tag' sagen. Haben die eigentlich keine Hundeschule, ich meine natürlich Menschenschule, besucht? Dann merke ich, dass sich mein Herrchen darüber aufregt, wenn Menschen, die uns irgendwo begegnen, nicht einmal seinen Gruß erwidern. Ich finde auch, dass sich das nicht gehört. Die sind ganz schön blöd.

Emmas Ruhetag am Sonntag / 24.10.2010An Ruhetagen kann ich den ganzen Tag rumliegen und mich von einer Ecke in die andere kuscheln. Meistens gibt es dann auch eine extra Runde Kuscheln mit Herrchen und kleine Extraportionen Leckerli. Herrchen muss dann seine Wäsche waschen, sitzt am seinem kleinen viereckigen, schwarzen Kasten und beantwortet Mails, wie er sagt. Außerdem telefoniert er dann öfter mit Freunden, die ich auch kenne, oder auch mit Menschen, die ich wahrscheinlich bald kennen lernen werde. Immer was Neues, Tag für Tag, da muss ich ganz schön die Ohren spitzen, damit ich nichts verpasse. Wir beide, mein Herrchen und ich, haben wirklich superspannende Hunde- und Menschentage in den letzten Monaten erlebt. Die nächsten Wochen werden bestimmt auch noch hochinteressant.

Also ich mach jetzt Schluss und verkrümele mich in eine warme Hundeecke.
Herzliche Hundegrüße und ein liebes Hundebussi.
Eure Emma.

 

185. Etappe / Hochentengen – Laufenburg / 25.10.2010

Über die Brücke nach Kaiserstuhl verlasse ich Deutschland Richtung Schweiz. Der Rheinwanderweg verläuft fast auf meiner gesamten Tagesstrecke am Rheinufer entlang. Am dicht bewaldeten Schweizer Ufer säumen zahlreiche Bunker aus dem zweiten Weltkrieg den Weg. Die meisten Dächer der Bunker sind inzwischen überwuchert. An der grünen Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz erobert die Natur ihr Terrain zurück. In einigen Bunkern wurden Nistkästen für verschiedene Vogelarten und Fledermäuse aufgestellt. Friedliche Nutzung einer Bunkerkette am Rhein nach über 70 Jahren.

185. Etappe / Hochentengen – Laufenburg / 25.10.2010An einem der Bunker steht:

Fullfeld-Rhein Infanteriewerk
2-stöckig Bewaffnung
2 x MG 11 resp. 51 (7,5 mm)
Baujahr 1938
Eigentümer Schweizer Militärmuseum Full und Festungsmuseum Reuenthal
www.festungsmuseum.ch

Über Rümikon, Mellikon, Rekingen Bad Zurzach, Rietheim und Koblenz wandere ich mit Emma weiter Richtung Westen. Wir sind allein am Rhein unterwegs. Kühler Wind und eine dichte Wolkendecke lassen mich ein erhöhtes Tempo anschlagen. Emma ist das egal. Sie hat genügend Möglichkeiten sich auszutoben.

Unter dem Motto "Natur kennt keine Grenzen", haben die Einwohner des Aargau 1993 in einer Volksinitiative dem "Auenschutzpark - für eine bedrohte Lebensgemeinschaft" zugestimmt. Seitdem ist Auenschutz im Aargau Verfassungsauftrag niedergeschrieben. Das ist einzigartig in der Schweiz. Bis zum Jahr 2014 werden die Auen wieder aufgewertet und nehmen dann mehr als 1 % der Kantonsfläche ein.

Charakteristisch für den Hochrhein sind sowohl überhängende Steilufer als auch sand- und kiesreiche Flachuferzonen. Typische Elemente von Auenlandschaften. Frisch angenagte Bäume lassen darauf schließen, dass der größte europäische Nager, der Biber, sich hier sichtlich wohl fühlt.

Am Grenzübergang in Koblenz nach Waldshut-Tiengen herrscht Hochbetrieb. Vor allem der LKW-Transit Verkehr sorgt für einen Rückstau und viel Lärm. Die Zollbeamten beider Seiten haben alle Hände voll zu tun.

185. Etappe / Hochentengen – Laufenburg / 25.10.2010Nachdem wir die Brücke über die Aare, die unmittelbar hinter Koblenz in den Rhein mündet, überquert haben, wandern wir über einen kleinen Pfad entlang des Rheins weiter. Es herrscht wieder Ruhe, nur der Belag des Weges knirscht ab und zu unter den Füssen. Gegen Mittag zeigen sich die ersten Wolkenlöcher am Hochrhein. Jüppen Schmittenau und Leipstadt sind die nächsten Orte auf unserer Route. Der Kühlturm des Kernkraftwerks Leipstadt prägt das Bild meiner Blickachse nach Westen für lange Zeit.

Über den Steg Schwaderloch wandern wir wieder nach Deutschland um in Albbruck nach dreißig gelaufenen Kilometer ein Zimmer zu suchen. Erfolglos wie sich schnell herausstellt. Bevor ich einen "Umweg" zu einer Übernachtungsmöglichkeit mache, entschließe ich mich mit Emma noch sechs Kilometer auf Deutscher Seite bis Laufenburg zu wandern.

Kein idyllischer Wanderweg wie auf der schweizer Seite. Harter Asphalt, immer an der Straße entlang und Emma immer an der Leine. Morgen werde ich wieder die Rheinseite wechseln. Am Hochrhein macht es viel mehr Spaß in der Schweiz am Rhein zu wandern. Die kleinen gelben Hinweisschilder und kleinen Richtungsanzeiger "Wanderweg" lassen kein Verlaufen zu.

Am Ortanfang in Laufenburg folge ich dem Schild "Alte Post, Rheinterrasse". Das schöne, alte Haus steht direkt am Rhein. Der Speisesaal des Restaurants liegt direkt an der Rheinwasserkante. Leider ist das Restaurant montags geschlossen. Aber ich bekomme ein Zimmer für mich und Emma.

 

186. Etappe / Laufenburg – Riedmatt / 26.10.2010

Von Laufenburg nach Laufenburg, das heißt wir wandern über die Rheinbrücke von Baden-Württemberg in den Kanton Aargau, von Deutschland in die Schweiz. Das ehemals vereinte Laufenburg, diesseits und jenseits des Rheins gehörte bis zur Trennung durch Napoleon 1801 zu Vorderösterreich. Das linksrheinische Laufenburg wurde 1803 dem neu gegründeten Kanton Aargau zugeordnet. Die Habsburger hatten die strategische Lage von Laufenburg erkannt. Graf Rudolf II. von Habsburg baute den Ort zur befestigten Stadt aus. Laufenburg wurde Residenz der Grafen von Habsburg und wichtiger Handels-, Verwaltungs- und Gerichtsplatz. Heute sind die beiden Laufenburgs wieder eng miteinander verbunden. In wenigen Wochen findet grenzüberschreitend "Altstadt-Weihnachten" statt. Gemeinsame Kulturtage oder die von den Gastronomen getragenen Habsburger Wochen zeugen von einer engen Zusammenarbeit.

186. Etappe / Laufenburg – Riedmatt / 26.10.2010

Richtung Bad Säckingen wandere ich am Schweizer Rheinufer. Der schmale Pfad schlängelt sich nur eine Handbreite vom Rheinwasser entfernt am Ufer entlang. Die Morgensonne durchdringt das Herbstlaub der Bäume. Kormorane ziehen mit kräftigem Flügelschlag haarscharf über die Wasserkante. Graureiher beschimpfen uns im Davonfliegen mit spitzen Schreien, als wir sie an ihren strategisch günstigen Futterplätzen stören. An einem über zwei Meter dicken Baum hat ein Biber Herkulesarbeit geleistet. Die frischen Nagespuren zeugen von einer intensiven Nachtarbeit. Der Baum wird in wenigen Tagen in den Rhein kippen. Alle fünfhundert Meter erinnern die grauen Betonbunker an eine Zeit, da es an der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland nicht so friedlich war wie heute.

Nach drei Stunden werden die ersten Häuser von Bad Säckingen sichtbar. Über Europas längste gedeckte Holzbrücke wandere ich vom schweizerischen Stein ins deutsche Bad Säckingen. In Bad Säckingen bin ich dann dem Trompeter von Säckingen auf der Spur. Leider erfolglos. Der Dichter Johann Victor von Scheffel hat das Versepos vor über 150 Jahren geschrieben. Der Kater Hiddigeigei dient als Sprachrohr des Dichters und begleitet die Liebesromanze zwischen dem bürgerlichen Sohn Franz Werner Kirchhofer und dem adeligen Fräulein Maria Ursula von Schönau, die in der Scheffel'schen Dichtung Margaretha heißt. Von der Höhe eines Turms blickt Hiddigeigei auf das "Treiben der Parteien". Sein Glaube an das Gute ist zerbrochen. Der arme Kater fürchtet sich vor dem Alter und beschreibt den Niedergang der Menschen und der Dichtung. Heute ist der Kater Hiddigeigei Bad Säckingens Symbolfigur für Glück und gutes Gelingen.

186. Etappe / Laufenburg – Riedmatt / 26.10.2010Hinter Bad Säckingen nutze ich mit Emma den Rheinuferweg auf deutscher Seite. Eine kleine Hinweistafel zeigt an, dass ich mich am südlichsten Zipfel des Landkreises Waldshut befinde. Zwischen Bad Säckingen und Schwörstadt klingelt mein Handy. Hans-Martin Vögtle möchte mich treffen. Zum einen ist er mit Leib und Seele der "Nachtwächter von Bad Säckingen" (mindestens eine Führung pro Abend) zum anderen ist er freier Mitarbeiter der ortsansässigen Zeitung. Wir treffen uns unterwegs am Weg entlang des Rheins irgendwo im Grünen. In den nächsten Tagen wird ein weiterer Bericht von Emma und dem Grenzgänger erscheinen. Hans-Martin ist begeistert von unserer Tour. Wenn wir im Elsaß wandern, will er uns für einen Tag besuchen.

Der deutsche Rheinuferweg ist asphaltiert. Die Idylle des Morgens ist dahin. In Riedmatt bestelle ich per Handy ein Zimmer. Das Hotel zum Storchen ist eine gute Wahl.

Fazit des Tages:

Glück ist…
mit Emma im sonnendurchfluteten Herbstlaub
zwischen Laufenburg und Bad Säckingen am Hochrhein
auf schmalem Pfad, handbreit neben der Rheinwasserkante
linksrheinisch Richtung Westen zu wandern.

 

187. Etappe / Riedmatt – Weil am Rhein / 27.10.2010

Vom Hotel in Riedmatt sind es nur wenige Meter zum Rheinuferweg. Die Wasservögel scheinen noch zu schlafen. Auf bunten Herbstblättern liegen die ersten Sonnenstrahlen. Der Wanderweg direkt am Rhein lässt mich auf einen tollen Wandertag hoffen. Doch der Schein trügt. Die Idylle ist jäh dahin, als nach wenigen Kilometer die ersten Fabrikgebäude rechter Hand sichtbar werden. Hinzu kommt die Großbaustelle des Rheinkraftwerks Rheinfelden. Das alte Kraftwerk ist abgerissen worden, das neue entsteht. Der Wanderweg führt mitten durch die Großbaustelle. Riesige Schaufelbagger und LKW-Ungetüme mit großen Ladeflächen machen neben vielen anderen Gerätschaften einen ungeheueren Lärm. Erschreckt zieht Emma an der Leine. Sie will weg, genau wie ich. Es dauerte aber eine geraume Zeit, bis wir die Baustelle hinter uns haben.

187. Etappe / Riedmatt – Weil am Rhein / 27.10.2010Kurz vor Rheinfelden erhalte ich von zwei Joggerinnen den Tipp auf Schweizer Seite weiter zu wandern. An der alten Brücke im deutschen Laufenburg überquere ich den Rhein Richtung schweizerisches Laufenburg. Die Europa-Fahne weht am deutschen Brückenzollgebäude.

Aus beiden Seiten überqueren Menschen die Brücke. So ähnlich mag es damals gewesen sein, als Josef von Eichendorf 1826 das tägliche Dienstleben eines Zöllners beschrieb: "Den ganzen Tag (zu tun hatte ich nichts) saß ich daher auf dem Bänkchen vor dem Hause in Schlafrock und Schlafmütze, rauchte Tabak und sah zu, wie die Leut` auf der Landstraße hin und her gingen, fuhren und ritten".

Auf der rechten Seite der Brücke wehen die Fahnen aller Bundesländer Deutschlands, auf der linken Seite die Fahnen der Schweizer Kantone. Am Brückenkopf lockt ein Cafe mit traumhaften süßen Verführungen. Ich widerstehe – ziehe mit Emma weiter. Zum letzten Mal wandern wir am Hochrhein Richtung Westen. Am Kraftwerk in Augst wechseln wir nochmals die Seiten.

187. Etappe / Riedmatt – Weil am Rhein / 27.10.2010Dann beginnt ein langer Asphaltweg Richtung Wyhlen und Grenzach. Hinter Grenzach kommen wir dem Rhein nochmals sehr nahe, ehe wir nach Norden zum letzten Mal ein kleines Stück durch die Schweiz wandern. In Riehen bringen mich nette Menschen immer wieder auf den rechten Pfad. Zweimal überqueren wir die "Grüne Grenze" ohne es wirklich zu bemerken.

In Riehen treffen wir auf den Johann Peter Hebel-Wanderweg, der von Basel zum Feldberg im Schwarzwald verläuft. Hebel wurde am 10. Mai 1760 in Basel geboren und starb am 22. September 1826 in Schwetzingen. Der Dichter, Lehrer, Theologe und Kirchenpolitiker schrieb aus Sehnsucht nach seiner Heimat Basel und dem Wiesental, nördlich von Lörrach, Gedichte in alemannischer Mundart. Seine 1803 erstmals erschienen "Alemannischen Gedichte" machten den Dialekt literaturfähig. Als Kalendermann verfasste er zum Teil schwankhafte Kurzgeschichten mit treffsicheren Sprachkraft. Eine Auswahl seiner Geschichten findet sich in der Sammlung "Schatzkästlein des Rheinländischen Hausfreundes" von 1811, die seit dieser Zeit unzählige Male nachgedruckt wurde.

Mit Emma überquere ich den Fluss Wiese und befinde mich am Ortsrand von Weil am Rhein. Vor einigen Wochen bin ich im Südosten Deutschlands aufgebrochen, um vom Osten Richtung Westen zu wandern. Heute geht diese Ost-West-Passage zu Ende. Ich bin mit Emma im Südwesten angekommen. Morgen wollen wir nach Norden weiterwandern. Das so genannte "Markgräfler Wiiwegli" soll uns auf dem Weg Richtung Staufen bringen.

 

188. Etappe / Weil am Rhein – Bad Bellingen / 28.10.2010

In den nächsten Tagen werde ich mit Emma durchs Markgräfler Land Richtung Norden wandern. Das Markgräfler Land steht für fruchtbare Böden und sonnenverwöhnte Landschaft. Direkt am ersten Tag profitieren wir davon. Als wir am Lindenplatz in Altweil die Beschilderung des Wiiweglis finden, fallen die ersten Sonnenstrahlen von Osten über den Hang. Nach wenigen Minuten sind wir umgeben von Rebflächen, großen Gärten und Streuobstwiesen. Vom Rheintal wandern wir stetig nach oben. Auf einer Wiese steht ein Apfelbaum mit rotbackigen Früchten. Der Morgentau hängt noch an der Außenhaut der Äpfel.

Immer wieder geht der Blick zurück ins Tal. Das gesamte Ausmaß der Stadt Basel wird sichtbar, rauchende Schlote, Industrieanlagen und Hochhäuser. Die Einflugschneise des Flughafens ist gut auszumachen. Über der Stadt liegt eine dicke Rauchschicht. Der Lärm der Stadt ist oben in den Weinbergen nicht mehr zu hören. Die Rebstöcke sind abgeerntet. Vereinzelte Trauben hängen im teilweise vertrockneten Laub. Sie schmecken zuckersüß.

188. Etappe / Weil am Rhein – Bad Bellingen / 28.10.2010Nach einer knappen Stunde erreichen wir hoch über dem Rhein das Winzerdorf Weil-Ötlingen. Der Weg führt direkt am Café INKA vorbei. Es öffnet erst um 12.00 Uhr. Als wir vor dem Café stehen zeigt die Uhr halb elf. Im Hinterhof entdecke ich die Küche und zwei eifrige Frauen beim Kuchenbacken und Vorbereiten der Mittagsmahlzeiten. Die Juniorchefin, Barbara Koger, öffnet mir den Innenraum des Cafès, das einen außerordentlichen Schatz zu bieten hat.

Bei Renovierungsarbeiten 1988 entdeckte Familie Koger eine ganz besondere Tapete, die 1819 in der Pariser Manufaktur Dufour & Leroy mit mehr als 2000 hölzernen Druckstöcken in 83 Farben gedruckt worden war. Die Tapete zeigt Ereignisse aus dem Leben der Inkas vor der Zerstörung ihres Reiches durch den Spanier Pizzaro. Textunterlage für die Szenen war der Roman "Les Incas, ou la destruction de L'Empire du Perou" von Jean Francois Marmontel. Die Vollständigkeit in der Bildfolge und die Tatsache dass die Tapete noch in ihrem ursprünglichen Rahmen, dem ehemaligen Gasthaussaal, gezeigt werden kann, geben der Ötlinger Panoramatapete ihre besondere Bedeutung.

188. Etappe / Weil am Rhein – Bad Bellingen / 28.10.2010Nach der Besichtigung sitze ich im Garten genieße ein Stück Käsekuchen und trinke dazu einen Milchkaffee. Die Sonnenstrahlen wärmen mich im windgeschützten Hof. Paradiesische Zustände.

Nach dem Abstieg von Ötlingen ins Tal und der Überquerung der Bundesautobahn folgt ein weiterer Anstieg hinter Binzen. Rebstöcke so weit das Auge sieht. Kurz vor dem höchsten Punkt steht ein Wingerthäuschen mit der Aufschrift: Rebhaus zum Alpenblick. Ich blicke zurück. In der Verlängerung der Blickachse des Rebhäuschens und des Kirchturms der Ötlinger Kirche erkenne ich die riesigen Bergzacken der Alpenkette. Noch vor wenigen Wochen bin ich mit Emma dort gewandert. Unten im Tal die Smokglocke über Basel. Im Blick nach Westen der hinter dem Rhein liegende Sundgau im französischen Elsaß und die Ausläufer der Vogesen. Nach Norden fließt wie ein silbernes Band der Rhein, im Osten die ansteigenden Berge des Schwarzwaldes. Ein Panoramablick der Extraklasse.

Nach achteinhalb Stunden erreichen wir Bad Bellingen. Im Schwarzwälder Hof, einem Hotel mit dem Gütesiegel "Wanderbares Deutschland", finden wir für eine Nacht eine Bleibe. Emma bekommt von der Chefin des Hauses eine Extraportion Haferflocken mit Milch. Die Weine aus dem Markgräfler Land, die ich an diesem Abend probiere, schmecken ausgezeichnet. Wollen wir hier bleiben oder wollen wir weiter? Ich entscheide das morgen.

 

189. Etappe / Bad Bellingen – Badenweiler / 29.10.2010

Da die nächste Etappe des Markgräfler Wiiwegli mit nur fünfzehn Kilometer ausgeschrieben ist, entscheide ich bei weiterhin traumhaftem Wetter unseren Weg nach Norden fortzusetzen.

Vom Rheintal müssen wir wieder nach oben steigen. In den Weinbergen herrscht Ruhe. Die Winzer sind dabei, im Tal die eingebrachte Ernte zu verarbeiten. Rabenhorden streiten sich um übrig gebliebene Walnüsse am Wegesrand. Fast hinter jeder Wegbiegung stehen stattliche Nussbäume. Wenn ich eine Walnuss entdecke, rolle ich sie mit kräftigem Schwung über den Weg. Ein wunderbares Spiel, denn Emma sprintet begeistert hinter der Nuss her. Schnappt sie, wirft sie durch die Luft und versucht sie mit ihren Pfoten weiterzurollen. Wenn sie genug davon hat, wird die Nuss mit einem Biss geknackt und anschließend der Inhalt verspeist. Emma liebt Walnüsse.

Die warmen Temperaturen und die tolle Fernsicht lassen mich an diesem Morgen viele Bänke ansteuern, um den Ausblick und die Ruhe hoch oben in den Weinbergen zu genießen.

189. Etappe / Bad Bellingen – Badenweiler / 29.10.2010

Die Weinspezialität des Markgräfler Landes ist der Gudedel, den Karl Friedrich von Baden 1780 von der Schweiz ins Markgräfler Land brachte. Der Gudedel gilt als die älteste Kulturrebe, deren Anbau am mittleren Nil in Ägypten verbürgt ist. Die Verbreitung dieser Rebe an die Römer und die Griechen erfolgte vermutlich durch die seefahrenden Phönizier.

An einem Rastplatz weisen einige Zeilen des alemannischen Mundartdichters Johann Peter Hebel auf die Schönheit der Landschaft hin: "GANG LUEG E'WENIG D'GEGNIG A I GLAUB, DE WIRSCH E'GFALLE HA".

Bei der Ortdurchquerung in Schliengen lockt ein Straßencafe mit Milchkaffee und Butterbretzel zur Rast. Am Nebentisch sitzen Corinna und Harry. Wir kommen ins Gespräch. Wenig später sitze ich an ihrem Tisch und als wir uns wieder von einander verabschieden habe ich für den Abend eine Unterkunft bei Corinnas Familie. Allerdings muss ich dafür vier Extrakilometer von Müllheim nach Badenweiler wandern. Aber die Einladung zu Rotwein mit französischem Käse ist zu verlockend.

189. Etappe / Bad Bellingen – Badenweiler / 29.10.2010Als ich auf den Höhen vor Müllheim ankomme, telefonieren wir uns zusammen. Corinna kommt mir mit ihrem Hund entgegengelaufen. Sie war Marathonläuferin und hat in ihrer besten Zeit einen Marathon unter 3'40 h geschafft. Für sie, wie sie erzählt, eigentlich keine Grenzerfahrung, denn das Laufen hat ihr immer Spaß gemacht. Sie musste sich nie über die Marathonstrecke quälen.

Als ich in Badenweiler ankomme, steht die Sonne bereits tief über den Vogesen. Alexander, Corinnas Partner, ist noch in Basel unterwegs und besorgt Käse. Es wird ein unterhaltsamer Abend mit Spaghetti, Käse, Baguette und wunderbaren Rotweinen des Markgräfler Landes. Danke für die schöne Zeit in Badenweiler.

 

190. Etappe / Badenweiler – Staufen / 30.10.2010

190. Etappe / Badenweiler – Staufen / 30.10.2010Abschied von Corinna und Alexander nach einem ausgiebigen Frühstück in Badenweiler. Sie haben versprochen in den nächsten Tagen mal auf einen Sprung vorbei zu kommen. Den Hausberg von Badenweiler, der Blauen, im Rücken, erwartet mich gleich zu Beginn des Tages ein steiler Anstieg. Das Bild der beiden letzten Tage wiederholt sich, als ich oben ankomme. Sonnenüberflutete Weinberge, nach Westen die Vogesen, wie mit einem Lineal entlang des Rheingrabens von Nord nach Süd gezogen.

Wir wandern durch kleine Winzerdörfer, oder tangieren sie an ihren letzten Häusern. Das Markgräfler Wiiweglis wurde vom Schwarzwaldverein 1978 offiziell eingeweiht. Damals führte das Wiiwegli von Weil am Rhein bis Staufen. Die Verlängerung nach Freiburg kam später hinzu. Den Wegewarten möchte ich an dieser Stelle ein dickes Lob aussprechen. Nicht ein einziges Mal habe ich mich auf der Strecke verlaufen. Die Beschilderung des Weges ist absolut Spitzenklasse. Ich werde sicherlich in den nächsten Jahren den Weg von Weil am Rhein nach Freiburg wieder wandern. Von den grandiosen Panoramablicken kann ich nicht genug bekommen.

190. Etappe / Badenweiler – Staufen / 30.10.2010Über Zunzingen, Britzingen, Laufen, Sulzburg, Ballrechten-Dettingen und Grunern komme ich am Nachmittag unterhalb der Burgruine in Staufen an. Unterwegs habe ich Hans und Karin Hanelt getroffen. Hinter Weil am Rhein hatten wir zusammen an einem Rastplatz Pause gemacht, heute Morgen haben wir uns vor Sulzburg getroffen und auf dem Marktplatz in Staufen begegnen wir uns zum dritten Mal für diese Woche. Die beiden haben ihre Grenzerfahrungen 1981 gemacht, als sie einen Ausreiseantrag aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland stellten. Nachdem sie von Görlitz endlich im Westen waren, suchten sie sich Baden Württemberg als zukünftige Wahlheimat aus. Ich will wissen warum. "Ganz einfach", lächelt Karin, "Baden Württemberg hatte damals die niedrigste Arbeitslosenrate. Da kriegen wir bestimmt Arbeit, habe ich damals zu meinem Mann gesagt". Die beiden haben sehr schnell Arbeit gefunden. In Lahr, in der Nähe von Offenburg, sind sie sesshaft geworden.

In einem kleinen Cafe im Schatten der Kirche sitze ich mit Emma in der Sonne und genieße der Wanderfeierabend bevor wir in unser Quartier weiterziehen.

Staufen schmückt sich gerne mit der Bezeichnung Fauststadt. In Staufen soll der von Johann Wolfgang von Goethe im Drama Faust, der Tragödie erster Teil beschriebene sagenumwobene Alchemist, Astrologe und Schwarzkünstler Dr. Johann Georg Faustus, während der Renaissance gelebt haben und gestorben sein. Dr. Johann Georg Faustus soll vom verschuldeten Burgherren Anton von Staufen als Goldmacher angestellt worden sein. Im Jahr 1539 soll Faust in seinem Zimmer im Gasthaus Löwen (am Marktplatz) bei einer Explosion, wahrscheinlich bei einem alchemistischen Experiment, ums Leben gekommen sein. Davon berichtet eine Inschrift an der Fassade des Gasthauses:

Anno 1539 ist im Leuen zu Staufen Doctor Faustus
so ein wunderbarlicher Nigromanta (Schwarzkünstler) gewesen,
elendiglich gestorben und es geht die Sage,
der obersten Teufel einer, der Mephistopheles,
den er in seinen Lebzeiten lang nur seinen
Schwager genannt, habe ihm, nachdem der
Pakt von 24 Jahren abgelaufen, das
Genick abgebrochen und seine arme
Seele der ewigen Verdammnis überantwortet

Im September 2007 wurden in Staufen sieben Bohrungen bis in 140 m Tiefe niedergebracht zur Erkundung einer möglichen Erdwärmegewinnung für das historische Rathaus. Diese führten dazu, dass sich seit Ende 2007 der historische Stadtkern von Staufen um monatlich rund einen Zentimeter hob. Ab März 2009 wurden zusätzliche Erkundungsbohrungen durchgeführt, welche die vermutete Ursache bestätigten: Die Sondierungsbohrungen hatten eine Verbindung zwischen einer Schicht mit unter hohem Druck stehendem Grundwasser und einer darüber liegenden ca. 40 m mächtigen Gipskeuperschicht geschafft. Durch die Wasseraufnahme wandelt sich das darin befindliche Anhydrit zu Gips um, was sein Volumen beim Aufquellen etwa verdoppelt. Das ganze Ausmaß der Schäden nicht nur für das erst im Jahr 2007 sanierte und besonders betroffene Rathaus wie auch für die ganze denkmalgeschützte Altstadt ist nicht absehbar. Mittlerweile (Stand Oktober 2010) sind 247 Häuser betroffen, davon 127 besonders stark beschädigte, welche regelmäßig von einem Büro für Baukonstruktionen überwacht werden.

 

191. Etappe / Staufen – Breisach / 31.10.2010

191. Etappe / Staufen – Breisach / 31.10.2010Staufen liegt noch im Tiefschlaf, als ich am frühen Sonntagmorgen Richtung Rhein aufbreche, zurück zur Grenze. Wir wandern in nordwestliche Richtung nach Bad Krozingen. Die Berge des Schwarzwalds im Rücken, linker Hand, nur schattenartig zur erkennen, die Hügelkette der Vogesen, vor uns, rechter Hand tauchen irgendwann die Terrassen des Kaiserstuhls auf. Dort werde ich in der nächsten Woche zwei Tage Richtung Norden unterwegs sein.

Die leichten Nebelbänke sind verschwunden. In Bad Krotzingen scheint die Sonne mit voller Kraft. Das Herbstlaub raschelt inzwischen auf allen Wegen. Emma sprintet durch den Blätterwald immer auf der Suche nach neuen Botschaften für ihre Nase. Den Kurpark durfte Emma nur mit Leine durchqueren. Hinter der Bad Krotzingen hat sie wieder freien Lauf. Noch einmal wird es für kurze Zeit laut als wir die Autobahntrasse Karlsruhe-Basel unterqueren. An dieser Stelle sind die Auf- und Abfahrten nach Bad Krozingen, Staufen und Breisach.

191. Etappe / Staufen – Breisach / 31.10.2010Es dauert noch über zwei Stunden bis wir endlich den Rhein erreicht haben. Dort kommt mir bereits Hans-Jochen Voigt entgegen, ausgestattet mit Kamera und Schreibblock. Neben seiner Tätigkeit als Journalist führt der pensionierte Kriminalbeamte auch Besucher durch das gegenüberliegende Neuf-Brisach im Département du Haut-Rhin.

Bereits 1959 hat der französische Staatspräsident Charles de Gaulle in Straßburg, den Rhein als Bindeglied zwischen den Völkern bezeichnet. Im Wortlaut sagte er: "Ich sagte es bereits 1945, ich wiederhole es heute mit größter Überzeugung, der Rhein, Euer Rhein, darf nicht länger ein Graben sein, der Rhein soll eine Straße sein, in welche von beiden Seiten Reichtümer, Produkte, Ideen, Energien einfließen. Der Rhein soll ein Bindeglied sein zwischen allem Großen und Starken beiderseits dieser Ufer".

Breisach die Europastadt, direkt am Rhein gelegen, gilt als Bindeglied zwischen Deutschland und Frankreich. Morgen werde ich dort einen Ruhetag einlegen und entspannt über Grenzen spazieren. Emma sind Grenzen egal, sie freut sich aufs Laufen.

Ein Japanisches Sprichwort sagt: "Hebt man den Blick, so sieht man keine Grenze".

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