Non-Stopp Deutschlandumrundung Etappentagebuch September

 


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141. Etappe / Buchenau – Rachel (Waldschmidthaus) / 01.09.2010

Gestern Abend gab es ein unverhofftes Wiedersehen mit Jean-Pierre. Er übernachtete in der gleichen Pension wie ich. Kurze Zeit danach traf auch Klaus Ditl ein, der bereits in Bad Schandau einige Tage mit mir wanderte. Jean-Pierre und Klaus leben beide in Schwabach bei Nürnberg und müssen in die alte Dampfsäge nach Buchenau kommen, um sich kennen zu lernen.

Klaus will heute gemeinsam mit mir und Emma die Gipfel des Rachel und des Lusen erklimmen. Der Wettergott hat leider kein Einsehen. Als wir uns auf den Weg machen regnet es schon wieder.

141. Etappe / Buchenau – Rachel (Waldschmidthaus) / 01.09.2010Bis zur Trasse des Goldsteigs folgen wir dem Zubringerweg mit dem Zeichen der Pestwurz nach oben. Der Weg ist ausgezeichnet markiert. Die zuständigen Ranger des Nationalparks Bayerischer Wald haben die wichtigen Kreuzungspunkte mit Holztafeln gekennzeichnet und den Weg "unverlaufbar" gemacht.

Der Nationalpark Bayerischer Wald wirbt mit dem Slogan "Grenzenlose Waldwildnis". Um die Berge Falkenstein, Rachel und Lusen erstreckt sich entlang der Grenze zur Tschechischen Republik der erste Nationalpark Deutschlands. Zusammen mit dem angrenzenden Nationalpark Sumava in Tschechien ist der Nationalpark das größte Waldschutzgebiet Mitteleuropas. Auf verschiedenen Themenwegen kann die Wildnis beobachtet werden. So zum Beispiel am Hochwaldsteig am Lusen. Dort wo seit 1995 das zerstörerische Werk des Borkenkäfers am vollkommensten scheint, zeigt die Natur ihre Kraft. Zunehmend mehr junge Fichten, Vogelbeeren und Weiden keimen am Fuße der alten Baumstümpfe. Eine neue Waldgeneration wächst heran.

Je weiter wir nach oben kommen, je dichter wird der Nebel. Die Temperaturen fallen. Die Wanderwege sind zu kleinen Bächen geworden. Irgendwann läuft uns das Wasser von oben in die Schuhe. Oft haben wir gerade mal eine Sicht von 30 – 50 Metern. Von den Bergkuppen und Höhen des Bayerischen Waldes ist nichts zu sehen.

141. Etappe / Buchenau – Rachel (Waldschmidthaus) / 01.09.2010Die Hochmoore Zwieselter Filz und Latschenfilz durchqueren wir auf nassen, rutschigen Brettern. Wir jonglieren und balancieren wie Seiltänzer über die Stege. Selbst Emma kommt mächtig ins Schlittern. Einmal kann sie nicht mehr stoppen und rutscht von den Brettern ins nasse Moos. Auch rutsche mehrfach aus, aber irgendwie komme ich kurz vorm Fallen immer wieder zum Stehen. Mit Wandern hat dies wenig zu tun.

Auch auf dem Weg zum Rachel hat der Borkenkäfer ganze Arbeit geleistet. So weit das Auge reicht abgestorbene Baumstümpfe. Im Nebel wirken sie wie riesengroße Zahnstocher. Eine gespenstige, schaurigschöne Atmosphäre.

Das Waldschmidthaus unterhalb des Rachelgipfels liegt auf 1360 Meter. Es ist die erste Berghütte auf der ich während meiner Deutschlandumrundung übernachten werde. Hüttenwirt Kurt Eibl empfängt uns mit einem herzlichen Grüß Gott. Kurze Einweisung ins Hüttenleben, dann werden die Kleider trocken gelegt und die Schuhe mit Papier ausgestopft. Ich fürchte bei dieser Kälte werden sie morgen noch feucht sein. Mein Zimmer hat eine gefühlte Temperatur zwischen drei und fünf Grad. Ich ziehe mir alle trockenen Kleider an, die im Rucksack sind. In der warmen Hüttenstube, kuschelt sich Emma um den warmen Ofen und fängt zu träumen an. Der Hüttenabend kann beginnen.

 

142. Etappe / Rachel – Lusen / 02.09.2010

Emma weckt mich schon in aller Frühe. Sie muss Gassi. Ich schäle mich aus meiner warmen Bettdecke und fröstele sofort. Im Zimmer ist es eiskalt. Das Thermometer an der Tür der Berghütte zeigt zwei Grad. Ich fröstele noch mehr. Über uns funkeln die letzten Sterne der Nacht. Die aufgehende Sonne färbt den Himmel in orangefarbene Streifen. Ohne Emmas dringendes Geschäft hätte ich dieses wunderschöne Tageserwachen nicht erlebt.

142. Etappe / Rachel – Lusen / 02.09.2010Die Kleider sind über Nacht nur teilweise getrocknet. Alles ist noch feucht und klamm. Die Wanderhose ziehe ich feucht an. Die Wanderschuhe sind auch nicht ganz trocken geworden. Es nutzt nichts, die Füße müssen rein.

Nach dem Frühstück wandere ich mit Klaus und Emma zunächst Richtung Rachelspitze. Mit 1452 Meter ist der Große Rachel der zweithöchste Berg am Goldsteig. Das Gipfelkreuz steht am frühen Morgen im gleißenden Sonnenlicht. Die Sonnenstrahlen wärmen, die Wanderhose ist schnell getrocknet. Über steinige Wege steigen wir bergab. Auf 1212 m erreichen wir oberhalb des Rachelsees die auf einem Felsvorsprung gelegene hölzerne Rachelseekapelle. Bereits 1885 wurde an dieser Stelle eine Kapelle errichtet, die nach einem Brand 1951 wieder aufgebaut wurde. Durch das Fenster bietet sich ein Blick in die Tiefe zum Rachelsee. Dort werden wir die erste Rast machen.

Der wunderbare Sonnentag verleitet mich zur Langsamkeit. Ich genieße jeden Schritt und die wärmenden Sonnenstrahlen. Wanderlust statt Wanderfrust. Die Bergkuppen des Bayerischen Waldes und die Täler mit kleinen Dörfern sind heute allesamt greifbar nah. Der Fernblick reicht bis zur Alpenkette. In zweieinhalb Wochen werde ich dort zu meiner ersten Alpenetappe starten.

142. Etappe / Rachel – Lusen / 02.09.2010Hinter dem Rachelsee folgt eine lange Waldpassage bis zum Teufelsloch. Ein Felsblockmeer aus Granit. Als hätte eine unsichtbare Hand riesige Felsbrocken in den Wald geworfen. Mitten durch den Wirrwarr aus Granitblöcken verläuft der Goldsteig. Langsam steigen wir nach oben. Jeder Schritt kostet Kraft und Aufmerksamkeit.

Wir steigen weiter und sehen das Gipfelkreuz des Lusen vor uns. Der Weg führt direkt darauf zu. Allerdings schiebt sich vor das Kreuz eine schier unüberwindbare steinerne Wand, die senkrecht nach oben führt. Dieser Aufstieg wird Himmelsleiter genannt. Bei jedem Schritt scheint mich der Rucksack in die Knie zwingen zu wollen. Niemals in meinem Leben werde ich diesen Aufstieg über die Himmelsleiter vergessen. Glücklich und erschöpft stehe ich am Kreuz und schüttele Klaus die Hand. Er strahlt übers ganze Gesicht. In den letzten Tagen ist auch er zum Fernwanderer geworden. Für den Herbst plant er eine Woche alleine auf Strecke zu gehen.

Mit 1373 Meter gehört der Lusen zu den höchsten Erhebungen im Bayerischen Wald. Rund um den Gipfel des Lusen türmen sich auf einer Fläche von mehr als 200.000 Quadratmetern Granitblöcke wild übereinander, entstanden durch Frostverwitterung in der Quartärzeit.

Abends sind Klaus, ich und Emma die einzigen Übernachtungsgäste im Lusen Schutzhaus, wenige Meter unterhalb des Gipfels. Hüttenwirtin Ilse Dankesreiter heizt den Kachelofen ordentlich ein, damit wir am Ofen Schuhe und Kleider trocknen können. Ilses Mann kocht leckere Leberknödelsuppe und Kaiserschmarrn. Derweil plaudert Ilse mit uns übers Wandern und das Leben auf der Wanderhütte. Ein spannender, anstrengender Tag geht zu Ende. Lange vor 22.00 Uhr gehen die Lichter in der Hütte aus.

 

143. Etappe / Lusen – Mitterfirmiansreut / 03.09.2010

143. Etappe / Lusen – Mitterfirmiansreut / 03.09.2010Als ich mit meinen Tagebuchaufzeichnungen beginne, verschwinden die letzten Sterne am Himmel. Der neue Tag beginnt verheißungsvoll, nur wenige Wolkenfetzen bedecken den Himmel. Der Blick aus dem kleinen Fenster meines Zimmers geht Richtung Osten. Das Lusen Schutzhaus liegt auf 1343 Meter Höhe. Die Täler zwischen den Bergrücken liegen im Nebel. Von hier oben wirkt es, als hätte jemand alles fein säuberlich mit Zuckerwatte abgedeckt. Zwischen 6.15 Uhr und 6.30 Uhr beginnt sich der Himmel zu verfärben. Von meiner "Schreibstube" aus erlebe ich einen fantastischen Sonnenaufgang. Ich öffne das Fenster, die ersten Sonnenstrahlen beginnen schon zu wärmen.

Im Frühstücksraum duftet es nach Kaffee und selbst gemachter Erdbeermarmelade. Daneben Blaubeermarmelade, frische Butter und frisches Brot. Ilse und Wolfgang Dankesreiter verwöhnen ihre Gäste bereits am frühen Morgen.

Der Wandertag beginnt mit einem langen Abstieg Richtung Mauth. Klaus wird mich heute zum letzten Mal begleiten. Er hat sich den Sonnenaufgang heute Morgen vom Gipfelkreuz des Lusen angesehen. Ganz alleine stand er am Kreuz, um dieses tolle Schauspiel zu bewundern. Vom steinig-felsigen Weg geht die Trasse in einen Waldweg und später durchs Steinbachtal. Nach dem Sturm und Regen der letzten Tage liegen einige Bäume quer über dem Weg.

Um die Mittagszeit finden wir in Mauth ein Cafe. Wir können draußen sitzen. Eine Wohltat nach den vielen, langen Regengüssen der letzten Tage. Hinter Mauth wieder ein langer Anstieg zum Almberg auf 1139 Meter.

143. Etappe / Lusen – Mitterfirmiansreut / 03.09.2010In Mitterfirmiansreut erwarten mich im Landhotel Sportalm Beate und Leo. Sie haben die alte Schule des Ortes zu einer Wohlfühl-Sportalm umgestaltet. Das Motto des Sportalmteams lautet: "Man soll dem Leib etwas Gutes bieten, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen". Nachdem Beate und Leo von meiner langen Wanderung erfuhren, haben sie mich spontan eingeladen. Danke für liebenswerte Überraschung. Eine Überraschung der ganz besonderen Art erlebt dann Emma, als wir unser Zimmer beziehen. Da die Sportalm auch ein hundfreundliches Hotel ist, steht für Emma ein eigenes Hundebett im Zimmer, das Emma sofort bezieht.

Beim Abendessen sitzen fünf Erwachsene in einem Raum und unter jedem Tisch hat ein Hund Platz genommen. Emma liegt friedlich unter der Bank und träumt von ihrem Hundebett während Beate in der Küche leckere Überraschungen auf den Teller zaubert. In der Sportalm haben gerade kulinarische Wochen mit Gerichten aus Österreich begonnen. Das Herz der Sportalm schlägt in der Küche. Wandern kann wirklich sehr, sehr schön sein.

 

144. Etappe / Mitterfirmiansreut – Haidmühle / 04.09.2010

144. Etappe / Mitterfirmiansreut – Haidmühle / 04.09.2010Die Geschichte der Wanderung von Mittfirmiansreut nach Haidmühle wäre schnell erzählt, hätte sich nicht Besuch angekündigt. Christa, die beste Freundin meiner Frau, hatte sich von Anbeginn meiner Deutschlandumrundung entschlossen, mich ein Wochenende auf meinem Weg mit Emma zu begleiten. Gestern kam sie spät im Hotel an, heute will sie nun mit mir auf Tour. Achtundzwanzig Kilometer müssen bewältig werden. Für Christa wird die Tour zur Tortur.

Auf dem Weg zum Haidel (1166 m) plagt sich Christa bereits mit Druckstellen am Schienbein, zunächst das rechte Bein, dann das linke Bein. Jeder Schritt wird bereits nach wenigen Kilometern zur Qual. Die Wanderschuhe hat sie sich von ihrer Tochter Flo ausgeliehen. Flo hatte mich zu Beginn meiner Wanderung vom Saarland nach Trier begleitet.

Auf 1100 Meter Höhe passieren wir das ehemalige Dorf Leopoldsreut das zu Beginn des 30jährigen Krieges gegründet wurde. Lediglich die Kapelle St. Nepumuk und das Gebäude der ehemaligen Dorfschule sind erhalten geblieben. Leopoldsreut ist ein Schwerpunkt im Kulturlandschaft Museum Grenzerfahrung.

Die Menschen in Leopoldsreuth, lebten unter härtesten Bedingungen. Die Winter waren hart und lang, und auch im Sommer blies ein eisiger Wind vom Böhmerwald über den Kamm. Heute führt der Wanderweg über die ehemalige Dorfstraße, die zum berühmten "Goldenen Steig" gehörte, auf dem das Salz von Passau nach Böhmen gelangte. Nur 300 Jahre hatte das Dorf Bestand. 1962 verließ der letzte Einwohner seine Heimat.

144. Etappe / Mitterfirmiansreut – Haidmühle / 04.09.2010Der Rundumblick vom 35 Meter hohen Aussichtsturm auf dem Bergrücken des Haidel ist der Höhepunkt der heutigen Wanderung. Die Wanderstrecke der letzten Tage kann ich zurückverfolgen, der Rachel ist gut auszumachen. Auch die gesamte Wanderstrecke des heutigen Tages kann ich verfolgen. Der Blick weit nach Süden bis Passau und zur Alpenkette. Von Westen ziehen dunkle Wolken auf. Wir verlassen den Haidel, bevor uns der Regen erwischt.

Für Christa beginnt nun ein Willenskampf. Wir haben noch etliche Kilometer zu wandern. Das anfangs fröhliche Lächeln auf ihrem Gesicht ist verschwunden. Auf den Waldbänken und an der Wallfahrtskapelle in Kohlstattbrunn gönne ich ihr jeweils zwei Minuten Pause. Dann müssen wir weiter denn Haidmühle ist noch weit. Christas Schritt wird immer langsamer, immer eckiger. Sie beißt sich durch an diesem Nachmittag, erlebt im wahrsten Sinne des Wortes ihre Grenzerfahrung. "Das einzige was nicht weh tut", so Christa am Ende der Wanderung "ist das linke und rechte Ohrläppchen". Beim Abendessen kann sie bereits wieder lachen.

Ob sie morgen einen weiteren Tag auf Strecke geht steht in den Sternen, die bereits am Firmament leuchten, als ich mit Emma noch eine Runde über die Dorstraße ziehe.

 

145. Etappe / Haidmühle – Tiefenleiten / 05.09.2010

Beim Frühstück entscheidet sich Christa heute nicht weiter mit zu wandern. Die Schmerzen sind noch zu groß. Sie wird meinen Rucksack zum nächsten Quartier fahren und mit dem Auto zum Dreisesselhaus kommen.

Der Anstieg zum Dreisesselberg (1333 m) beginnt kurz hinter Haidmühle. Fünfeinhalb Kilometer bergan, zunächst entlang eines Wasserfalls, dann über Waldwege. Bei herrlichen Sommertemperaturen herrscht auf dem Dreisesselplateau Hochbetrieb. Aus allen Richtungen sind Wanderer und Ausflügler unterwegs. Der Fernblick von den verschiedenen Aussichtspunkten entlohnt für den steilen Anstieg. Auf dem Plateau markieren Grenzsteine die Grenze zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik.

Christa hat mein Gepäck weggefahren und fährt mit ihrem Auto bis kurz vor den Berggasthof. Das Picknick um die Mittagszeit kommt gerade richtig. Dann heißt es wieder Abschied nehmen. Christa hatte mir vor meiner langen Wanderung versprochen, mich einmal zu begleiten. Viele Freunde und Bekannte haben dies auch getan. Nur wenige haben so wie Christa ihr Versprechen wahr gemacht. Danke Christa, dass Du da warst.

Über den Adalbert Stifter Steig führt die Goldsteigtrasse für einige Kilometer über die Blockhalde des Steinernen Meeres. Riesige Granitblöcke und Felsplatten liegen wahllos zusammengewürfelt am Berg. Den Weg durch dieses Gesteinschaos kann ich nur ahnen. Emma macht es Spaß über die Felsen zu springen. Bei guter Sicht ist die Alpenkette gut zu erkennen.

145. Etappe / Haidmühle – Tiefenleiten / 05.09.2010

Hinter dem Steinernen Meer verlasse ich den Goldsteig, um zum Dreieckmark zu gelangen, wo Deutschland, Tschechien und Österreich aneinander stoßen. Dort werde ich mich von der tschechischen Grenze verabschieden. Im Schatten des dreieckigen Marmor-Grenzsteins treffe ich echte Grenzgänger: Renate und Lothar Richter aus Halle. Noch vor dem Mauerfall haben sie die damalige DDR über Ungarn verlassen. In Passau haben sie ein neues Zuhause gefunden. Wenn ich in wenigen Tagen Passau erreiche, werden wir uns zum Kaffee treffen.

Beim Abstieg vom Berg begegnet mir Vera, die sich mit ihrem Mann das Steinerne Meer anschauen will. Vera stammt aus Kaiserslautern. Wenn ich morgen von Breitenberg nach Hauzenberg wandere, wollen wir uns am Abend zu einem Glas Wein treffen.

Hinter dem Campingplatz Lackenhäuser wandere ich über die österreichische Grenze. Hier führt der Goldsteig acht Kilometer über österreichisches Gebiet. Ein langer Wandertag geht in Breitenberg zu Ende, dort suche ich vergebens nach meiner Unterkunft. Gut dass hier das Handy funktioniert. Wenige Minuten nach meinem Anruf sitze ich bei einem kühlen Bier in den behaglichen Räumen des Landguts Tiefenleiten von Familie Kohlmünzer. Emma fällt sofort in einen Tiefschlaf.

 

146. Etappe / Tiefleiten – Hautzenberg / 06.09.2010

In der Nähe der Kirche in Breitenberg erinnert ein überdimensionales Foto von Michael Uhrmann an den Empfang des Olympia-Silbermedaillengewinners im April 2010. Skispringer Michael Uhrmann ist in Breitenberg aufgewachsen. Die Skiflugschanze, die ich wenige Minuten später passiere liegt verlassen in einem Seitental.

146. Etappe / Tiefleiten – Hautzenberg / 06.09.2010Die Wanderung von Tiefleiten nach Hautzenberg ist ein Wechselspiel von steilen Bergaufpassagen und Bergabpassagen, die ebenfalls permanent Kraft erfordern. Nach den anstrengenden Wanderungen in den Höhenlagen des Bayerischen Waldes freue ich mich auf die Pause in Passau. Hoch "Helmut" sorgt für Sonnenschein und gute Wanderlaune. Weiße Schönwetterwolken, blauer Himmel und die Sicht über Dörfer, Weiler, sattgrüne Wiesen, abgeerntete Felder und grüne Wälder lassen die Anstrengungen vergessen.

Emma tobt sich anfangs noch aus, dann zeigt sie mir hin und wieder, dass wir eine Pause einlegen sollen. Wir genießen die Ruhe, nutzen heute mehr Bänke als sonst zur kurzen Rast.

146. Etappe / Tiefleiten – Hautzenberg / 06.09.2010In Hautzenberg bin ich mit Vera Krauthoff verabredet, die ich gestern beim Abstieg vom Dreisessel getroffen habe. Vera stammt aus Kaiserslautern, ihr Mann Arne kommt aus Berlin. In Peilstein im nahen Österreich haben sie vor einigen Jahren einen abgelegenen Bauernhof gekauft. "Hier habe ich meine Heimat gefunden", erzählt Vera als wir abends zusammensitzen. Rund ums Haus haben die beiden einen traumhaften Garten angelegt, dazu einen Schwimmteich. Auf der Weide stehen Schafe, Hühner und Hasen gehören auch dazu. Am Waldrand müssen dann auch noch die Forellen versorgt werden. Der Blick vom Wohnzimmer reicht bis weit in den Böhmer Wald. Der Dreisessel ist von hier gut zu sehen. Der Winter kommt oft früh und heftig. Die mächtigen Schneeverwehungen sorgen dann dafür, dass das Auto im Dorf geparkt werden muss, und die letzten Meter über einen kleinen Berg mit Schneeschuhen zurückgelegt werden müssen.

Die Kürbiscremesuppe hat sie schnell in der Küche zusammengezaubert. Anschließend essen wir Baguette und Käse und trinken dazu einen Rotwein aus Frankreich. Ich schlafe in Peilstein in himmlischer Ruhe ein und erlebe am nächsten Morgen eine wunderbare Morgenröte mit einem fantastischen Sonnenaufgang über den Bergen des Böhmer Waldes. Danke Vera und Arne dass ich dies erleben durfte.

 

147. Etappe / Hautzenberg – Passau / 07.09.2010

Emmas Goldsteigresümee

Zwanzig Tage war ich mit Herrchen auf dem Goldsteig unterwegs. Mitte August sind wir zusammen in Marktredwitz gestartet. Als wir losgingen habe ich mein Herrchen mit dem schönsten Hundblick angeschaut den ich habe. Es hat nichts genützt. Bei einem Wetter, an dem man normalerweise keinen Hund vor die Tür jagt sind wir losgegangen. Irgendwann hat er es dann eingesehen und wir haben im Marktredwitzer Haus übernachtet. Am Kachelofen habe ich mir dann mein Fell getrocknet.

147. Etappe / Hautzenberg – Passau / 07.09.2010Eigentlich weiß ich überhaupt nicht woher der Goldsteig seinen Namen hat. Kann mir ja als Hund auch egal sein. Ich hätte ihn Hundeerlebnispark genannt. Die ersten zwei Tage musste ich zwar mit meinen kleinen Pfoten über viel Asphalt laufen. Aber dann wurde es richtig klasse. Am schönsten waren die Wege über Felsen und große Steine, am Lusen- und Rachelgipfel konnte ich mich so richtig austoben. Da hab' ich dann immer auf mein Herrchen warten müssen, wenn er geschnaubt hat wie ein alter Hund. Und immer wenn ich Durst hatte war plötzlich ein Bach da, aus dem ich trinken konnte. Wie haben die Goldsteigplaner das nur hinbekommen?

Ich fand es immer toll, wenn sich Herrchen mit anderen Wanderern verabredet hat. Da fiel bei den Pausen immer etwas für mich ab. Ich hab' sie nur angeschaut und schon hatte ich sie um die Pfoten gewickelt. So haben ich und mein Herrchen neue Freunde gefunden, zum Beispiel Gabi und Michael. Die waren supernett zu mir. Ich glaube nächstes Jahr wollen sie sich mit meinem Herrchen im Saarland treffen. Da darf ich bestimmt mit. Ich freu' mich schon drauf.

Aber auch Klaus und Jean Pierre waren cool, immer noch ein Stück Käse für mich im Rucksack. Bei Beate und Leo in Mitterfirmiansreut im Landhotel Sportalm bekam ich sogar ein eigenes Hundebett. Ich wollte überhaupt nicht mehr weiterwandern. Dort hätte ich am liebsten Hundeurlaub gemacht. Prima finde ich auch, dass mir die Köche in den Unterkünften auch immer was kochen. Mein Herrchen kann ja nicht das ganze Futter im Rucksack für mich mitschleppen.

Im Nationalpark Bayerischer Wald leben viele Tiere, die es bei uns überhaupt nicht gibt. Immer wenn ich eine frische Spur habe werde ich total aufgeregt. Leider merkt das mein Herrchen meist sofort. Dann wird seine Stimme etwas lauter. Wenn ich nicht sofort komme muss ich an die Leine. Aber wenn ich ihn dann wieder becirce lässt er mich gleich los und ich kann rumtoben.

147. Etappe / Hautzenberg – Passau / 07.09.2010Die Markierungen am Goldsteig sind total Klasse angebracht. Da brauchte mein Herrchen fast nie in die Karte zu schauen. Nur wenn einige Schilderkaputtmacher unterwegs waren und die Schilder mitgenommen haben mussten wir schon mal suchen. Ich finde das echt unfair, den Wanderern die Schilder zu klauen. Herrchen ist dann immer ziemlich sauer.

Richtig blöd ist, dass einige Wegstücke direkt an der Straße entlang gehen. Da muss ich dann immer an der Leine laufen. Denkt denn keiner an uns Hunde? Find ich blöd. Der Krach und vor allem der Gestank ist echt eine Zumutung für feine Ohren und Nasen. Vielleicht kann man das ja noch ändern. Der letzte Tag auf dem Weg nach Passau war auch wieder viel Asphalt. Abends haben mir die Pfoten ganz schön weh getan.

Insgesamt ist der Goldsteig wirklich ein hundetauglicher Wanderweg. Wenn mein Herrchen dort wieder wandern will bin ich sofort dabei. Allerdings braucht man ordentlich Kondition. Aber die haben wir ja.

Jetzt werden wir uns in Passau erst mal zwei Tage lang ausruhen und dann wandern wir weiter Richtung Berchtesgaden.

 

1. Ruhetag in Passau / 08.09.2010

1. Ruhetag in Passau / 08.09.2010In Passau werde ich die nächsten zwei Tage ausspannen. Wegen ihrer Lage an den Flüssen Donau, Inn und Ilz nennt man Passau die Dreiflüssestadt. Wo man hinschaut: Ausflugsboote, die unzählige Touristen während des gesamten Tages über die Flüsse fahren. Auch große Kreuzfahrtschiffe liegen bereit, um mit ihren Gästen die Strecke von Passau nach Wien zu absolvieren.

Durch die verwinkelten Gassen der Passauer Altstadt schlendere ich mit Emma über malerische Plätze und endlos lange Promenaden. Am höchsten Punkt der Altstadt erhebt sich der Stephansdom. Der Dom besitzt mit 17.974 Pfeifen bei 233 klingenden Registern und vier Glockenspielen die größte katholische Kirchenorgel der Welt.

Das Glasmuseum im "Wilden Mann" zeigt eindrucksvoll die über 250 jährige Geschichte des böhmischen Glases. Über 30.000 Exponate schildern die Eleganz und Vielfalt der Glasindustrie, vom Barock, Rokoko, Empire, Biedermeier, Historismus Jugendstil, Art Deco bis zur Moderne.

Hoch über Passau liegt auf dem Georgsberg die Veste Oberhaus, eine der größten erhaltenen Burganlagen Europas. Hier erhält man Einblicke in das mittelalterliche Leben auf der Burg sowie die facettenreiche Geschichte der Stadt und der gesamten Region. Multimediale Inszenierungen, Hörbilder und Rekonstruktionen historischer Ereignisse machen hier Geschichte hautnah erlebbar. Von der "Batterie Linde" hat man einen der schönsten Aussichten auf die Dreiflüssestadt.

1. Ruhetag in Passau / 08.09.2010Wegen der besonderen Lage an drei Flüssen ist Passau auch Knotenpunkt nationaler und internationaler Fernradwege. Ich selbst bin vor über zwanzig Jahren den Donauradweg von Passau nach Wien geradelt. Von der Quelle der Donau in Donaueschingen führt ebenfalls ein Radweg bis Passau, ebenso der Römerradweg "Via Danubia" von Bad Gögging nach Passau. Die Tour de Baroque bringt die Radler von Neumarkt in der Oberpfalz ebenfalls nach Passau. Der Inntalradweg startet in Passau und endet im schweizerischen Maloja. Der Inn-Salzach-Tauernradweg verbindet Passau und Salzburg. Ab Freitag werde ich einige Etappen auf diesem Weg zurücklegen.

Aber jetzt heißt es erst einmal ausruhen, entspannen, Füße hochlegen und eine kleine Rückschau halten. Seit fast fünfeinhalb Monaten bin ich gemeinsam mit Emma auf unserer nonstop-zuFuß-Deutschlandumrundung. Keinen einzigen Tag davon möchte ich missen. Jeder Tag hatte seine eigene Dramaturgie, jeder Tag hatte seine besondere Würze und jeden Tag bin ich entlang der deutschen Grenze wunderbaren Menschen begegnet. Glücksgefühle, die ich kaum beschreiben kann. Nur wer bereit ist, mit allen Sinnen jeden einzelnen Tag mit offenen Armen zu empfangen, sich einzulassen auf das Jetzt, wird das erleben, was ich in den letzten Monaten erleben durfte. Die Tage davor sind Geschichte, die Tage die kommen sind Zukunft. Der Moment zählt. Manchmal sind es nur kurze Augenblicke, Hörbilder, landschaftliche Breitbandbildschirme oder der Geruch und Geschmack einer Landschaft. Mal ist es das leise Gurgeln eines namenlosen Baches das mich fasziniert, mal der Blick bis weit über den Horizont oder in ein stilles Tal. Dann ist es der intensive Geschmack der Waldbeeren oder der süße Duft der Wildrosen am Wegesrand. Aber das Wichtigste sind die Menschen. Mein langer Weg ist wie eine Perlenkette, die ich um den Hals trage. Die Menschen die mir begegnen sind die Perlen an dieser Kette. Ich hoffe, dass ich in den nächsten Wochen, auf meinem Weg nach Hause, noch vielen Perlen begegnen werde.

 

2. Ruhetag in Passau / 09.09.2010

Nach dem Frühstück kommt Elke Zanner, Redakteurin und stellvertretende Redaktionsleiterin der Zeitung Passauer Neue Presse. In der morgigen Ausgabe wird in der Passauer Neuen Presse über unseren gemeinsamen Grenzgang berichtet. Elke Zanner ist gleich vernarrt in Emma. Emma nutzt die Gunst der Stunde und erhält eine ordentliche Portion Streicheleinheiten.

2. Ruhetag in Passau / 09.09.2010Anschließend schlendere ich mit Emma entlang der Uferpromenaden und durch die kleinen Gassen der Altstadt. Wo man auch geht, in Passau ist Wasser das dominierende Element. Am Dreiflüsse-Eck fließen von Norden die Ilz, von Westen die Donau, und von Süden der Inn. Die Ilz und der Inn münden in Passau in die Donau, die Richtung Osten weiter fließt. Mit 2800 Kilometern Länge ist die Donau nach der Wolga der zweitgrößte Fluss Europas. Die Donau entspringt in Donaueschingen und verbindet auf ihrem Weg Europa von Westen nach Osten. Wenn sie hinter Passau Deutschland verlässt fließt sie durch weitere neun Anrainerstaaten: Österreich, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien-Montenegro, Rumänien, Bulgarien, Moldawien sowie die Ukraine. Dort mündet sie in das Schwarze Meer.

2. Ruhetag in Passau / 09.09.2010Der Inn legt 520 Kilometer bis Passau zurück. Er entspringt im Lunghiner See oberhalb des Maloja-Passes in der Schweiz und durchfließt anschließend Tirol. Hinter Kufstein wird der Inn oberbayrisch. Die letzten 50 Kilometer ist der Inn Grenzfluss zwischen Österreich und Deutschland. Der Inn hat eine bedeutende Handels-, Kultur- und Naturgeschichte. Über den Inn wurde einstmals das alpine weiße Gold (Salz) bis Passau gebracht und dann über den Goldenen Steig nach Böhmen transportiert. Die Ilz entspringt im bayerisch-böhmischen Grenzwaldgebiet unweit vom Rachelsee. Nach nur 60 Kilometer erreicht sie Passau.

"In 20 Jahren wirst Du mehr enttäuscht sein über die Dinge, die Du nicht getan hast, als über die Dinge die Du getan hast. Also löse die Knoten, laufe aus dem sicheren Hafen aus und erfasse mit Deinen Segeln die Passatwinde" (Mark Twain)

Diesen Satz von Mark Twain nehme ich mir zu Herzen. Morgen werden die Segel neu gesetzt. Die Grenzgänger wandern entlang des Grenzflusses Inn Richtung Süden. Ich bin gespannt wohin uns der Wind in den nächsten Tagen hintreibt.

 

148. Etappe / Passau – Suben / 10.09.2010

Bereits zur Römerzeit war Passau Grenzstadt. Während die Donau das römische Reich von Germanien trennte, war der Inn nicht nur die Grenze zwischen den Provinzen Rätien und Norikum, sondern auch zwischen dem gallischen Zollbezirk und dem illyrischen Zollbezirk, der bis zum Schwarzen Meer reichte.

Bevor ich die ehemalige Grenzstadt verlasse, suche ich am Rathaus nach einem Briefkasten. Mit ausgestrecktem Arm kommt mir eine freundliche Passauerin entgegen, die mich lauthals begrüßt: "Ich hab' Sie heute Morgen in der Passauer Zeitung gesehen. Ich wünsche Ihnen für ihre Wanderung alles Gute". Sie drückt mir die Hand und mit den Worten, ich habe einen Termin beim Friseur, verschwindet sie mit ihrem Dackel in den Gassen der Altstadt.

Elke Zanner von der Passauer Neuen Presse hat einen unterhaltsamen Beitrag über Emma und mich geschrieben. Die Zeitungsfrau in der Altstadt erkennt uns auch sofort, und wenig später begrüßt uns ein Radfahrer, der Emma ebenfalls aus der Zeitung erkennt.

Auf dem Marktplatz hinter dem Stephansdom herrscht geschäftiges Treiben. Bauern bieten frisches Gemüse und Obst an. Leider kann ich nichts einkaufen, in meinem Rucksack ist dafür kein Platz. Mit einem der Bauern komme ich ins Gespräch. "Alles frisch und alles ohne Spritzmittel", preist er seine Waren an. Mit einem liebenswerten "Komm guat hoam", verabschieden wir uns.

Ich verlasse Passau über den Innradweg nach Süden. Nach wenigen Kilometern führt der Weg über die Staustufe auf die andere Seite des Inns. Ab hier ist der Inn Grenzfluss zwischen Deutschland und Österreich. Auf österreichischer Seite setzte ich mit Emma meine Wanderung fort.

148. Etappe / Passau – Suben / 10.09.2010Am Innradweg informieren Tafeln über Lebensdaten und das künstlerische Schaffen von Alfred Kubin. Kubin wurde 1877 in Böhmen geboren. In Salzburg, Zell am See und Klagenfurt wuchs er auf, in München studierte er Kunst. 1901 bekam er seine erste Ausstellung. Er war befreundet mit vielen Künstlern seiner Zeit. Briefwechsel mit Franz Marc, Kandinsky, Paul Klee, Kokoschka, Kafka und Stefan Zweig zeugen davon. Ab 1906 lebte er mit seiner Frau Hedwig in Zwickledt, unweit von Wernstein. Für Jahrzehnte war die Gegend um Zwickledt eine geistige und kulturelle Hochburg. Kubins Werk umfasst über 2300 Illustrationen und Titelblattentwürfe für über 170 Bücher. 1911 wurde er Mitglied der Künstlervereinigung "Der Blaue Reiter". 1951 verlieh man ihm den österreichischen Staatspreis.

In Wernstein lockt ‚s gelbe Eck" mit Topfenstrudel und einem Haferl Kaffee zur Rast. Rudolf Schreiner betreibt mit seiner Frau ein Cafe genau am Brückenkopf. Ursprünglich war es nur Kiosk. Seit jedoch 2006 die Fußgängerbrücke eingeweiht wurde, kommen immer mehr Gäste von der anderen Seite des Inn und seine Nebenerwerbsbeschäftigung wurde zum Hauptberuf. Rudolf Schreiner träumt davon, einmal für längere Zeit mit einem Boot auf Tour zu gehen.

148. Etappe / Passau – Suben / 10.09.2010Als ich weiter wandern will, treffe ich auf Petra Niederquell und Herbert Thyssen. Beide sind für vierzehn Tage auf Fahrradtour. In Breisach, in der Nähe von Freiburg, hat ihre Firma eine Zweigniederlassung. Wenn ich in etwa sechs Wochen in der Region um Freiburg wandern werde, wollen wir uns zu einem gemütlichen Weinabend wieder sehen.

Nachmittags erreiche ich Suben am Inn. Das erste Teilstück Richtung Berchtesgaden ist geschafft. Im Biergarten des Gasthofes Labmayer warte ich auf meinen Sohn Benjamin. Benjamin wird mich die nächsten acht Tage zu Fuß begleiten.

 

149. Etappe / Suben – Mühlheim an Inn / 11.09.2010

"Guat ist dös, was guat tuat". Mit diesem Motto lockt das Innviertel Besucher und Urlauber nach Österreich. Für die Einen sind es die regionalen Köstlichkeiten und Schmankerl aus der Küche, für den Anderen die Zeit für Muße und Entspannung. Für Benjamin, Emma und mich ist es die Wanderung entlang des Inn Richtung Süden.

Als wir Suben verlassen liegt noch eine dicke Nebeldecke über dem Land. Auf dem Radweg hinter Suben fällt mir die erste Kastanie direkt vor die Füße. In der Eifel hatte ich eine Woche nach Osten die ersten Knospen eines Kastanienbaumes fotografiert. Nun fallen schon die ersten Früchte von den Bäumen. Meine Grenzwanderung ist gleichzeitig eine Wanderung durch die Jahreszeiten. Der Sommer geht bald zu Ende. Der Herbst steht vor der Tür.

Emma hat in Benjamin einen neuen Spielkameraden und tobt sich aus. Eine freundliche Joggerin, die aus dem dichten Nebel erscheint berichtet von Jägern die unterwegs sind. Wenn Emma ohne Leine gesichtet wird, könnte dies böse Folgen haben. Die österreichischen Jäger sind da nicht zimperlich. Emma muss für die nächste Stunde an die Leine.

149. Etappe / Suben – Mühlheim an Inn / 11.09.2010

Marienkirchen, Dietrichshofen, Mitterding, die kleine Kapelle in Viehausen sowie Reichersberg haben wir bereits passiert, als gegen Mittag endlich die letzten Nebelschwaden verschwinden. Der Sommer ist zurück und mit ihm ein strahlend blauer Himmel und wärmende Sonnenstrahlen. Am Marktplatz in Obernberg sitzen wir zur Mittagsrast auf der Terrasse eines Cafes und gönnen uns regionale Schmankerl. Ich entscheide mich für den hausgemachten Marillentopfensrudel, Benjamin nimmt Apfelstrudel mit Vanillesoße.

"Halte immer an der Gegenwart fest.
Jeder Zustand, ja jeder Augenblick
ist von unendlichem Wert, denn er
ist der Repräsentant einer ganzen Ewigkeit"

Diesen Satz von Johann Wolfgang von Goethe habe ich gestern an einer Bank in Schärding gelesen. Dort wurde direkt am Inn ein Relaxweg angelegt. "Zum Nachdenken, Moment Geniessen, Schmunzeln, Tagträumen, Seele-Baumeln-Lassen…"

Gerne hätten wir auf der Cafeterrasse in Schärding länger unseren Tagträumen nachgehängt. Aber einige Streckenkilometer liegen noch vor uns. Ein Stück hinter Kirchdorf am Inn verlassen wir das Flusstal. In Mühlheim beim Honigwirt sind wir herzlich willkommen. Auf der Gartenterrasse unter mächtigen Kastanienbäumen schmeckt das erste Bier besonders gut.

 

150. Etappe / Mühlheim am Inn – Simbach am Inn / 12.09.2010

Das Land am Unteren Inn erstreckt sich zwischen Altötting und der Innmündung in Passau. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war der Inn ein unberechenbarer Alpenfluss, der vor allem während der Schneeschmelze ungeheuere Wassermassen ins Tal brachte, was ihm den römischen Namen "Aenus" – der Schäumende bescherte. Um 1900 wurde der Inn in ein enges Bett gezwängt. Durch diesen gravierenden Eingriff in die Natur nahm die Fließgeschwindigkeit rasant zu, der Grundwasserspiegel sank und die Flußauen trockneten aus.

150. Etappe / Mühlheim am Inn – Simbach am Inn / 12.09.2010Ab 1939 wurden daher fünf Stauwehre am Unteren Inn errichtet. Dadurch entstanden große Wasserflächen. Es bildeten sich neue Inseln, wie sie ursprünglich im Wildfluss zu finden waren. Offene Schlickinseln verlandeten und neue, unberührte Auwälder entstanden. Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich am Unteren Inn eine einzigartige Flora und Fauna, sodass die Landschaft am Unteren Inn 1976 als Naturschutzgebiet ausgewiesen wurde. 1979 erhielt das Gebiet vom Rat für Vogelschutz den Titel "Europareservat". Zehntausende Vögel aus allen Richtungen kommen hier zusammen, bevor sie sich im Herbst auf den Weg nach Süden machen oder im Frühjahr wieder in ihre Brutgebiete zurück kehren.

Zwischen Mühlheim und Hagenau kreist ein riesiger Kibitzschwarm über uns, der sich ständig vergrößert. Die Kiebitze scheinen sich zu versammeln, um die Reise in den Süden anzutreten. Ein beeindruckendes Schauspiel.

Bei außergewöhnlich warmen Sommertemperaturen legen wir im Landgasthof "Zur Grille" in Hagenau eine Pause ein. Helmut Buchner sitzt am Nachbartisch und wenig später bei uns. In den letzten Tagen sind wir an sehr vielen alten Birnbäumen vorbeigewandert. Helmut Buchner klärt uns auf: es sind Mostbirnbäume. Die Birnen werden gemeinsam mit Äpfeln zu Most vergoren. Helmut Buchner trinkt mehrere Gläser davon. Wir sträuben uns anfangs ein Glas zu trinken, denn der Most ist nicht alkoholfrei. Dann hat er uns doch noch überredet. Der Most schmeckt lecker, ähnlich wie "Äppelwoi" aus Frankfurt oder "Viez" aus dem Saarland.

150. Etappe / Mühlheim am Inn – Simbach am Inn / 12.09.2010Bis Braunau wandern wir durchs Europareservat Unterer Inn. Über eine Brücke verlassen wir schließlich Österreich und sind in Simbach am Inn wieder in Deutschland. In der Pension Göttler mit angeschlossenem Gasthof werden wir übernachten.

Papst Benedikt XVI weilte als Kardinal Joseph Ratzinger am 5/6 Juli 1997 in diesem Haus, heißt es in einer Bildunterschrift im Flur der Pension. Kardinal Ratzinger und sein Bruder Georg waren Ehrengäste beim Silbernen Priesterjubiläum ihres Verwandten, unseres Hochw. Herrn Stadtpfarres Dekan Alois Messerer, Bischöf. Geistl. Rat. heißt es weiter in der Bildunterschrift. Kardinal Ratzinger bewohnte das Zimmer 16. Als ich mir meinen Schlüsselanhänger anschaue, staune ich nicht schlecht: Zimmer 16! Morgen wollen wir zum Geburtsort von Papst Benedikt XVI nach Marktl wandern.

 

151. Etappe / Simbach am Inn – Marktl / 13.09.2010

Wenige Kilometer hinter Simbach gelangen wir wieder direkt ans Innufer. Wir passieren viele kleine Unterstellhütten aus Holz, von wo aus man im Europareservat Unterer Inn die Vogelwelt beobachten kann. Uns bleibt dafür nicht viel Zeit, denn tief hängende graue Wolken verheißen nichts Gutes. Als es zur Mittagszeit zu nieseln beginnt, würden wir uns gerne im Gasthaus eine warme Suppe gönnen. Leider ist das Wirtshaus am Montag geschlossen. Also pausieren wir an einem noch trockenen Platz unter einer ausladenden Baumkrone.

Der Regen wird immer stärker und wir haben noch etliche Kilometer zurück zu legen. Marktl empfängt uns nach den sommerlichen Temperaturen von gestern mit Wind, grauen Wolken und einem intensiven Regenguss. Ein Bus hat eine Gruppe asiatischer Besucher in den Ort gebracht. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht überrannt werden. Alle haben nur ein Ziel: das Geburtshaus von Papst Benedikt XVI. Wir wärmen uns im gegenüberliegenden Cafe bei einer Tasse Milchkaffee wieder auf.

151. Etappe / Simbach am Inn – Marktl / 13.09.2010"Hier ist der Ort, an dem mir meine Eltern das Leben geschenkt haben, der Ort, an dem ich meine ersten Schritte auf dieser Erde getan habe, der Ort, an dem ich sprechen gelernt habe, der Ort, an dem ich getauft worden bin". Mit diesen Worten hatte Papst Benedikt XVI die Bewohner von Marktl begrüßt, als er am 11. September 2006 seinem Heimatort einen Besuch abstattete.

Josef Ratzinger wurde am 16. April 1927 im ehemaligen Amts- und Mauthaus, geboren. Das Geburtshaus ist zu einem Museum umgestaltet worden. Leider können wir das Haus nicht besichtigen, da montags die Museen geschlossen sind. In vielen Auslagen der Geschäfte in Marktl werden Produkte mit dem Konterfei des Papstes angeboten: Papstbier und Kaffeetassen, Benedikt-Schnitten und Vatikanbrot, Halstücher sowie Video-Live-Mitschnitte der Messe des Papstes in Marktl. Ein Kinoplakat mit dem Titel "Wir sind Papst – ein Dokumentarfilm von Michael Rentsch" hängt vergilbt hinter einigen Glasscheiben.

Im einzigen Gasthaus mit Übernachtungsmöglichkeit weist man uns barsch und bestimmt die Tür. "In dieser Gegend sind Hunde in Pensionen nicht erwünscht", bekommen wir von der Chefin des Gasthofs Hummel zu hören. Sie lässt sich nicht erweichen, wir müssen wieder in den kalten Regen. Den Grund für die Hundeunfreundlichkeit erfahre ich leider nicht. Auch Hunde sind Geschöpfe Gottes. Dass lässt sie kalt, Standpunkt ist Standpunkt.

151. Etappe / Simbach am Inn – Marktl / 13.09.2010Schließlich hilft uns die freundliche Frau im Tourismusbüro von Marktl eine Privatunterkunft zu finden.

Am Abend sitzen wir im Gasthof unmittelbar am Geburtshaus von Josef Ratzinger. Ablehnung und Misstrauen schlägt uns vom Stammtisch der Einheimischen entgegen. Unser Gruß wird nicht erwidert, weder beim Kommen, noch beim Gehen. Man will unter sich bleiben. Nur dem Wirt huscht am Ende unseres Besuchs ein flüchtiges Grinsen übers Gesicht. Die Botschaft des Papstes über die Liebe hat in seinem Geburtsort keine Früchte getragen. Marktl hatte ich mir anders vorgestellt. Morgen wandern wir weiter Richtung Süden. Nach Marktl werde ich sicherlich nie wieder zurückkehren.

 

152. Etappe / Marktl – Tittmoning / 14.09.2010

152. Etappe / Marktl – Tittmoning / 14.09.2010Marktl liegt noch unter einer dicken Nebelwand, als wir uns bereits vor 8.00 Uhr auf den Weg zur Grenzstadt Burghausen an der Salzach machen. Wir wandern einige Stunden durch ein großes Waldgebiet auf den Spuren Papst Benedikts XVI zwischen Salzach und Inn: der Benediktweg verbindet auf vielen Kilometern verschiedene Lebensstationen des Papstes.

Über Jahrhunderte ist Bayern durch das Wirken der Benediktiner geprägt worden. Deshalb gilt Bayern als auch "Terra Benedictina". Das Wirken des Ordens hat auch bei Josef Ratzinger Spuren hinterlassen. Er hat den Namen des Mönchsvaters und Patron des Abendlandes Benedikt angenommen.

In Burghausen trifft uns das hektische Stadtleben mit voller Macht. Am Stadtrand herrscht Baulärm durch Straßenbauarbeiten, der Verkehr wird auf unseren Wanderweg umgeleitet. Erst als wir die Burganlage von Burghausen erreicht haben, ist es wieder angenehm ruhig. Die Burg oberhalb der Salzach ist mit eintausendeinundfünfzig Metern die längste Burganlage Europas. Im 18. Jahrhundert wurde die Burganlage nach dem System des Festungsbaumeisters Marschall Sébastian de Vauban erweitert, im 19. Jahrhundert von Napoleon modernisiert. Wie ein großes Dorf zieht sie sich mit ihren Mauern, Zinnen, Türmen und Kapellen über die schmale Bergzunge bis zum Felsvorsprung über der Salzach. Unterhalb der Burganlage erstreckt sich die malerische Altstadt von Burghausen entlang der Salzach: verträumte Gassen und Winkel, Straßencafes und kleine Geschäfte. Wir wandern über die Brücke nach Ach in Österreich und haben von der Außenterrasse eines kleinen Cafes einen Bilderbuchblick auf Burghausen und die imposante Burganlage.

152. Etappe / Marktl – Tittmoning / 14.09.2010Jede Pause geht einmal zu Ende. Wir haben noch etliche Kilometer zurückzulegen. Mein Sohn Benjamin treibt mich an und erhöht das Wandertempo. Emma schließt zwischendurch Freundschaft mit einem Beagle. Leider wandert dessen Frauchen nicht in unsere Richtung.

An der neuen Brücke zwischen Bughausen und Österreich ist das ehemalige Zollamt zum Kunsthaus umfunktioniert worden, hier treffen sich Künstler von beiden Seiten der Grenze. Einige Kunstwerke sind im Freien zu bewundern.

Die Salzach ist Grenzfluss zwischen Österreich und Deutschland. Die Ufer beiderseits sind dünn besiedelt. Auf österreichischer Seite werden wir bis Tittmoning nur wenige Häuser sehen. In Deutschland sind es vereinzelte Gehöfte in der Nähe der Salzach. Irgendwann ein Hinweis auf einen Historischen Grenzstein von 1721, der die alte Grenze zwischen Salzburg und Bayern markierte. 50 Meter vom Ufer der Salzach steht er versteckt im Wald.

Als wir in Tittmoning ankommen, sind seit dem Start in Marktl neuneinhalb Stunden vergangen. Am Marktplatz finden wir schnell eine Unterkunft. In Tittmoning hat Josef Ratzinger einen Teil seiner Kindheit verbracht. Nur einen Steinwurf von unserem Hotel wohnte die Familie Josef Ratzingers so genannten "Stubenrauchhaus", einem stattlichen Bau direkt am Stadtplatz. Heute werde ich das Hotel nicht mehr verlassen, das Stubenrauchhaus muss bis morgen warten.

Warten muss auch die Flaschenpost, die wir heute am Ufer der Salzach gefunden haben. Wir sind gespannt, was sie enthält.

 

153. Etappe / Tittmonig – Laufen / 15.09.2010

Es war äußerst spannend, die Flaschenpost, die wir gestern aus dem Grenzfluss Salzach gefischt haben, zu öffnen, und zu lesen:

153. Etappe / Tittmonig – Laufen / 15.09.2010"Sei gegrüßt, Welle um Welle sind diese Zeilen gewandert – immer dem Strom folgend. Welch Licht mag durch diese grünen Wandungen getreten sein? Welch trübe Wogen haben sie mal turbulent, mal sanft immer dem Meer zu getrieben. Begonnen haben sie ihren Weg in Salzburg. Flossen aus der Hand eines Träumers direkt auf unschuldiges Papier. Des Träumers Name sei später genannt.
Gehe behutsam um mit dem was du aus den Fluten gefischt hast. Es sind Gedanken, Träume, Spinnereien, die gerne in Gesellschaft weiterreisen wollen. Vielleicht ist dir nach ein paar Zeilen, danach, einen Teil von dir mit auf die Reise zu schicken… weiter, immer weiter in noch so manch eine Hand.
Vielleicht steht dir auch der Sinn danach, einem Träumer eine Freude zu machen und ein kleines Zeichen in seine Heimstatt zu senden. So tue, wonach dir ist. Doch egal, ob dieses Glas lange bei dir weilt, ein Stück deines Selbst erkennen darf, ob es mit dir auf weite Reise geht, oder ob es nur wenige Momente in deinen Fingern weilt… es drängt doch wieder zurück in kühles Nass.
Was auch immer du tust, wo du bist, was dich treibt, ein stiller Wunsch soll dich ereilen, der eines Träumers, einer einfachen Natur…. leb wohl". (30.7.2008)

"Grüße auch von mir, du kleiner Abenteurer, der du dieses Papier in der Hand hältst! 1½ Jahre liegt die Flaschenpost bei uns im Haus, seit meine Brüder sie in Oberndorf gefunden haben. Aber heute am letzten Ferientag ist mir danach, sie dem Träumer zu liebe wieder in die Salzach zu werfen. Denn du musst wissen, dass ich es bin, Marina, die zum Meer Gehörige und mein Element ist das Wasser. Hoffentlich bist du Feuer und Flamme von der Idee begeistert, die Post ein weiteres Mal auf den Weg zu schicken. Aber ich bin ganz Wasser und Welle"… (13.9.2010)

Jede Pause geht einmal zu Ende. Wir haben noch etliche Kilometer zurückzulegen. Mein Sohn Benjamin treibt mich an und erhöht das Wandertempo. Emma schließt zwischendurch Freundschaft mit einem Beagle. Leider wandert dessen Frauchen nicht in unsere Richtung.

Der Grenzgänger wird heute einige Zeilen hinzufügen, und die Post wieder der Salzach übergeben. Ob sie jemals das Meer erreichen wird?

153. Etappe / Tittmonig – Laufen / 15.09.2010Vor unserer Wanderung Richtung Süden entlang der Salzach entdecken wir in Tittmoning am Marktplatz das Benedikt Palais. Davor eine modere Büste Papst Benedikt des XVI. Entlang der Salzach wandern wir fünf Stunden bis Laufen, linker Hand der Fluss, rechter Hand Flußauen, Altarme und Auenwälder. Ein Spaziergänger, der am anderen Ufer seinen Hund ausführt, ruft uns ein freundliches "griast eich" herüber. Ein völlig ereignisloser Wandertag. Wie gut dass mich Benjamin begleitet.

Ganz in der Nähe von Laufen liegt Kirchanschöring. Dort werden wir morgen die Firma Meindl besuchen. Schließlich ist das "Wohnzimmer für meine Wanderfüße" in der Werkstatt der Firma Meindl hergestellt worden.

 

Ruhetag - Zu Besuch in Kirchanschöring / 16.09.2010

Als ich Lukas Meindl vor einigen Jahren während der Messe TourNatur in Düsseldorf von meinem Vorhaben erzählte, Deutschland nonstop zu Fuß entlang der Grenze zu umrunden, war er total begeistert von der Idee. Nun wandere ich von Beginn an mit meinen Meindl-Wanderschuhen und habe weder Druckstellen, Blasen oder andere Beschwerden. Als ich vor über einem halben Jahr verschiedene Modelle ausprobierte, hatte ich schnell "mein Wohnzimmer für die Füße" gefunden.

Unweit des Weges von Tittmoning nach Laufen liegt Kirchanschöring. Selbstverständlich, dass ich bei meinem Schuhsponsor zu einer kurzen Stippvisite vorbeischaute.

Seit elf Generationen stellt die Familie Meindl in Kirchanschöring Schuhe her. Bereits 1683 wurde Petrus Meindl als Schuhmacher urkundlich erwähnt. Im Steuerkataster Nr. 14228 der Gemeinde aus dem Jahr 1813 findet man folgenden Eintrag: "Haus Nr. XV beim Schuster: Besitzerin Maria Meindlin, genannt Schusterhäusl mit der Schuhmachergerechtigkeit".

Nach dem 1. Weltkrieg übernimmt Lukas Meindl die Schuhmachertradition von seinen Eltern und machte sich selbständig. In der Familienchronik heißt es: " Mit eisernem Fleiß und Glück in seinem Unternehmen kaufte Lukas Meindl im Jahre 1934 eine gebrauchte Nähmaschine im Wert von 30 Mark und begann die erste Herstellung von Lederbekleidung. Damals arbeiteten zwei Gesellen in der Firma".

Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg Alfons Meindl in den elterlichen Betrieb mit damals zehn Beschäftigten ein. Er erweiterte das Produktionsprogramm und besuchte die Messe in München mit Meindl-Schuhen.

Hubert Hillmaier bestieg bei seiner Everest-Lhotse-Expedition mit Meindl-Schuhen das Dach der Welt.

Ruhetag - Zu Besuch in Kirchanschöring / 16.09.2010

Seit einigen Jahren leiten nun Lukas und Lars Meindl das Familienunternehmen. Die Marke Meindl gilt heute bei Millionen Bergsteigern und Outdoorbegeisterten als zuverlässiger Partner, wenn es um Schuhe für jedes Gelände geht. Auch Bundeswehr-Soldaten und Sondereinsatz-Kommandos der Polizei tragen Schuhe aus Kirchanschöring.

Während unseres Besuchs im Schuhhaus-Meindl zeigt uns Lukas Meindl eine Sammlung von Schuhen, die den Grundstock fürs künftige Meindl- Schuhmuseum bilden sollen. Jeder Schuh, so Lukas Meindl, hat seine Geschichte, diese Geschichten wollen wir den Besuchern unseres Hauses näher bringen. Vielleicht werden auch meine die Schuhe einmal im Schuhmuseum zu sehen sein: 5000 Kilometer nonstop rund um Deutschland. Auch eine Geschichte.

Während der Besichtigung der Produktionsräume beginnt Emma ordentlich zu schniefen. Der Geruch von Leim liegt in der Luft. Lukas Meindl führt uns durchs Herzstück der Produktionsstätte und erklärt die einzelnen Arbeitsschritte. 230 Mitarbeiter sorgen dafür, dass die Produkte aus Kirchanschöring optimal verarbeitet auf den Markt kommen. Über eine Million Schuhe verlassen jährlich den Standort in Bayern. Der Export geht derzeit in 47 Länder.

Mit frisch geputzten Schuhen, eingecremt und imprägniert verlassen wir die Produktionsstätte meines "Fußwohnzimmers". "Sie sind vom vielen Asphalt schon etwas abgelaufen", meint Lukas Meindl lachend "aber die letzten 1000 Kilometer werden sie gut überstehen".

 

154. Etappe / Laufen – Freilassing / 17.09.2010

154. Etappe / Laufen – Freilassing / 17.09.2010Stille Nacht! Heilige Nacht!
Alles schläft. Eynsam wacht
Nur das traute heilige Paar.
Holder Knab' im lockigten Haar,
Schlafe in himmlischer Ruh!
Schlafe in himmlischer Ruh!

Soweit der Originaltext der ersten Strophe eines Liedes, das jeder kennt. Zu Heiligabend 1818 in der Kirche St. Nikolaus in Oberndorf wurde es zum ersten Mal gesungen. Die Grenzorte Oberndorf und Laufen sind durch eine Fußgängerbrücke und eine Autobrücke über die Salzach miteinander verbunden. Oberndorf gehört zu Österreich, Laufen zu Deutschland.

Bevor ich mit Benjamin und Emma meinen Weg entlang des Grenzflusses fortführe, besuchen wir Oberndorf, um etwas über ein Lied zu erfahren, das an Weihnachten in den meisten Wohnstuben gesungen wird. An der St.Nikolaus Kirche in Oberndorf erinnert eine Bronzeplastik an die beiden Protagonisten des Liedes: Joseph Mohr, von 1817 -1819 Hilfspfarrer in Oberndorf, hatte bereits 1816 in Mariapfarr im Lunggau den Liedtext geschrieben. Er bat Franz Xaver Gruber, seinerzeit Organist in Oberndorf, für den von ihm verfassten Text eine Melodie zu komponieren.

Um die Uraufführung des Liedes ranken sich viele Legenden, die die Entstehungsgeschichte mit anekdotischen Einzelheiten ausschmücken. Der Text und die Melodie begeisterten die in der Kirche anwesenden Gemeindemitglieder. Begleitet wurde der Gesang in der Uraufführung nur durch eine von Joseph Mohr gespielte Gitarre.

Dass dieses Lied über Oberndorf hinaus bekannt wurde, wird dem Orgelbaumeister Mauracher zugeschrieben. Als er 1832 mit anderen Musikern in Leipzig Tiroler Lieder vorführte, gewann vor allem diese Melodie die Aufmerksamkeit des Publikums. Von dort aus trat das Lied seinen Siegeszug durch die deutschen Länder und um die ganze Welt an. Heute gibt es Übersetzungen in mehr als 300 Sprachen und Dialekte.

Entlang der Salzach wandern wir weiter Richtung Süden. Bereits die Kelten hatten einen Namen für die Salzach: "Igonta" ist der erste überlieferte Namen. Die Namen Salzach und Salzburg leiten sich vom lateinischen Sal für Salz ab. Auch die griechisch-indogermanische Bezeichnung "hals" oder "halys" für Salz findet sich noch in Ortsnamen wie Hallein und Bad Reichenhall. Das im Einzugsgebiet der Salzach bei Hallein, Bad Reichenhall und Berchtesgaden vorkommende "Weiße Gold" wurde über die Salzach und den Inn bis Passau verschifft. Über die Goldenen Steige wurde es dann auf dem Landweg bis nach Böhmen transportiert. Heute ist die Salzach nicht mehr schiffbar. Nur ein so genanntes Pätterboot bringt Touristen von Tittmoning nach Burghausen flussabwärts. Als uns vor zwei Tagen ein Pätterboot entgegenkam waren mehr Bierflaschen an Bord als Passagiere.

154. Etappe / Laufen – Freilassing / 17.09.2010Kurz vor Freilassing verlassen wird die Salzach und wandern weiter entlang der Saalach. Vor der Mündung der Saalach in die Salzach, ist die Saalach Grenzfluss zwischen Österreich und Deutschland. Entlang dieser Grenze wandern wir die letzten Kilometer bis Freilassing. Mein Sohn muss zurück ins Saarland. Wir hatten gemeinsam ein kurzweilige Woche und viel Spaß miteinander. Vielleicht wird er zu zwei Alpenetappen wieder kommen. Ich freue mich jetzt schon darauf.

 

155. Etappe / Freilassing – Bad Reichenhall / 18.09.2010

155. Etappe / Freilassing – Bad Reichenhall / 18.09.2010Nach den Wirren der napoleonischen Kriege (1800 – 1810) kam es wiederholt zu wechselnden Staatsangehörigkeiten der Bevölkerung an Salzach und Saalach. 1810 fiel das Land Salzburg dem Königreich Bayern zu, nach einer erneuten Grenzziehung 1816 wurde es dem Kaiserreich Österreich zugesprochen. Ausgenommen davon waren die Gebiete westlich der Salzach und Saalach, da die beiden Flüsse mittig zur Staatsgrenze zwischen Bayern und Österreich bestimmt wurden. Freilassing blieb damit bayrisch. Freilassing war zuvor innerhalb des Kirchdorfs Salzburghofen nur ein kleiner Ortsteil. Durch die Grenzziehung 1816 und den Bau der Eisenbahn 1860 rückte die Grenzgemeinde immer mehr in den Vordergrund. Zum 1. Januar 1923 bekam die Gemeinde Salzburghofen die neue amtliche Namensbezeichnung Freilassing. Am Zusammenfluss von Salzach und Saalach gelegen, wuchs das ehemalige Bauerndorf zum Mittelzentrum des Rupertswinkels im Landkreis Berchtesgaden. 1954 verlieh der Freistaat Bayern die Stadtrechte an Freilassing.

Am Stadtrand, direkt am Ufer der Saalach gegenüber der Stadtgrenze von Salzburg starte ich mit Emma zu meiner nächsten Wanderetappe. Am frühen Morgen herrscht enormer Flugverkehr auf dem nahe gelegenen Salzburger Flughafen. Düsenjets mit ausgefahrenen Landeklappen und Rädern donnern über unsere Köpfe hinweg. Ein ohrenbetäubender Lärm. Emma zieht den Schwanz ein und würde am liebsten davonjagen. Bald wir es ruhiger, die ersten Jogger und Radler kommen uns wortlos entgegen. Wir wandern durch altes Keltenland. Ihr Königreich "Noricum" reichte im Westen bis zum Inn. Mittelpunkt des Königreichs war Salzburg. Auf dem Festungsberg, dem Rainberg und dem Kapuzinerberg (Höhlensiedlungen) können Fundorte besichtigt werden.

155. Etappe / Freilassing – Bad Reichenhall / 18.09.2010In Hammerau, das wir wenig später passieren, wurde vor wenigen Jahren eine grenzüberschreitende Fußgängerbrücke über die Saalach gebaut: "Gewidmet dem grenzüberschreitenden Europa-Gedanken, der die Menschen der Regionen vereinen soll. Nicht Mauern bauen, sondern Brücken zwischen den Menschen errichten". An der Uferböschung blühen die letzten Sonnenblumen. Die Sonne zeigt sich nur selten an diesem Samstag.

Bad Reichenhall erreichen wir am Ufer der Saalach. Tief hängende Wolken verdecken den Blick auf die Berge, die mich und Emma in den nächsten Wochen erwarten. Die Wetterprognose für die nächsten Tage verspricht Sonnenschein und gute Fernsicht.

 

156. Etappe / Bad Reichenhall – Berchtesgaden / 19.09.2010

Die Wetterprognose von gestern trifft zu. Fast alle Wolken haben sich über Nacht auf und davon gemacht. Zu Beginn unserer Wanderung versperrt dichter Hochnebel die Sicht auf die Bergriesen um uns herum. In Bad Reichenhall verlasse ich mit Emma die Saalach, um in südöstlicher Richtung nach Berchtesgaden zu wandern. Dort werde ich drei Tage auf den Spuren meiner Großmutter unterwegs sein. Aber davon morgen mehr.

Die historischen Wurzeln von Bad Reichenhall reichen weit in die Vergangenheit zurück. 1159 wurde Reichenhall urkundlich erstmals als "Stadt" (civitas) bezeichnet, wobei Bad Reichenhall schon auf eine über 4000 Jahre alte Salzgeschichte zurückblicken kann. Leider bleibt keine Zeit die Stadt zu erkunden.

In der Tourismuszentrale entdecke ich ein interessantes Plakat: Zum Gedenken an die verstorbenen Zöllner und Zöllnerinnen findet alljährlich am dritten Sonntag im September am Pfaffenkegel die Zöllner-Bergmesse statt. Diese Tradition ist zurückzuführen auf den tragischen Bergtod des Zollbeamten Albert Hirschbichler im Jahre 1959. Zu seinem Gedenken steht auf dem Pfaffenkegel ein Kreuz. In diesem Jahr findet die Bergmesse zum 48. Mal statt. Leider bin ich zu Fuß auf dem Weg nach Berchtesgaden unterwegs. Ich hätte sehr gerne an der Bergmesse teilgenommen.

156. Etappe / Bad Reichenhall – Berchtesgaden / 19.09.2010In den letzten Tagen haben zwei Frauen meinen Weg gekreuzt, deren Lebensplanung und Lebensvorstellung unterschiedlicher nicht sein können. Maria kam als 16jährige durch die Wirren des Balkankrieges von Kroatien nach Deutschland. Ihr Vater arbeitete in Hamburg, sie fand ein Heim bei ihrer Tante in Heidelberg. Mit achtzehn Jahren wollte sie selbständig sein, eigenes Geld verdienen und ihr Leben selbst bestimmen. Seit dieser Zeit arbeitete sie in verschiedenen Regionen Deutschlands in der Gastronomie. "Dort wo ich mich wohlfühle", erzählt sie mir, "bin ich zu Hause". Vielleicht wird sie einmal nach Kroatien zurückkehren. Wer weiß wohin der Wind sie treibt.

156. Etappe / Bad Reichenhall – Berchtesgaden / 19.09.2010Renate treffe ich am Ufer der Salzach. Sie ist mit dem Fahrrad und ihrem Hund Benny unterwegs. In Bad Reichenhall geboren, hat sie niemals die nähere Umgebung ihrer Geburtsstadt verlassen. "Der Wunsch war da, aber ich habe mich nie getraut aus meiner Heimat wegzugehen", erzählt sie mir, während Emma und Benny herumtoben. Nun lebt sie in der Nähe mit ihrem Mann und den zwei Kindern und ist zufrieden so wie es gekommen ist. Lange Ausflüge mit ihrem Hund und die Tätigkeit als Fitnesstrainerin sind ein wichtiger Ausgleich zum Familienleben.

Die Bundesstraße 20, die Bad Reichenhall mit Berchtesgaden verbindet, ist während der Wanderung meistens in hörbarer Nähe. Kurz vor Hallthurm wird sie dann auch überquert. Der Weiler Hallthurm hatte in früheren Zeiten eine wichtige strategische Bedeutung: "Der kriegerische Einfall von Reichenhaller Bürgern in Berchtesgaden und die Zerstörung der dortigen Saline führte um das Jahr 1194 zur Errichtung einer Sperranlage. Ein zentral gelegener Turm mit Torhaus richtete sich gegen Reichhall – damals Hall genannt – und daher auch die Bezeichnung Hallthurm. Gleichzeitig sollte er das Land der Augustiner-Chorherren von Berchtesgaden vor weiteren feindlichen Übergriffen schützen. Bei der Standortwahl entschied man sich für die engste Stelle zwischen Unterberg und Lattengebirge".

Eine alte Säule mit Kilometerangaben zeigt uns in Hallthurm an, dass wir noch 11,2 Kilometer bis Berchtesgaden unterwegs sein werden. Auf dem Maximiliansweg wandern wir weiter über Bischofswiesen nach Berchtesgaden. Vom Speisesaal meiner Unterkunft zeigt sich der Watzmann in voller Größe. Morgen werde ich mit Emma zum Königssee wandern, um mit dem Schiff nach St.Bartholomä zu fahren.

 

Unterwegs in Berchtesgaden / 20.09.2010

Der lachende Vagabund

Was ich erlebt hab' das konnt' nur ich erleben
Ich bin ein Vagabund
Selbst für die Fürsten soll's den grauen Alltag geben
Meine Welt ist bunt meine Welt ist bunt
Ha, Ha, Ha, Ha….

Unterwegs in Berchtesgaden / 20.09.2010Soweit die erste Strophe des Liedes, das Fred Bertelmann in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gesungen hat. Wenn dann sein unvergleichliches Lachen erklang, mussten wir meiner Großmutter das Taschentuch reichen. Sie wollte das Lied immer wieder hören, ab es flossen auch regelmäßig Tränen. Sie hatte die Single-Schallplatte von einem Urlaub in Berchtesgaden mitgebracht. Ich weiß nicht mehr wie oft sie gemeinsam mit Opa im Berchtesgadener Land Urlaub machte. Aber die vielen Mitbringsel, die meinem Bruder und mir jährlich zukamen, deuten darauf, dass sie immer wieder zum Königsee zurückkehrte. Die Lederhosen, die ich als Kind tragen musste, die Kniestrümpfe und weiß-blauen Hemden stammten allesamt aus Berchtesgaden. Ebenso die Glaskugeln mit kitschigem Inhalt. Wenn man sie schüttelte schneite es auf die Kirche von St.Bartholomä. Kindheitserinnerungen die lange zurückliegen, die nun hier in Berchtesgaden und am Königsee zurückkehren.

Noch bevor ich meine nonstop zu Fuß Deutschlandumrundung startete, hatte ich mir vorgenommen, in Berchtesgaden auf den Spuren meiner Großmutter und meines Großvaters unterwegs zu sein. Was hatte die Beiden so begeistert, dass sie immer wieder hierher zurück kamen?

Zum einen war es sicherlich die fantastische Bergwelt rund um Berchtesgaden mit dem Blick auf den Watzmann und die umliegenden Berge, der Königsee und die Überfahrt nach St. Barholomä. In Erinnerung an meine Großeltern sitze ich dann im Boot mit Blick über den See und dem sagenhaften Blick auf die Ostwand des Watzmanns. Bis St. Bartholomä sind es 5 Kilometer über den See. Das batteriebetriebene Boot erreicht eine Geschwindigkeit von 12 km/h. In der Mitte des Königsees stoppt der Kapitän sein Boot und spielt mit kleinen Pausen ein Stück auf der Trompete. In den Pausen ist das Echo gut zu hören. Die Halbinsel St.Bartholomä mit Kirche und zwei Gasthäusern kommt immer näher. Die Halbinsel schiebt sich wie eine Landzunge in den Königsee. Im Laufe der letzten 10.000 Jahre wurde die Insel vom Eisbach aus dem Verwitterungsschutt der Watzmannwände aufgeschüttet. Die erste "Basilica in Künigsee" wurde 1134 geweiht. Im Kern romanisch, erfolgten von 1698 bis 1710 verschiedene Umbauten und eine Barockisierung. Die Wallfahrtskirche ist Endpunkt der traditionellen Wallfahrt von Maria Alm im Salzburger Land über das Steinerne Meer.

Unterwegs in Berchtesgaden / 20.09.2010Der Königssee liegt im Herzen des 1978 gegründeten Nationalparks Berchtesgaden. Die höchste Erhebung des Nationalparks bildet der Watzmann mit 2713 Meter. Die Ostwand ist mit 1800 Meter reiner Wandhöhe, die höchste Wand der Ostalpen. Der Sage nach wurde im Watzmannmasiv ein grausamer König mit seiner Frau und seinen sieben Kindern versteinert.

Morgen werde ich weiter in Erinnerung an meine Großeltern unterwegs sein. Vielleicht finde ich in einem der vielen Andenkenläden eine Halbkugel in der es schneit wenn ich sie schüttele. Auch meine Welt ist bunt wie die des Vagabunden von Fred Bertelmann. Was ich erlebt, das konnt' nur ich erleben.

 

Unterwegs in Berchtesgaden / 21.09.2010

Als ich gestern in einem Andenken- und Souvenirladen eine Glaskugel entdeckte, deren Inhalt aus einer schwarzweißen Plastikkuh, Wasser und Glimmerglitzer bestand, habe ich sie in Erinnerung an Omas Mitbringsel sofort gekauft. Ein Fehler.

Unterwegs in Berchtesgaden / 21.09.2010Heute bin ich durch fast alle Gassen von Berchtesgaden gelaufen und habe viel Spannendes und Kurioses entdeckt. Abseits der Touristengassen gibt es in Berchtesgaden viel zu entdecken. Im Haus der Geschenke, der ehemaligen Holzschnitzerei Zechmeister (gegr. 1867) bin ich dann fündig geworden: eine Halbglaskugel mit absolut kitschigem Inhalt. Wenn sie geschüttelt wird fällt Schnee so wie vor fünfzig Jahren, als mir meine Großmutter eine ebensolche vom Andenkenladen aus Berchtesgaden mitbrachte. Der kleine Gummistopfen auf der Unterseite des Plastikbodens ist ebenfalls vorhanden. Auf der Deckelunterseite der Hinweis, dass der Inhalt nicht zum Verzehr geeignet ist. Ob meine neuste Errungenschaft antiquarisch einzuordnen ist weiß ich nicht. Jetzt besitze ich eine moderne und eine antiquarische Fassung. Die eine mit Glitzerglimmer die andere mit Schneeflocken. Beide habe ich so fotografiert, dass das Watzmannmasiv den Hintergrund darstellt.

Der Watzmann ist der alles überragende Berg am Königsee. Während meines Aufenthalts in Berchtesgaden hatte ich das Vergnügen jeden Morgen zu beobachten, wie die dicken Nebelwände von den Sonnenstrahlen aufgelöst wurden. Meistens begann das Frühstück mit verschleiertem Berg, nichts zu sehen von der gewaltigen Bergkulisse. Und plötzlich, wie von Geisterhand erkenne ich die ersten Berggipfel und Bergzacken während unten im Tal die Autos mit Scheinwerfern durch den Nebel tasten.

Unterwegs in Berchtesgaden / 21.09.2010Innerhalb von nur wenigen Minuten lag dann das Massiv direkt vor meinen Augen. Am Abend das gleiche Schauspiel, wenn die Sonne hinter den Bergen versinkt. Der Berg dunkelt nach und nach zur Finsternis bis er irgendwann total in der Dunkelheit verschwunden ist. Nur die Helligkeit des Mondes, der in diesen Tagen in voller Pracht am sternenklaren Himmel steht, lässt die Konturen des Massivs erkennen.

So allmählich kann ich erahnen, weshalb meine Großeltern Jahr für Jahr in die wunderschöne Gegend gereist sind. Ich denke, nach meiner Deutschlandumrundung werde ich an diesen Ort wieder zurückkehren.

 

157. Etappe / Der Maximiliansweg / 22.09.2010

"Ich habe", so sagte der König unter Anderem, "schon manche schöne Reise in ferne Länder gemacht (…), aber keine, die mir so andauernd innige Befriedigung gewährt hätte wie diese durch meine heimischen Berge und Wälder. (…) Es gereicht mir zu großer Freude, dass auch sie sich Alle so gut amüsiert haben", schreibt F. von Bodenstedt in seinem Buch "Eine Königreise". König Maximilian II hatte im Sommer des Jahres 1858 eine Reise durch die Bayerischen Alpen unternommen, vom Bodensee nach Berchtesgaden unterwegs. Einer seiner Begleiter, Friedrich von Bodenstedt beschrieb anschließend in seinem Buch sehr unterhaltsam die Erlebnisse unterwegs. Meist war der König zu Pferd unterwegs, allerdings bestieg er auch Berge wie den Grünten oder den Wendelstein. Übernachtet wurde in einfachen Gasthöfen aber auch im Schloss Hohenstaufen.

157. Etappe / Der Maximiliansweg / 22.09.2010Die historische Reise des Königs unterscheidet sich vom heutigen Wegverlauf des Maximiliansweges: Maximilian II reiste über Sonthofen, Füssen, Garmisch und weiter über Kreuth und den Achensee. Der Tegernsee, Schliersee und Kufstein waren weitere Stationen. Es folgten Reit im Winkl, Kössen und Lofer ehe die Reise in Berchtesgaden endete.

Der Alpenverein belebt seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Maximiliansweg wieder neu, allerdings mit veränderter Route. Der Weg startet in Lindau am Bodensee startet und endet nach 320 Wanderkilometern in Berchtesgaden.

In den nächsten drei Wochen werde ich den Maximiliansweg vom Südosten Deutschlands in Berchtesgaden in den Südwesten Deutschlands zum Bodensee wandern. In seinem Buch "Maximiliansweg – Auf der Königsroute von Lindau nach Berchtesgaden" beschreibt Eugen E. Hüsler 22 Tages-Etappen mit Detailkarten und Höhenprofilen.

Im Vorwort zu seinem Buch steht: "Tage, Wochen unterwegs sein zwischen Tal und Berg, mit minimalem Gepäck, aber für Eindrücke offen. Unterwegs sein bei (fast) jedem Wetter, nicht aufgeben, wenn's auch mal in der Wade zwickt oder die Motivation schwindet. Reisen wie anno dazumal, Schritt um Schritt, dabei bewusst auf das schnelle Erlebnis verzichtend. Sie mag einem altmodisch vorkommen, diese langsame Fortbewegungsart des Wanderns, doch seine Sicht der Dinge ist nach wie vor unerreicht: Sie lässt ihm Zeit, die Bilder rundum aufzunehmen, innezuhalten, nachzudenken….Wann sonst ist es uns noch möglich, eine eigene Zeit zu schaffen: die unseres Schrittes".

157. Etappe / Der Maximiliansweg / 22.09.2010Seit einem halben Jahr bin ich unterwegs, schaffe meine eigene Zeit. Keinen Tag davon möchte ich missen. Nun steht eine neue Herausforderung vor mir und Emma: über die Alpen von Berchtesgaden zum Bodensee. Drei Tage habe ich mich im Schatten des Watzmanns ausgeruht. Im Hotel Bavaria mit Panoramafenstern zum Watzmannmassiv konnte ich Körper und Seele baumeln lassen. Nun bin ich bereit die Herausforderung anzunehmen.

Ich habe, um es mit den Worten Maximilians II zu sagen, so manche Reise in ferne Länder gemacht, aber keine dieser Reisen, hatte die Nachhaltigkeit, die bereits jetzt meine Deutschlandreise für mich hat.

 

158. Etappe / Bad Reichenhall – Inzell / 23.09.2010

Heute ist Herbstanfang. Als ich vor einem halben Jahr gestartet bin, war kein Blatt, keine Knospe an den Bäumen zu sehen. Jetzt verfärben sich bereits die Blätter, das erste Herbstlaub fällt auf die Waldwege. Als ich in Bad Reichenhall zu meiner ersten Alpenetappe Richtung Zwiesel-Alm starte zeigt sich das Wetter noch mal von seiner schönsten Seite: strahlender Sommersonnenschein. Ich wollte ursprünglich auf der Alm übernachten, da sie jedoch wegen Krankheit des Betreibers vorübergehend geschlossen ist, muss ich sehen wie weit ich komme. Für den Abend habe ich noch keine Übernachtungsmöglichkeit. Vom Tal aus ist die Zwiesel-Alm gut auszumachen.

158. Etappe / Bad Reichenhall – Inzell / 23.09.2010Viele Wanderer nutzen das sonnige Herbstwetter. Kurz vor der Alm begegnet mir Heike aus Norddeutschland. Sie besucht ihre Eltern, die irgendwann dem Norden den Rücken kehrten, um im Süden weiter zu leben. "Sie haben sich für ihre Herzensheimat entschieden", erzählt mir Heike. Wenn die Zeit reif ist wird Heike vielleicht auch einmal im Schatten der Berge leben. Nach einer gemeinsamen Pause trennen sich unsere Wege, Heike will zum Gipfel und ich Richtung Inzell.

Die Almwiesen sind übersät mit fünfblättrigen, violettfarbenen Enzian, vereinzelt stehen versteckt einige Silberdisteln. Der imposante Blick über die bizarre Bergwelt der Berchtesgadener Alpen wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben.

Der Weg zur Kohleralm lässt mich erahnen, was uns in den nächsten Tagen erwartet: schroffes Felsgestein, schmale Pfade mit Wurzeln, die sich wie dicke Schlangen über den Pfad winden. Ich muss mich auf den Weg konzentrieren, entsprechend langsam komme ich voran. Emma dagegen ist begeistert vom Klettern und wartet geduldig auf Herrchen. Mit vier Pfoten ist es auch deutlich einfacher die Balance zu halten.

158. Etappe / Bad Reichenhall – Inzell / 23.09.2010Beim Anstieg zur Alm kommt uns eine Gruppe Wanderer mit verzierten Wanderstöcken entgegen. Sie kommen aus Altötting, eine Art Pilgerwanderwegevorhut. Sie suchen nach neuen Trassen, um bereits vorhandene Pilgerwege miteinander zu verbinden (www.pilgerwege.at). Petra aus der Pilgergruppe bezeichnet mich als den Grenzpilgerer.

Kurz danach treffe ich Gabi und Konrad, die im Alpenvorland aufgewachsen sind. Die Aussicht vom Berg ins Tal ist gewaltig. Konrad erklärt mir die Landschaft Richtung Norden. Bis Tittmoning an der Salzach können wir sehen. Vor einer Woche war ich dort mit meinem Sohn Benjamin unterwegs. An der Kohleralm machen wir gemeinsam Rast.

Klaus der Almwirt, ist begeistert von meiner Tour und bringt mir zur Stärkung sofort einen Schnaps. Ich entschiede mich allerdings für ein Haferl Kaffee und den selbst gebackenen Kuchen der Almwirtin. Vor einer Woche haben sie die Kühe ins Tal gebracht. "Manchmal kommt der Winter schneller als man denkt". Beim Abschied noch ein Tipp. In Breitmoss soll ich beim Gaßl-Wirt nach einem Zimmer fragen.

158. Etappe / Bad Reichenhall – Inzell / 23.09.2010Der Abstieg wird beschwerlich und erfordert höchste Konzentration. Der feuchte lehmige Boden hat auch das Gestein überzogen, als hätte jemand die Felsen mit Schmierseife eingerieben. Nur einmal bin ich unaufmerksam und rutsche sofort aus. Am Ast einer Kiefer kann ich mich gerade noch festhalten. Glück gehabt.

Beim Gaßl-Wirt in Breitmoos frage ich nach einem freien Zimmer. "Naa", ist die äußerst unfreundliche Antwort des Wirts zur Antwort "un für Hund scho grad gar nicht". Wortlos kehre ich ihm den Rücken und lasse die Tür ins Schloss fallen. Bis Inzell sind es noch zwei Kilometer.

 

159. Etappe / Inzell – Unterwössen / 24.09.2010

Der gestrige Abstieg von der Kohleralm über den glitschigen Untergrund nach Inzell hat mir einen ordentlichen Muskelkater eingebracht. Trotz intensiver Bemühungen der Touristinformation: Marquartstein ist ausgebucht. Ich muss nach Unterwössen ausweichen. Die Wetterprognose: schlechtes Wetter mit Regen. Drei Gründe, die mich veranlassen von der Route des Maximiliansweges abzuweichen.

159. Etappe / Inzell – Unterwössen / 24.09.2010Inzell ist eine weltweit bekannt Eisschnelllaufhochburg. Zurzeit herrscht Hochbetrieb beim Bau der neuen Eisschnelllaufhalle. Im kommenden März finden hier die Weltmeisterschaften statt.

In der Garage eines Fotoladens in Inzell hängen großformatige schwarz-weiß Fotografien aus längst vergangenen Tagen. Monika Pflug und Eberhard Keller habe ich sofort erkannt. Die beiden haben vor Jahrzehnten Eisschnelllaufgeschichte geschrieben. Die fünffache Olympiateilnehmerin Monika Pflug gewann bei den Olympischen Spielen in Sapporo 1972 als 17 jährige überraschend die Goldmedaille über 1000 Meter. Der ehemalige Weltrekordhalter über 500 Meter Erhard Keller gewann in seiner Spezialdisziplin sowohl bei den Olympischen Sielen 1968 in Grenoble als auch vier Jahre später in Sapporo die Goldmedaille.

Hinter Inzell folge ich der Beschilderung des Fernwanderweges E 4, der auch in weiten Teilen identisch ist mit der Wegtrasse des Maximiliansweges. Über Oberhausen, vorbei am Froschsee, erreiche ich über Infang und Zell und weiter für ein kurzes Stück entlang der Traun die Biathlon-Hochburg Ruhpolding. Am Kurpark-Cafe mit seiner Außenterrasse mache ich eine Kuchenpause.

159. Etappe / Inzell – Unterwössen / 24.09.2010In Ruhpolding verlasse ich den Maximiliansweg und wandere mit Emma weiter Richtung Brand. Der Weg führt uns über Gruttau und Urschlau nach längerem Anstieg aufs Hochplateau zur Röthelmoosalm. Auf dem weit verzweigten Wegenetz kommen bei warmen Sommertemperaturen aus allen Himmelsrichtungen Wanderer zur Alm. Emma räkelt sich während unserer Pause in der Sonne.

Ein langer Abstieg erwartet uns. Der Muskelkater macht sich besonders beim bergab gehen bemerkbar. Auf die Zähne beißen und weiter. Über Brem erreiche ich am Spätnachmittag meine Unterkunft in Unterwössen. Das angekündigte schlechte Wetter hat diese Alpenregion gottlob heute noch nicht erreicht. Auf der Terrasse meines Zimmers massiere ich meine Beinmuskulatur während es sich Emma bereits auf ihrem Schmusetuch gemütlich gemacht hat.

 

160. Etappe / Unterwössen – Aschau / 25.09.2010

In der Nacht hat der Regen auch die Alpen erreicht. Die Bergwelt ist eingehüllt in dicke Nebelschleier. Die Temperatur im Tal ist auf 7 Grad gefallen. Kein tolles Wanderwetter. Emma schaut mich verwundert an, als wir loswandern. Nach den warmen Sonnentagen der letzten Woche haben wir heute Wetter-Kontrastprogramm.

160. Etappe / Unterwössen – Aschau / 25.09.2010Über Raiten und Mühlau erreichen wir den Waldrand. Emma und ich wollen über die Vordere und Hintere Dalsen Almen Richtung Hainbach wandern, um anschließend bis Aschau zu kommen. Der Weg zu den Almen ist ein steiler, breiter Forstweg. Intensives Rauschen der wilden Bergbäche und dicke Regentropfen, die auf die vertrockneten Blätter der Laubbäume fallen bilden die Geräuschkulisse. Während des Anstiegs sinkt die Temperatur weiter und wir kommen den Nebelbänken immer näher.

Die Vordere Dalsen Alm liegt auf 980 Meter. Ich hoffe hier eine Tasse Kaffee zu bekommen. Die Almwirtin schaut mich verwundert an, sie rechnet bei diesem Wetter mit keinem Wanderer. "Ich habe heute nicht geöffnet. Ich bin nur zur Alm hochgefahren, um die Stube sauber zu machen", erklärt sie mir. Außerdem habe sie noch nicht eingeheizt. Ich ziehe mit Emma weiter nach oben.

Braun-weiß gefleckte Kühe stehen in den weit verzweigten Almwiesen. Jede trägt eine Glocke um den Hals. Kuhglockenläuten aus allen Richtungen. Emma hört und schaut sich dieses Schauspiel intensiv an.

Auch die Hintere Dalsen Alm, die noch etwas höher liegt, ist geschlossen. Keine wärmende Stube, kein wärmendes Getränk. Scharfer Wind zieht über den Bergrücken bei gefühlten zwei bis drei Grad. Ich ziehe meine warme Jacke unter den Regenschutz. Wir befinden uns auf 1000 Meter Höhe und direkt an der Nebelgrenze. Es macht keinen Sinn höher zu steigen.

160. Etappe / Unterwössen – Aschau / 25.09.2010Wir wandern bergab durch ein schmales Tal mit tosendem Bergbach. Unterwegs begegnen uns zwei Pilzsucher. Ihre Körbe sind noch leer. Vor Hainbach lässt der Regen nach und erste blaue Flecken erscheinen am Himmel. Es wird wärmer. In Hainbach entscheide ich mich für den Prientalweg Richtung Aschau. Er ist Bestandteil des Programms "GRENZENLOS Wanderweg" zwischen Bayern und Tirol.

Kurz vor dem Hohenaschauer Schloss treffen wir die beiden Hündinnen Elli und Gina mit Herrchen und Frauchen. Elli und Gina sind im gleichen Alter wie Emma. Ein wildes Toben beginnt, so als wäre Emma heute noch keinen Meter gelaufen. Herumtoben mit Gleichgesinnten scheint doch immer noch das Größte zu sein.

Auf einer trockenen Bank nach etlichen Stunden die erste und einzige Rast des Tages. Erste Sonnenstrahlen kommen durch. Für morgen hoffen wir auf weniger Regen.

 

161. Etappe / Aschau – Brannenburg / 26.09.2010

161. Etappe / Aschau – Brannenburg / 26.09.2010Eine Sonntagslandpartie, so kann man den Wandertag von Aschau nach Brannenburg bezeichnen. Zwar fällt kein Regen mehr vom Himmel, dafür sind die Berghöhen über eintausend Meter nach wie vor in Hochnebel und Wolken eingehüllt. Die Landpartievariante wird mich ein ordentliches Stück Richtung Westen bringen. Wir wandern über asphaltierte Rad- und Feldwirtschaftswege durch leicht welliges Hügelland. Überall auf den sattgrünen Wiesen weiden Kühe. Die Landschaft sieht sehr aufgeräumt aus, fast so, als habe jemand mit einem großen Kamm die Wiesen gekehrt.

In Aschau folge ich zunächst der Wegmarkierung "Von Baum zu Baum" bis kurz vor Frasdorf. Dann folgen Orte wie Pfannstiel, Gasbichl und Unterwildenried. In Grainbach spielen Jugendliche am Ortsrand Bauerngolf. Bislang war mir dieser Sport gänzlich unbekannt.

Ich erkundige mich: Bauerngolf ist eine lustige Abwandlung des üblichen Golfspiels. Die Teilnehmer spielen in Gruppen von zwei bis sechs Personen gegeneinander. Der "Golfball" besteht aus Leder und hat etwa den Durchmesser eines Handballs. Der Schläger besteht aus einem Besenstiel, an dem ein Holzschuh befestigt ist. Die Löcher oder Holes, wie es im Golfsport heißt, bestehen aus eingelassenen Eimern. In diese muss der Ball mit möglichst wenigen Schlägen eingelocht werden. Das Spielfeld zählt zehn Holes. Auf dem Weg zum Einlochen muss der Ball einige Hindernisse passieren. In Grainbach waren es alte Autoreifen, ein Rohrsystem und eine Strohburg mit Durchlass. Später erfahre ich, dass heute unter dem Motto "Nu geit dran", die 3. Offenen Deutschen Meisterschaften auf Hof Wehling in Südlohn stattgefunden haben.

In Mühltal hängen an einer Tür zum Kuhstall die Plaketten der preisgekrönten Milchkühe. Vom Zuchtverband für oberbayerisches Alpenfleckvieh werden für besondere Milchleistungen Preise verliehen. Der Mühltaler Bauer hat viele Preisträgerinnen im Stall.

161. Etappe / Aschau – Brannenburg / 26.09.2010Entlang des Steinbachs kommen wir nach Nussdorf und folgen der Wegtrasse des E4 und des Maximilianweges, der hier über Brücken über den Inn und die Autobahn E45/E60 führt.

Während ich mit Emma den Inn überquere kommen mir Erinnerungen an Passau Vor vierzehn Tagen habe ich dort drei Tage im Mündungsbereich des Inn in die Donau verbracht. Anschließend bin ich einige Tage entlang des Inns bis kurz vor Marktl gewandert. Hier zwischen Nussdorf und Brannenburg ist der Fluss deutlich schmäler geworden.

Ein unspektakulärer Wandertag geht zu Ende. Eine neue Sportart habe ich kennen gelernt. In Holland soll sich die neue Golfsportart größter Beliebtheit erfreuen.

 

162. Etappe / Brannenburg – Elbach / 27.09.2010

Der Morgen überrascht mit blauem Himmel und nur wenig Wolken als ich in Brannenburg nach Westen aufbreche. Zunächst muss ich gemeinsam mit Emma von 500 Meter auf über 1200 Meter bergan wandern. Beim Anstieg erinnert eine Gedenktafel aus Holz an einen besonders tragischen Todesfall vor genau sechzig Jahren, im September 1950:
"Hier tat Rosa Friedrich ihren letzten Schritt.
Drum ruh stiller Wanderer einen Augenblick.
Sieben Wespenstiche haben ihr genommen das Leben.
Gott möge ihr die ewige Ruhe geben"

An der Schlipfgrub-Alm (854 m) ist es noch zu früh zum Einkehren. Ich entschließe mich auf der nächsten Alm eine Pause einzulegen. Ein Fehler. Die Schuhbräu-Alm, die wir bei 1139 Meter erreichen ist montags geschlossen. Also genießen wir die tolle Aussicht Richtung Norden. Das Alpenvorland präsentiert sich im Sonnenlicht. Bis weit hinter Rosenheim geht der Blick. Unten im Tal schlängelt sich der Inn.

Der Almbauer ist mit Traktor und Anhänger zur Alm gekommen, um die letzten Kühe und ihre Kälber völlig unspektakulär ins Tal zu transportieren. Kein Almabtrieb mit geschmückten Kuhhäuptern. Als ich mich dazu äußere fährt mir der Altbauer, der mich vorher überhaupt nicht beachtete in die Parade. "So a Schmarrn, von Sachen wo man keine Ahnung hat hält man besser sei Maul".

162. Etappe / Brannenburg – Elbach / 27.09.2010

Der Weg steigt weiter an. Hinter der Rampold-Alm haben wir 1260 Meter erreicht. Die Berggipfel sind inzwischen wieder in den Wolken verschwunden. Als ich in Bad Reichenhall zu meinen Alpenetappen gestartet bin, habe ich mir vorgenommen, keine unnötigen Risiken einzugehen. Wenn das Wetter nicht mitspielt, werde ich mich nicht im Nebel oder in den Wolken in unbekanntem Terrain bewegen. Der Wendelstein und die umliegenden Höhen verweigern sich. Ich steige mit Emma zur Schloß-Alm (1100 m) ab. Schon von weitem ist erkennbar, dass sie Alm bereits verlassen ist. Kein Rauch steigt aus dem Schornstein. Eine rustikale Holzbank in der Nähe dient uns als Rastplatz.

Nachdem wir bis auf 909 Meter abgestiegen sind folgt wieder ein Aufstieg, bei dem wir nochmals 250 Höhenmeter überwinden müssen. Die Temperatur ist weiter gesunken. Der Aufstieg sorgt für angenehme innere Wärme.

Beim Anstieg scheint uns die Schwarzwand den Weg versperren zu wollen, gigantisch, senkrecht nach oben steigend wächst sie vor uns aus dem Boden. Graues und ockerfarbenes Gestein und dazwischen großflächige schwarze Felsen, als hätte jemand mit einer riesigen Kelle Pech oder flüssigen Asphalt darüber gekippt. Unser Weg führt direkt an der Wand vorbei. Kein Vogel ist zu hören, kein Bach plätschert dahin, einfach nur Stille vor dieser monumentalen Wand.

Kurze Zeit später geht es dann bergab ins Tal. Über den Ortsteil Durham erreichen wir die Kirche von Elbach. Dort endet nach über zwanzig Kilometer unsere heutige Tagestour. Mit etwas Wehmut gehen meine Gedanken zum Wendelstein. Ich komme sicherlich wieder.

 

163. Etappe / Elbach – Schliersee / 28.09.2010

Ein neuer Weg ist immer ein Wagnis. Aber wenn wir den Mut haben loszugehen, dann ist jedes Stolpern und jeder Fehltritt ein Sieg über unsere Ängste, unsere Zweifel und Bedenken.

Wieder ein neuer Tag, wieder ein neuer Weg. Der Startpunkt ist der Endpunkt von gestern, die Kirche in Elbach. Auch die geplante Ankunft ist klar: Schliersee. Aber dazwischen? Der Weg entwickelt sich während der Wanderung, die Dramaturgie des Weges ist nicht vorgegeben. Oftmals entscheiden Kleinigkeiten: die Erwartung einer wunderbaren Aussicht, ein grandioser Wegverlauf, Ruhe und Stille entlang eines leise dahinplätschernden Bergbachs. Es gibt hunderte von Möglichkeiten. Unterwegs sein in unbekanntem Terrain. Immer wieder die spannende Frage: Was wird mir der Tag präsentieren? Die grobe Richtung meines Weges ist vorgegeben. Ich wandere zurzeit Richtung Westen, möchte in etwa zweieinhalb Wochen den Bodensee erreicht haben.

Der Friedhof von Elbach, direkt neben der Kirche, ist sehenswert. Viele kunstschmiedeeiserne Kreuze zieren die Gräber. Ich nehme mir die Zeit entlang der Gräber zu spazieren. Am frühen Morgen bin ich der einzige Besucher. Bis zur Obermühle hinter Elbach schlängelt sich der Weg entlang sattgrüner Wiesen. Vermutlich haben viele Kühe, die jetzt auf den Wiesen weiden, den Sommer auf einer Alm verbracht. Hinter der Obermühle geht es bergan über Unter-, Mittel- und Obergschwend. Jeder "Ort" besteht aus zwei oder drei Bauernhöfen. In Mittelgschwend bestätigt mir eine Bäuerin dass ich auf dem rechten Weg bin.

163. Etappe / Elbach – Schliersee / 28.09.2010Danach wird es richtig steil. Durch den dunklen und kalten Wald zieht sich ein mit unzähligen Wurzeln durchsetzter Weg nach oben. Dann eine echte Überraschung. Der Satz von Ulrich Grober "Nur wo du zu Fuß warst, warst du wirklich", bestätigt sich wieder einmal. Meinen und Emmas Weg queren gleich drei Feuersalamander. Ihre fast tapsig Bewegungen wirken, als wären sie mit einer Superslowmotion-Kamara gedreht. Schritt für Schritt, langsam und bedächtig queren sie den Weg, um an der Wandböschung in einer winzigen Erdhöhle Sicherheit zu finden. Ein wunderbares Schauspiel, das mich die Zeit vergessen lässt. Ich weiß nicht wann ich zum letzten Mal Feuersalamander gesehen habe.

Kindheitserinnerungen werden wach. Gab es nicht vor vielen Jahren eine Schuhmarke, deren "Maskotchen" ein Feuersalamander Namens "Lurchi" hatte? Kleine, grüne Heftchen, mit spannenden Geschichten des Salamanders in bunten Bildern. Und Lurchi hatte immer ein Paar handfeste Schuhe des Herstellers an. Ob es die wohl heute noch gibt?

163. Etappe / Elbach – Schliersee / 28.09.2010Der Himmel bleibt in grau eingehüllt, gottlob bleibt es trocken. Entlang des Schliersbergs erreichen wir die Schliersberg-Alm. In Serpentinen wandern Emma und ich nach unten, hinter jeder Kurve ein Panoramablick über den Schliersee und die wolkenverhüllte Bergwelt.

Am Nachmittag bleibt Zeit "Das altbayerische Dorf – Landleben wie es einst war" zu besichtigen. Das Bauernhof- und Wintersportmuseum Schliersee e.V. trägt den Namen Markus Wasmeier. Den Doppel-Olympiasieger von Lillehammer treffen wir leider nicht an. Markus Wasmeier hatte den Ab- und Aufbau seines denkmalgeschützten Elternhauses miterlebt. Die Idee reifte, die in seiner Kindheit lieb gewonnen Werte und Traditionen weiterzugeben. Insgesamt sollen einmal zehn historische Gebäude aus dem Oberland im Museumsdorf detailgetreu wieder aufgebaut werden. Drei Höfe mit insgesamt sechs Gebäuden sind bereits fertig gestellt (www.wasmeier.de).

 

164. Etappe / Schliersee – Bad Wiessee / 29.09.2010

Vom Schliersee zum Tegernsee: ein langer Anstieg, ein kurzes Stück über ein Hochplateau und anschließend ein langer Abstieg zum Tegernsee. Direkt hinterm Schliersee beginnt der Anstieg, durch feucht, nassen Wald.

164. Etappe / Schliersee – Bad Wiessee / 29.09.2010Noch vor der Mittagszeit erreiche ich die Gindelalm auf 1335 Meter Höhe. Emma und ich sind die einzigen Gäste in der warmen Almhütte. Anderl, der Junior der Familie Köpferl, die bereits in der dritten Generation die Hütte bewirtschaftet, versorgt mich mit heißem Holunderblütensaft. Der 20jährige erzählt mir vom Leben auf der Hütte. Während der Sommermonate kommt er nicht ein einziges Mal ins Tal. Seine Arbeitszeit: sieben Tage die Woche und selten weniger als 14 Stunden pro Tag. Am Wochenende wird es meistens länger.

Nach und nach kommen Wanderer in die Almwirtschaft. Bei Anderl spürt man, dass ihm seine Arbeit Spaß macht. Emma stellt den Kontakt zu Brigitte und Josef Hüttl aus Holzkirchen her. Die Beiden sind mit dem Auto nach Schliersee gefahren und dann zur Hütte hoch gewandert. Weil es hier so gemütlich ist und das Essen ausgezeichnet schmeckt kommen die Beiden immer wieder gerne hierher. Josef ist seit drei Jahren im den Ruhestand. Seine Frau Brigitte hat daraufhin ihren Beruf aufgegeben. "Damit mein Mann nicht auf dumme Gedanken kommt", erzählt sie lachend. Jetzt haben sie viel Zeit, gemeinsam die Bergwelt ihrer Heimat zu erkunden.

164. Etappe / Schliersee – Bad Wiessee / 29.09.2010Anderl`s Eltern sind ebenfalls aktiv. Mutter Brigitte arbeitet in der Küche, sein Vater spaltet hinter der Hütte Holz. Wenn Brigitte nicht kocht, setzt sie mit Begeisterung das gespaltene Holz im hinteren Teil der Almhütte aufeinander. Ich hätte gerne dabei geholfen aber unser Weg ruft. Zum Schluss prüfe ich die Festigkeit des Holzstapels. Brigitte hat gute Arbeit geleistet. Wir verabschieden uns lachend.

Übers Hochplateau wandern wir zur nächsten Almhütte. Als ich mit Emma den Innenraum betrete, sitzen schon über 40 Wanderer an verschiedenen Tischen. Alle scheinen gleichzeitig zu reden. Ein "Höllenlärm" schlägt uns entgegen. Nach kurzer Rast sind wir wieder im Freien und genießen die Ruhe beim Abstieg zum Tegernsee.

Der Tegernsee ist nur selten zu sehen. Nur ab und zu kann man kleine Abschnitte erahnen. Im Ort Tegernsee erreichen wir das Ufer des Sees an der Schiffsanlegestelle am Rathaus. Ein Fahrgastschiff bringt uns nach Bad Wiessee, dem Ende unserer heutigen Tour. Im Hotel Haus Rheinland sind wir bei Kerstin und Ronald bestens aufgehoben.

 

Ruhetag in Bad Wiessee / 30.09.2010

Als ich gestern in Bad Wiessee ankam, wartete bereits der erste Journalist. Ein Fotograf und die Journalistin Katharina Blum vom Münchener Merkur stehen kurze Zeit später an der Hoteltür. In den nächsten Tagen wird vor allem vom Münchener Merkur über meine Grenzwanderung mit Emma berichtet werden.

Die Nacht wird unruhig. Ich erwache mit Halsschmerzen. Die Wanderung am vergangenen Samstag, durch stundenlangen Regen und eiskalte Temperaturen von Unterwössen über die Dalsen Almen nach Hainbach ist nicht ohne Folgen geblieben. Die Wanderung vom Tegernsee über die Berge nach Lenggries muss warten. Ich verordne mir zwei Tage Pause und absolute Ruhe. Der erste krankheitsbedingte Ausfall seit ich am 20. März am Weltkulturerbe Völklinger Hütte gemeinsam mit Emma und einigen Freunden gestartet bin. Ich muss mich in den nächsten Wochen wohl wärmer anziehen. Eine wasserundurchlässige Mütze habe ich mir bereits besorgt.

Ruhetag in Bad Wiessee / 30.09.2010

Am vergangenen Samstag stand eigentlich die Etappe des Maximilansweges von Marquartstein über die Kampenwand nach Aschau auf dem Programm. Das schlechte Wetter hat mich bewogen, den Weg über die Dalsen Almen zu wählen. Im Nebel in der Höhe zu Wandern war mir zu gefährlich. Heute lese ich im Münchener Merkur, dass an diesem Tag ein 57jähriger Mann unweit der Kampenwand bei einer Bergtour abgestürzt ist und ums Leben gekommen ist.

In Bad Wiessee war ich eigentlich mit Prof. Dr. Thomas Wessinghage verabredet. Vor etlichen Jahren war er ärztlicher Leiter der Reha-Klinik in Orscholz im Saarland. Seit einigen Jahren leitet er den Medical Park in Bad Wiessee als ärztlicher Direktor. Seit er das Saarland verlassen hat, haben wir uns immer wieder bei verschiedenen Veranstaltungen in Deutschland getroffen. Er war begeistert von meiner Deutschlandumrundung und wollte auch einen Tag mitwandern. Zurzeit ist er in Urlaub. Wenn er zurückkommt bin ich vielleicht schon am Bodensee. Schade.

Ein kurzer Spaziergang mit Emma am See und Bettruhe bestimmen meinen ersten Tag am Tegernsee. Das trübe Wetter lädt auch nicht zum Wandern ein. Also: Bettdecke über den Kopf und auf "bessere Zeiten" warten.

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