Non-Stopp Deutschlandumrundung Etappentagebuch August

 


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Ruhetag in Bad Schandau / 01.08.2010

Anfang des 14. Jahrhunderts gründeten Slawische Händler auf einem Schwemmlandkegel in der Elbe einen Handelsplatz. Der Flurname "Sandaue" wurde unter dem Spracheinfluss der Slawen zu Schandau. 1479 erhielt Schandau das Stadtrecht und entwickelte sich als wichtiger Ort auf dem Handelsweg zwischen den Feudalstaaten Meißen und Böhmen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, zur Zeit der Romantik, strömte das gebildete Bürgertum an die bis dahin gemiedene Felsenwelt des Elbsandsteingebirges. Vor allem die beiden Pfarrer und Heimatforscher Götzinger und Nicolai gelten als die Vorreiter des "Tourismus" in dieser Gegend. Die Schweizer Maler Graff und Zingg prägten in Anlehnung an ihre Schweizer Herkunft und urwüchsige Schönheit der Landschaft den Namen "Sächsische Schweiz".

Bad Schandau ist für viele Wanderer Ausgangspunkt für Ausflüge ins Elbsandsteingebirge. Heerscharen sind mit Rucksäcken unterwegs. Auch der Elberadweg wird von unzähligen Radfahrern genutzt. Bei hochsommerlichen Temperaturen sind die Freiluftrestaurants und Cafes gut besucht. Als ich das Elbufer erreiche, legt gerade der Raddampfer "Meißen" ab. Viele Passagiere nutzen diesen wunderbaren Sonnentag, vom Schiff aus die Sandsteinfelsen in den Wäldern zu besichtigen. Beim Rundgang durch Bad Schandau entdecke ich viele Striche mit Jahreszahlen an Häuserfassaden und Häuserecken. Sie erinnern an die Hochwasserkatastrophen, die den Ort heimgesucht hatten. Postelwitz, ein Stadtteil von Bad Schandau, hat sich besonders herausgeputzt. Charakteristisch für das ehemalige Schifferdorf sind die restaurierten Fachwerkhäuser am Elbufer, die sich unter den Fels ducken. Sie tragen Namen wie Friedenshort, Sonneneck, Freiblick, Elbidylle, Mein Heim oder Heimat.

Ruhetag in Bad Schandau / 01.08.2010

Der Nationalpark Sächsische Schweiz mit seinen bizarren Felsen und wilden Schluchten feiert in diesem Jahr 20jähriges Bestehen. Bereits 1931 schreibt Paul Wagner: "Unser Elbsandsteingebirge – eine Gebirgswelt, die Wildes und Liebliches auf engem Raum vereint, ein Stück Heimaterde, das wert wäre, als einziger großer Naturschutzpark gehegt zu werden." Die grenzüberschreitende Sächsisch-Böhmische-Schweiz ist seit Inkrafttreten des Schengener Abkommens für jedermann und jederzeit überall überschreitbar. Der Wanderweg entlang der Schrammsteine gilt unter Wanderfreunden als einer der Höhepunkte in der Sächsischen Schweiz.

Morgen werde ich mich mit Emma diese felsigen Schluchten besichtigen.

 

Durch den Nationalpark Sächsische Schweiz / 02.08.2010

Aus Schwabach in Franken hat mich vor einigen Tagen eine Mail erreicht: Klaus Ditl verfolgt meine Wanderung von Beginn an im Internet. Die Sächsische Schweiz ist sein Lieblingswandergebiet. Er würde mich gerne für zwei, drei Tage begleiten. Heute, auf dem Weg durch den Park wandern wir zum ersten Mal zusammen. Geplant ist eine mittelschwere Tour, mit Eisentreppen, Gitterosten und Seil. Es regnet. Die geplante Wanderung fällt im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser. Es ist zu gefährlich, glitschige teilweise bemoosten Felsen zu überwinden, außerdem bieten nassen Eisenteile keinen sicheren Halt. Die Aussicht von den Bergriesen ist bei Regen ebenfalls nicht die Beste.

Durch den Nationalpark Sächsische Schweiz / 02.08.2010Also steigen wir kurz hinter der Schrammsteinbaude in ein leichteres Wegstück ein. Der Falkenstein, ein markanter Sandsteinfels, steht wie ein großer Wächter am Eingang in eine bizarre Felsenwelt voller riesig aufgetürmter Sandsteinfelsen, die aus der Erde senkrecht in den Himmel zu wachsen scheinen.

Ich denke an die Zeit des Humanisten und Heimatforschers Wilhelm Leberecht Götzinger (1758 – 1818), der vor über 250 Jahren die "Sandsteinfelsenstadt" an der Elbe durchwandert und topographiert hat. Wie sah es damals im steil abfallenden Gestein wohl aus? Es war sicherlich nicht ungefährlich in dieser abgelegenen Gegend zu wandern. Kein ausgebautes Wanderwegenetz wie heute, keine Wegtrassen mit dem Hinweis: Vorsicht Absturzgefahr.

Durch den Nationalpark Sächsische Schweiz / 02.08.2010Gemeinsam mit Emma und Klaus Ditl wandere ich auf sicherem Pfad nach oben Richtung Schrammsteine, die wir dann nach und nach bewundern können. Ein Sandsteinriese größer als der andere, ausgehöhlt und ausgewaschen vom Regenwasser. Wie massive dicke Mauern ragen sie fast kerzengerade in die Höhe, meistens in blassgrauer Farbe, ab und zu schimmert der Sandstein in gelblichen Tönen.

Die Luft ist schwül im dichten Wald. Immer wieder gibt das dichte Laubwerk einen Blick auf einen Sandsteingiganten oder auf eine ganze Gruppe von Sandsteinblöcken frei. Ich kann nur erahnen wie es gewesen wäre, hätten wir den schwierigeren Teil der Sächsischen Schweiz durchwandert. Über einen breiten Forstweg erreichen wir nach zweieinhalb Stunden das Elbufer. Morgen werde ich Bad Schandau wieder verlassen. Mein Weg führt mich weg von der Elbe Richtung Erzgebirge.

 

115. Etappe / Bad Schandau – Rosenthal/Ottomühle / 03.08.2010

Am Samstag bin ich über den Oberlausitzer Bergweg in Bad Schandau an der Elbe angekommen. In den nächsten Tagen möchte ich bis nach in Altenberg, um dann über den Kammweg des Erzgebirges, der in Altenberg beginnt, weiter nach Süden zu wandern.

Wer in Bad Schandau mit dem Zug ankommt, kann mit der Fähre direkt zu Innenstadt gebracht werden. Umgekehrt funktioniert es genauso. Diesen "Weg" können auch Wanderer nehmen. Auf der Wanderkarte ist in der Nähe des Bahnhofs ein Weg eingezeichnet, der durch die Sächsische Schweiz Richtung Papstdorf und Cunnersdorf führt. Allerdings findet sich nirgendwo vor oder am Bahnhof ein Hinweisschild auf diesen Wanderweg. Es scheint ihn nicht zu geben. Wir stehen im "Regen", nicht nur im übertragenen Sinn. Wir fragen uns durch und finden schließlich unseren Weg nach Süden.

115. Etappe / Bad Schandau – Rosenthal/Ottomühle / 03.08.2010Klaus Ditl und Emma begleiten mich durchs nasskalte Sommerwetter. Klaus kennt einige Wege rund um Bad Schandau, ich kann meine Karten im Rucksack lassen. Es regnet ununterbrochen auf der gesamten Strecke von Bad Schandau zur Ottomühle. Wir mummeln uns ins Regenzeug und ziehen teilweise schweigend durch den Wald. Vom Elbetal müssen wir zunächst ordentlich steigen. Von außen tropft der Regen, innen treibt uns der Schweiß aus den Poren. Durchs Emmas Fell ziehen kleine Rinnsale.

In Cunnersdorf, direkt am Weg, eine kurze Rast in der Bäckerei Schmidt. Eine heißer Kaffee und ein Butterlaugenhörnchen wecken meine Lebensgeister. Klaus trinkt nur ein Wasser, er ist auf Fastenwoche. Als wir später einen weiteren Aufstieg zu bewältigen haben, bekommt er das zu spüren und muss abreisen lassen. Oben angekommen beflügelt ihn ein Löffel Honig. Klaus legt ein Tempo vor, dass ich ihm kaum folgen kann. Er ist nicht mehr zu bremsen. Man könnte glauben, in den Honig sei ein Dopingmittel gemischt. Ich lasse ihn ziehen auf dem langen Weg durchs teilweise felsige Waldgebiet nach Rosenthal.

Die Felsgebilde haben alle Namen, ich will sie mir nicht merken, will nur ankommen, an diesem fürchterlichen Regentag über neblig, nasse Waldpfade.

Klaus erzählt von zwei Wanderfreundinnen. Eine will im nächsten Jahr die ehemals innerdeutsche Grenze ablaufen (dafür empfehle ich ihr das Buch von Peter Schanz), die andere möchte in zwei Jahren mit einem Maultier für ein Jahr Richtung Osten wandern. Für Klaus ein bislang unvorstellbares Projekt. Klaus braucht Planungssicherheit. Vielleicht kann ich ihn in den nächsten Tagen für dafür begeistern sich einfach mal auf einen Weg einzulassen ohne feste Zeitvorgabe. Einfach Landschaft, Menschen und Tiere mit allen Sinnen genießen.

115. Etappe / Bad Schandau – Rosenthal/Ottomühle / 03.08.2010Nach viereinhalb Stunden haben wir die Ottomühle erreicht. Die Mühle stand bereits um 1548 an der Biela. 1651 betrieb Jacob Röhrer dort eine Mahlmühle. Da er und sein Nachfolger "Fußzaunknechte" am Wildzaun zur nahen böhmischen Grenze waren, nannte man die Mühle "Zaunknechtsmühle". Reiseführer beschreiben das Bielatal als wildromantische. Ein Eldorado für Kletterfans. Neben den Herkulessäulen findet der Wanderer auf verschiedenen Wegen durchs Tal eine bizarre Felsenwelt mit verschiedenartigsten Felsentürmen. Im nebligen Bielatal bleibt uns der Blick auf die Felsformationen versagt. Vielleicht hat der Wettergott morgen ein Einsehen.

 

116. Etappe / Rosenthal/Ottomühle – Liebenau / 04.08.2010

Klaus Ditl aus dem fränkischen Schwabach begleitet uns auch heute. Entlang der tschechisch-deutschen Grenze wollen wir Richtung Südwesten. Hinter der Ottomühle müssen wir über den Mehlsteig nach oben. Auf einem schmalen Weg im Wald kommen laute Motorengeräusche immer näher. Im Geländejeep sitzt der Revierförster Herbert Endler. Er begrüßt uns mit den Worten: "Wollen sie ihren Hund umbringen?" Er erzählt, dass in den letzten Wochen zur Bekämpfung der Tollwut, per Flugzeug entlang der Grenze, Köder abgeworfen wurden. Wenn Emma einen solchen "Leckerbissen" erwischt, könnte dies schlimme Folgen haben. Emma muss an die Leine, da wir uns während der heutigen Tour der Grenze bis auf Handbreite nähern werden.

116. Etappe / Rosenthal/Ottomühle – Liebenau / 04.08.2010Der Mehlsteig schlängelt sich weiter nach oben. Am Zeisigstein wuseln viele Kinder über den Weg. Sie kommen aus dem Koboldland in Dresden und sind mit ihren Betreuern auf Kindergarten-Abschluss-Tour. Jeder hat einen Stock vorbereitet. Zum Mittagessen wird am Lagerfeuer Stockbrot gegessen. Nach den Ferien wartet die Schule. Alle wollen Emma streicheln, wollen wissen wo wir her kommen. Vom Saarland haben die Kleinen noch nichts gehört. Am Ende meiner Erzählung darf ich ein Gruppenbild machen. Nachdem ich sie auffordere während des Fotografierens "Siessschmier" zu sagen, lächeln alle.

Verschwiegene Waldwege, Bergauf- und Bergabpassagen, schmale Pfade entlang goldgelber Kornfelder, Wiesenwege mit herrlichen Aussichten bis nach Dresden ins Elbetal. Dieser Wandertag hat alles zu bieten was das Wanderherz höher schlagen lässt. Wir passieren winzige Weiler, kleine Dörfer und sogar eine Wüstung im unmittelbaren Grenzbereich.

Kurz vorm Bienhof schlängelt sich der Mordsgrundbach entlang des Waldsaums. Emma geht ins Wasser, weil ein kleiner schwarzer Hund auf der anderen Seite steht. Emma, normalerweise Wasserscheu, schafft den Weg bis auf die andere Seite. Das Herrchen des Hundes kommt mit einem Pilzkorb aus dem Wald. In seinem Pilzkorb liegen einige Waldchampignons und Steinpilze. Sie hätten noch eine paar Tage stehen können, meint er, aber dann hätten sie vielleicht andere Pilzsammler mitgenommen. Manfred Scheidhauer wohnt in Hellendorf-Rundteil, nur fünfzig Meter von der Grenze entfernt. Er ist verblüfft, dass er mich nun mitten im Wald trifft. Er hat in den letzten Tagen einen Beitrag der Sachsenzeitung über mich und Emma gelesen und erkennt uns sofort. "Wenn ich das meiner Frau erzähle, dass ich sie hier getroffen habe", grinst er, "sie wird es mir nicht glauben".

116. Etappe / Rosenthal/Ottomühle – Liebenau / 04.08.2010

Hinter dem Bienhof folgt ein langer, steiler Anstieg. Anschließend müssen wir bergab nach Oelsen wandern. Einige Kilometer vor Liebenau stoßen wir auf eine Wegtrasse, die von Görlitz nach Aachen führt. "Wanderweg der deutschen Einheit", heißt der Weg. Auf dem Weg übers Erzgebirge wird er mir noch öfter begegnen.

Der heutige Wanderweg endet am ehemaligen Schulhaus in Liebenau. Im Schatten der Kirche eine letzte Rast. Morgen werden wir nach Altenberg wandern.

 

117. Etappe / Liebenau – Zinnwald / 05.08.2010

117. Etappe / Liebenau – Zinnwald / 05.08.2010Die heutige Wanderung gleicht im Profil einer Berg- und Talfahrt. Wir starten an der alten Schule in Liebenau. Im oberen Teil des Hauses ist eine Heimatstube eingerichtet. Im unteren Teil betreibt Monika Leupold in den ehemaligen Klassenzimmern einen "Tante-Emma-Laden". Wo sie heute arbeitet hat sie vor vielen Jahren die Schulbank gedrückt. Die quirlige, kleine Frau erzählt, dass sie jeden Tag voll durchzieht. Um 6.30 Uhr (samstags bereits um 6.00 Uhr) steht sie hinter der Ladentheke bis sie um 18.30 Uhr den Laden abschließt, ohne Mittagspause und ohne Hilfe. Das Geschäft zu übernehmen sei ihre letzte Chance gewesen, erzählt sie, wer nimmt einen denn noch mit fünfzig. Jetzt ist sie seit acht Jahren selbständig. Beim Abschied ruft sie mir noch hinterher, dass ich gesund bleiben solle und wünscht mir viel Glück bei meiner weiteren Wanderung.

117. Etappe / Liebenau – Zinnwald / 05.08.2010Hinter Liebenau führt ein leichter Anstieg über die Wegtrasse des WDE, des Wanderwegs der deutschen Wiedervereinigung. Klaus begleitet mich und Emma heute zum letzten Mal. Er hat sich in den letzten Tagen fürs Streckenwandern begeistern können. Er bastelt bereits an einer eigenen Tour. Auf der Anhöhe hinter Liebenau geht's auf Wiesenwegen steil bergab nach Lauenstein. Wir durchqueren den Ort durch die Schlossstrasse, um anschließend wieder einen langen Aufstieg zu wandern. In Geising müssen wir uns entscheiden nach Altenberg oder Zinnwald zu wandern. Klaus überredet mich den Weg nach Zinnwald zu nehmen. Eine gute Entscheidung.

Entlang des Skilifts windet sich der Weg nach oben. Im Wald nehmen wir den steilen Weg über die Trasse der ehemaligen Bobbahn zur Scharspitze (808m) zu nehmen. Beim Anstieg sind noch die Mauerreste einer Steilkurve gut auszumachen. Wir schnaufen ordentlich beim Anstieg, der Weg ist steil, der Untergrund ein frisch gemähter Wiesenweg. Auf der Scharspitze informiert eine kleine Tafel über die ehemalige Bobbahn. An der Scharspitze war in früher das Starthaus der Natureisbobbahn, die 1908 gebaut wurde. Bis 1930 stürzten sich dann wagemutige Männer auf der historischen Geisinger Bahn über acht Kurven und einem Gefälle zwischen zehn und zwanzig Prozent ins Tal.

Zinnwald liegt in direkter Nachbarschaft zur deutsch-tschechischen Grenze am Lugstein (893 m). Nochmals müssen wir einen kräftigen Anstieg bis zur Beerenhütte (880 m) über einen geteerten Feldwirtschaftweg bewältigen. An der Wetterstation des deutschen Wetterdienstes führt ein Grenzüberschreitender Wanderweg vorbei. Allerdings gibt es dafür Benutzungsvoraussetzungen. Unter anderem darf der Wanderweg vom 1.4. bis 30.9. täglich von 6.00 Uhr bis 22.30 Uhr, vom 1.10. bis 31.3. täglich nur von 8.00 bis 18.00 Uhr begangen werden.

Auf dem Weg zur Beerenhütte erinnert ein Stein an Josef Franz Brechensbauer (1867-1945). Der Lehrer, Schriftsteller und Heimatkundler gilt als "Vater" des traditionellen Erzgebirgskammweges, den ich ab morgen Richtung Südwesten wandern will.

117. Etappe / Liebenau – Zinnwald / 05.08.2010Die Beerenhütte ist der ideale Ort einen Wandertag zu beenden. Wir sitzen vor der Hütte und genießen die Abschlussrast. Auf über 800 Meter muss ich auch im August eine warme Jacke überstreifen, kühler Wind zieht über den Lugstein. Heidi Beer hat leckeren Preiselbeerkuchen gebacken. Die ehemalige DDR-Meisterin der Sportakrobatik hat nach 34 Jahren dem Schuldienst ade gesagt. Sie wollte noch mal was anderes machen, erzählt sie mir. Am 11. Dezember hat sie gemeinsam mit ihrem Mann die Beerenhütte eröffnet. Manfred Beer, sitzt mit Handwerkern an einem Tisch und plant eine zweite Hütte. Manfred Beer war ebenfall Spitzensportler, Weltmeister und Olympiamedaillengewinner im Biathlon. Das Leistungszentrum der Biathleten befindet sich nur einen Steinwurf entfernt. Zum Abschied ein Foto von Heidi und Manfred Beer vor ihrer Beerenhütte und ein freundschaftlicher Händedruck. Gerne wäre ich länger geblieben. Die beiden haben sicherlich viel zu erzählen.

 

Ruhetag im Erzgebirge / 06.08.2010

Das Thermometer zeigt am Morgen 12 Grad. Eisiger Wind zieht über den Lugstein, hinzu kommen heftige Regenschauer und dichter Nebel. Ich entschließe mich spontan einen Ruhetag einzulegen. Allerdings soll es kein Tag zum Faulenzen werden. Ich mache mich auf die Spur des Nussknackers. Hier im Erzgebirge liegen seine Wurzeln, von hier aus wird er in alle Welt verschickt.

In zwei Tagen wird mich mein Weg nach Seiffen führen. Das ehemalige Bergwerksdorf ist heute ein weltbekanntes Spielzeugzentrum. Im Verlauf des vollkommenen Strukturwandels der Region schlug die Geburtsstunde des erzgebirgischen Nussknackers. Die bunt angemalten Nussknacker sind heute aus dem Bild vieler Weihnachtsdekorationen nicht mehr wegzudenken.

Schon im 16. Jahrhundert, mit Beginn des Niedergangs des Silberbergbaus im Erzgebirge, finden sich erste Belege einer volkskünstlerischen Entwicklung. Was zunächst als Feierabendkunst entstand, als "Zubrot" der Familien, vor allem der Berginvaliden, weitete sich zu einem völlig neuen Broterwerb aus. Feierabendkünstler wurden zu Spielzeugmachern im Hauptberuf. "Der beträchtlichste Erwerbszweig aber hiesiger Gegend, besonders Seiffen, Heidelberg, Einsiedel, Niederseifenbach und Deutschneudorf ist die Holzmanufaktur, welche zwei bis dreihundert Menschen unmittelbar ernährt…" heißt es bereits 1804 in Merkels Erdbeschreibung.

Ruhetag im Erzgebirge / 06.08.2010

1735 wurde im thüringischen Sonneberg die Figur des Nussbeißers entwickelt. Eine Figur, die nach dem Prinzip arbeitete, " dass in einer kräftigen Gestalt mit großem Kopf der am Rücken bewegte zweiarmige Hebel die Nuss gegen den Oberkiefer drücken musste", schreibt Manfred Bachmann. Aber auch die Rhöner Wackelfiguren, die Oberammergauer Hampelmänner, die Berchtesgadener Nussbeißer sowie Automatenfiguren des 18. Jahrhunderts, wie sie in einer Erzählung von E.T. A. Hoffmann auftreten, sind allesamt Geburtspaten des Nussknackers aus dem Erzgebirge.

Gotthelf Friedrich Füchtner (1766-1844) verkaufte seine Figuren bereits auf dem Dresdener Striezelmarkt. Prototyp des Nussknackers wurde der Nussknackerkönig Wilhelm Friedrich Füchnters (1844-1923), der eine goldene Zackenkrone auf den schwarzen Schachthut des Bergmanns malte und somit Märchenhaftes und Realität verknüpfte. Seit Füchtners Prototyp hat der Nussknacker viele Veränderungen und Variationen erfahren, der Nussknacker als Polizist, als Soldat oder als König. In Seiffen werde ich in den kommenden Tagen das Nussknackermuseum besuchen.

Für morgen hoffe ich auf besseres Wetter. Es wäre schade wenn Nebel und Regen die beeindruckende Landschaft verschlucken.

 

118. Etappe / Zinnwald – Deutschgeorgenthal / 07.08.2010

Nach intensivem Kartenstudium des Erzgebirges habe ich erkannt, dass ich drei Möglichkeiten habe grenznah Richtung Südwesten zu wandern. Den traditionellen Kammweg mit blau-weißer Markierung gekennzeichnet, den Fernweg Eisennach – Budapest mit rot-weißer Markierung, sowie den Fernweg der Deutschen Wiedervereinigung (WDE), der über verschiedene Wegtrassen gelegt worden ist. In den nächsten Tagen werde aus diesen Wegen den jeweils passenden für meine persönliche Wegführung aussuchen können.

118. Etappe / Zinnwald – Deutschgeorgenthal / 07.08.2010Der Regen hat etwas nachgelassen. Ich stehe mit Emma im dichten Nebel in Zinnwald. Ein Gemisch aus kühler Luft, Nebel und Regen schlägt uns entgegen. Emma scheint mir signalisieren zu wollen, dass sie keine Lust hat. Nebel ist ihr unheimlich. Wir gehen trotzdem los. Der kleine und große Lugstein bleiben im Nebel verborgen. Der Hinweis "lug ins Land" trifft heute voll daneben. Auf den Weg durchs Georgenfelder Hochmoor hatte ich mich gefreut. Es ist das einzige sehenswerte und touristisch erschlossene Hochmoor des Osterzgebirges. Das grenzüberschreitende Hochmoor mit einer Gesamtfläche von 120 ha befindet sich zu einem Zehntel auf sächsischem Gebiet, der größere Teil reicht weit bis Böhmen. Wir ziehen die Köpfe ein und beeilen uns bergab. Die Häuser von Rehefeld-Zaunhaus kann ich im dichten Nebel nur vage ausmachen. Hinter Neu-Rehefeld ist unser Wanderweg auch Grenzweg zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik. Die ehemalige Bahnstrecke führte früher direkt nach Moldau.

Anfang Juni erreichte mich eine Mail aus Kiel. Alexander Sy schrieb mir, dass er mich gerne kennen gelernt hätte, auf meinem Weg "Rund um Deutschland". Der leidenschaftliche Langstreckenwanderer, wie er sich selbst bezeichnet, will auf seiner diesjährigen Wanderung von der Nordsee über Hessen, Franken, Sachsen bis ins Riesengebirge. In diesen Tagen müsste sich Alexander Sy auch auf dem Kammweg durchs Erzgebirge, irgendwo zwischen Klingenthal und Königsstein befinden. Ich bin gespannt ob wir uns treffen.

118. Etappe / Zinnwald – Deutschgeorgenthal / 07.08.2010Meine Mittagsrast ist in Rechenberg-Bienenmühle geplant. Dort wird in der Privatbrauerei Meyer seit über 450 Jahren Bier gebraut. Mit Andreas Meyer hatte ich gestern telefoniert. Ich hätte ihn gerne zum Gespräch getroffen. Leider ist er für einige Tage unterwegs.

In direkter Nachbarschaft des Rittergutes Rechenberg erhielt die Traditionsbrauerei am 10. September 1558 das Braurecht. 1872 übernahm Karl Reinhard Meyer als Pächter die Brauerei. Vier Jahre später kaufte er sie. Damit nahm das Familienunternehmen unter dem späteren Firmennamen "Brauerei und Malzfabrik – Rechenberg Bienenmühle, Reinhard Meyer und Sohn" seinen Anfang. Nach der Deutschen Wiedervereinigung wurde die Brauerei durch die Brüder Andreas und Thomas Meyer 1990 reprivatisiert. Ein Komplettneubau der Brauerei wurde bereits ein Jahr später beschlossen. Durch diesen Neubau eröffnete sich die Gelegenheit, die Historische Brauerei in ihrer Gesamtheit als Technisches Denkmal zu erhalten.

Das Sächsische Brauereimuseum Rechenberg ist auch an diesem verregneten Samstag gut besucht. Im Schalander der alten Brauerei sitze ich mit Emma und probiere den Hausschoppen. Wir haben heute nur noch wenige Kilometer zu gehen. In Deutschgeorgenthal direkt am Hotel-Restaurant Grenzhof mit Blickkontakt nach Tschechien endet unser Wandertag. Für morgen hoffen wir auf besseres Wanderwetter.

 

119. Etappe / Deutschgeorgenthal – Rübenau / 08.08.2010

Kein Regen und ganz viel Sonne. Ein perfekter Wandertag. Spiegelglatt liegt das Wasser der Talsperre Rauschenbach in Deutschgeorgenthal vor mir. Die Regengüsse der letzten Tage scheint es nicht gegeben zu haben. Im Wald begegnen mir die ersten Pilzsammler.

119. Etappe / Deutschgeorgenthal – Rübenau / 08.08.2010In Neuhausen besuche ich das Erste Nussknackermuseum Europas. Der größte funktionierende Holznussknacker der Welt am Eingang, steht im Guinnessbuch der Rekorde. Eine Aufschrift informiert: "Ich bin der Größte pneumatisch betriebene Nussknacker. Für meine Größe von 5,87 m wurden durch meine Erbauer, über 1185 Stunden, 46 kg Leim, 30 kg Lack, 3,8 Quadratmeter Fichtenholz, und vier Schaffelle benötigt. Mein Gesamtgewicht beträgt 1028 kg." Im Innenhof des Museums wartet bereits der nächste Nussknacker auf seinen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde. Er ist über 10 Meter hoch und wiegt über 3200 kg.

Familie Löschner hat auf dem Gelände der ehemaligen Stuhlfabrik eine eindrucksvolle Sammlung von über 5000 Nussknackern aus aller Welt gesammelt und ausgestellt. Mein Modell, das ich vor einigen Jahren im Schwarzwald gekauft habe und zu Hause benutze, finde ich allerdings nicht.

Hinter Neuhausen geht's bergauf zum Schwartenberg (787 m). Der Rundumblick am Gipfelkreuz überwältigend. Die gesamte Wegstrecke des heutigen Tages ist von hier oben auszumachen. Die Talsperre Rauschenbach auf der einen Seite, der Kurort Seiffen, direkt unter uns, und Luftlinie 13 Kilometer entfernt Rübenau, unser heutiges Ziel. Selbst der Fichtelberg, mit 1214 Metern der höchste Berg im Erzgebirge, ist gut zu erkennen. In wenigen Tagen werde ich von Oberwiesenthal aus die Bergspitze erklimmen.

Seiffen steht an diesem Wochenende ganz im Zeichen des Radsports. Der Erzgebirgs-Moutainbike-Marathon hat Radsportfans aus ganz Deutschland in die Spielzeugmetropole des Erzgebirges gelockt. Die Stimme des Reporters im Stadion tönt bis zum Aussichtspunkt des Schwartenbergs. Ich steige mit Emma nach unten und durchstreife die Hauptstraße von Seiffen. In den vielen Läden, die auch am Sonntag geöffnet haben, stehen Kitsch und Kunst nah beieinander. Vor allem in den Wochen vor Weihnachten herrscht hier das geordnete Chaos. Seiffen gilt als die Hochburg der traditionellen Erzgebirgskunst.

Über die Wegtrassen des E3 und dem Weg der deutschen Wiedervereinigung wandern wir hinter Seiffen durch ein ausgedehntes Waldgebiet nach Oberneuschönberg. Anschließend kommen wir über Grünthal und Rothenthal unserem Tagesziel immer näher.

119. Etappe / Deutschgeorgenthal – Rübenau / 08.08.2010Als ich in Rübenau nach dem Einstieg des Weges für den nächsten Tag suche, begegnet mir Günter Buschmann mit den Worten: "Suchen sie jemanden?" "Nicht jemanden", antworte ich ihm, "ich suche eine Wegmarkierung". Wir kommen ins Gespräch. Günter Buschmann wurde 1939 in Bayern geboren. Sein Vater stammt allerdings aus Rübenau. Seine Wanderjahre als Schlosser brachten Günter Buschmann ins pfälzische Zweibrücken. Auch auf den saarländischen Hüttenanlagen in Völklingen, Neunkirchen und Dillingen war Günter Buschmann im Einsatz. Als er 1963 im November mit seinem Renault R4 nach Rübenau zu seiner Frau fuhr, hatte er nicht damit gerechnet für 27 Jahre "eingesperrt" in der DDR leben zu müssen. Er wurde, wie er mir erzählt, zum "politischen Tiefflieger", verweigerte den Militärdienst und ging niemals zur Wahl. Aber: "die DDR hatte auch ihre guten Seiten, der Zusammenhalt unter den Christen war sehr intensiv". Zum Abschied, völlig unerwartet, mitten im Erzgebirge in Rübenau auf der Straße ein schmissiger Jodler aus der Kehle eines Bayern. Nach einem kräftigen Händeschütteln winken wir uns noch lange hinterher.

 

120. Etappe / Rübenau – Bärenstein / 09.08.2010

Die Kirche in Rübenau ist leider verschlossen. Gerne hätte ich mir die Orgel angeschaut, die ein Schüler Silbermanns hier gebaut hat. Hinter Rübenau ist mein Wanderweg auch Grenzweg. Mit einem kleinen Hüpfer wäre ich in Tschechien. Die Dörfer Kühnhaide und Raitzenhain passiere ich linker Hand, der Anstieg zum Berggasthof Hirtsteinbaude (889 m) kurz vor Satzung treibt mir Schweiß auf die Stirn. Auf dem Berg ist es kühl, leider hat die Baude montags geschlossen, also kein warmer Tee oder Kaffee. Die Aussicht ins graue Wolkenmeer lohnt nicht an diesem Morgen, den Fichtelberg kann ich nicht einmal erahnen.

120. Etappe / Rübenau – Bärenstein / 09.08.2010Unterhalb der Baude bewundere ich die Basaltsteine, die wie ein Fächer aufgeklappt vor mir liegen. Diese Basaltfächer sind Zeugnis des Vulkanismus im Erzgebirge. Vor über 20 Millionen Jahren drang glutflüssiger Basalt hier nach außen. Beim Abkühlen des Magmas entstanden durch so genannte Schrumpfungsrisse die fächerförmig angeordneten Basaltsäulen.

Hinter Satzung führt mein Weg durch ein ausgedehntes Waldgebiet nach Schmalzgrube. Dort entscheide ich mich mit Emma den Talweg entlang der Preßnitztal-Museumseisenbahn zu laufen. Sonntags verkehrt hier zwischen Steinbach und Jöhstadt die Preßnitzbahn mit ihrer Dampflok. Heute am Montag ist alles still. Immer wieder entdecke ich Autos der Pilzsucher, die Pilzsucher selbst und die Pilze bleiben mir verborgen. Lediglich einen Wiesenchampion entdecke ich am Waldsaum Richtung Jöhstadt.

Am Waldrand in Jöhstadt erinnert ein Stein an den Heimatdichter Georg Schäfer. Ich kenne ihn nicht, ich werde versuchen einen Text von ihm zu erhalten.

Hinter Jöhstadt orientiere ich mich weiter an der blau-weißen Markierung des Kammweges, die sich kurze Zeit später in Luft auflöst. Ich stehe mit Emma mitten in Wiesen und Feldern, keine Markierung weit und breit. Als wir eine Straße erreichen, wandere ich entlang der neu geteerten Fahrstraße bergab. Es ist nicht ungefährlich, denn einige Autofahrer verwechseln die schmale, kurvige Landstraße mit einer Autorennstrecke.

120. Etappe / Rübenau – Bärenstein / 09.08.2010Zum Glück hält ein Geländewagen neben uns. Kay Stieler sucht den Halter eines Schäferhundes, der ohne Begleitung im Wald unterwegs ist. Kay bringt uns auf den rechten Weg zurück. Als ich ihn nach seinem Beruf frage sagt er: "Ich bin Fischer". Neben dem Vertrieb von Massivholz Gartenmöbeln, die er auch selbst herstellt, hat er sich außerdem auf Räucherfisch spezialisiert. Er lebt hinter dem Fichtelberg in Breitenbrunn im Ortsteil Rittersgrün. Wir verabschieden uns herzlich. Ich werde ihn in den nächsten Tagen besuchen.

In Bärenstein beende ich den heutigen Wandertag. Wir laufen nach Vejprty in Tschechien und sitzen unter alten Lindenbäumen im Gasthaus "Unter den Linden".

Während des gesamten Tages, erreichten mich Anrufe von besorgten Freunden, die wissen wollen, wie es mir geht und ob ich vom Hochwasser nasse Füße bekommen hätte. Meine Wanderung brachte mich an Oder und Neiße entlang nach Bad Muskau, Görlitz und Zittau. Jetzt kämpfen die Menschen dort gegen das Hochwasser. Einige habe ich in den vergangenen Wochen persönlich kennen gelernt. Heute Abend werde ich versuchen einige telefonisch zu erreichen.

 

121. Etappe / Bärenstein – Oberwiesenthal / 10.08.2010

Die Wetterprognosen sind günstig für Wanderer. Teils bewölkt, teils sonnig, hieß es im Wetterbericht für den Teil Sachsens, in dem ich mich befinde. In Bärenstein entscheide ich mich für die weiß-blaue Wegmarkierung des Kammweges. Auf dieser Trasse verläuft auch der Wanderweg der der Deutschen Wiedervereinigung. Es sind 15 Kilometer, die ich mit Emma zum höchsten Berg des Erzgebirges, den Fichtelberg, zurücklegen muss, eine Halbtagestour.

121. Etappe / Bärenstein – Oberwiesenthal / 10.08.2010Über den Klappermühlenweg, die Torfstraße, den Flößzechenweg sowie den Bärenfangweg erreichen wir an der Riedelstraße oberhalb von Oberwiesenthal den Anstieg zum Fichtelberg. Über den Philosophenweg beginnt der steile Anstieg.

Der 1215 Meter hohe Fichtelberg und sein böhmischer Nachbar, der 1244 hohe Keilberg sind die höchsten Erhebungen des Erzgebirges. Die beiden Berge schützen die höchstgelegene Stadt Deutschlands, Oberwiesenthal, vor den kalten Nordwinden. Das Feriengebiet am Fichtelberg besitzt acht Schlepp- und Sesselliftanlagen sowie die älteste Seilschwebebahn Deutschlands. Als ich mit Emma im Anstieg, bin schwebt eine der Kabinen über uns hinweg. Emma will zieht den Schwanz ein und ist total irritiert. So etwas hat sie in ihrem Leben noch nie gehört oder gesehen. Sie will nur noch weg.

Es herrscht auch an diesem Sommertag Betrieb auf 1215 Meter hohen Gipfelplateau. Die wenigsten sind zu Fuß auf den Berg gekommen. Neben der Seilbahn kann der Gipfel auch mit dem Auto erreicht werden. Aus den Lautsprechern des Restaurants tönt laute Musik. Ich ziehe mich mit Emma auf eine der Aussichtsplattformen zurück und genieße die Fernsicht. Die Wanderungen der letzten Tage kann ich fast bis zum Horizont zurück verfolgen.

121. Etappe / Bärenstein – Oberwiesenthal / 10.08.2010Beim Abstieg zum Kurort Oberwiesenthal kommen wir an Sprungschanzen der Wintersportler vorbei. Wohl kaum eine andere Stadt in Deutschland kann so viele Olympiasieger und Weltmeister in Wintersportdisziplinen vorweisen: 18 Olympiasiege sowie 7 olympische Silbermedaillen und 8 Bronzemedaillen, 60 Weltmeistertitel, 46 Silbermedaillen und 37 Bronzemedaillen bei Weltmeisterschaften. Bekannte Namen stehen in der Siegerlisten: Sylke Otto, Gabriele Kohlisch, Claudia Künzel, Viola Bauer, Ulrich Wehling, Jens Weisflog, um nur einige wenige zu nennen. Sylke Otto, Jens Weisflog und Ulrich Wehling sind sogar Ehrenbürger von Oberwiesenthal.

 

122. Etappe / Oberwiesenthal - Johanngeorgenstadt / 11.08.2010

Diese Wanderung und diesen Wandertag widme ich dem Heimatdichter Anton Günther. Von Oberwiesenthal bis Johanngeorgenstadt bin ich über viele Stunden mit Emma auf dem Anton Günther Weg unterwegs. Wer war dieser Mann, dem ein grenzüberschreitender Wanderweg gewidmet ist?

122. Etappe / Oberwiesenthal - Johanngeorgenstadt / 11.08.2010Anton Günther (1876-1937) schrieb Mundarttexte, vertonte sie selbst und sang sie seinem Publikum vor. Der gelernte Lithograf gilt als Erfinder der Liedpostkarte, einer Postkarte mit einfachen Notenbildern, Texten und eigenen Lithografien. Anton Günther war der Erste, der ein komplettes Lied auf einer Postkarte veröffentlichte. Die erste Liedpostkarte Anton Günthers ist "Drham is' drham", eine einfarbige grüne Lithographie ohne Nummer oder Verlagsangabe. Die Karte entstand während seiner Ausbildung zum Lithografen in Prag. In Prager Heimatabenden trug Anton Günther die Lieder vor, "Drham is' drham" mit besonders großem Erfolg. Statt es auf Nachfrage Dutzende Male abzuschreiben, brachte er das Lied noch ohne Noten, aber mit einer eigenen Zeichnung vermutlich Ende 1895 selbst auf Lithographie-Stein und ließ es auf 100 Karten in der ersten Auflage drucken.

Da die Familie in Gottesgab (heute Bozi Dar in Böhmen) gegen die Armut ankämpfte, schickte Günther eine weitere Auflage seiner, wie er sie selbst nannte "Liederpostkarten", in die Heimat, die dort sein Vater Johann Günther im Selbstverlag und gemeinsam mit Sohn Juliuis, dem Bruder Anton Günthers in dessen Reiseandenkenladen in Gottesgab und auch von Tür zu Tür vertrieb.

Drham is' drham (1. und 5. Strophe)

En dr' Fremd' draus'n, Kenner, Ehr kännt mer'sch gelab'n
Do soch ich mär emmer, "drham is' drham"
Do Do draus'n en dr Walt, ja do gieht's pulnisch zu:
Wos Wos dr Ana aufmacht, macht d'r Andera zu.

Dos hot mer meitoch schu've da Alt'n gehährt,
On danin hot's wieder ehr Vat'r gelährt
Drem sogn mer a alla on bleib'n drbei:
"Draham is' drham när drham mächt ich sei.

Zu Hause ist zu Hause und nur dort wollte er sein. Der Text erinnert mich an einen Mundarttext meines Freundes Georg Fox im Saarland, der auf einer Langspielplatte seinen Text "Dahemm is äwe nur dahemm" vor einigen Jahren präsentierte. "Ann därdoo Stell liewe Gries ande Georsch dahemm im Saarland".

122. Etappe / Oberwiesenthal - Johanngeorgenstadt / 11.08.2010Von Oberwiesenthal bis Rittersgrün steige ich mit Emma bergab, ehe ein langer Anstieg zur Ortschaft Halbemeile (900 m) erfolgt. Wie ein spitzer Pfeil ragt eine Landzunge von Deutschland nach Böhmen. Vier Häuser stehen dort, umgeben von viel Wald und dem grenzüberschreitenden Naturschutzgebiet "Halbmeiler Wiesen" wo Arnika und Wollgras gedeihen. Zu den 12 Personen, die in Halbemeile leben, gehört Gisela Kahnt, die 1981 mit ihrem Mann von Leipzig aus nach Halbemeile zog. Am Eingang zu Gisela Kahnts Haus steht eine Bronzetafel mit dem Relief und einem Text von Anton Günther. Von Gisela Kahnt erhalte ich in der Einsamkeit des Erzgebirges einige Informationen über Anton Günther sowie eine Broschüre über Karl Friedrich Lobegott Schmidt, den letzten Eigenlöhner des Erzgebirges, der aus Halbemeile stammte.

122. Etappe / Oberwiesenthal - Johanngeorgenstadt / 11.08.2010Ich ziehe weiter und treffe kurz danach unmittelbar am Grenzverlauf auf den "Grenzsteinanmaler" Miroslav Vazek. Er sitzt auf einem Grenzstein. Vor ihm steht ein Holzkasten mit verschiedenen Farben und Pinsel. Es riecht nach frischer Farbe. Die kleinen viereckigen Steine erhalten von ihm einen neuen Farbanstrich, Grundfarbe weiß, jeweils vorne und hinten ein schwarzes D oder C. Wir können uns leider nicht unterhalten, aber mit Zeichensprache geht vieles. Miroslav Vazek hat die Grenzsteine ganz schön herausgeputzt. Bis zum Wandergrenzübergang "Himmelswiese" riecht die Luft nach frischem Tannengrün und frischer Farbe. Bis Johanngeorgenstadt wandere ich mit Emma immer entlang der Grenze.

Die letzte Ruhe fand der Heimatdichter und Liedsänger Anton Günther in seinem Heimatdorf Gottesgab (Bozi Dar) in Böhmen. Auf seinem Grabstein die Inschrift: "`s is Feieromd".

 

123. Etappe / Johanngeorgenstadt – Morgenröthe-Rautenkranz / 12.08.2010

123. Etappe / Johanngeorgenstadt – Morgenröthe-Rautenkranz / 12.08.2010Radio Erzgebirge bietet seinen Hörern im Erzgebirge und Umgebung ein buntes regionales Programm. In der Sendung "Der Abendgast" berichtet Radio Erzgebirge eine Stunde über den Grenzgänger Günter Schmitt, der das Erzgebirge von Nordost nach Südwest durchwandert. Geschäftsführer Herbert Wilde hat höchstpersönlich das Interview und Gespräch übernommen.

Johanngeorgenstadt erhielt ihren Namen nach Kurfürst Johann Georg I von Sachsen, der 1654 die Gründung einer neuen Stadt genehmigte, die seinen Namen tragen sollte. Schon 1680 befanden sich in der Stadt und näheren Umgebung 100 Erzgruben zum Abbau von Silber und Zinn. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Stadt einen rasanten Aufschwung durch die Uranförderung. Aufgrund von Bergschäden durch den Uranabbau musste allerdings zwischen 1953 und 1960 fast die gesamte Altsstadt abgerissen werden. Damals lebten über 45.000 Menschen in Johanngeorgenstadt. Heute sind es gerade mal noch 4.900 Einwohner.

Am Schaubergwerk Frisch Glück "Glöckl" starte ich mit Emma nahe der böhmischen Grenze. Im tschechischen Potucky (früher Breitenbach) bieten Vietnamesen in ihren Buden vor allem Zigaretten, Alkohol, Wäsche und Lebensmittel an. Ich komme mit zwei Touristinnen aus Thüringen, ins Gespräch. Sie wollen mal sehen was die "Fidschis", wie sie die asiatischen Verkäuferinnen und Verkäufer nenne, anzubieten haben.

123. Etappe / Johanngeorgenstadt – Morgenröthe-Rautenkranz / 12.08.2010Mit Emma verlasse ich Johanngeorgenstadt. Es dauert eine Weile, ehe wir im Wald verschwunden sind. Dort sind auch heute wieder sehr viele Menschen mit Körben unterwegs. Im Grenzgebiet der böhmisch-sächsischen Grenze treffe ich Karel aus Potucky. Ein Grenzgänger zwischen den Pilzen. Ich frage ihn, ob seine Pilze im Korb böhmische oder sächsische Pilze seien. Er lacht. "Das ist den Pilzen doch egal wo sie wachsen", erhalte ich zur Antwort. Dieses Jahr sei ein sehr gutes Pilzjahr, auch im letzten Jahr sei er bis Oktober unterwegs gewesen.

Carlsfeld erreichen wir an der Talsperre. Die Wilzschtalsperre Weiterswiese wurde vom Freistaat Sachsen in den Jahren 1926-1929 erbaut. Acht Häuser wurden beim Bau der Talsperre abgerissen. Bei der Sanierung der Staumauer zwischen 1997-2000 wurden im leeren Staubecken alte Grenzsteine entdeckt. Die Steine wurden geborgen, restauriert und oberhalb des Stausees aufgestellt. Sie erinnern an dieser Stelle an die überstaute Siedlung in der Nähe von Carlsfeld.

Über den Morgenröther-Carlsfelder-Waldweg erreiche ich nach 22 Kilometern mein heutiges Tagesziel: Morgenröthe-Rautenkranz. Als ich mit Emma aus dem Wald komme fallen die ersten Regentropfen. In Morgenröthe-Rautenkranz sind in den letzten Jahren im Winter die tiefsten Temperaturen Sachsens gemessen worden. Gut dass Sommer ist und sich mein Abendbrot bereits im Rucksack befindet.

 

124. Etappe / Morgenröthe-Rautenkranz – Klingenthal / 13.08.2010

Außergewöhnliche Grenzerfahrungen hat der Jagdflieger und Kosmonaut Dr. Sigmund Jähn gemacht. Der erste deutsche Kosmonaut im Weltall, Sigmund Jähn, stammt aus Morgenröthe-Rautenkranz. Im Ortsteil Rautenkranz entstand deshalb zu Ehren von Sigmund Jähn das deutsche Raumfahrtmuseum. Im Ausstellungsbereich der bemannten Raumfahrt werden hauptsächlich die Flüge der deutschen Astronauten und Kosmonauten dokumentiert und Originalraumanzüge und Forschungsgeräten ausgestellt. Ein besonderes Erlebnis ist ein Einblick auf das Leben auf engstem Raum: das Trainingsmodul des Basisblocks der Raumstation MIR, in dem etliche europäische Raumfahrer ein Teil ihrer Ausbildung absolviert haben. Noch bis zum 3. Oktober sind in einer Sonderausstellung nahezu 200 Ausstellungsstücke, Modelle, Fotos, originale Filmrequisiten und Kostüme aus der Weltraumfilmserie Star Trek zu sehen. In Morgenröthe-Rautenkranz trifft echte Raumfahrt auf Fiktion.

Ich bin froh dass wir nur 14 Kilometer zu wandern haben. Die Wetterprognosen sind nicht gerade einladend. Emma und ich scheinen heute alleine unterwegs zu sein auf dem Wanderweg der deutschen Wiedervereinigung, der auf der Wegtrasse des Kammweges mit seiner blau-weißen Markierung verläuft. Am Fuß des Aschbergs erreichen wir auf der Höhe Klingenthal. Im Gasthaus "Schöne Aussicht" gönne ich mir eine kurze Rast. Beim Abstieg ins Tal verläuft der Weg über eine Asphaltstrecke direkt an der böhmisch-sächsischen Grenze. Die Anwohner der steil nach unten führenden Fahrstraße müssen nur die Straße überqueren, um nach Böhmen zu gelangen. Das angrenzende Bublava (früher Schwaderbach) ist über den kleinen Grenzverkehr gut erreichbar.

124. Etappe / Morgenröthe-Rautenkranz – Klingenthal / 13.08.2010

Klingenthal trägt den Beinnamen Musikstadt. Bereits 1716 gründeten Geigenbauer eine eigene Innung. Ende des 18. Jahrhunderts folgte die Einführung der Bogenmacherei, der Saitenmacherei und der Fertigung von Holz- und Metallblasinstrumenten. Ab 1829 kamen die Mundharmonikaproduktion sowie die Holzkammfertigung dazu. Einige Jahre später begann die Produktion der Handharmonika, des späteren Akkordeons. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Klingenthal zu einem Weltzentrum der Harmonikaproduktion.

Alljährlich im Mai findet der Internationale Akkordeonwettbewerb in Klingenthal statt. Der Wettbewerb hat seit über 50 Jahren Tradition und findet in der Fachwelt höchste Beachtung. Seit 2001 findet ebenfalls das internationale Mundharmonikafestival "Mundharmonika live" statt.

Neben der Musik hat sich Klingenthal auch einen Namen im internationalen Wintersport gemacht. 2006 wurde die modernste Skisprungschanze der Welt in der Vogtland Arena Klingenthal ihrer Bestimmung übergeben. Skispringer aus aller Welt können sowohl im Sommer aber vor allem im Winter ihre Grenzerfahrungen beim Fliegen zwischen Himmel und Erde sammeln.

Meine Grenzerfahrungen mit Emma an der deutsch-tschechischen Grenze enden heute nach kurzer Wanderung in Klingenthal. Für den Nachmittag sind kräftige Regenschauer gemeldet.

 

125. Etappe / Klingenthal – Wildenau / 14.08.2010

Heute werde ich zum letzten Mal in Sachsen unterwegs sein. Über die Wegtrasse des Fernwanderweges Eisennach – Budapest verlassen wir Klingenthal. Die steilen Berghänge rund um Klingenthal liegen in dichtem Nebel. Die Vogtland Arena mit der modernsten Skisprunganlage der Welt bleibt für Emma und mich verborgen. Zwischen einer Schrebergartenanlage und der Grenze steigen wir Schritt für Schritt nach oben und tauchen irgendwann im Nebel unter. Der Weg verläuft zwischen Böhmen und Sachsen exakt auf der Grenze. Ich springe hin und her. Mal bin ich in Sachsen mal in Böhmen. Der Grenzgänger wird zum Grenzspringer.

125. Etappe / Klingenthal – Wildenau / 14.08.2010Das Naturschutzgebiet Zauberwald wirkt im wahrsten Sinne des Wortes märchenhaft. Für wenige Sekunden blitzen Sonnenstrahlen durch den Nebel und tauchen den Wald in wundersames Licht. Die Baumwipfel bilden ein schützendes Dach. Wir wandern durch einen Zauberwald. Nur wenige Meter entfernt, kreuzt ohne uns zu beachten ein riesiger Hirsch mit seinen Hirschkühen unseren Weg. Grenzgänger unterwegs zu den besten Rastplätzen.

Wir kommen gut voran. Hinter Erlbach verlasse ich den Fernwanderweg. Suche mir eigene Wege, um über Markneukirchen nach Bad Elster zu gelangen. Die angekündigten Regengüsse bleiben zum Glück aus. Kurz vor Bad Elster verlassen wir das Obere Vogtland in Sachsen und wandern nach Böhmen. Doubrava, Kopaniny und Podhradi heißen die Orte, die wir auf einer kaum befahrenen Landstraße durchwandern. Dann verschwinden wir wieder in den Wald, um nach As zu gelangen. Auf dem Berg Haj steht schlank und schmal der Bismarckturm. Er gehört zu einem Ensemble von Türmen, Gedenksteinen und Denkmälern, die über einen historischen Spaziergang zu erreichen sind. Erinnert wird an die Dichter Friedrich Schiller, Theodor Körner sowie an den Turnvater Jahn.

125. Etappe / Klingenthal – Wildenau / 14.08.2010Auf dem Sockel des Denkmals von Friedrich Schiller war einst zu lesen:

"Selig muß ich ihn preisen
der in der Stille der Natur
Fern des Lebens verworrenen Kreisen
Kindlich liegt an der Brust der Natur"

Den steinigen, steilen Weg hinter uns lassend erreichen wir den Grenzort As, den wir durchqueren müssen. Die Grenze ist bald erreicht. Wir sind in Bayern angekommen. In Wildenau, an der Grenze zur Tschechischen Republik, endet unser Wandertag. Morgen werde ich nochmals im Grenzbereich weiterwandern. In zwei Tagen möchte ich in Marktredwitz ankommen, um dann über den prämierten Goldsteig nach Süden zu wandern.

 

126. Etappe / Wildenau – Hohenberg a.d. Eger / 15.08.2010

126. Etappe / Wildenau – Hohenberg a.d. Eger / 15.08.2010Auf meiner Wanderkarte habe ich einen Wanderweg entdeckt, der sich wie eine Schlange entlang der deutsch-tschechischen Grenze nach Süden schlängelt. Es ist der Ostweg vom Dreiländereck nach Waldsassen, markiert mit einem weißen Kreis auf rotem Untergrund.

Kurz hinter unserem Einstieg in Wildenau befindet sich eine Baustelle an unserer Wegtrasse. Baumaterial ist im Wald verstreut. Mitten drin liegt ein weißer, viereckiger Grenzstein mit seinem gesamten Sockel im Böschungsgraben. Ob er wohl wieder an seinem alten Platz aufgesetzt wird? Am liebsten hätte ich den Stein mitgenommen, aber ich kann ihn nicht einmal anheben.

Die Landschaft ist abwechslungsreich, mal wandern wir im Wald, mal durch offene Feld- und Wiesenlandschaft, mal streifen wir ein kleines Dorf. Emma hat heute Lust auf Stöckchenwerfen. Immer wieder animiert sie mich eines der vielen Stöckchen, die sie anschleppt, durch die Luft zu werden.

Zwischen den Dörfern Mühl und Längenau wandern wir noch eine Zusatzrunde von einem Kilometer. Historische Wappengrenzsteine säumen einen Grenzpfad. Es sind die ersten Wappengrenzsteine, die mir auf meinem Weg rund um Deutschland begegnen.

126. Etappe / Wildenau – Hohenberg a.d. Eger / 15.08.2010In Hohenberg a.d. Eger erlebe ich eine Überraschung. Am Eingang zur Burg Hohenberg tummeln sich Menschen in mittelalterlichen Gewändern. Auf der Burganlage entstehen Filmszenen zum Film: "Legend of Brothers". Zur Filmcrew gehören Jessica mit langen dunkelbraunen Haaren, langem Gewand und einem Fuchsfell um den Hals und der Leibwächter Tobias, der an seiner linken Seite ein Schwert trägt. Tobias ist waschechter Bayer. Jessica stammt aus Luxemburg, sie wird auch bei Eröffnung der großen Keltenausstellung im Weltkulturerbe Völklinger Hütte am 20. November dabei sein. Dort wollen wir uns wieder treffen.

Hohenberg ist vor allem durch den berühmten Porzellanfabrikanten Hutschenreuther bekannt. 1814 gründete er in Hohenberg an der Eger seine erste Fabrik. Der Rohstoff Kaolin, der zur Porzellanherstellung benötigt wird, stand im Karlsbader Becken reichlich zur Verfügung. Die Brennöfen wurden anfangs mit Holz aus dem Fichtelgebirge befeuert, die späteren Energieträger Steinkohle und Braunkohle kamen aus standortnahen Gruben. Weltbekannte Namen wie Seltmann, Hutschenreuther, Rosenthal und Winterling finden sich entlang der Porzellanstraße, die zwischen Weiden und Coburg verläuft und selbstverständlich auch durch Hohenberg führt. In Hohenberg ist auch das Deutsche Porzellanmuseum untergebracht.

HEIMAT:

Ein Gefühl des "Hier sein Könnens"
ohne über etwas nachdenken zu müssen,
hinsichtlich des Geborenseins oder aus der Sicht
der Kindheit, des Aufwachsens,
da wo Vater und Mutter mich zur Welt brachten,
kurzum, wo Geborgenheit die Sinne bestimmt,
da ist Heimat

Klaus-Bernd Günther

 

127. Etappe / Hohenberg a.d. Eger – Marktredwitz / 16.08.2010

127. Etappe / Hohenberg a.d. Eger – Marktredwitz / 16.08.2010Unser Wandertag beginnt an der Kirche in Hohenberg a.d. Eger, gegenüber der Burganlage. An der Straße neben der alten Friedenseiche steht ein grauer Granitblock mit der Inschrift: "Nie mehr Krieg, Flucht und Vertreibung – Europa mit Menschenrechten vollenden". Dort finde ich eine Wegmarkierung, der ich für einige Kilometer auf meinem Weg nach Marktretwitz folgen will.

Die kleinen Dörfer, die wir durchwandern, scheinen menschenleer, sie heißen Kothingenbibersbach, Bergnersreuth, Grafenreuth und Leutenberg. Fast den gesamten Tag wandern wir in offener Landschaft. Die Wegmarkierung (blauer Kreis auf weißem Untergrund) endet in Grafenreuth. Ich entscheide mich dem blauen Andreaskreuz auf weißem Untergrund zu folgen. Leider endet diese Markierung im Nirwana schon bald mitten im Wald zwischen Leutenberg und Oberthölau.

Schwere Waldmaschinen haben die Wanderwege zu Matschwegen und unwegsamen Gelände umfunktioniert. Wahrscheinlich sind während der Baumfällungen der letzten Tage die Wegmarkierungen ebenfalls ausradiert worden. Ich irre mit Emma durchs Waldgebiet, keine Menschenseele scheint an diesem Montagnachmittag unterwegs zu sein. Wir müssen die Autobahntrasse queren, aber keine Markierung zeigt uns den Weg. Das blaue Andreaskreuz bleibt verschwunden. Erst später erfahre ich, dass es sich bei dieser Wegmarkierung, um einen interessanten Wegverlauf handelt, der mich und Emma nach Hause führen könnte: der Saar-Schlesienweg. Aber bei dieser schlechten Beschilderung kämen wir wahrscheinlich niemals im Saarland an.

Ich wandere mit Emma quer durch den Wald bis zur nächsten Landstraße, der wir ein Stück folgen, ehe wir wieder über Feldwege weiter vorwärts kommen. In Oberthölau bringt mich eine hilfsbereite Bäuerin gemeinsam mit ihrem Sohn auf den rechten Pfad. Über die Hammermühle und Tiefenbach erreichen wir unsere Unterkunft am Stadtrand von Markredwitz.

127. Etappe / Hohenberg a.d. Eger – Marktredwitz / 16.08.2010Morgen werden wir auf den Goldsteig einsteigen. Der Wanderweg führt über 23 Tagesetappen und 420 Kilometer von Marktredwitz nach Passau, dabei kann man zwischen einer Nord- und einer Südroute wählen. Ich entscheide mich für die Kammvariante im Norden, da diese Route teilweise auch grenznah verläuft.

Der Goldsteig gehört zum Verbund von klassifizierten und prämierten Wanderwegen, die unter dem Dachmarke "Top Trails of Germany" zusammengeführt wurden. Zwölf Spitzenwanderwege mit dem Motto: Wandern macht glücklich. In einer Informationsbroschüre der Top Trails heißt es: "Die Top Trails sind typisch, eigen und anziehend. Und bei all ihren Gemeinsamkeiten dennoch alle anders. Jeder der zwölf Wege hat seine eigene, spannende Geschichte, jeder hat seinen speziellen Charakter. Keiner ist wie der andere. Die Marke Top Trails steht für Intensives Erlebnis, einzigartige Vielfalt, höchste Qualität und perfekten Service. Atemberaubende Natur, sportliche Herausforderung und interessantes über Land und Leute sind in unserer Wanderphilosophie auf einmalige Art und weise miteinander verwoben".

Den Saar-Hunsrück-Steig bin ich mit Emma schon gewandert, den Eifelsteig ebenfalls. Morgen werden wir uns gemeinsam auf den dritten Weg aus der Reihe der Top Trails machen. Ich freue mich auf die Herausforderung.

 

128. Etappe / Marktredwitz – Marktredwitzer Haus / 17.08.2010

128. Etappe / Marktredwitz – Marktredwitzer Haus / 17.08.2010Regen peitscht mir ins Gesicht. Emma schaut mit ihren braunen Augen zu mir auf, als wolle sie mir sagen, dass man bei diesem Wetter doch keinen Hund nach draußen schickt. Wir stehen am denkmalgeschützten Gerberhaus am Rande der Stadt. Hier ist das Vereinshaus des Fichtelgebirgsverein e.V. untergebracht. Hier beginnt der Goldsteig. Am Einstieg zwei Hinweisschilder: Passau, nördliche Route 420 Kilometer, Passau südliche Route 396 Kilometer. Ich entscheide mich für die nördliche Kammroute, da sie näher an der Grenze verläuft. Noch einmal überprüfe ich ob alles regensicher verstaut ist, dann wandern wir los. Emmas Schwanz hängt ziemlich tief, und mit Mütze und Kapuze überm Kopf, sehe ich auch nicht besonders wanderfreudig aus.

Der Goldsteig verdankt seinen Namen verschiedenen "Goldfaktoren". Im Mittelalter führte die so genannte Goldene Straße als bedeutender Handelsweg von Nürnberg nach Prag. Die Goldenen Steige waren Salzsäumerpfade auf denen das "weiße Gold" von der Donau nach Böhmen transportiert wurde. Im Oberpfälzer Wald und im Bayrischen Wald sind zahlreiche Goldminen dokumentiert. Die Goldsteig Käsereien Bayerwald GmbH führt ihren Namen seit 1992. Sie wird von 5000 Goldsteig-Milchbauern des Bayrischen Waldes beliefert. Von den bäuerlichen Betrieben wird der größte Beitrag für die Pflege der Kulturlandschaft geleistet. Der Name Goldsteig ist eine Verbindung von Geschichte, wunderbarer Landschaft und Wandergenuss.

128. Etappe / Marktredwitz – Marktredwitzer Haus / 17.08.2010Zu Beginn des heutigen Tages durchwandern wir einen Teil der grenzenlosen Gartenschau, die 2006 in Marktredwitz und im tschechischen Cheb an der Eger stattfand. Die erste Etappe des Goldsteigs führt nach Friedenfels. Dort wollen wir am Abend übernachten.

Während unserer gesamten Tour regnet es ununterbrochen. Nur in den kurzen Waldpassagen bleiben wir einigermaßen verschont. Die bewaldeten Hügel um uns herum versinken in Nebel und Regenschwaden. Wir kommen viel langsamer voran als geplant. Der tiefe, matschige Boden lässt kein flottes Tempo zu, die nassen Wurzeln sind äußerst glitschig. Irgendwann bin ich unaufmerksam und rutsche auf einer der Wurzeln aus. Mit meinen 15 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken haut es mich hin.

Der Regen will einfach nicht aufhören. Als wir höher steigen kommt noch starker Wind zum Regen dazu. Aus dem Wind werden Sturmböen. Die Bäume biegen sich gewaltig. Es wird immer ungemütlicher. Im Marktredwitzer Haus, direkt am Steig, auf 780 ü.d.M. wollen wir uns bei einer Mittagsrast aufwärmen.

128. Etappe / Marktredwitz – Marktredwitzer Haus / 17.08.2010Gemeinsam mit Rudolf Schimel – er mit dem Auto, ich und Emma zu Fuß – kommen wir dort an. Während unserer Mittagsrast sitzen wir zusammen am Tisch. Rudolf ist begeisterter Wanderer und Radfahrer. Er stammt aus der Gegend, wohnt aber schon seit vielen Jahren in Flörsheim bei Frankfurt. Der gebürtige Oberpfälzer studierte Maschinenbau. Im Hüttenwerk im luxemburgischen Esch hat er eine Sinteranlage in der Hochofenanlage gebaut. Wenn er nach Flörsheim zurückfuhr, ist er meistens an der Völklinger Hütte vorbeigefahren. Er kann sich somit genau vorstellen, wo ich am 20. März zu meiner Deutschlandumrundung gestartet bin.

Bei heißem Tee und einer heißen Suppe erzählt er mir, dass man im Marktredwitzer Haus, das dem Fichtelgebirgsverein gehört, auch übernachten kann. Mein Entschluss steht sofort fest: Emma und ich werden wir dieses Haus heute nicht mehr verlassen. Nach 11 Kilometern endet meine erste Etappe früher als geplant.

Es regnet und stürmt den ganzen Nachmittag weiter. Marek Novak, der die Herberge gemeinsam mit seiner Frau bewirtschaftet macht Feuer im Kachelofen. Dort kann ich meine Schuhe und Kleider an den warmen Kacheln trocknen. Emma kuschelt sich in eine warme Ecke und während meiner Tagebuchaufzeichnungen sitze ich mit meinem Rücken am warmen Ofen und trinke heißen Tee. Früher war Sommer mal anders.

 

129. Etappe / Marktredwitzer Haus – Falkenberg / 18.08.2010

129. Etappe / Marktredwitzer Haus – Falkenberg / 18.08.2010In der Nacht hat der Regen nachgelassen, ebenso der Sturm. Mein Frühstück steht am warmen Kachelofen. Lenka und Marek Novak bewirtschaften das Haus alleine. Nur in Spitzenzeiten hilft eine Aushilfskraft beim Bedienen der Gäste. Marek ist ausgebildeter Koch, seine Frau im Hauptberuf Investmentberaterin. Sie haben sich in Karlsbad kennen gelernt als Marek seinen jungen, weißen Hund ausführte. Lenka verliebte sich sofort in das kleine weiße Bündel (später auch in Marek). Sie war damals sechzehn, er sechsundzwanzig. Für ihren Hund haben Lenka und Marek übrigens einen Neoprenanzug als Regenschutz, den sie mir für Emma anbieten. Ich bin sicher Emma wäre nicht begeistert. Also lehne ich dankend ab. Vor dem Haus noch einige Erinnerungsfotos von Emma, dann sind wir im Wald verschwunden.

Beim Anstieg zur Burgruine Weißenstein durch die kühle Morgenluft wird mir angenehm warm. Als wir oben ankommen ziehen die letzten Nebelschwaden durch die Ruine. Gespenstig schön das alte Gemäuer, das urkundlich im 13. Jahrhundert erstmals erwähnt wird. Die Burgruine wird seit 1992 saniert und archäologisch erforscht.

Der Abstieg führt über einen schmalen Pfad, vorbei am Kiebitzstein, einem natürlichen, offenen Felsentor. Entlang verschiedener Bäche erreichen wir über Waldpfade Friedenfels, unser eigentliches Ziel von gestern. Am Ortsende entdecke ich einen goldblauen Karpfen. Später werden wir einen weiteren bunten Karpfen am Wegesrand entdecken. Die Karpfenskulpturen sind Markenzeichen und Botschafter des Landkreises Tirschenreuth, der auch als Land der 1000 Teiche bezeichnet wird.

129. Etappe / Marktredwitzer Haus – Falkenberg / 18.08.2010Hinter der Haferdeckmühle und dem Dorf Muckenthal beginnt ein Wanderwege-Zick-Zack-Kurs. Wir passieren kleine Weiher, Teiche und Seen. Oft ist es nur ein schmaler Weg, der zwei Weiher oder Teiche voneinander trennt. Die gute Markierung des Goldsteigweges bringt uns sicher durch dieses endlos scheinende Wasserlabyrinth.

In der Dorfmitte von Falkenberg thront die Burg auf Felsen gebaut. Am Abend spaziere ich mit Emma durchs Dorf zum traditionellen Gasthaus zum Roten Ochsen. Der Gastraum ist voll gefüllt. Nur ein Stuhl am Ende eines langen Tisches ist noch frei. Ich nehme Platz, bestelle ein Bier und komme mit den Männern um mich herum ins Gespräch. Ich sitze neben Fritz Schulenburg. Bis vor einem Jahr war er der Burgherr auf Burg Falkenberg. Aus finanziellen Gründen hat die Familie vor einem Jahr die Burg an die Gemeinde veräußert. Jetzt wohnt er mitten im Dorf und bei Burgbesichtigungen führt er Gäste durch sein ehemaliges zu Hause. Der Tisch leert sich. Nur Fritz Schulenburg und ich sind übrig geblieben. Nach einem letzten Bier macht Fritz Schulenberg mit mir eine private, exklusive Führung durchs alte Burggemäuer. Es dunkelt bereits, als wir oben ankommen. Mit einem großen Schlüssel öffnet der ehemalige Burgherr das Tor. Mit seiner sonoren, dunklen Stimme führt er uns durch die Räume. Am Ende der Führung ist es fast stockdunkel. Emma ist es etwas unheimlich geworden. Ob sie wohl einen Geist irgendwo hinter den Wänden entdeckt hat? Wir verlassen die Burg und schlendern Richtung Unterkunft. Als ich mich noch einmal zur Burg umschaue, glaube ich einen Burggeist gesehen zu haben. Oder waren die beiden Gläser Bier doch zu viel?

 

130. Etappe / Falkenberg – Neuhaus / 19.08.2010

In Falkenberg herrscht Festtagsstimmung. Jugendliche ziehen mit ihren Gitarren durch den Ort und singen lauthals ihre Lieder. Unterhalb der Burg scheint sich schon um 8.30 h der gesamte Ort versammelt zu haben. Der Grund: Die Radioleute von Bayern 3 sind vor Ort. In diesem Jahr wird von Bayern 3 ein Dorffest gesponsert. Viele Ortschaften haben sich beworben. Heute ist das zweite Halbfinale. Gestern hat bereits Inzell das Finale am nächsten Mittwoch erreicht. Als ich ans Gerätehaus der Feuerwehr komme brandet riesiger Beifall auf. Falkenberg steht im Finale. Emma erschrickt bei dem tosenden Beifall und Stimmengewirr. Vielleicht waren wir ja Glücksbringer.

130. Etappe / Falkenberg – Neuhaus / 19.08.2010Mit einem letzten Blick zur Burg verlassen wir Falkenburg und treffen nach wenigen Minuten an der Waldnaab die Brüder Bernd und Christian Glaser aus Augsburg. Sie haben zwischen ihren beiden Autos ein Zeltdach gespannt und frühstücken. Nach einer Nacht in ihren Zelten gehen sie heute auf Paddeltour. Das Wetter passt. Die ersten Sonnenstrahlen tauchen durch den Nebel. Sie wollen heute ebenfalls bis Neuhaus kommen. Vielleicht werden wir uns dort am Abend zu einem Bier treffen.

Der Goldsteig verläuft auf den bevorstehenden 14 Kilometern bis Neuhaus entlang der Waldnaab. Wir wandern durchs 180 ha große Naturschutzgebiet zwischen Falkenberg und Windischeschenbach. Riesige, beeindruckende Felsformationen im Wasser und am Ufer säumen den Weg. Kleine Flussschwellen und Natursteinwehre verändern immer wieder aufs Neue den Wasserlauf. Mal fließt das Wasser ruhig und kaum hörbar, dann plötzlich lautes Getöse und kurze Zeit später herrscht wieder völlige Ruhe.

130. Etappe / Falkenberg – Neuhaus / 19.08.2010Das Waldnaabtal müssen wir verlassen, um über einen kurzen, aber heftigen Anstieg nach Neuhaus zu gelangen. Von der Anhöhe sehe ich den mächtigen Bohrturm im Geozentrum des Bayrisch-Böhmischen Geoparks in Windischeschenbach. Die kontinentale Tiefenbohrung mit dem höchsten Landbohrturm der Welt (83 Meter) hat inzwischen eine Tiefe von über 9000 Meter erreicht, und ist somit das tiefste Bohrloch der Erde.

Direkt am Steig, am Marktplatz in Neuhaus, der "Zoiglhauptstadt", werden wir übernachten. Heute Abend hoffe ich dem Zoigl auf die Spur zu kommen.

 

131. Etappe / Neuhaus – Letzau/Oberhöll / 20.08.2010

Dem Zoigl auf der Spur: Zoigl ist ein untergäriges Bier, das nach althergebrachter Weise gebraut wird. In der offenen Sudpfanne über einem Holzfeuer wird die Maische, ein Gemisch aus Wasser und Gerstenmalz, zuerst gekocht, dann gehopft und so als "Würze" noch einmal erhitzt. Dieser Sud kommt nun in großen Behältern in den Keller, wo dann die Hefe ihre Arbeit verrichtet. Nach etwa zehn Tagen Gärungszeit wird das Zoiglbier in Fässer abgefüllt, in denen es noch mehrere Wochen ausreifen muss. Obwohl immer das gleiche Brauverfahren angewendet wird, schmeckt jeder Zoigl anders. Jeder Brauer hat sein eigenes Rezept, nach dem das Verhältnis der Zutaten bestimmt wird.

Das Zoiglbraurecht geht in Neuhaus auf das Jahr 1415 zurück. Damals erhielten alle Hausbesitzer das recht, selbst zu brauen und auszuschenken. Das Braurecht bleibt bis in die heutige Zeit mit Haus und Grundstück verbunden. Gebraut wird der Zoigl in den Kommunbrauhäusern. Diese Häuser werden von den "brauenden Bürgern" finanziert und erhalten. Dafür zahlt jedes Mitglied dieses vereinsähnlichen Zusammenschlusses das so genannte "Kesselgeld", eine Art Mitgliedsbeitrag.

131. Etappe / Neuhaus – Letzau/Oberhöll / 20.08.2010Wenn an einem Haus der Zoiglstern außen an der Hausmauer oder über der Tür aushängt weiß Jedermann, hier gibt es Zoigl. Außerdem eine deftige Brotzeit und dazu eine urgemütliche Atmosphäre. Der Stern dient einerseits als Zeichen des Bieres und des Brauhandwerks, andererseits auch als ein Wegweiser und Anzeiger: Hier wird frisches Zoiglbier gezapft und getrunken.

Alle diese Informationen erhalte ich von Angelika, der jungen Restaurantfachfrau im Hotel-Gasthof "Zum Waldnaabtal" in Neuhaus, die geduldig und mit viel Fachwissen meine Fragen beantwortet. Inzwischen gibt es im Internet auch einen Zoiglkalender des Oberpfälzer Waldes in dem die Schanktermine der einzelnen Zoiglwirte aufgeführt sind.

Mir schmeckten gestern Abend drei Gläser dieses wunderbaren Gerstensaftes. Anschließend überfiel mich eine unsagbare Müdigkeit.

Der Goldsteig führt auf meiner vierten Etappe über 22 Kilometer von Neuhaus nach Letzau-Oberhöll. Nur wenige Kilometer hinter Neuhaus erinnert ein schlichtes Holzkreuz unter der Autobahnbrücke an Lore. "Zum Andenken an Lore – Deine Schüler und Kollegen", steht auf dem Kreuz. Lore beschäftigt mich auf meinem Weg entlang der Waldnaab nach Neustadt. Was muss passiert sein, dass Lore den Freitod mit einem Sprung von der Autobahnbrücke gewählt hat. War es wirklich die unumstößliche, letzte Möglichkeit. Was kann einen Menschen dazu treiben den Tod als einzigen Ausweg zu sehen? Ich werde keine Antwort darauf erhalten, denn ich habe Lore nie gekannt.

131. Etappe / Neuhaus – Letzau/Oberhöll / 20.08.2010In Neustadt verlasse ich mit Emma das Waldnaabtal. Wir müssen quer durch die Kreisstadt. Hektik und Lärm der Stadt lassen wir schnell hinter uns. Dort wo der Bockl-Radweg in Neustadt den Goldsteig kreuzt, betreibt Manfred Tischler einen Imbiss mit Biergarten. Freunde nennen ihn Fredl. Der begeisterte Radler hatte vor Jahren zunächst eine Radwerkstatt eröffnet, später kam der Imbiss hinzu. Am Arm trägt er Tatoos der Maoris in Neuseeland. Dort verbringt er in jedem Winter drei Monate. Neuseeland ist für ihn das schönste Land der Welt, dort will er später einmal leben, schwärmt er mir vor. Wir stehen lange an seinem Imbiss und erzählen uns von unseren Plänen und von den Wegen, die wir gehen und bereits gegangen sind. Mit einem kräftigen Händedruck und einem "Gott schütze dich" verabschieden wir uns.

Neustadt verlassen wir auf der Höhe am Kloster St. Felix mit einem traumhaften Blick über sonnige Bergkuppen in den Oberpfälzer Wald. Im Schaukasten am Kloster St. Felix lese ich zum Thema "Zur Ruhe kommen – Seinen Weg gehen" einen Spruch, der genau zu meinen Empfindungen passt

"seinen weg
gehen
mit
guten gedanken
schritt für schritt
bewusst
etwas positives
im herzen bewegen
ausschreiten
auf was auch immer zu
voller
vertrauen"

Einige Anstiege müssen wir in den Wäldern zwischen Wichenreuth, Theisseil und dem Fischerberg erklimmen. Dazwischen kurze Gespräche mit einem Hundebesitzer, einem Pilzsammler und einer Spaziergängerin, die mir den rechten Weg zeigt. Am frühen Nachmittag erreichen wir unser Tagesziel Letzau/Oberhöll. Morgen ist Ruhetag.

 

Emmas Ruhetag / 21.08.2010

Ruhetage sind für mich echte Ruhetage. Ich liege auf meiner Kuscheldecke oder irgendwo in der Sonne und schaue zu wie Herrchen arbeitet. Der ist der Rudelchef, der hat die Verantwortung.

Emmas Ruhetag / 21.08.2010Seit 5 Monaten bin ich nun mit Herrchen unterwegs - rund um Deutschland. Der Witz dabei ist, ich werde immer bedauert: "der arme Hund, der muss so weit laufen" So ein Blödsinn. Ich bin ein Beagle und Beagles sind Laufhunde. Vom Laufen kann ich gar nicht genug bekommen. O. K. ich hasse Dauerregen, an solchen Tagen hält sich meine Begeisterung echt in Grenzen. Aber wenn das Wetter mitspielt, gibt es nichts Schöneres als mit Herrchen in der Natur unterwegs zu sein.

Am liebsten laufe ich natürlich ohne Leine. Dann kann ich rennen und schnüffeln wie ich will. Das Wandern an den Nordseedeichen war echt `ne Strafe. "Frei laufende Hunde werden erschossen." Als ob ich ein Schaf reißen würde. Ich bin zwar ein Jagdhund, aber ich habe andere Aufgaben. Ich bin ein Familienhund. Meine Meute ist meine Familie, und meine Meute jagt nicht!

An dieser Stelle muss ich mit einem Vorurteil aufräumen. "Beagles kann man nicht ohne Leine laufen lassen, die hören nicht." Die meisten meiner bedauernswerten Rassegenossen müssen darunter leiden, dass ihre Menschen nichts begreifen. Beagles hören schon, und zwar sehr gut. Allerdings nicht auf sinnlose Befehle. Wobei wir uns natürlich vorbehalten, den Sinn eines Befehls – aus der Hundperspektive - erst einmal zu überdenken. Das dauert manchmal etwas länger. Wenn unsere Familie uns gut behandelt, hören wir sogar in Situationen, die wir nicht so recht nachvollziehen können: aus Freundschaft zu unseren Menschen.

Emmas Ruhetag / 21.08.2010Ganz toll war es an der Ostsee. Wunderbarer Strand zum Toben. Hundeparadies. Ich mag auch weiche Waldwege mit kleinen flachen Bachläufen am Wegesrand. Beim Trinken bin ich nämlich sehr wählerisch. Auch wenn mir die Zunge bis zum Boden hängt, ich nehme noch lange nicht jedes Wasser, das man mir anbietet. Milch trinke ich sowieso viel lieber.

Außerdem bin ich ein Feinschmecker. Genau wie mein Herrchen. Wir beide mögen keine Konserven und Fertigfutter. Also wird unterwegs das Pausenbrot geteilt und abends lässt Herrchen für mich kochen. Das war eine Bedingung von Frauchen. Kein Hundefutter für Emma! Recht so. Auch die Kuscheldecke hat Frauchen durchgesetzt. Und ein Fleecehandtuch, damit Herrchen mich immer sofort trocknen kann, wenn wir durchnässt irgendwo ankommen.

Jetzt haben wir noch 3 Monate vor uns. Ich bin dabei. Mit Begeisterung. Bewegung in der Natur und Herrchen ist rund um die Uhr für mich da. Was für ein tolles Hundeleben.

 

132. Etappe / Letzau/Oberhöll – Leuchtenberg / 22.08.2010

manchmal
abstand von allem
suchen
orte finden
wo die stille
eine besondere qualität hat
der atem wird ruhig
und begegnet
der hektik
meditieren
seinen Augenblick verlassen
um sich neu zu suchen und zu finden
gelassener
seinen weg
weitergehen

An der kleinen Kapelle auf dem Dreifaltigkeitsberg zwischen Oberhöll und Matzlesrieth erinnere ich mich an diesen Spruch, den ich vor zwei Tagen am Kloster St. Felix in Neustadt gelesen habe.

Es ist still an diesem Sonntagmorgen. Nur ein zarter Lufthauch streicht über die teilweise abgeernteten Felder. Der Sommer zeigt sich in seiner vollen Pracht. Emma und ich genießen die warmen Sonnenstrahlen, wir können gar nicht genug davon bekommen.

Unser Tagesziel, Leuchtenberg, liegt nur vierzehn Kilometer von Oberhöll entfernt. Von unserem Standort an der Kapelle ist Leuchtenberg gut auszumachen. Bei guter Sicht kann man von hier aus den Fernsehturm von Nürnberg sehen.

132. Etappe / Letzau/Oberhöll – Leuchtenberg / 22.08.2010

Über schattige Waldpassagen und sonnige Wegabschnitte erreichen wir im Luhe-Tal die Oberschleif, eine ehemalige Glasschleife. Kurz danach sind wir an markanten Grenzkreuzen, den so genannten "Drei Handkreuzen", die bereits als Grenzzeichen der Landgrafschaft Leuchtenberg im Jahr 1361 erwähnt sind. Auf dem Weg zur Burg müssen wir durch Waldgebiete, die Namen tragen wie Mördergrube oder Sargmühle.

Burg Leuchtenberg "die Akropolis der Oberpfalz" steht und thront auf einer 573 hohen Granitkuppe, eingerahmt von den Flüssen Luhe und Lerau. Im Jahre 1158 wurden die Leuchtenberger in den Grafenstand erhoben, im 15. Jahrhundert stiegen sie gar in den Fürstenstand auf.

Seit 1981 finden auf der Burg zwischen Mai und August Burgfestspiele statt. Vom traditionellen bayerischen Volkstheater bis hin zu modernen Inszenierungen sowie Musiktheater bietet das Theaterensemble aus Profis und Laienschauspielern, seinem Publikum alljährlich beste Theaterunterhaltung.

Im Schatten der Burg genieße ich mit Emma den wunderbaren Sommertag. Morgen werden wir wieder einige Kilometer länger unterwegs sein.

 

133. Etappe / Leuchtenberg – Tännesberg / 23.08.2010

In Leuchtenberg versorgen wir uns in der Bäckerei mit Wanderproviant. Eine gute Entscheidung, denn auf dem gesamten Weg nach Tännesberg stehen wir am Montag bei allen Einkehrmöglichkeiten vor verschlossenen Türen. Als wir loslaufen beginnt ein leichter Sommerregen, der uns über Stunden begleiten wird. Nicht ein einziger Wanderer begegnet uns auf den bevorstehenden 22 Kilometern nach Tännesberg.

133. Etappe / Leuchtenberg – Tännesberg / 23.08.2010Wir steigen bergab, müssen später hinauf nach Wittschau und kurz hinter dem Dorf unterqueren wir die Autobahn. Hinter Döllnitz beginnt eine spektakuläre Wegführung entlang der Pfreimd. Der Weg schlängelt sich über kleine Steingruppen und felsigen Untergrund. Emma scheint diese Passage zu mögen, sie springt, klettert und ist mir weit voraus. Wir genießen diesen Abschnitt durchs Pfreimdtal. Die Pfreimd fließt meistens ruhig dahin, nur wenn sie größere Felsen umfließen muss, wird das Wasser merklich hörbar. Gerne würde ich auf einer Bank diese Kulisse genießen, der Regen lässt uns keine Chance. Schade.

An Regentagen, wenn die Welt ausgestorben scheint und keine Wanderer unterwegs sind, mache ich mir meine Gedanken was danach kommt. In drei Monaten werde ich zu Hause sein. Werde ich ein großes "Wanderloch" fallen? Was wird Emma denken? Wird sie nicht jeden Morgen darauf warten dass es endlich losgeht? Sollte ich vielleicht mit kleinen Wandergruppen die Highlights meiner Deutschlandumrundung als Wanderevents anbieten? Einige Tage auf dem Eifelsteig, oder Wandern durchs Westmünsterland, auch die Ostsee wäre für einige Tage eine Traumkulisse, oder das Oderbruch. Das Zittauer Gebirge, einige Passagen auf dem Erzgebirgskammweg, und nun der Goldsteig, allesamt Wandererlebnisse der Spitzenklasse. Vielleicht kann ich mit meinen Gedanken die Leser animieren im Forum darüber zu diskutieren. Wer hätte Lust mitzukommen? Ich bin auf die Reaktionen gespannt. Und außerdem: Wie hat euch der Ruhetag mit Emma gefallen? Sollten wir Emmas Meinung ab und zu einholen?

133. Etappe / Leuchtenberg – Tännesberg / 23.08.2010Vom Pfreimdtal aus geht es bergan. Oben angekommen hat man einen wunderbaren Blick auf Trausnitz. Hinter dem Stausee windet sich der Weg im Wald sanft nach oben. In Bierlhof wird es steiler. Und dann folgt ein langer Forstweg Richtung Tännesberg. Am Nachmittag zeigt sich endlich die Sonne. Vom Schlossberg, wo einmal eine Burg stand, versöhne ich mich mit dem Tag: Ein Panoramablick über Tännesberg, den Oberpfälzer Wald, den Böhmerwald sowie den Bayerischen Wald, die Fränkische Schweiz und das Fichtelgebirge. Ausblicke, die ich so schnell nicht vergessen werde.

In Tännesberg heißt es mal wieder Emma trocknen, Schuhe trocknen, Kleider trocknen und zum Schluss bin ich dran. Immer in dieser Reihenfolge. Emma kommt zuerst, sonst gibt's Ärger mit Frauchen. Morgen soll wieder die Sonne scheinen. Hoffentlich.

 

134. Etappe / Tännesberg – Oberviechtach / 24.08.2010

134. Etappe / Tännesberg – Oberviechtach / 24.08.2010Hoher Besuch ist angesagt: Michael Körner, "Mr. Goldsteig", wird mich heute von Tännesberg nach Oberviechtach begleiten. Michael Körner ist zuständig für über 600 Kilometer Goldsteig. Sein "Goldsteigauto" ist sein Büro. Er kämpft an allen Fronten, bringt neue Ideen ein und ist vor allem auch für die "Überwachung" des Goldsteigs zuständig. Immer wieder passiert es, dass eine Gemeinde ein Stück natur belassenen Weg unbedingt asphaltieren will. "Damit die Radfahrer besser durch den Wald kommen", grinst er. Emma freundet sich sofort mit ihm an und umgekehrt ist es genauso.

Michael Körner zeigt mir "seinen Weg", erzählt von den vielen Kleinigkeiten, die er immer wieder in Ordnung bringen muss. Seine Arbeit macht ihm Spaß, hier kann er sich einbringen, mit dem Goldsteig ist er verwurzelt. Der Wandertag mit ihm vergeht wie im Flug. Später schreibt er mir ins Tagebuch: "Lieber Günter, Liebe Emma, es war mir eine Ehre und sehr große Freude Dich heute auf der Goldsteig-Etappe von Tännesberg nach Oberviechtach begleiten zu dürfen. Es war eine tolle Erfahrung mit dem DEUTSCHLAND-UMRUNDER on Tour zu sein. Der Moment zählte. Auch wenn es schnell verging. Im Sinne vom Jakobsweg wünsche ich Dir und Emma noch ein wohl gelingen auf Deiner restlichen Tour. BUEN CAMINO und SERVUS mach's guat".

Danke Michael, Deine Begleitung hat mir und Emma gut getan. Wir freuen uns beide, Dich wieder zu treffen. Vielleicht klappt es ja irgendwann.

An der Burgruine Wildenstein machen wir die erste Rast und genießen den tollen Ausblick. Die tief hängenden, dunklen Wolken stören uns nicht. Hinter Kühlried pflücke ich mir eine Birne vom Baum. Die erste für dieses Jahr, sie schmeckt fantastisch. Der Goldsteig läuft hier parallel zum Jakobsweg. Die Jakobskapelle am Dorfrand von Hermannsried strahlt himmlische Ruhe aus. Hier sitzen wir längere Zeit im Schatten der alten Kastanienbäume. Im Gästebuch der Kapelle lese ich: "Hier ist einer meiner Lieblingsplätze am Goldsteig, vor allem, weil sich hier Ostbayerischer Jakobsweg und Goldsteig besinnlich treffen."

Oberviechtach erreichen wir am frühen Nachmittag. Michael Körner muss zurück. Mir bleibt Zeit, mit Emma durch die Stadt zu schlendern. Oberviechtach ist der Geburtsort des berühmten Doktor Eisenbarth. Karl Pösl, der Hausherr des Gasthauses und Hotels Pösl überreicht mir bei meiner Ankunft eine Broschüre über das Leben von Johann Andreas Eisenbarth. Dort heißt es zu Beginn: "Das Leben des Doktor Eisenbarth beschreiben, heißt ein Kapitel aus der Geschichte der Chirurgie des 17. Jahrhunderts aufzuschlagen. Das bekannte Spottlied ‚Ich bin der Doktor Eisenbarth, kurier die Leut nach meiner Art' hat seinen Namen durch die Jahrhunderte getragen, aber ihm auch den Ruf eines Scharlatans eingebracht". Im Stadtmuseum erfahre ich dann mehr über das Leben des Doktors.

134. Etappe / Tännesberg – Oberviechtach / 24.08.2010Seit dem Mittelalter herrschte rund um Oberviechtach eine rege Bergbautätigkeit. Dabei wurde vor allem nach Gold gesucht. Im Bereich des Murachtals war das größte Abbaugebiet. Gestern habe ich mit Emma die Murach überquert, Goldspuren konnten wir leider nicht entdecken.

Als ich zum Abschluss unseres Stadtbummels zum Marktplatz komme, begegnet mir der erste Wanderer auf dem Goldsteig. Jean-Pierre kommt aus Schwabach und seit einigen Tagen unterwegs. Während wir auf dem Marktplatz sitzen freundet sich der kleine Julius mit Emma an. In der nahen Eisdiele besorgt er sich eine Eistüte und füttert Emma damit. Emma hat einen neuen Freund gefunden.

 

135. Etappe / Oberviechtach – Rötz / 25.08.2010

134. Etappe / Tännesberg – Oberviechtach / 24.08.2010Als ich um 7.00 Uhr zum Frühstück gehe, sitzen schon zwei Wanderer am Tisch. Peter Joachim Knörrich aus Reutlingen, der in den nächsten zwei Tagen bis zur tschechischen Grenze wandern will und Jean Pierre Schröllkamp, den ich am Vortag auf dem Marktplatz traf. Das Frühstück dauert heute etwas länger, da wir uns viel zu erzählen haben. Nach einem herzlichen Abschied ziehen wir los, jeder auf seinem Weg.

134. Etappe / Tännesberg – Oberviechtach / 24.08.2010Unterhalb der Burg in Obermurach finde ich die Wegmarkierung des Goldsteigs. An der Bushaltestelle stehen zwei Bauern mit ihren Milchcontainern. Sie warten auf das Milchauto, das ihre Milch der letzten zwei Tage abholt. Während ich mit Bauer Robert Herdegen plaudere kommt endlich der große Milchwagen. Mit den Kühen im Stall komme er gerade so über die Runden. Was ihn ärgere, sei die Tatsache, dass fremde Menschen den Lohn seiner Arbeit bestimmen. Er müsse nehmen was er bekomme, den Preis bestimmen andere.

Die Burg in Obermurach ist leider verschlossen. Um beim Burgwart den Schlüssel zu besorgen, müsste ich wieder bergab steigen. Also entschließe ich mich weiter zu wandern. Hinter Kulz treffe ich mit Emma Jean Pierre wieder. Wir entschließen uns ein Stück gemeinsam zu wandern. Jean Pierre, der in Schwabach lebt, wurde in Lothringen in Einville au Jard geboren. Mit elf Jahren siedelte er mit seiner Mutter zurück nach Deutschland. Jean Pierre betreibt Ausdauersportarten wie Marathon, Triathlon und sogar 100 Kilometerläufe. Mit meinem schweren Rucksack kann ich mit seinem Tempo nicht mithalten. Er nimmt Rücksicht und etwas Geschwindigkeit aus seinem Wandertempo.

Wir wandern durchs 80 Hektar große Prackendorfer Naturschutzgebiet entlang des Kulzer Moos. Die Moorbirken scheinen sich schon auf den Herbst einzustellen, das Laub ist goldgelb. Der Himmel zeigt heute einen Mix aus Wolken und Sonne, ideales Wanderwetter. In Thanstein haben wir Glück, das vermeintlich geschlossene Cafe ist doch geöffnet. Die Wirtin erzählt uns, dass vor zwei Jahren Ursula Fiedler, eine Opernsängerin die in Wingst an der Nordsee lebt, hier im Cafe saß und von ihrer langen Wanderung erzählte: 1600 Kilometer von Wien nach Wingst. Da die musikalische Heimat von Ursula Fiedler die Wiener Bühnen sind, heißt das immer und immer wieder mit dem Flugzeug nach Wien und zurück. Diese Strecke wollte sie unbedingt einmal zu Fuß gehen. Vor zwei Jahren hat sie die Strecke mit Erfolg bewältigt.

134. Etappe / Tännesberg – Oberviechtach / 24.08.2010Vor unserem Abendquartier warten zwei steile Anstiege und der Marsch übers Naturdenkmal "Steinerne Wand", die sich wie ein Grat etwa dreihundert Meter durch den Wald zieht. Kletterkünste und Trittsicherheit sind erforderlich. Emma spurtet geschickt vor uns her, es macht Spaß ihr zusehen, sie fühlt sich wohl in diesem steinigen, unwegsamen Terrain. Nach dem letzten Anstieg zur Schwarzenbergruine geht`s bergab Richtung Rötz. Das Hotel Bergfried in Bauhof am Waldrand und direkt am Goldsteig gelegen, ist ein ganz besonderes Hotel. Erholung für Mensch und Hund. Ein Hundehotel mit allen Raffinessen für die Vierbeiner. Hier nur ein kleiner Auszug aus dem Angebot: "Hundküche für die Zubereitung, Kühl- und Gefrierschrank für Hundefutter, Hundesitter, Hundedusche mit warmem Wasser, Hundehandtücher für nasse Vierbeiner, Hundenäpfe auf jedem Zimmer, Dogdancing, geführte Hundewanderungen, Hundemassage und, und, und." Das Einzige was zu fehlen scheint, ist eine Hundespeisekarte. Ach ja, Hunde können ja gar nicht lesen. Dafür gibt es eine Speisekarte für Menschen. Endlich Zeit zum ausspannen und erholen. Emma schnüffelt sich durchs Hotel, schließt einige neue Freundschaften und schläft in der Nacht wie im siebten Hundehimmel. Was für ein Hundeleben.

 

136. Etappe / Rötz – Waldmünchen-Herzogau / 26.08.2010

Ein langer Wandertag erwartet Emma und mich. Da wir heute über dreißig Kilometer bewältigen wollen sind wir bereits früh unterwegs. Beim Frühstück treffen wir Jean-Pierre, der uns ein Stück entlang der Schwarzach begleiten wird. Dann verabschieden wir uns, er schlägt ein schnelleres Tempo an.

136. Etappe / Rötz – Waldmünchen-Herzogau / 26.08.2010Immer wieder wuseln kleine, grauschwarze Mäuse über die Wiesenwege. Wenn Emma ihre Spur in die Nase bekommt, versucht sie, sie in ihren Mauslöchern auszuschnüffeln. Die winzigen Erdbewohner rennen wie kleine Rennautos über die Wege, um ihr sicheres Wegesystem zu erreichen. Auf einem Waldweg entdecke ich eine graue Stoffmaus, die irgendwann in den letzten Tagen ein Kind oder Wanderer verloren hat. Es könnte ein Schmusetier gewesen sein, vielleicht aber auch ein Maskottchen eines Wanderers. Haben die Macher des Goldsteigs eigentlich schon ein Maskottchen für den Steig? Die "Goldsteigmaus" wäre doch das passende Tier. Ich werde es Michael Körner vorschlagen.

Als ich mit Emma gemütlich eine Pause am Waldrand einlege, kommen Gerda und Jürgen Pfeiffer aus Bielefeld mit ihren Mountainbikes angeradelt. Die beiden hatten ebenfalls die vergangene Nacht im Hundehotel verbracht. Sie sind einige Tage mit dem Fahrrad auf dem Goldsteig unterwegs. Das heißt, ab und zu mal schieben oder sogar das Rad tragen. Sie nehmen es sportlich.

Die Hügelkette im Böhmerwald kommt immer näher. Der Cherkov, mit seinem markanten Turm ist gut erkennbar. Unterhalb des Berges liegt Waldmünchen-Herzogau, unser Tagesziel. Der Aufstieg nach Engelmannsbrunn, ist anstrengend. Oberhalb des Dorfes, direkt am Waldrand steht einladend eine Bank. Der Blick zurück reicht bis nach Rötz. Emma und ich haben ein gewaltiges Stück Weg zurückgelegt.

Kurz vor Waldmünchen trennen sich der Burgenweg und der Goldsteig. Ein Hinweisschild zum Genuss-Hotel Gruber in Herzogau signalisiert mir noch dreieinhalb Kilometer. Kurz vor Herzogau müssen wir den Kreuzweg nach oben wandern. Bei dem steilen Anstieg nach acht Stunden Wandern mit schwerem Rucksack zähle ich die Bildstöcke des Kreuzweges, um mich von meinen Strapazen abzulenken. Die Kastanienallee nach Herzogau kann ich nicht mehr richtig genießen. Ich freue mich nur noch auf ein kühles Bier am Tagesziel.

136. Etappe / Rötz – Waldmünchen-Herzogau / 26.08.2010Michael Körner und seine Frau Gabi sind bereits im Hotel angekommen. Sie werden mich die nächsten zwei Tage begleiten. Ich freue mich auf ihre Gesellschaft und Emma ist sofort begeistert als sie die beiden erkennt. Evi Wagner, die Hotelchefin des Landhotels Gruber hat mich spontan eingeladen, als sie von meiner langen Wanderung erfahren hat. Herzlichen Dank an Frau Wagner. Die Nacht vergeht viel zu schnell. Emma und ich schlafen wie Murmeltiere oder doch wie Goldsteigmäuse?

 

137. Etappe / Waldmünchen-Herzogau – Grafenried / 27.08.2010

Beim Frühstück mit Gabi und Michael gesellt sich auch Hermann Plötz aus Furth im Wald zu uns. Hermann kenne ich von der Messe TourNatur in Düsseldorf. Er ist heute auch mit von der Partie und hat in Furth im Wald eine Überraschung geplant.

137. Etappe / Waldmünchen-Herzogau – Grafenried / 27.08.2010Die umliegenden Hügel und Berge sind allesamt in Nebel getaucht. Auf manchen Wegabschnitten ist es im Wald richtig dunkel. Die Atmosphäre gleicht eher einer Abendstimmung. Der Nebel wird umso dichter je höher wir steigen.

Im kleinen Weiler Gibacht kehren wir ein bei Ralph Wenzel. Der Hüttenwirt ist Glaskünstler. Bereits seine Eltern und Großeltern haben sich mit Glas beschäftigt. Im Rahmen eines Ferienprogramms zeigt der Künstler einigen Kindern wie man selbst eine Glasperle herstellen kann. Die Mädchen sind begeistert und mit Eifer bei der Sache. Am Tannenriegel auf 910 Meter Höhe steht ein Kunstwerk von Ralph Wenzel: der über drei Meter hohe "Leuchtturm der Menschlichkeit". Neben Glas hat der Künstler darin Steine aus der ganzen Welt verarbeitet. Leider steht das Kunstwerk nicht am Goldsteig, so dass wir uns mit einer Postkarte begnügen müssen. Hinter Gibacht gelangen wir nach wenigen Minuten an die tschechische Grenze. Mitten auf der Grenze steht eine Hütte mit einem großen Steintisch. Die alte Grenzmarkierung von 1766 "Dreiwappen" erinnert an den bayerisch-böhmischen Grenzvertrag zwischen Kaiserin Maria-Theresia und dem bayerischen Kurfürst Max Josef III vom 3. März 1764, wonach die Grenze neu vermessen wurde. Die in Fels gemeißelten Wappen sind noch gut erkennbar. Wir verlassen die Grenze und wandern im dichten Nebel zu einem beeindruckenden Kreuz aus Stahl und blauem Glas, ebenfalls ein Werk von Ralph Wenzel.

137. Etappe / Waldmünchen-Herzogau – Grafenried / 27.08.2010Beim Abstieg im Wald lichtet sich der Nebel. Im Tal liegt Furth im Wald, wo unsere Überraschung auf uns wartet: der größte Hightech-Drachen der Welt im ersten Drachenmuseum Deutschlands. Beim Bau des Drachens haben Hollywoods Effekt-Spezialisten Magicon ebenso mitgewirkt wie führende Mechatronik- und Metallbaufirmen und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Beim Zusammenbau des riesigen Drachens hatte Designer Sikander Goldau Gelegenheit, Fantasie und Ingenieurskunst zusammen wirken zu lassen. Wir sind überwältigt, Emma eher weniger, sie zieht sich in eine Ecke zurück und beobachtet den Drachen aus respektvoller Distanz.

Bis Grafenried sind noch einige Kilometer zurückzulegen. Ein ereignisreicher, spannender Wandertag geht zu Ende. Und hin und wieder ein Blick zurück. Die Hälfte des Goldsteigs liegt hinter mir, auf der Hälfte die vor mir liegt erwarten mich sicherlich weitere interessante Erlebnisse. Dazu passt der Spruch des Tages in der Menükarte des Landhotels Gruber, den Evi Wagner mir gewidmet hat: "Wer nicht manchmal stehen bleibt und zurückschaut, weiß gar nicht, wie weit er schon gekommen ist."

 

138. Etappe / Grafenried – Eck / 28.08.2010

Eine dicke Nebelwand versperrt die Sicht zum Gipfel des Hohenbogen als ich in Grafenried mit Gabi und Michael in den Berg starte. Nach einigen Häusern befinden wir uns auf einem breiten Forstweg mit angenehmer Steigung und einigen Kehren. Dann zeigt Michael in eine Steilwand und lächelt: "Bitte schön, der Eingang zum Himmel."

138. Etappe / Grafenried – Eck / 28.08.2010Über Stock und Stein führt der Weg auf schmalem Pfad fast senkrecht nach oben. Eintausendsechshundert Meter brutal bergan. Es ist der anstrengendste Anstieg seit ich vor über fünf Monaten aufgebrochen bin. Schweiß rinnt von meiner Stirn während Gabi über die Steine springt wie ein junges Reh. Bald ist sie im Nebel verschwunden. Emma versucht das Rudel zusammen zu halten. Sie fühlt sich sichtlich wohl. Hat Spaß daran über die Äste, Steine und Felsen zu springen. Der Eingang zum Himmel ist für mich eher das Tor zur Hölle. Ich lenke mich ab indem ich an Grubers Genuss-Hotel in Herzogau denke und die liebevolle Aufnahme von Familie Wagner. Wir haben uns versprochen uns wieder zu sehen.

138. Etappe / Grafenried – Eck / 28.08.2010Gabi und Michael warten oben am Sendemast auf mich. Kalter Wind fegt über den Bergrücken. Wir ziehen weiter bergab. In Watzlsteg überqueren wir die Regen, machen am Flusslauf eine Pause und verschwinden wieder im Wald. Über Reitenberg und dem Kreuzfelsen steigen wir zur Kötzinger Hütte, die eingebettet von Wald und Fels windgeschützt in der Sonne liegt. Der Nebel hat sich endlich verzogen, die Aussicht nach beiden Seiten vom Berg ist wie hingemalt. Während der Pause erzählen wir uns Geschichten aus unserem Wanderleben. Unsere Seelen schwingen im Takt, wie Michael es später formuliert.

Am Großen Riedelstein wurde dem Volksdichter Maximilian Schmidt ein Denkmal gesetzt. Eine Bronzetafel zeigt ein Reliefporträt des Dichters, der1832 in Eschlkam geboren wurde. In vielen Texten und Romanen beschrieb er die seine Heimat, den bayerischen und den böhmischen Wald. Maximilian Schmidt war Initiator des ersten Oktoberfesttrachtenzugs 1895 in München, er erhielt für sein engagiertes Wirken von Prinzregent Luitpold den erblichen Titel "genannt Waldschmidt".

138. Etappe / Grafenried – Eck / 28.08.2010Als wir kurz vor dem Weiler Eck aus dem Wald kommen, liegt direkt vor uns der 1456 Meter hohe Große Arber. Morgen wartet die Königsetappe des Goldsteigs auf mich und Emma. Acht Eintausender sind zu überqueren.

Den Abend verbringen wir gemeinsam im Araacher Hof. Dieter Rackl, der Chef des Hauses, hat die örtliche Presse eingeladen. Fragen über Fragen stürzen auf mich ein, Michael hilft mir beim Beantworten und auch beim Trinken der diversen einheimischen Spirituosen. Zum Abschluss des Abends stehen frische Brezeln auf dem Tisch und frisch angemachter "Obatzda". Dazu ein letztes Bier. Dann ziehe ich mich mit Emma ins Schlafgemach zurück und hoffe für Morgen auf gute Sicht in den Bergen und ein gutes Gelingen.

 

139. Etappe / Eck – Seebachschleife / 29.08.2010

Um 7.00 Uhr treffe ich mich mit Gabi und Michael zum Frühstück. Sie bringen anschließend meinen schweren Rucksack ins nächste Hotel und fahren zurück nach Regensburg. Für die Beiden beginnt morgen wieder der Berufsalltag. Allerdings nur für eine Woche, dann werden sie in Wanderkleidung im Zug nach Südfrankreich sitzen, um drei Wochen lang auf dem Jakobsweg unterwegs zu sein.

Ich komme mit gemischten Gefühlen zum Frühstück. Hunger will sich nicht so recht einstellen. Zwei Tassen Kaffee, mehr schaffe ich nicht. Ich habe Respekt vor der heutigen "Königsetappe" und ich muss mich von neu gewonnenen Freunden verabschieden. Ich mag keine Abschiede. Ein letztes Bild am Goldsteigauto, dann bin ich mit Emma im dichten Nebel verschwunden. Emma wartet noch einige Male auf die Beiden, dann weiß sie: wir sind wieder allein unterwegs.

Die "Königsetappe" steht an: achtmal einen Tausender überqueren, ehe es zweieinhalb Stunden bergab nach Seebachschleife geht.

139. Etappe / Eck – Seebachschleife / 29.08.2010Der Arber ist der König des Bayerischen Waldes und höchster Berg des Bayerisch-Böhmischen Grenzgebirges. Die Rißloch-Wasserfälle, Moore, eiszeitliche Seen mit steil abfallenden Felswänden sowie der Urwald verleihen dem Gebiet um den Arber seinen einmaligen Charakter. Der Große Arber erreicht als einziger Berg des Grenzmassivs die klimatische Waldgrenze. Dorthin will ich mit Emma. Die kühle Temperatur lässt uns ein ordentliches Tempo vorlegen. Je länger wir steigen, umso wohler fühle ich mich. Die Trainingstage mit Gabi und Michael zeigen Wirkung. Der Mühlriegel auf 1080 Metern ist der erste Tausender den wir meistern. Der Nebel wird immer dichter, die Temperatur scheint weiter zu sinken. Emma stöbert Stöckchen auf, schnüffelt an verschiedenen Mauselöchern.

Der Ödrigel (1156 m), das Waldwiesmartl beim Schwarzeck (1238 m), der Reischflecksattel (1126 m), der Heugstatt (1261m) sowie der Enzian (1285 m) bescheren uns ein ständiges Auf und ab. Das Pflücken eisgekühlter Himbeeren und Blaubeeren am Wegesrand sorgen für kurze Pausen. Ab und zu reißen die dichten Nebelfelder für Sekundenbruchteile auf. Es ist ein Spiel mit dem Licht. Der Goldsteig wird zu einem Weg der Stille. Ich bleibe öfter stehen, um die Stille zu hören. Hörbare Stille wie ich sie selten erlebt habe. Eine schaurig-schöne Atmosphäre.

Auf dem Weg zum Kleinen Arber (1384 m) erleben wir fantastische Wetterkapriolen. Plötzlich taucht vor uns der Bergrücken des Großen Arber auf. Intensives Sonnenlicht brennt in den Augen. Dann ziehen wie von Geisterhand die Nebelvorhänge zu. Über uns hängen dicke, dunkle Wolken aus denen es leicht zu Regnen beginnt, dann fallen die ersten kleinen Eiskörner. Sie schmerzen wie Akupunkturnadelstiche an den Ohren. Die Eiskörner werden immer dicker und erreichen die Größe von Erbsen. Ich muss mir die Kapuze überziehen. Emma ist anfangs irritiert von der Massage von oben. Dann versucht sie die Eiskörner in der Luft zu schnappen, um sie anschließend zu Zerbeißen. Als wir an der Schutzhütte des Kleinen Arber ankommen, scheint wieder die Sonne. Für einige Minuten sitzen wir draußen und genießen den Sonnenschein. Noch zwei Kilometer bis zum Großen Arber (1456 m). Die Sonne trocknet beim Aufstieg die Wanderkleidung. Nach fünf Stunden habe ich mit Emma den höchsten Punkt des Goldsteigs erreicht.

139. Etappe / Eck – Seebachschleife / 29.08.2010

Die Bergbahn bringt unzählige Sommerurlauber auf den Berg. Die reinste Rummelplatzatmosphäre. Mit Emma an der Leine ziehe ich schnell über den Goldsteig nach unten. Der schwierige Abstieg über felsig-steinigen Untergrund und nasses Wurzelwerk erfordert höchste Konzentration. Emma schafft es mit Leichtigkeit und wartet immer wieder geduldig auf Herrchen.

Im Waldhotel in Seebachschleife, nur wenige Kilometer von Bayerisch Eisenstein, werden wir übernachten. Mit Thomas Müller, dem Bürgermeister von Bayerisch Eisenstein, bin ich morgen zum Frühstück verabredet. Während des Abendessens im Waldhotel meldet der Wetterbericht für die nächsten Tage Schnee in den Höhenlagen. Es ist Ende August, Zeit die Winterjacken aus dem Schrank zu holen.

 

140. Etappe / Seebachschleife – Bayerisch Eisenstein / 30.08.2010

140. Etappe / Seebachschleife – Bayerisch Eisenstein / 30.08.2010Michael Körner hat tolle Arbeit geleistet. Auf seinem Internet-Seite "Der Fernwanderer" berichtet er mit wunderbaren Bildern von Emma über unsere gemeinsamen Tage auf dem Goldsteig. Auch bei Youtube hat er Bilder eingestellt. Ich glaube, Emma wird noch zum Wanderhund des Jahres. Lieber Michael, herzlichen Dank für deine Unterstützung und die professionelle Betreuung auf dem Goldsteig.

Um 5.40 Uhr klingelt mein Handy. Thomas Müller, Bürgermeister von Bayerisch Eisenstein ist am Telefon. Um 7.30 Uhr kommt zum Frühstück in Seebachschleife. Seine Gemeinde mit 1060 Einwohnern liegt unmittelbar an der deutsch-tschechischen Grenze.

Bayerisch Eisenstein besteht zu 93% aus Wald und ist das Tor zum Nationalpark Bayerischer Wald. Der grenzüberschreitende Park hat einen Waldanteil von 98% und ist mit 98.000 Hektar das größte zusammenhängende Waldgebiet Europas. "Wenn Europa ein Körper wäre", sagt Thomas Müller "befänden wir uns jetzt in der Lunge. Mehr Sauerstoff geht nicht". Am Rande des Nationalparks ist inzwischen ein Trauerwald eingerichtet worden, ebenso ein Wildnis-Standesamt. Wenn ich auf meinem Weg durch den Nationalpark die Augen aufhalte, werde ich hier die älteste Tanne Europas bestaunen können. Ich bin gespannt.

Nach dem Frühstück entdecke ich im Flur des Waldhotels ein schwarzes Stahl-Relief der Stadt Völklingen. Es ist kaum zu glauben, der Pensionärsverein der ehemaligen Völklinger Hütte hat hier vor Jahren Urlaub gemacht.

Von Seebachschleife nach Bayerisch Eisenstein verläuft der Goldsteig direkt an der Regen. Die Regengüsse der letzten Nacht haben sie gewaltig ansteigen lassen. "Es klappert die Mühle am rauschenden Bach", kommt mir in den Sinn. Vier Kilometer wandere ich mit Emma entlang der Regen, auf vier Kilometern wird das Wort vom rauschenden Bach Realität.

140. Etappe / Seebachschleife – Bayerisch Eisenstein / 30.08.2010Kurz vor Bayerisch Eisenstein kommt uns ein schwarzer Hund entgegengelaufen. Emma ist total begeistert von ihm und die beiden jagen sich gegenseitig durchs nasse Gras. Herrchen des Hundes ist Stefan Zitzelsberger, Zollbeamter und Chef der Kontrolleinheit Verkehrswege in Zwiesel. Wir kommen ins Gespräch und ich erzähle ihm wo ich losgegangen bin. "Die Völklinger Hütte kenne ich", sagt er lächelnd, "meine Schwägerin Ulla kommt aus Völklingen. Sie hat früher dort im Kirchenwäldchen gewohnt und wird heute zum ersten Mal Großmutter". "Übrigens", so erzählt er mir abschließend, "sie ist eine geborene Schmitt".

Als wir den Grenzbahnhof in Bayerisch Eisenstein erreichen, regnet es schon wieder. Mitten durch den Bahnhof verläuft die tschechisch-deutsche Grenze. Das Eingangportal wird von beiden Ländern gemeinsam genutzt. Die Grenzlinie ist auf dem Bahnsteig markiert. Mit Emma ziehe ich mich in die Innenräume des Bahnhofs zurück. Es ist richtig kalt geworden im Bayerischen Wald. Starker Wind reißt die ersten Äste von den mächtigen Bäumen am Bahnhof.

Die aktuellen Wettermeldungen verheißen nichts Gutes. Der Wind wird zum Sturm und in den Lagen über 1000 Meter herrschen Windgeschwindigkeiten zwischen 80 und 120 km/h. Ich entschließe mich das Falkensteinhaus auf 1315 Meter Höhe heute nicht mit Emma anzulaufen. Tobias Rankl, Ranger im Nationalpark, rät mir ebenfalls ab. Meine und Emmas Gesundheit sind wichtiger als der Aufstieg in eiskalte Höhen. In Buchenau finden wir in der Pension "Zur alten Dampfsäge" ein Zimmer. Dort werden wir morgen einen Ruhetag einlegen und dann hoffentlich am Mittwoch den Aufstieg zum Großen Rachel (1452 m) in Angriff nehmen können. Ich danke den vielen guten Geister im Hintergrund, die mir und Emma heute geholfen haben, uns auf unserem Weg rund um Deutschland nicht in Gefahr zu begeben.

 

Ruhetag in Buchenau / 31.08.2010

Ein Ruhetag kann ein Tag zum Faulenzen, zum Schmökern, zum Lesen und zum Recherchieren im Internet sein. Seit ich in meiner Heimat losgewandert bin, beschäftige ich mich mit dem Begriff der blauen Stunde. Die Liedermacherin Pe Werner hat ihrer persönlichen blauen Stunde einen, wie ich meine, wunderschönen Text beschert:

Ruhetag in Buchenau / 31.08.2010Manchmal möcht' ich nur so sitzen
Träumend aus dem Fenster schau'n
Herzen in den Rahmen ritzen
Wie in einen jungen Baum
Und an die beschlagnen Scheiben
Die so ausseh'n wie in Milch getaucht
"ich liebe Dich", mit den Fingern schreiben
Du hast den Worten Leben eingehaucht

Das ist meine blaue Stunde
Mehr als die Laune einer Frau
Blaue Stunde und die Vernunft macht blau
Ehrenrunde für die Phantasie
Uferlose Lethargie

Die blaue Stunde ist die Zeit zwischen Sonnenuntergang und der nächtlichen Dunkelheit. Fotografen und Kameraleuten bietet diese Zeit ein besonderes Licht.

Der Autor Siegfried Sterner, hat in seinem 1975 bei Econ erschienen Buch "Die Kunst zu wandern. Wann, wie und womit Wandern zum sinnvollen Erlebnis wird" seine blaue Stunde formuliert: "Die höheren Ansprüche an mein Quartier mögen auch mit meiner "heure bleue" zusammenhängen, die ich auf den Wanderungen zu kultivieren begonnen habe. Das ist die Stunde nach der Ankunft im Quartier, wenn ich mich nach Dusche, nach einer Tasse Kaffee oder nach dem ersten Viertel Wein in das saubere und bequeme Bett lege. Man döst dann etwas, liest, wärmt sich auf, denn oft genug fröstelt man nach der Anstrengung des Tages. Nicht selten schon hat die Aussicht auf die "heure bleue" die letzte schwere Stunde eines Wandertages verkürzt."

Ruhetag in Buchenau / 31.08.2010Meine blaue Stunde ist die Zeit unmittelbar nach der Ankunft. Ein gemütlicher Gastraum, eine Freiluftterrasse, eine Bank im Freien, manchmal auch der kleine Balkon, der zum Zimmer gehört. Es ist die Zeit des Ankommens, Fallenlasses, auch die Zeit, die Wanderung noch einmal Revue passieren zu lassen, die Freude es geschafft zu haben, und die Freude, den schweren Rucksack endlich zur Seite zu stellen. Es kann aber auch die Zeit des sich Mitteilens sein, die Zeit seine Freude über den Tag und das Erlebte nachvollziehbar zu machen.

Meine blaue Stunde dauerte in Buchenau einen ganzen Tag lang. Und am Ende dieses Tages, die Freude, morgen mit Emma wieder losziehen zu können. Emmas blaue Stunde bestand im Wesentlichen aus Schlafen. Morgen wollen wir zum Rachel in luftige Höhen wandern. Auf dem Großen Arber, wo wir vor zwei Tagen gewandert sind, ist Schnee gefallen. Ich hoffe die Sonne wird uns morgen wieder wärmen.

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