Non-Stopp Deutschlandumrundung Etappentagebuch Juli

 


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88. Etappe / Ueckermünde – Rieth / 01.07.2010

Endlich wieder in den Wanderschuhen und Emma an der Leine neben mir. Wir wandern entlang der Küste Richtung Osten und genießen zum letzten Mal Ostseeluft und die angenehme kühle Brise. Mein Fahrrad ist eingepackt und mit Helga auf dem Nachhauseweg. Und während ich unterwegs bin, denke ich an den Brief, den mir Helga zum Abschied geschrieben hat:

88. Etappe / Ueckermünde – Rieth / 01.07.2010

„Ich sage einfach nur Tschüs und Danke, lieber Günter, dass ich heute diesen Tagebucheintrag schreiben kann. Es ist mir wirklich ein Bedürfnis, nach 12 Tagen mit Dir und vor allem mit Emma, meine gemachten „Grenz“erfahrungen mitzuteilen. Als ich zusagte, Dich auf Deinen Fahrradetappen zu begleiten, hatte ich überhaupt keine Ahnung, was mich erwarten würde. Dich, Günter, kannte ich. Doch Emma, Deinen Hund? – Ich bin nicht unbedingt als tierlieb verschrien und hatte so meine Bedenken…
88. Etappe / Ueckermünde – Rieth / 01.07.2010Jetzt ertappe ich mich bei dem Gedanken, mir einen Beagle anzuschaffen – was mich davon abhält ist die Gewissheit, dass es nur eine Emma gibt – die ich liebe, und die mir das Gefühl vermittelt, sie mich auch! Außerdem ist sie der einzige Mensch in meinem bisherigen Leben, der mir aufs Wort gehorcht! Danke Emma!!!
Durch Dein Projekt, lieber Günter, hast Du mir die Möglichkeit gegeben, Deine Erfahrungen mit meinen nicht nur auszutauschen, sondern neue zu machen. Ich musste und wollte mich mal wieder Herausforderungen stellen, Herausforderungen, die mir sehr viel Spaß gemacht haben.
Wir haben uns fast ohne Worte und blind verstanden und ergänzt. Du hast mir eine neue, Deine Welt gezeigt, mir eine andere Sicht auf Menschen und Dinge eröffnet und mir Zugang zu neuen, Deinen Freunden gewährt. Danke.
Diese vergangenen 12 Tage bedeuten eine Bereicherung für mein Leben – was bisher weiß Gott nicht langweilig oder ereignislos war. Last but not least sage ich Danke meinem besten Freund Alexander Schaeffer, der uns den komfortablen Ford-Focus zur Verfügung gestellt und damit meine „Grenz“erfahrung erst möglich gemacht hat.
Danke Alexander. – Gibt es auch einen bergtauglichen Ford im September für die Alpen? Tschüs bis dahin…“

Komm gut nach Hause Helga. Vielleicht sehen wir uns in den Alpen wieder. In den nächsten Wochen wandere ich mit Emma entlang des Oder-Neiße-Weges Richtung Süden.

 

89. Etappe / Rieth – Pampow / 02.07.2010

In der Gaststätte Orchidee (www.pension-orchidee.de) in Rieth sitze ich beim Frühstück mit einigen Radlern, die sich bald auf die Strecke machen. Christa Schischke und Alide Beckmann wohnen in der Nähe von Frankfurt an der Oder. 89. Etappe / Rieth – Pampow / 02.07.2010Sie sind neugierig, wollen wissen wo ich her komme und wo mich mein Weg hinführt. Alide wohnte früher in Itterbeck an der deutsch-holländischen Grenze in der Nähe von Nordhorn. Sie erzählt von einem Bauernhaus, durch das übereifrige Beamte den Grenzverlauf mitten durchs Haus gelegt hatten. Wenn die Bewohner am Tisch saßen, saß ein Teil in Holland der andere in Deutschland. Märchengeschichte oder Wahrheit? Alides Mann übernahm nach der Wende einen Betrieb in Jakobsdorf an der deutsch-polnischen Grenze. Vom Grenzgebiet im Westen verlegten sie ihren Wohnsitz ins Grenzgebiet im Osten.

89. Etappe / Rieth – Pampow / 02.07.2010In der ehemaligen Meierei von Rieth, nur wenige Meter von der Orchidee entfernt, lebt Katja Gaugel. Dort betreibt sie das Cafe Kloenstuw (www.cafe-de-kloenstuw.de). Sie ist Schwäbin. Ihr Mann wurde als Bundeswehrsoldat in den Nordosten Deutschlands versetzt. Im 150 Seelendorf Rieth, unmittelbar an der Grenze zu Polen, fanden sie eine Bleibe. „Wenn wir anfangs mit unserem Hund einen Abendspaziergang unternahmen, mussten wir immer den Personalausweis mitnehmen. Wir sind jedesmal von polnischen oder deutschen Grenzbeamten kontrolliert worden. Irgendwann kannten sie uns allerdings“, erzählte sie mir gestern bei einem Milchkaffee und einer Eierschecke.

Viel zu spät mache ich mich auf den Weg. Es ist bereits heiß geworden. Die ersten Kilometer des Wanderweges verlaufen auf einer ehemaligen Bahntrasse. Der schattige Weg ist eine Wohltat für mich und Emma. Der Waldboden ist übersät mit Heidelbeersträuchern. Ich gönne mir die ersten Waldbeeren des Jahres. Über den Naturpark „Am Stettiner Haff“ erreichen wir Hintersee. Dann verläuft der Weg auf der Landstraße. Eine Tortur für Emma und mich. Die Luft flimmert überm Asphalt. Immer häufiger legen wir eine Pause ein. Zwischen Grünhof und Pampow, dem Ziel des heutigen Tages, wandern wir endlich wieder über schattige Waldwege. Wir sind geschafft. Morgen werde ich mit Emma früher starten.

 

90. Etappe / Pampow – Krackow / 03.07.2010

Die Hitzewelle dauert an. Also starte ich mit Emma schon bei Tagesanbruch in Pampow. Es ist leise und still. Die Welt scheint noch zu schlafen. Noch ist die Luft angenehm kühl. Auch heute führt die Wegstrasse über einige Asphaltabschnitte und entlang kleinerer Landstraßen. Hoffentlich wird es in den nächsten Tagen besser. Auch wenn ich mit Emma bei Anbruch des Tages loswandere, in der vollen Tageshitze werden Asphaltwege für Emma unerträglich.

Am Löcknitzer See liegen die Boote auf dem spiegelglatten Wasser. Auch am See ist in den frühen Morgenstunden kein Mensch zu sehen. Wir haben ein flottes Tempo vorgelegt. Fünfeinhalb Kilometer legen wir pro Stunde zurück. Die sanften Hügel in der Landschaft sorgen für erste Schweißperlen. Es wird stündlich wärmer. Heute Nachmittag spielt die deutsche Fußballnationalmannschaft gegen Argentinien. Das Spiel will ich unbedingt sehen. Deshalb fallen die Pausen heute etwas kürzer aus.

90. Etappe / Pampow – Krackow / 03.07.2010

Am späten Vormittag kommen uns die ersten Fahrradfahrer in kleineren und größeren Gruppen mit ihren voll bepackten Fahrrädern entgegen. Ein freundliches Hallo sind die einzigen Worte die gewechselt werden. Über Ramin und Sonnenberg erreiche ich mit Emma Lebehn. Am Rastplatz am See die letzte Pause vor Krackow. Sechs Kilometer entlang der Landstraße und ohne Aussicht auf Schatten lassen mich kräftig schwitzen. In Krackow bleibt ein wenig Zeit mir das Kutschen- und Oldtimermuseum anzuschauen. Die liebevoll restaurierten Kutschen erinnern eine längst vergangene Zeit – gerade mal einhundert Jahre her.

4:0 gegen Argentinien, eine Meisterleistung der deutschen Mannschaft. Das muss gefeiert werden. Mit neu gewonnen Freunden sitze ich nach dem Spiel zusammen und trinke auf den Sieg. Morgen ist Ruhetag.

 

Ruhetag in Krackow / 04.07.2010

Die Oder-Neiße-Linie ist die politische Grenze zwischen Deutschland und Polen. Früher war diese Grenze, die als „Eiserner Vorhang“ bekannt war, praktisch unpassierbar. Ich bin gespannt, wie sich diese Grenzregion entwickelt hat. In den nächsten zweieinhalb bis drei Wochen werde ich entlang dieser Grenze von Nord nach Süd wandern.

Ruhetag in Krackow / 04.07.2010Der offizielle Oder-Neiße-Weg schlängelt sich über 591 Kilometer vom Isargebirge im Süden bis zur Ostsee im Norden. Vor drei Tagen bin ich in Ueckermünde auf dem Weg Richtung Süden gestartet. Bis Zittau werde ich größtenteils auf der Trasse des gut ausgeschilderten Weges wandern.

Nach der Ostsee erwarten mich nun Vorpommern, die Uckermark, der Nationalpark Unteres Odertal, der Oderbruch, das Oder-Spree-Seengebiet, die Niederlausitz, die Oberlausitz sowie das Bundesland Sachsen. Bekannte Orte wie Frankfurt an der Oder, Eisenhüttenstadt, Forst, Bad Muskau, Görlitz und Zittau aber auch viele unbekannte Landschaften und Dörfer, deren Namen ich noch nie gehört habe, werde ich durchwandern. Ich freue mich auf die Landschaft und die Menschen die mir begegnen werden.

Heute heißt es erst einmal ausruhen und entspannen. In den nächsten Tagen erwarten uns weiterhin hohe Temperaturen. Ich werde wie in den letzten Tagen in aller Frühe, wenn die meisten Menschen noch schlafen, mit Emma Richtung Süden ziehen.

Ruhetag in Krackow / 04.07.2010Viele Bekannte, aber auch Menschen die ich nicht kenne, haben mir in den letzten Wochen und Monaten per Mail geschrieben. Dafür möchte ich mich ganz herzlich bedanken. Leider kann ich nicht jede Mail persönlich beantworten. Aber ich freue mich über jeden Brief, über jede Anregung und über jeden Gruß, sei er noch so kurz. Es spornt an und macht mir Mut für meine weiteren Stationen auf meinem Weg rund um Deutschland.

Wenn die Tagebucheintragungen in den nächsten Tagen schon mal mit ein, zwei Tagen Verspätung kommen, liegt es einfach daran, dass der östlichste Teil Deutschlands nicht so dicht besiedelt ist wie die Landstriche an der Ost- und Nordsee und die Netzabdeckung hier nicht so ausgebaut ist.

Morgen wandere ich weiter Richtung Süden.

 

91. Etappe / Krackow – Gartz / 05.07.2010

Es dämmert noch, als ich mit Emma früh morgens auf Strecke gehe. Es wird ein ereignisreicher Tag, vor allem für Emma. Wir sind nur kurze Zeit unterwegs, als sich ein Dachs durch die Wiesenböschung davonschleicht. Emma hat die Witterung des Dachses noch in der Nase, als direkt vor uns eine Füchsin mit ihren beiden Jungfüchsen herumtollt. Wir bleiben stehen und beobachten aus einer angemessenen Entfernung. Emmas Zug an der Leine wird stärker. Als uns die Füchsin bemerkt bringt sie ihre Kleinen in Sicherheit.

91. Etappe / Krackow – Gartz / 05.07.2010In Penkun fotografiere ich das Schloss. Ein Autofahrer fährt langsam vorbei, um mir mitzuteilen, dass die Stadt das Schloss verkaufen wolle. Wenn ich interessiert sei, dass Amt sei um diese Zeit allerdings noch nicht geöffnet. Lacht und fährt davon.

Auch heute verläuft der Weg meist über Asphalt auf Radwegen und wenig befahrenen Landstraßen. Zwischen Penkun und Tantow beginnt der Nationalpark Unteres Odertal, die Oder ist hier jedoch noch nicht zu sehen.

Das untere Odertal im Norden Brandenburgs unmittelbar an der deutsch-polnischen Grenze ist eine der wenigen naturnahen Flussauen Mitteleuropas. Es ist der einzige Flussauen-Nationalpark der 14 deutschen Nationalparks. Die Auen sind ein wichtiges Brut-, Rast- und Überwinterungsgebiet für Vögel. Etwa 200.000 Wasservögel ziehen im Herbst oder Frühjahr durch die Oderniederung, bis zu 120.000 verschiedenartige Gänse rasten hier alljährlich. Im Oktober suchen für einige Wochen bis zu 15.000 Kraniche hier ihre Schlafplätze auf.

91. Etappe / Krackow – Gartz / 05.07.2010Über einen staubigen Feldweg ereiche ich mit Emma losgeleint die alte Wassermühle „Salvey Mühle.“ Die Mahlsteine der 750 Jahre alten Mühle drehen sich schon lange nicht mehr. Das liebevoll restaurierte Gebäude bietet müden Wanderer und Radfahrern einen Schlafplatz in ökologisch ausgebauten Schlafräumen. Emma entdeckt die Hauskatze früher als ich und sprintet hinterher. Nach einer Weile kommt Emma schwanzwedelnd zurück. Die Katze hat sich in Sicherheit gebracht.

Hinter der Mühle geht es leicht bergan. Wir überqueren eine Landstraße und wandern bergab über einen so genannten Spurplattenweg nach Mescherin direkt an der Oder. Eine renovierungsbedürftige Stahlbrücke verbindet Mescherin mit den polnischen Nachbarn. Ich überquere mit Emma die Brücke. Die Grenzstationen von Deutschland und Polen sind geschlossen. Ein Schnappschuss vom Wegweiser nach Gryfino in Polen und ich wandere mit Emma wieder zurück nach Deutschland. Später erfahre ich, dass alljährlich ein Freundschaftslauf zwischen Mescherin und Gryfino stattfindet.

Beim Spaziergang am Oderufer begegnet mir Karl Menanteau, der Bürgermeister von Mescherin. Seine Vorfahren waren Hugenotten aus Tours. Heute ist er mit dem Fahrrad unterwegs. Er wird von Mitarbeitern des Naturschutzes erwartet. Nach kurzem Gespräch wünscht er mir einen guten Weg, der mich heute noch ins vier Kilometer entfernte Gartz bringen soll.

91. Etappe / Krackow – Gartz / 05.07.2010Unterwegs am Oderufer versuchen Scharen von Stechmücken bei mir und Emma ihr Glück. Emma ist in eine wahre Stechmückenarmada eingehüllt. Sie wehrt sich mit ihrem Schwanz und heftigem Kopfschütteln. Wir beschleunigen unser Tempo noch einmal, um dem schwülen, nassen Wald zu entkommen. Als wir Gartz erreichen ziehen Störche ihre Bahn über uns. Am Stadtrand direkt am Oderufer wartet Stefanie Schmidt mit Freiluftcafe und Flussbar „DAS SÜSSE LEBEN“ auf Gäste. Aber davon werde ich morgen berichten.

 

92. Etappe / Gartz – Criewen / 06.07.2010

92. Etappe / Gartz – Criewen / 06.07.2010Am Freiluftcafe und Flussbar „DAS SÜSSE LEBEN“ starte ich mit Emma zur Wanderung. Stephanie Schmidt betreibt in der zweiten Saison ihren Kiosk. Die gelernte Hotelfachfrau ist dem Stadtlärm der Bundeshauptstadt Berlin entflohen, um sich hier an der deutsch-polnischen Grenze eine neue Existenz aufzubauen. Eigentlich wollte sie nach Australien auswandern. Als sie ihre Tante in Gartz besuchte, verliebte sie sich in das Fleckchen Erde direkt am kleinen Hafen. Eine Flasche Rotwein und ein Tag Bedenkzeit genügten. Ihr Entschluss stand fast: hier will ich bleiben. Leider ist der Kiosk heute früh noch geschlossen, als ich mich mit Emma aufmache. Die frische Holunderlimonade und der selbst gebackene Kuchen der jungen Frau am gestrigen Nachmittag schmeckten vorzüglich.

Gartz erhielt bereits 1249 das Stadtrecht. Die einstmals strategische Bedeutung ist heute für den Besucher kaum erkennbar. Lediglich das Stadttor und einige wenige erhaltene Gebäude erinnern an die Blütezeit der Vergangenheit. Vom gegenüberliegenden Ufer macht sich ein polnischer Kuckuck lauthals bemerkbar. Sein Ruf ist unverkennbar und klingt aus Polen genauso wie vor einigen Wochen der Kuckuck in Belgien, Holland, Dänemark und die vielen Kuckuckrufe in Deutschland.

Über Friedrichsthal und Gatow gelangen wir nach Schwedt. 1670 erwarb Dorothea von Holstein-Glücksburg, die zweite Frau des Kurfürsten Friedrich Wilhelm, die Herrschaft Schwedt als erblichen Besitz für ihre Söhne aus zweiter Ehe, da diese keinen Anspruch auf den Thron besaßen. In den Jahren danach entstand an der Oder eine prachtvolle barocke Residenz. Heute ist Schwedt mit fast 40.000 Einwohnern die größte Stadt der Uckermark.

92. Etappe / Gartz – Criewen / 06.07.2010Das Fischerei-Freiluft-Museum ist für Besucher noch nicht wieder geöffnet. Im vergangenen Herbst drückte der Wind das Oderwasser in die Anlage. Kaum instand gesetzt, sorgten die intensiven Regengüsse im Frühjahr für Hochwasser, wodurch das Museumsgelände binnen eines halben Jahres ein zweites Mal überflutet wurde. Die Helfer sind optimistisch, dass sie in drei Wochen den Besuchern ihre Museumsstücke wieder präsentieren können. Ich verabschiede mich nach einer kurzen Stippvisite und ziehe mit Emma weiter Richtung Süden.

Die Trasse des Oder-Neiße-Weges verläuft über eine Umleitung nach Zützen und Criewen. Deshalb darf ich mit Emma einige Zusatzkilometer absolvieren. Allerdings kommen ich dadurch in den Genuss etliche Storchennester zu bewundern. Allein in Criewen ziehen in sieben Nestern Störche ihre Jungen groß. Ich beende meinen Wandertag am Schloss in Criewen. Hier ist das Informationszentrum des Nationalparks Unteres Odertal untergebracht. Morgen werde ich es besuchen.

 

93. Etappe / Criewen – Hohensaaten / 07.07.2010

Das Besucherzentrum Unteres Odertal in Criewen zeigt beeindruckende Bilder und Filmaufnahmen einer zauberhaften Landschaft. Sie machen Lust nochmals hier her zu kommen, zum Beispiel wenn die Kraniche ihre Rastplätze besuchen oder die Singschwäne lautstark zu hören sind.

93. Etappe / Criewen – Hohensaaten / 07.07.2010Auf meinem Weg entlang der Grenze werde ich heute die Uckermark wieder verlassen. Mit über dreitausendfünfhundert Quadratkilometern ist die Mark der größte Landkreis Deutschlands. Mehr als sechzig Prozent der Fläche gehören zu den schützenswertesten Naturlandschaften Deutschlands. Sowohl der Nationalpark, der Naturpark als auch das Biosphärenreservat bewahren die Einzigartigkeit dieser Landschaft. Während meiner Wanderung in den letzten Tagen konnte ich nur einen kleinen Teil dieses Landstrichs bestaunen und bewundern. Die Weite der Landschaft und das besondere Licht verleihen der Uckermark, die auch als die Toskana des Nordens bezeichnet wird, einen besonderen Charme. Während der fantastischen Sonnenstunden der letzten Tage macht sie diesem Namen alle Ehre.

In Criewen folge ich mit Emma der Beschilderung Umleitung. Wir müssen das Tal verlassen und nach oben. Bevor wir in Stützkow wieder das Odertal erreichen wandern wir durch eine völlig unverbaute Landschaft mit goldgelben Kornfeldern und Blumen an den Hainen, wie ich sie das letzte Mal in meinen Kindertagen gesehen habe. Ich kann mich nicht satt sehen.

93. Etappe / Criewen – Hohensaaten / 07.07.2010Der trutzig gedrungene Turm der ehemaligen Festung in Stolpe ist weithin zu sehen. Ich mache mit Emma den Aufstieg, denn den Rest des Tages wird der Wanderweg entlang des Wassers flach verlaufen. Der Ausblick ins Odertal entlohnt für den kurzen Anstieg.

Hinter Stolpe ein beeindruckendes Schauspiel. Über 20 Störche staksen auf den Wiesen hin und her auf der Suche nach Futter. Einige liegen träge im Sonnenschein, andere fliegen davon als die nächsten bereits im Anflug sind. Freiluftkino der besonderen Art. Emma wartet geduldig neben mir im Schatten der Bank. In Stolzenhagen machen wir Rast an einem kleinen Imbiss. Über Stolzenhagen und Lunow erreiche ich am Nachmittag Hohensaaten.

 

94. Etappe / Hohensaaten – Kienitz / 08.07.2010

Für einige Tage war mein „Basislager“ in Welsow bei Angermünde. Ferienwohnung „Zum Froschteich“ bei Hertha und Hermann. Hermann ist gebürtiger Franke, Hertha stammt aus Niedersachen. Während des Studiums hatten sie sich in Berlin kennen gelernt. Irgendwann wollten sie raus aus der Stadt und aufs Land. „Wir wollten was Schönes machen“, lacht Hermann. Als sie das Gelände vor 15 Jahren entdeckten, sagten beide spontan: „Ja, das ist es.“ Nun leben sie seit fünfzehn Jahren in Welsow mit ihren beiden Kindern, Pferd, Schafen, Ziegen, Kaninchen, Katzen, Hahn, Hühnern, Laufenten und Hofhund. „Entschleunigt haben wir nicht“, sagt Hermann, „wir leben nur anders.“ Hertha war die einhundertste Bürgerin, als sie sich beim Bürgermeister anmeldete. Inzwischen hat Welsow 140 Einwohner zu verzeichnen. Eines der wenigen Dörfer im Osten mit steigenden Einwohnerzahlen.

Im oberen Stockwerk des Haupthauses wohnt Jacqueline mit ihren beiden Kindern. Die Großeltern mütterlicherseits kommen aus dem saarländischen St. Ingbert. Schnell finden sich gemeinsame Bekannte. Axel, einer meiner früheren Tenniskumpels, hat von Jacquelines Familie ein altes Fabrikgebäude, ganz in der Nähe meines Lieblingsitalieners, der Trattoria Postillione im alten St. Ingberter Bahnhof, angemietet.

94. Etappe / Hohensaaten – Kienitz / 08.07.2010Zum Fußballspiel der Deutschen Fußballnationalmannschaft hatten Hermann und Hertha Freunde und Bekannte auf ihrem Bauernhof zum Grillen und Feiern eingeladen. Das Aufstehen in der Frühe fällt daher heute etwas schwer, gestern Abend war es spät.

In Hohensaaten starte ich an der ältesten noch intakten Kanalschleuse Deutschlands. Rechter Hand der Oder geht’s Richtung Süden. Die Schäden des Hochwassers vor wenigen Wochen sind noch sichtbar. Das Odertal ist unverbaut. Das Wasser und die umgebenden Wiesen und Flächen gehören vor allem den Wasservögeln. Wildschwäne, Störche und Graureiher beherrschen neben die vielen Graugänsen die Szenerie. Dazwischen immer wieder ein Froschkonzert oder die Schreie verschiedener Wasservögel, die ich im nahen Schilf nicht ausmachen kann.

Emma hat Gelegenheit an den flachen Uferzonen das Wasser der Oder zu probieren. Es scheint ihr zu schmecken, oder ist es einfach nur der Durst? Trotz der Hitze ist es angenehm zu Wandern. Ein leichter frischer Wind weht durchs Odertal.

94. Etappe / Hohensaaten – Kienitz / 08.07.2010Mareike Büttner aus Cottbus begegnet mir mit schwerem Gepäck. Nach ihrem Studium in Frankfurt an der Oder trainiert sie für eine längere Wanderung durch Schweden. In zwei Tagen will sie in Schwedt sein.

Meine Wanderung endet am Gasthaus „Zum Hafen“ in Kienitz. Im Storchennest hinterm Haus herrscht Hochbetrieb, als die Jungstörche mit frischen Fröschen versorgt werden. Ich verspüre ebenfalls Hunger. Frosch(schenkel) aber ist für mich tabu.

 

95. Etappe / Kienitz – Küstrin / 09.07.2010

In den frühen Morgenstunden bin ich mit Emma unterwegs. Es wird Stunden dauern bis wir die ersten Radfahrer mit ihren schwer bebackten Fahrrädern sehen werden. Die meisten fahren den Weg Richtung Norden.

95. Etappe / Kienitz – Küstrin / 09.07.2010Als ich mit Emma einige Kilometer unterwegs bin, beginnt ein Konzert der besonderen Art: die Oderbruch-Symphonie. Gespielt von Mitgliedern des Oderbruchs. Ohne Eintrittskarte können wir daran teilnehmen. Kein großes Orchester musste arrangiert werden, kein Komponist dirigiert die verschiedenen Klangkörper. Und doch wird das fast eineinhalb Stunden dauernde Konzert zu einem einmaligen, unvergesslichen Erlebnis. Das unaufhörliche Gezwitscher der Singvögel in den nahen Weidebäumen ist das Grundgerüst des Orchesters. In den teilweise noch überschwemmten Wiesen des Oderbruchs stimmen sie dann ein. Jeder scheint zu wissen wann sein Einsatz zu erfolgen hat. Der Storch mit seinem Schnabelgeklapper, die Kiebitze mit ihren kurzen, schrillen Schreien, die Graugänse mit ihren dunklen Lauten, dazwischen Froschgequake und ab und zu mischt auch der Fasan im nahen Feld mit. Nicht zu vergessen die Feldlerchen, die für aufregende kurze Soli in die Höhe schweben. Die Luft ist erfüllt von diesen wunderschönen Tönen der Natur. Ein Morgen den ich nicht mehr vergessen werde. Ich glaube dieses einigartige Werk wurde nur für mich und Emma aufgeführt.

95. Etappe / Kienitz – Küstrin / 09.07.2010Als es wärmer wird verebbt das Konzert und die Solisten kommen zur Ruhe. Wir sind während der heutigen Wanderung fast die gesamte Zeit der Sonne ausgesetzt. Emmas Zunge wird immer länger. Wasser finden wir reichlich, aber der Asphalt des Weges ist gegen 11.00 Uhr fast unerträglich heiß.

In Bleyen in der Dorfstraße befindet sich der „Gasthof-Pension Wagenrad“. Leider ist noch geschlossen als wir vorbeikommen. Im Hof wird der Rasen mit einer Sprenkelanlage befeuchtet. Als ich nach Wasser für Emma frage, werde ich barsch aus der Toreinfahrt verwiesen. „Alles privat“ ! Ich soll warten bis der „Gasthof“ öffnet. Kein Mitleid für Emma mit hängender Zunge. Drei Kilometer bis zum Ende der heutigen Etappe müssen wir noch laufen. In der nahen, schattigen Bushaltestelle ruhen wir uns aus und schaffen den Rest des Weges im gemütlichen Spaziertempo.

 

96. Etappe / Küstrin – Lebus / 10.07.2010

96. Etappe / Küstrin – Lebus / 10.07.2010Heute werde ich noch einmal entlang der Oder durchs Oderbruch wandern. Das Bruch ist 60 Kilometer lang und erreicht eine Breite von 10 bis 15 Kilometer. Der Landstrich war ehemals Sumpfland, das immer wieder durch das Hochwasser der Oder überflutet wurde. Auf Initiative des Preußenkönigs Friedrich II erfolgte eine planmäßige Trockenlegung des Oderbruchs. Über 40 neue Dörfer entstanden im Bruch, die allerdings trotz umfangreicher Deichanlagen immer wieder überflutet wurden. Am Weg erinnern einige Schautafeln und Gedenksteine an die Jahrhundertflut von 1997. Vierzehntausend Helfer waren damals im Einsatz, die über acht Millionen Sandsäcke verbauten, um eine Hochwasserkatastrophe zu verhindern.

96. Etappe / Küstrin – Lebus / 10.07.2010Zwischen Reitwein und Lebus komme ich an der so genannten „Diplomatentreppe“ vorbei. Am 2. Februar 1945 überschritten Soldaten der 8. sowjetischen Gardearmee an diesem Oderbruchabschnitt die Oder. 1975, 40 Jahre nach Kriegsende, besichtigten Botschafter aus 40 diplomatischen Vertretungen der damaligen DDR diesen historischen Ort. Damit die Diplomaten bequem auf die Deichkrone gelangen konnten, wurde eigens eine Treppe errichtet.

Die Kirche und einige Häuser von Lebus werden sichtbar. Es sind noch einige Kilometer zu laufen. Die Temperaturen steigen. Eigentlich wollte ich heute bis Frankfurt an der Oder wandern. Als ich in Lebus an der Fischerklause eine Rast einlege zeigt das Thermometer 37 Grad im Schatten. Es ist 12.00 Uhr Mittag. Für heute ist Schluss. Auch Emma will nur noch im Schatten liegen.

Am Nachmittag bin ich mit Roland Kant verabredet. Er ist in Frankfurt an der Oder geboren. Nach der Wende hat er sich in Lebus oberhalb des alten Stadtkerns ein Haus gebaut, mit Blick aufs Odertal. Roland Kant ist Sportpsychologe. Im Olympiastützpunkt in Franfurt an der Oder betreut er Kadersportler. Am Sportwissenschaftlichen Institut in Saarbrücken war er im Laufe seiner Arbeit mehrmals. Roland Kant arbeitet vor allem mit Sportschützen.

96. Etappe / Küstrin – Lebus / 10.07.2010Er erzählt von den gravierenden Veränderungen an der Grenze. Nach der Wende wurde der Job der Grenzsoldaten lebensgefährlich. Schleuserbanden brachten Waffen und Menschen über die Oder. Die Grenzposten arbeiteten in der Nacht mit Wärmebildkameras, um die Menschenschmuggler ausfindig zu machen. Heute ist alles viel entspannter, so Kant.

Morgen werde ich ganz entspannt die letzten Kilometer bis Frankfurt wandern und in Polen einen Kaffee trinken.

 

97. Etappe / Lebus – Frankfurt an der Oder / 11.07.2010

Lebus liegt noch im Tiefschlaf, als ich mich mit Emma auf die elf Kilometer lange Strecke nach Frankfurt an der Oder mache. Die Oder fließt still und träge Richtung Norden. Die kühle Morgenluft wird vom Geruch des faulen Brackwassers durchströmt. Vom einstigen Glanz der Stadt ist nicht mehr viel zu erkennen. Lebus, 1225 gegründet, war ein strategisch wichtiger Punkt Ort der deutschen Kolonisierungspolitik und wurde zum Bischofsitz ausgebaut. Allerdings wurde bereits im 13. Jahrhundert der Handel an die günstiger gelegene Oderfurt in Frankfurt verlegt. Gleichzeitig wurde Fürstenwalde neuer Bischofsitz.

97. Etappe / Lebus – Frankfurt an der Oder / 11.07.2010

Unmittelbar hinter Lebus wandere ich mit Emma die Alternativ-Route des Oder-Neiße-Weges entlang eines Altarms der Oder. Frankfurt erreichen wir an einer Schrebergartenkolonie. Der Weg führt über die modern ausgebaute Uferpromenade. Über die Brücke mache ich einen Abstecher nach Polen. In Slubice, auf der anderen Seite der Oder, trinke ich ein kühles Bier. Aus dem Radio des polnischen Barkeepers dringt deutschsprachige Musik.

97. Etappe / Lebus – Frankfurt an der Oder / 11.07.2010Zurück in Frankfurt entdecke ich die Friedensglocke, die hier am 27. Januar 1953 aufgestellt wurde. DER FRIEDEN BESIEGT DEN KRIEG, ist in den Stein des kleinen Glockenturms gemeißelt. Anlässlich der Unterzeichnung des Vertrages über die Oder-Neiße-Friedensgrenze überbrachte der damalige Präsident des Deutschen Friedensrates Prof. Dr. Walter Friedrich die Friedensglocke als Symbol des Friedens und der Freundschaft zwischen dem Polnischen und Deutschen Volk.

Als Grenzstadt zu Polen schlägt Frankfurt nicht nur symbolische Brücken. Die nach der Wende wieder gegründete Universität trägt den Namen „Europa-Universität-Viadrina.“ Einige der Universitätsgebäude stehen in Slubice auf polnischer Seite.

Am Sonntagnachmittag steigt die Temperatur auf 40 Grad. Gut dass Emma und ich bereits im Schatten sitzen. Morgen will ich die 30 Kilometer bis Eisenhüttenstadt schaffen. Um 04.30 Uhr geht es los.

 

98. Etappe / Frankfurt an der Oder – Eisenhüttenstadt / 12.07.2010

Der Wecker klingelt um 3.30 Uhr in der Frühe. Auch für einen Frühaufsteher wie mich eine unchristliche Zeit. Aber ich will heute unbedingt von Frankfurt nach Eisenhüttenstadt kommen. Die Temperaturen sollen wieder die 40 Grad erreichen.

98. Etappe / Frankfurt an der Oder – Eisenhüttenstadt / 12.07.2010Wir starten unsere Wanderung vom Kleist Museum in Frankfurt. Der Schriftsteller Heinrich von Kleist ist in Frankfurt an der Oder geboren und war Student an der damaligen Universität „Viadrina.“ Im kommenden Jahr feiert man den 200ten Todestag des berühmten Sohns der Stadt.

Es ist noch nicht richtig hell als ich mit Emma loswandere, die sich anfangs noch schläfrig auf den Weg macht. Sie wird schnell munter, denn viele Nachtschwärmer haben für Emma „Stille Post“ überall und eifrig verteilt. Ihre Nase kommt kaum zur Ruhe. Der kühlende Morgenwind ist eine Wohltat für uns beide.

Frankfurt lassen wir schnell hinter uns. Um diese Zeit ist kein Mensch zu Fuß unterwegs. Über die Gubener Vorstadt und Lossow sind wir zwei Stunden später am Brieskower See und kurz danach am Deich der Oder. Die Sonne steht noch immer tief. Die Tautropfen des frühen Morgens glitzern wie ein Meer von Edelsteinen. Emma freut sich über die Tautropfen, die sie ständig mit der Zunge ableckt. Hundeleben was willst du mehr.

98. Etappe / Frankfurt an der Oder – Eisenhüttenstadt / 12.07.2010Das Bauernstübchen in Aurith hat in den frühen Morgenstunden noch geschlossen. Ein Kaffee hätte nach einigen Stunden Wanderung gut getan.

Am Oderufer versuchen die ersten Angler auf polnischer Seite ihr Anglerglück. Ein Lastkahn mit Steinen fährt stromabwärts. Es wird allmählich warm. Die Silhouette der Hütte von Eisenhüttenstadt rechter Hand wird sichtbar. Und je näher wir der Stahlstadt kommen, umso mehr hört man den Lärm der Industrieanlagen. Die Stille des Morgens ist vorbei, der Geräuschpegel steigt stetig.

Eisenhüttenstadt erreichen wir am Stadtteil Fürstenberg. Der Oderdeichweg mündet hier in die Buchwaldstraße. Der gesamte Straßenzug ist mit jungen Ginkobäumen bepflanzt worden. Emma und ich bringen uns aus der Sonne in den Schatten. Morgen ist für uns beide Ruhetag.

 

Ruhetag in Eisenhüttenstadt / 13.07.2010

Ich bin begeistert über jeden neuen Tag an dem ich mit Emma zu neuen Erlebnissen aufbrechen kann. Jeder Tag ist anders. Es sind die verschiedenartigen Landschaften, die ich täglich neu erleben darf, die vielen unterschiedlichen Wetterbilder, die die Landschaft verändern. Es ist der Geruch der Lindenblüten, der Holunderblüten oder des modrigen Brackwassers ebenso wie die Laute unterschiedlichster Tierarten die Landschaft prägen und unverwechselbar machen. Landschaft schmeckt, Landschaft riecht, Landschaft klingt. Und es sind vor allem die Menschen, die ich unterwegs kennen lerne und die diese Wanderung zu einem einmaligen Erlebnis machen.

Der „Grenzgänger“ ist kein bisschen müde, immer noch hungrig nach neuen Erfahrungen und Erlebnissen. Jeder Tag ist neu, jeder Tag ist kostbar und ich denke auch nur in dieser einen Dimension. Wo bringt mich der neue Tag hin? Wer wird mir begegnen? Finden wir am Abend eine Unterkunft?

Ruhetag in Eisenhüttenstadt / 13.07.2010

Ich lasse mich ein auf den Weg, entscheide spontan wie weit wir gehen oder ob wir einen anderen Weg, eine andere Richtung einschlagen. Ich habe ein Ziel vor Augen. Ende November möchte ich wieder zu Hause sein. Aber was dazwischen passiert hängt von den verschiedensten Faktoren ab. Nennt man so etwas Wanderglück? Ich denke ja!

Die meist gestellte Frage lautet: „Wie viele Kilometer laufen sie am Tag? Und wie lange brauchen sie dafür?“ Meine Standartantwort: „Ich weiß es nicht.“ Es wird in erster Linie bestimmt von den Menschen, die mir begegnen. Begegnungen von denen ich vorher nicht weiß wie lange sie dauern. Oftmals sind es nur wenige Augenblicke, manchmal sind es auch Stunden. Der Erfahrungsaustausch mit vielen wunderbaren Menschen macht diese Grenzerfahrung entlang der deutschen Grenze zu einem besonderen Erlebnis.

Ich freue mich weiterhin auf jeden Tag, den ich unterwegs sein darf. Genauso freue ich mich über jede Aufmunterung, die mich per e-mail oder per SMS erreicht. Während meiner gesamten beruflichen Zeit als Journalist habe ich immer versucht die Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zu unterhalten. Wenn mir dies mit meinem Projekt ebenfalls gelingt, habe ich ein großes Ziel dieser Wanderung bereits erreicht.

Flo, die bei meiner Wanderung vom Saarland bis nach Trier mit mir unterwegs war, hat mir eine Karte mit einem Spruch von Antoine de Saint-Exupéry geschickt: „Geh Wege, die noch niemand ging, damit du Spuren hinterlässt.“ Ich habe bereits Spuren hinterlassen, aber der Weg hinterlässt auch Spuren in mir.

Morgen wandere ich mit Emma weiter. Auf Spurensuche sind wir unterwegs von Eisenhüttenstadt, der Partnerstadt von Saarlouis, nach Guben. Jeder auf seine Art.

 

99. Etappe / Eisenhüttenstadt – Guben / 14.07.2010

Die neunundneunzigste Etappe meiner Deutschland-Grenzwanderung bringt mich heute von Eisenhüttenstadt, der Partnerstadt von Saarlouis im Saarland, nach Guben, der ehemaligen Hochburg der Tuch- und Hutherstellung. In Ratzdorf mündet die Neiße in die Oder. An der Neißemündung verlasse ich den Lauf der Oder, um Richtung Süden nun entlang der Neiße zu wandern. Das Oderwasser glitzert an diesem Morgen besonders intensiv, als wolle sich die Oder gebührend von mir verabschieden.

99. Etappe / Eisenhüttenstadt – Guben / 14.07.2010Als ich heute morgen losgewandert bin, ahnte ich noch nicht, dass ich heute einen Menschen kennen lernen würde, dessen Schicksal auf den Tag genau vor 65 Jahren durch die Deutsch-Polnische Grenze entscheidend geprägt wurde. Hinter Ratzdorf kommt mir auf einem alten Plattenweg unterhalb des Deichs, langsam fahrend, ein alter Golf entgegen. Der Fahrer ist neugierig, hält an und steigt aus. Wir begrüßen uns freundlich und was ich dann erfahre, wird mich noch lange beschäftigen.

Kurt Gärtner gehört zu den Menschen, die kurz nach dem Krieg aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Per Befehl enteignet und aus der Heimat ausgewiesen. Eine Kopie des Ausweisungsbefehls von damals trägt Kurt Gärtner bis heute ständig mit sich. Als er erfährt, weshalb ich Deutschland an seinen Grenzen umwandere, schenkt er mir diese Kopie. Nachdem ich meine Wanderung in Guben beendet habe und mir das Papier nochmals genauer anschaue sehe ich das Datum: 14. Juli 1945.

Heute vor genau 65 Jahren trat folgender Sonderbefehl in Kraft:

Sonderbefehl
für die deutsche Bevölkerung der Stadt Bad Salzbrunn einschließlich Ortsteil Sandberg.

Laut Befehl der Polnischen Regierung wird befohlen:

1. 1. Am 14. Juli 1945 ab 6 bis 9 Uhr wird eine Umsiedlung der deutschen Bevölkerung stattfinden.
2. 2. Die deutsche Bevölkerung wird in das Gebiet westlich des Flusses Neisse umgesiedelt.
3. 3. Jeder Deutsche darf höchstens 20 kg Reisegepäck mitnehmen.
4. 4. Kein Transport (Wagen, Ochsen, Pferde, Kühe usw.) wird erlaubt.
5. 5. Das ganze lebendige und tote Inventar in unbeschädigtem Zustande bleibt als Eigentum der Polnischen Regierung.
6. 6. Die letzte Umsiedlungsfrist läuft am 14. Juli 10 Uhr ab.
7. 7. Nichtausführung des Befehls wird mit schärfsten Strafen verfolgt, einschließlich Waffengebrauch.
8. 8. Auch mit Waffengebrauch wird verhindert Sabotage und Plünderung.
9. 9. Sammelplatz an der Straße Bhf. Bad Salzbrunn, Adelsbacher Weg in einer Marschkolonne zu 4 Personen. Spitze der Kolonne 20 Meter vor der Ortschaft Adelsbach.
10. 10. Diejenigen Deutschen, die im Besitz der Nichtevakuierungsbescheinigung sind, dürfen die Wohnung mit ihren Angehörigen in der Zeit von 5 bis 14 Uhr nicht verlassen.
11. 11. Alle Wohnungen in der Stadt müssen offen bleiben, die Wohnungs- und Hausschlüssel müssen nach außen gesteckt werden.

Bad Salzbrunn, 14.Juli 1945, 0 Uhr        Abschnittskommandant

99. Etappe / Eisenhüttenstadt – Guben / 14.07.2010Kurt Gärtner träumt noch immer von seiner Heimat. Nur wenige Kilometer hinter der Oder-Neiße-Linie ist er geboren. Heute kann er wenigstens wieder über die Grenze. Heimatlos fühlt er sich nicht, aber seine Gedanken schweifen immer wieder in sein altes Heimatdorf. Meine Gedanken schweifen am Abend zu Kurt Gärtner.

Ich bin dankbar, dass ich in einer Zeit leben darf, für die Völkerverständigung und freundschaftliches Miteinander ein schützenswertes Gut darstellen. Dankbar dass die Grenzen meiner Heimat heute offen sind.

 

 

100. Etappe / Guben – Forst / 15.07.2010

In Guben hatte seit dem Mittelalter das Handwerk der Hut- und Tuchmacher Tradition. Im 19. Jahrhundert erlebte Guben eine Blütezeit und entwickelte sich zu einer der bedeutendsten Industriestädte der Niederlausitz. Carl Gottlob Wilke, der Firmengründer des Familienunternehmens Wilke, erfand den witterungsbeständigen Wollfilz. Seit 2006 ist in der ehemaligen Wollfabrik die Plastinationsfabrik von Gunther von Hagen untergebracht. In Guben eröffnete er seine erste Schauwerkstatt zur Plastinierung von Leichen. In der Stadt wird eifrig saniert und restauriert, die Fassaden alter Prachbauten erhalten wieder Farbe. Fast alle Straßen, Plätze und Hinweisschilder sind in deutscher und in polnischer Sprache zu gehalten. Ganz anders im gegenüberliegenden Gubin, das in wenigen Schritten über die Neißebrücke erreichbar ist. Dort sind die Informationstafeln nur in polnischer Sprache. Das bedeutet für mich: keine Information. Schade. Es gibt noch viel zu tun.

100. Etappe / Guben – Forst / 15.07.2010

Im kühlen Morgenwind komme ich mit Emma gut voran. Meist fließt die Neiße nur wenige Meter linker Hand neben uns. Polen ist greifbar nahe, aber auf der gegenüberliegenden Seite der Neiße sind nur Wiesen, und Waldflächen. Kein Mensch ist zu sehen. Als ich mich mit Emma Grießen nähere wird der dunkle Grundton von Industrieanlagen immer lauter. Das Lausitzer Braunkohlerevier beginnt unmittelbar in Grießen. Zwischen Guben und Forst wird im Jänschwalde Braunkohle im Tagebau gefördert. Im Forster Stadtteil Horno gibt es seit 2006 das "Archiv der verschwundenen Orte." Die Einwohner von Horno wurden umgesiedelt weil das Dorf der Braunkohleförderung im Wege stand. Inzwischen sind in der Umgebung drei weitere Dörfer von diesem Schicksal betroffen.

In Sacro, einem kleinen Dorf zwischen Briesnig und Forst, bin ich mit Michel Havasi, von der Lausitzer Rundschau verabredet. Zu meiner hundertsten Wanderetappe wird morgen ein Artikel über meine Wanderung erscheinen. Gestern hatten bereits die Kollegen von Radio Cottbus ein Live-Interview anlässlich meiner Jubiläumsetappe gesendet.

100. Etappe / Guben – Forst / 15.07.2010Michel Havasi wartet im Schatten alter Lindenbäume. Vor vielen Jahren gab es an dieser Stelle eine Brücke über die Neiße. Die Brückenköpfe sind noch gut zu erkennen. Nach einem Bad von Emma in der Neiße, sitzen wir im Schatten.

Ein radelnder Wandergeselle setzt sich zu uns an den Holztisch. Alfred Sielaft ist seit vierzehn Tagen unterwegs und will an Neiße und Oder bis zur Ostsee radeln, um dann wieder zurück zu seiner Heimatstadt Glücksburg zu gelangen. Der achtundsiebzigjährige ist schon dreimal die berühmte "Route 66" in den USA mit dem Fahrrad gefahren. Den europäischen Fernwanderweg von Flensburg nach Chiasso in Italien ist er auch gewandert. Er fährt Fahrrad, um fit die nächsten Jahre zu erreichen. In seinem Buch "Das Weite gesucht" hat er einige seiner Erlebnisse veröffentlicht. Es entsteht ein Dreiecksinterview. Während ich geduldig die Fragen Michels beantworte, bin ich dabei Alfred Fragen zu stellen. Ich glaube im morgigen Artikel der Lausitzer Rundschau wird auch Alfred eine Rolle spielen.

Ein freundliches Händeschütteln in alle Richtungen: Alfred Sielaft radelt noch bis Guben, Michel Havasi fährt mit dem Auto zurück nach Cottbus und ich wandere mit Emma Richtung Forst. Am Abend gibt es zur Feier des Tages eine süße Überraschung: Sommertrüffel aus Bad Muskau.

 

101. Etappe / Forst – Bad Muskau / 16.07.2010


101. Etappe / Forst – Bad Muskau / 16.07.2010Die Temperatur ist nur unwesentlich gesunken. Deshalb starte ich auch heute wieder früh mit Emma. Der Weg führt uns immer unmittelbar entlang der Neiße und damit auch entlang der Grenze. In Klein Bademeusel begegne ich Günter Köhler. "Sie sind der Wanderer aus der Zeitung!" Er erkennt mich auf Anhieb. Die Lausitzer Rundschau hat meiner Wanderung in ihrer heutigen Ausgabe eine halbe Seite gewidmet.

Günter Köhler lebt schon immer direkt an der Grenze. Sein Dorf hat gerade noch 86 Einwohner. Die Jugend will weg, erzählt er. Die wollen alle in die Stadt.

Es wird wärmer. Wir gehen einen Gang langsamer. Auf dem Hochwasserdamm steht die heiße Luft. Zwischen Klein Bademeusel und Bahren (ich zähle sieben Häuser) unterqueren wir die Autobahn, die Berlin mit Breslau verbindet. Es sind nur wenige Autos unterwegs.

Eine Fußgängerbrücke führt in Zelz über die Neiße nach Polen. Auf der anderen Seite liegt Siedlec. Ich fühle mich zurückversetzt in die Zeit meiner Kindheit. In den 50iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sahen die Straßen und Häuser im Saarland genau so aus. Hier in Siedlec ist die Zeit über Jahrzehnte stehen geblieben. Als ich einen Mann mit einem freundlichen Hallo begrüße und auf ihn zu gehe dreht er mir den Rücken zu und verschwindet in seinem Hof. Emma und ich sind hier nicht erwünscht. Ein trostloser Anblick, wir kehren um, setzen unsere Wanderung entlang der Neiße auf der deutschen Seite fort.

101. Etappe / Forst – Bad Muskau / 16.07.2010Hinter Zelz sitzt Gudio Bersick auf einem Klapphocker, raucht gemütlich eine Zigarette und schmökert in seinem Buch. Er kommt aus Oberhausen. Vor vierzehn Tagen ist er mit Zelt und Boot per Bahn bis Zittau gefahren, um die Neiße und Oder bis Stettin zu paddeln. Vergangene Nacht ist er auf einer Sandbank in der Neiße aufgelaufen. Dann hat er sein Zelt überm Boot aufgeschlagen und dort wo er stand übernachtet. Irgendwann ist er dann doch nass geworden. Nun trocknen seine Sachen aus gebreitet auf der Wiese. Wann er weiter paddeln wird weiß er noch nicht. Gute Fahrt, Guido.

Noch sieben Kilometer bis Bad Muskau. Der Weg bleibt in der Nähe der Neiße, allerdings führt er nun durch schattigen Wald. Eine Wohltat für Emma und mich. Und wie gerufen zur Mittagszeit erreichen wir den "Ziegenhof Zur Wolfsschlucht." Klaus-Bernd Günther, der seit einigen Jahren mit seiner Frau Andrea Roß den Ziegenhof betreibt, erkennt mich ebenfalls sofort. "Mei Mamma kommd aus Laudere," sind seine ersten Worte. "Meine Mutter kommt aus Kaiserslautern" für alle Nichtsaarländer und Nichtpfälzer. Kaiserslautern ist nur eine halbe Autostunde von Saarbrücken entfernt.

Klaus Bernd ist in Leer aufgewachsen Seine Frau hat er in Wolgograt kennen gelernt. Sie lebte damals in Südfrankreich, er in Forst. Hier in Pusack haben sie sich ihren Traum erfüllt. Andrea ist für den Käse zuständig, Klaus Bernd für die Gäste. Die Bewirtung ist vorzüglich, die verschiedenen Ziegenkäsevariationen sind ein himmlischer Genuß. Ich schenke ihm meinen Wiesenthymian, den ich kurz vorher gepflückt habe. Mit seinen Ziegenfrischkäsen werden die Wiesenkräuter eine harmonische Verbindung eingehen. Wir verabschieden uns und ich verspreche morgen Abend zum Abendbrot zu kommen.

In Bad Muskau werde ich am Samstag einen zusätzlichen Ruhetag einlegen. Emma freut sich bestimmt. Wir wollen ganz gemütlich durch den Fürst Pückler Park spazieren. Er gehört seit einigen Jahren zum Weltnaturerbe der UNESCO. Anschließend werden wir das berühmte Fürst-Pückler-Eis probieren. Emma liebt Eiscreme.

 

Ruhetag in Bad Muskau / 17.07.2010

HEIMAT!

  • ist ein Gefühl – ein Gutes!
  • ist dort, wo ich mich wohl fühle, wo ich viele Freunde habe, die an meinem "sozialen Netz" beteiligt sind
  • ist dort, wo ich die Landschaft, die Bäume und Pflanzen und Tiere "kenne", weiß wo ich bin
  • ist, wovon ich träumen kann

Herta Bentlage

Ruhetag in Bad Muskau / 17.07.2010Am 2. Juli 2004 wurde der 830 Hektar große Fürst-Pückler-Park von der UNESCO als Weltnaturerbe anerkannt. Dieses Gartendenkmal der Weltkultur war eine Idee des Gartenkünstlers, Schriftstellers und Standesherrn Hermann Ludwig Heinrich von Pückler-Muskau. 1815 gab der damalige Fürst seinen Bürgern den Entschluss bekannt, einen Landschaftspark um seinen Wohnsitz anzulegen und bat seine Untertanen um tatkräftige Unterstützung seines Vorhabens. In jahrelanger Arbeit entstand an der Lausitzer Neiße der größte Landschaftspark Europas.

Seine Frau Lucie Anna Wilhelmine Gräfin von Pappenheim unterstützte seine Pläne tatkräftig und bewältigte auftretende finanzielle Schwierigkeiten.

Gemeinsam mit Karl Friedrich Schinkel entwickelte der Fürst beeindruckende Ideen von verschiedensten Gartendetails und Parkbauten. Es entstanden romantische Landschaftsbilder, aneinandergereiht wie in einer Gemäldegalerie. Für Pückler sollte der Garten ein Übergang zu einer ausgedehnteren Wohnung werden. "Alles biete hier Schmuck, sorgfältigste Haltung und so viel Pracht dar als Mittel erlauben", so der Hausherr.

Ruhetag in Bad Muskau / 17.07.2010Mit Emma bin ich schon sehr früh im Park unterwegs. Dem imposanten Schloss des Fürsten Pückler hat man in den letzten Jahren zu neuem Glanz verholfen. Kaum ein Mensch ist an diesem Samstagmorgen in der riesigen Parkanlage unterwegs. Emma rast über die Wiesen, sucht Stöckchen und genießt den Spaziergang. Ein erstes Donnergrollen in der Ferne. Dunkle Wolken ziehen auf. Ich entscheide mich für Umkehr. Nach wenigen Minuten setzen Sturmböen und Blitze ein. In Bad Muskau gehen die Straßenlaternen an. Morgens um 8.30 Uhr scheint es Nacht zu werden. Wir schaffen es gerade noch aus dem Park zu kommen. Das geplante Eisessen müssen wir erst einmal verschieben. Als es am Nachmittag aufhellt sitzen wir am neu gestalteten Marktplatz in Bad Muskau und genießen das Eis, das den Namen des berühmten Fürsten Pückler trägt. Für die Nacht sind weitere Regengüsse angesagt. Wir wollen morgen weiter Richtung Süden ziehen.

 

102. Etappe / Bad Muskau – Steinbach / 18.07.2010

102. Etappe / Bad Muskau – Steinbach / 18.07.2010Fast die gesamte Nacht hat es geregnet. Emma und Ich genießen die kühlen Temperaturen auf unserem Weg, im Vergleich zu den letzten Tagen sind die Temperaturen um über zwanzig Grad gefallen.

Bevor wir Bad Muskau verlassen, wandern wir noch über die Neißebrücke nach Leknica. Hier werden in Wellblechbuden und Containern Zigaretten, Alkohol und billige Bekleidung angeboten. In den frühen Morgenstunden sind die meisten Buden noch geschlossen. Entlang der Neiße passieren wir Sagar, Skerbersdorf, Pechern, Werdeck und Podrosche. Kleine Dörfer, deren Einwohner zum größten Teil noch in den Betten liegen, als wir vorbeiwandern. Es ist still an diesem Morgen. Die intensiven Regengüsse der vergangenen Nacht haben selbst die Vögel verstummen lassen. Die ersten grußlosen Radfahrer kommen uns entgegen.

In Steinbach steht die siebenundsiebzigjährige Ilse in ihrem Garten, dessen Grundstück bis zur Neiße reicht. Sie begrüßt mich vorsichtig und argwöhnisch. Nur zögerlich kommt unser Gespräch in Gang. Ilse ist seit 16 Jahren Witwe. Ihre vier Töchter haben das Dorf vor langer Zeit verlassen. Sie haben keine Zeit sie am Sonntag zu besuchen. Zweimal die Woche kommt ein Auto mit Lebensmitteln vorbei. Da kann sie sich mit dem Nötigsten versorgen. Ein Auto besitzt sie nicht. Die kleine, hagere Frau, mit ihren grauen Haaren, schwarzen Strümpfen und ihrer dunkelblauen Kittelschürze wirkt müde und einsam. Beim Abschied überzieht ein Lächeln ihr Gesicht. Sie winkt mir zu und wünscht mir eine gute Reise.

102. Etappe / Bad Muskau – Steinbach / 18.07.2010In der Dorfmitte von Steinbach erinnert man sich in Stein gehauen an den Krieg von 1870/71: "Gemeinde Steinbach ihren in dem Feldzuge 1870/71 gebliebenen Kriegern." Die Namen der Krieger Wilhelm Ernst Hänchen und Carl Gottlieb Wende sind eingemeißelt. Auf der gegenüberliegenden Seite ein weiterer Gedenkstein: "Unseren im Weltkriege 1914-1918 gefallenen Helden in Dankbarkeit gewidmet. Gut und Gemeinde Steinbach." Die Helden heißen Friedrich Nischolta, Paul Schulz, Wilhelm Wolf, Otto Rublack, Kurt Thomas, Robert Pohl, Otto Seiler und Robert Aey. Am Fuß des großen Gedenksteins eine kleine Gedenktafel, 1999 gestiftet von Ursula Schönfeld-Doran: "Zum Gedenken an die Gefallenen des 2. Weltkrieges". Gefallenennamen sind keine aufgeführt.

 

103. Etappe / Steinbach – Deschkau / 19.07.2010

103. Etappe / Steinbach – Deschkau / 19.07.2010Die Neiße hat sich über Nacht fast verdoppelt, braune Wassermassen fließen mit hoher Geschwindigkeit nach Norden. Über uns versuchen sich Jungstörche im Flug. Ziellos und ohne Anleitung, als hätten sie sich verirrt, fliegen sie immer wieder über unsere Köpfe hinweg. Emma und ich sind begeistert von dem Spektakel.

Bis Rothenburg verläuft der Weg über viele Kilometer entlang der Straße. Anlass genug am alten Marktplatz in Rothenburg eine Pause einzulegen. In einem Zeitungsladen möchte ich einen Bleistift kaufen. Leider keine Bleistifte zu haben. Die nette Verkäuferin schenkt mir den eigenen. Vielen Dank.

103. Etappe / Steinbach – Deschkau / 19.07.2010Durch schattige Waldpassagen erreichen wir hinter Nieder Neundorf die Kulturinsel Einsiedel, ein riesiger Abenteuerspielplatz mit außergewöhnlicher Holzgestaltung. Viele Kinder sind unterwegs. Emma hätte sicher auch ihre Freude. Wir überlassen das Terrain den Kindern und wandern weiter und machen noch einen Abstecher zum östlichsten Punkt Deutschlands. Dafür verlassen wir den Oder-Neiße-Weg am Abzweig nach Zentendorf. Das Dorf gehört zur Gemeinde Neißeaue, die 1995 als politisch-wirtschaftliche Verwaltungseinheit neu gegründet wurde. Die Gemeinde besteht aus acht Dörfern, das Kleinste, Emmerichswalde, hat gerade mal 11 Einwohner. In Zehntendorf sind immerhin noch 167 Einwohner zu Hause. Im Dorf ist der Weg zum östlichsten Punkt bunt beschildert.

Nachdem ich mit Emma während unserer Deutschlandumrundung schon den westlichsten Punkt, die tiefste Landstelle und den nördlichsten Punkt Deutschlands aufgesucht habe, stehen wir heute am Neißeufer zwischen Zehntendorf und Deschka an der östlichsten Stelle Deutschlands.

Im Süden, zwei bis drei Tagesetappen entfernt, tauchen die ersten Berge am Horizont auf. In drei Tagen werden wir in Zittau sein. Dort ist der Einstieg in den Oberlausitzer Bergweg.

 

104. Etappe / Deschka – Görlitz / 20.07.2010

Vor genau vier Monaten, am 20. März, bin ich am Weltkulturerbe Völklinger Hütte gestartet. Nach der heutigen Etappe werde ich mit Emma 3000 Kilometer zurückgelegt haben. Vier Monaten voller spannender Erlebnisse.

104. Etappe / Deschka – Görlitz / 20.07.2010Um vier Uhr wecken uns ungewöhnliche Laute. Rund um die Pension Vogelpark sind Volieren mit exotischen Vögeln aufgebaut. Das Morgenspektakel der unbekannten Vogelstimmen lässt Emma permanent aufhorchen. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Beim Frühstück komme ich mit Hubert Stehle ins Gespräch. Hubert Stehle wohnt in Beuron an der Donau und ist Revierleiter des Waldes von Freiherr von Gayling aus Ebnet bei Freiburg. Seit der Freiherr etliche Hektar Wald an der Neiße dazukaufte, pendelt Hubert Stehle zwischen Beuron, Freiburg und Deschka.

In Zodel treffen wir Jörg Metzner, den ehrenamtlichen Leiter des Traugott Gerber Zentrums. Er berichtet dass die Blume Gerbera nach dem Arzt und Botaniker Traugott Gerber benannt wurde. Erst nachdem vor einigen Jahren japanische Gerberazüchter den Geburtsort des Namensgebers besuchen wollten, erfuhr die Gemeinde vom Wirken Traugott Gerbers, der als viertes Kind des damaligen Pastoren-Ehepaares Johann George Gerber und Sidonia Gerber 1710 in Zodel geboren wurde.

104. Etappe / Deschka – Görlitz / 20.07.2010Im Biergarten der Kunstmühle in Ludwigsdorf legen wir eine kurze Rast ein. Bis 1997 hat Familie Dörfer hier noch Korn gemahlen. Ingrid Dörfer erzählt mir vom neuen Mühlenleben in Ludwigsdorf, indem nun Kleinkunst und Familienfeiern den Alltag der Mühle bestimmen.

In der Altstadt von Görlitz sitzt Karl-Heinz Krauß auf einem Schemel und schnitzt aus altem Lindenholz kleine Figuren. Wir kommen schnell ins Gespräch. Ich mir setze mich zu ihm und höre zu. Es wird ein Schnelldurchgang durch die Görlitzer Geschichte. Ich bin beeindruckt vom Wissen des Mathematikers und Physikers, der vor etlichen Jahren seine Berufung zum Beruf machte. Mit einigen Partnern gründete er die "Handwerkerey". Im Sommer sitzt er vor dem Laden und lässt sich beim Arbeiten über die Schulter sehen. Von der Altstadt sind es nur noch wenige Minuten zu unserem heutigen Quartier. Am Abend sitze ich auf der Terrasse direkt an der Neiße und trinke zur Feier des Tages ein frisch gezapftes Bier aus dem Brauhaus der Obermühle.

 

105. Etappe / Görlitz – Ostritz / 21.07.2010

Von der Obermühle in Görlitz wandere ich mit Emma am schattigen Neißeufer aus der Stadt. An einen Schwarz-Rot-Goldenen Markierungspfosten hat die Kuss-Gang von Görlitz ihre Spuren hinterlassen. Hinter Weinhübel erreichen wir das ehemalige Braunkohletagebaurevier. 1997 kam das Aus und mit einem Schlag verloren 8000 Menschen ihre Arbeit. Mitten im ehemaligen Revier, im Dreieck der Orte Klein Neundorf, Jauernick-Buschbach und Berzdorf ist ein Feriengebiet mit einem 950 ha großen See entstanden. Die Umstrukturierung hat begonnen. Außerhalb von Hagenwerder entdecke ich an einer Industriebrache ein Plakat, das auf eine Theaterveranstaltung in Ostritz hinweist. Theater von Bürgern für Bürger von Andreas Neu aus Berlin. Der Titel: Fremde… Heimat. Aufbruch, Liebe und Ankommen im Wandel der Zeit. Der Untertitel erinnert mich an das Heimat-Epos von Edgar Reitz.

Der Begriff Heimat beschäftigt mich seit Jahrzehnten. Seit Monaten wandere ich entlang der Grenze meines Heimatlandes. Aber ist er Weg entlang des Oder-Neiße-Wegs meine Heimat? Fremde Heimat? Kann Heimat fremd werden? Wird einem beim Verlust der Arbeit die Heimat fremd? Ist der Arbeitsplatz ein fester Bestandteil von Heimat? Falle ich ins Bodenlose, ins Heimatlose wenn ich keine Arbeit mehr habe? Ich hänge diesen Gedanken nach und wandere ohne wirklich wahrzunehmen. Fremde Heimat hat sicher mit dem Verlust von Vertrautem zu tun. Hier in der Grenzregion habe ich in den letzten Tagen heimatvertriebene Menschen kennen gelernt. Ist Heimat durch eine neue, fremde Heimat zu ersetzen?

105. Etappe / Görlitz – Ostritz / 21.07.2010

In meiner Heimat kenne ich meine Wege, wandere ohne Wanderkarte, kenne meinen Bäcker, meine Marktfrau. Spreche die Sprache der Menschen die mir begegnen. Heute sind mir sehr viele Menschen begegnet, die mir nicht einmal mein "Guten Morgen" erwidert haben. Grußlos durch fremde Heimat. Ich verspüre eine Art Heimweh. Hier ist nicht meine Heimat. Hier bin ich auf Zeit. Heimat hat etwas mit wohl fühlen zu tun. Heute habe ich mich nicht wohl gefühlt. Ich kann nicht einmal genau sagen woran es lag.

Außerhalb von Hagenwerder erinnert ein riesiger Braunkohlebagger und Teile des ehemaligen Braunkohle-Kraftwerks an die Zeit des Braunkohletagebaus in dieser Region. An einem kleinen Baggersee machen wir Rast. Eintritt 1,50 €. Da Emma und ich nicht baden wollen dürfen wir ohne Passierschein in den Schatten.

Anschließend wird es heiß. Kaum noch Schatten auf dem Weg nach Ostritz. Kleine Pausen für Herr und Hund werden zwingend. In Ostritz , in der Nähe des neu gestalteten Marktplatzes, die letzte Rast im Cafe in der v.-Schmitt-Straße. In Ostritz übernachten wir in einer ehemaligen Weberei direkt am Neißeufer. Im schattigen Biergarten des Hotels "Neißeblick", unmittelbar an der polnischen Grenze genieße ich ein Feierabendbier.

 

106. Etappe / Ostritz – Zittau / 22.07.2010

106. Etappe / Ostritz – Zittau / 22.07.2010Bereits um 7.30 Uhr herrscht drückende Hitze. Über die schwankende Brücke unmittelbar am Hotel unternehmen wir noch einen kleinen Abstecher von Ostritz nach Polen. Wer von Görlitz oder Zittau mit dem Zug in Ostritz ankommt, muss in Polen aussteigen und über die Neißebrücke nach Deutschland gehen. Kleiner Grenzverkehr an der deutsch-polnischen Grenze. Das Bahnhofsgebäude hat schon bessere Zeiten erlebt. Ein älteres Ehepaar, das das Bahnhofsgebäude bewohnt, hat am Ufer der Neiße einen Nutzgarten angelegt. Jetzt, am frühen Morgen, werden die Pflanzen gegossen. Ich versuche ins Gespräch zu kommen. Zwecklos. Lediglich die Worte "spazieren gehen und Hundele" klingen vertraut. Wir können uns leider nicht verständigen.

106. Etappe / Ostritz – Zittau / 22.07.2010Nach kurzer Zeit habe ich mit Emma das Kloster St. Marienthal, das 1234 von der böhmischen Königin Kunigunde, Gemahlin des Königs Wenzel I gestiftet wurde erreicht. Im Garten steht eine lebensgroße Plastik von Karol Jozef Wojtyla, dem späteren Papst Johannes Paul II.

Ein Teil der Klosteranlage ist zu einer Internationalen Begegnungszentrum mit Tagungsräumen und Übernachtungsmöglichkeit ausgebaut worden. Schon am frühen Morgen sind viele Menschen unterwegs. Auf dem schattigen Waldweg hinter dem Kloster begegnet mit Christa Berg, die zu einer Fastenkur nach Marienthal gekommen ist. Christa Berg wohnt in Nordrhein-Westfalen, würde sich aber gerne nach Süden orientieren. Nach Saarbrücken im Saarland pflegt sie Briefkontakt zu einem ansässigen Schriftsteller. Sie muss zum Fasten und ich muss weiter mit Emma Richtung Zittau.

Die ersten Stunden verläuft der Weg im schattigen Wald direkt an der Neiße. Hinter Hirschfelde beginnt dann ein Leidensweg für mich und Emma. Ein asphaltierter Radweg führt entlang der Straße bis Zittau. Keine Möglichkeit im Schatten zu laufen. Wir halten öfter an, Emma kann wenigstens in einigen kleinen Bächen für Abkühlung sorgen. Schweißgebadet kommen wir in Zittau an.

Morgen werden wir einen zusätzlichen Ruhetag einlegen.

 

Ruhetag in Zittau / 23.07.2010

"Begegnungen die Berühren" heißt eine Broschüre über die Route der "Via Sacra". Reisen ohne Grenzen auf einer neuen touristischen Route in einem alten europäischen Kulturraum zu sakralen Stätten und Kunstwerken im Dreiländereck Deutschland, Polen und Tschechien. Da die "Via Sacra" eine Autoroute über mehrere hundert Kilometer ist sie für einen Wandersmann ungeeignet. Also beschränke ich mich bei Nieselregen auf Zittau.

Das große Zittauer Fastentuch (1472) und das kleine Zittauer Fastentuch (1573) sind fester Bestandteil der "Via Sacra". Das 8,20 Meter hohe und 6,80 Meter breite Textilkunstwerk zeigt 90 Szenen aus dem Alten und Neuen Testament von der Erschaffung der Welt bis zum Jüngsten Gericht. Die riesige Bilderbibel wurde 1472 von einem unbekannten Meister geschaffen und in den Jahren 1994/95 von der Abegg-Stiftung in der Schweiz als "Kunstwerk von Weltgeltung" restauriert. Seit 1999 wird das Tuch in der größten Museumsvitrine der Welt ausgestellt. Das kleine Zittauer Fastentuch zeigt eine monumentale Kreuzigungsszene, die von vierzig Symbolen aus der Passion (Arma Christi) umrahmt ist. Das Tuch wurde 1573 von einem unbekannten Maler nach einer Vorlage des Lütticher Künstlers Lambert Lombard geschaffen.

Viele Bauwerke, Brunnen und Denkmäler in Zittau erinnern an die Blütezeit der Stadt, die über Jahrhunderte durch Tuchmacherei, Leinwandhandel und Bierbrauereien geprägt war. Durch den Zugang zu den böhmischen Gebirgspässen war Zittau im 17. und 18. Jahrhundert eine der reichsten Handelsstädte Sachsens. Unter den sechs Städten des "Oberlausitzer Städtebundes" (1346-1815) trug Zittau den Beinamen "Die Reiche".

Ruhetag in Zittau / 23.07.2010Während ich mit Emma durch die Stadt schlendere erleben wir eine unerwartete Begegnung. Vor zwei Tagen hatte ich im Park von Görlitz eine junge Frau mit ihrer Beaglehündin Anni getroffen. Vor einem kleinen Cafe in Zittau begegnen wir uns heute wieder. Katrin Daubner lebt mit ihrem Freund in Zittau. Die junge Frau hat Visionen. In ganz Deutschland sollen "Schneckenhäuser" entstehen. Rückzugsorte des guten Geschmacks. Sie will jeden mündigen Bürger einladen, einen Beitrag zur Stärkung der regionalen Produkte und damit zur Stärkung der regionalen Wirtschaft zu leisten. Die Formel der Nachhaltigkeit von Produkten soll sich in den Köpfen der Menschen festsetzen. Dafür sollen Hymnen von bekannten Bands ertönen, die daran erinnern sollen, dass jeder seinen Beitrag zum Ruhetag in Zittau / 23.07.2010Erhalt unseres Planeten Erde beitragen sollte. Katrin Daubner kann Überzeugungsarbeit leisten. Ich hatte das Gefühl sie steht mit allen Sinnen hinter dem was sie verkündet. Eine starke Frau.

Am Nachmittag trifft Karl-Ernst ein, ein lieber Freund aus Berlin. Er will morgen einen Tag mit mir wandern. Im Gepäck hat er einen echt saarländischen Lyoner (Fleischwurst). Wir sitzen im Biergarten in Zittau und genießen Lyoner mit Baguette und Bier.

 

107. Etappe / Zittau – Zittau / 24.07.2010

107. Etappe / Zittau – Zittau / 24.07.2010Zittau liegt im Dreiländereck Deutschland, Tschechien, Polen. Nachdem der Regen nachgelassen hat mache ich mit meinem Freund Karl-Ernst auf den neun Kilometer langen Rundweg, der uns durch drei Länder bringen soll.

Karl-Ernst habe ich vor einigen Jahren in Berlin kennen gelernt. Karl-Ernst ist in Gersweiler im Saarland aufgewachsen. Da ich in Völklingen-Fenne im Saarland meine Kindheit verbracht habe, sind wir praktisch Nachbarskinder, wir hätten uns eigentlich über den Weg laufen müssen. Karl-Ernst zog es schon früh nach Berlin, ich bin im Saarland geblieben. Seit wir uns das erste Mal in Berlin begegneten sind wir in Kontakt. Als er von meinem Projekt erfuhr, sagte er sofort, dass er ein Wochenende oder eine Etappe mitwandern werde. Er hat sein Versprechen war gemacht.

Von Zittau wandern wir zum polnischen Grenzübergang. Unmittelbar davor biegen wir nach rechts und wandern entlang der Neiße zum Dreiländerpunkt. Der Dreiländerstein, der den geografischen Punkt markiert steht auf der anderen Seite der Neiße. Die Neiße ist hier sehr schmal, bei Niedrigwasser könnte man zu Fuß durch die Neiße ans andere Ufer gelangen. Helmut Kohl hat sich an dieser Stelle mit hochrangigen Politikern aus Tschechien und Polen getroffen, Gerhard Schröder hat es ebenso getan. Geplant war hier eine Dreiecksbrücke mit einem sich drehenden Restaurant. Die Pläne sind wohl inzwischen verworfen.

107. Etappe / Zittau – Zittau / 24.07.2010Wir laufen weiter. Über Hartau gelangen wir nach Tschechien. Im Restaurant "Nostalgie" trinken wir ein süffiges tschechisches Bier. Wir verpassen ein Hinweisschild und folgen einer weiß-gelben Beschilderung bis ins tschechische Hradek. Nachdem uns klar geworden ist, dass wir auf der falschen Fährte sind kehren wir um. Eine Holzbrücke bringt uns später auf den rechten Pfad und zum Dreiländerstein. Eine weitere kleine Holzbrücke über einen Bach und wir sind in Polen. Über den Neißedamm und entlang eines Radweges kommen wir schließlich nach Zittau zurück. Statt der geplanten zwei Stunden waren es am Ende viereinhalb Stunden.

Karl-Ernst hat für den Abend noch eine Überraschung. Aus seinem Gepäck zaubert er einen ausgezeichneten Rotwein. Bis weit in die Dunkelheit sitzen wir an einem windgeschützten Platz in unserem Hotel und "sproche, schwäddse, un vazähle bis uns die Aue zufalle."

 

108. Etappe / Zittau – Oybin / 25.07.2010

Die grauen Wolken hängen tief als ich mit Emma und Bernd Joachim Schmidt, Kreiswegewart im Altkreis Löbau, in Zittau loslaufe. Bernd hatte von meiner Wanderung gehört und hatte mir gemailt, dass er mich gerne einige Tage begleiten würde, wenn ich in seiner Heimat sei. Obwohl er gerade die "Vier Tage von Nimwegen" in Holland hinter sich hat, ist er pünktlich an meinem Hotel, um mich zu begleiten. Ich verlasse heute das Neißetal, um über den Oberlausitzer Bergwerg Richtung Bad Schandau zu laufen. Dort möchte ich am nächsten Sonntag ankommen.

108. Etappe / Zittau – Oybin / 25.07.2010

Bernd ist ein exzellenter Begleiter und freundet sich auch gleich mit Emma an. Bei einer der Pausen darf Emma am Wanderbrot naschen. Bernd kennt die Oberlausitz wie seine Westentasche. Er kennt jeden Fels, weiß wo besonders schöne Aussichtspunkte sind, kennt die Hügel und Berge am Horizont. Ich erfahre viel an diesem Tag.

108. Etappe / Zittau – Oybin / 25.07.2010In Eichgraben werkeln Anne und Markus Faulhaber im Garten eines winzigen Waldarbeiterhauses. Anne stammt aus St. Georgen in der Nähe von Freiburg, Markus kommt aus dem nahen Olbersdorf. Während der Woche leben und arbeiten sie in Dresden. Am Wochenende sind sie oft in dem winzigen, spartanisch eingerichteten Haus, um sich von der Großstadt zu erholen. Ich darf mir die Innenräume ansehen. Hier stößt man sehr schnell an seine Grenzen.

Hinter der Teufelsmühle, einem Ausflugslokal an der Dampflokomotivenstrecke Zittau – Oybin, verlassen wir den Bergweg Richtung Oybin. Bernd hat einige Wanderhöhepunkte ausgesucht. Wir kommen an schroffen Felsgebilden und bizarren Felsformationen vorbei. Sie tragen Namen wie "Brütende Henne, Schildkröte, Geier, Boxhandschu oder Kücken." Bernd führt mich bereits am ersten Tag meiner Wanderung durchs Zittauer Gebirge zu den schönsten Aussichtspunkten, die wir teilweise nur mühevoll erreichen. Die Gratzer Höhlen sind gigantische Felsformationen, die Oybin-Aussicht und der Blick vom Töpfer sind überwältigende Ausblicke, ebenso die Böhmische Aussicht und die Luisenhöhe. Die kleine Felsengasse und der Scharfenstein runden das Wanderglück ab. Ein Wandertag, den ich so schnell nicht vergessen werde. Ich freue mich bereits auf Morgen.

 

109. Etappe / Oybin - Waltersdorf / 26.07.2010

Auch der zweite Tag im Zittauer Gebirge ist ein Traum für jeden Wanderfreund. Bernd-Joachim Schmidt, der mich bereits gestern durchs Gebirge begleitet hat, zeigt mir auch heute wieder die Highlights seiner Heimat. Hinter Oybin wandern wir zunächst zum Wahrzeichen des Sandsteinkletterns im Zittauer Gebirge, einem Buntsandsteinfels in Form eines überdimensionalen Kelches. Auf den Blaubeeren und Himbeeren am Wegesrand liegt noch Morgentau. Sie schmecken fantastisch.

109. Etappe / Oybin - Waltersdorf / 26.07.2010Über den deutsch-tschechischen Grenzweg steigen wir auf zum "Balkon von Zittau". Nach einhundertachtundzwanzig Stufen stehen wir auf 775 Meter und genießen von der Aussichtsplattform des Turmes einen 360 Grad Rundumblick. Bernd kennt jeden Berg, kennt jedes Dorf, Heimatkunde in luftiger Höhe.

Unterhalb des Turmes machen wir eine kurze Rast in der Hochwald-Turmbaude. Emma fühlt sich gleich wie zu Hause und inspiziert als erstes die Küche. Nur wenige Minuten später erreichen wir die Hochwaldbaude mitten auf der Grenze. Während der Wirt seinen Gästen ein Bier zapft kommen wir ins Gespräch. Das Gebäude steht noch in Deutschland, der kleine Gemüsegarten liegt bereits auf tschechischem Gebiet.

Bernd drängt zum Weiterwandern. Abseits des Zittauer Bergkammweges will er mir noch einige Besonderheiten präsentieren. Der Abstieg unterhalb des Johannissteins führt über Grenzwiesen zwischen Deutschland und Tschechien. Hinter dem Kurort Jonsdorf beginnt der Einstieg in ein Labyrinth kleiner Wege und unzähliger Treppenstufen: Die Mühlsteinbrüche. Bereits 1560 entstand der erste Mühlsteinbruch im "Bärloch".

109. Etappe / Oybin - Waltersdorf / 26.07.2010Durch Erosion entstanden viele bizarre Felsformationen, sogar ein "Denkmal" für Emma. Zwar wird die Felsformation als "Dackel" bezeichnet, allerdings kann man bei näherer Betrachtung eindeutig einen Beaglekopf erkennen. Es folgen weitere Steinformationen wie Kaffeekanne, kleine und große Orgel sowie die Nonnenfelsen. Ein weiterer Grenzweg bringt uns Richtung Waltersdorf.

Unterhalb der Lausche, der mit 793 Metern höchsten Erhebung des Zittauer Gebirges steht das Wanderhotel Sonnebergbaude. Dort werde ich heute übernachten. Erst beim Abendessen fällt mir auf, dass ich heute noch gar keinen Kuckuck gehört habe. Als um zwanzig Uhr die Kuckucksuhr schlägt, kann ich mich beruhigt zurückziehen.

 

 

110. Etappe / Waltersdorf – Eibau / 27.07.2010

Im Naturpark Zittauer Gebirge mache ich für einige Tage Station im Wanderhotel und historischen Landgasthof "Sonnebergbaude" in Waltersdorf (www.sonnebergbaude.de). Das Hotel ist ein idealer Ausgangspunkt für Streifzüge durchs Gebirge, vor allem weil auch die Küche ausgezeichnet ist. Endlich mal wieder Gerichte aus frischen Zutaten und mit Liebe gekocht! Während des Frühstücks besucht mich heute ein Redakteur der Sächsischen Zeitung. Die Sächsische Zeitung wird in der morgigen Ausgabe über Deutschlands Grenzgänger berichten.

110. Etappe / Waltersdorf – Eibau / 27.07.2010Der höchste Berg des Zittauers Gebirges, die Lausche (792 m), erhebt sich unmittelbar vorm Hotel. Bernd, mein Wanderführer der letzten Tage, wird mir auch heute wieder seine Heimat zeigen. Für den schweißtreibenden Aufstieg zur Gipfelspitze werden wir durch einen grandiosen Rundumblick entlohnt.

Der Abstieg erfolgt über einen schmalen Pfad auf tschechischer Seite. Wanderfreunde aus Tschechien und Deutschland hatten hier bereits ein grenzüberschreitendes Wanderwegenetz zusammengestellt, als das Schengener Abkommen noch lange nicht unterzeichnet war. Beim Abstieg führt mich Bernd zu einem besonderen Grenzstein: dem "Dreiecker". Der historische Grenzstein war einst Markierung der deutsch-böhmischen Grenze. Hier trafen die drei Herrschaftsbereiche Reichsstadt, Rumburg und Zittau aneinander.

110. Etappe / Waltersdorf – Eibau / 27.07.2010Über Wald- und Wiesenwege setzen wir unsere Wanderung fort zur Karasekhöhle. Von 1635 bis 1849 gehörte ein größeres Gebiet von Leutersdorf inmitten oberlausitzer, sächsischer Dörfer zu Böhmen. Dieses Gebiet verworrener herrschaftlicher Verhältnisse bot ideale Voraussetzungen für Räuber- und Schmugglerbanden. Der berühmteste Räuberhauptmann war Johannes Karasek. Das Leben des Räuberhauptmanns Karasek ist im Karasek-Museum in Seifhennersdorf aufgearbeitet. An Karaseks Höhle sind wir mit Heiner Haschke verabredet, der seit vielen Jahren den Räuberhauptmann verkörpert. Als wir uns der Höhle nähern ist nichts von ihm auszumachen. Urplötzlich taucht der "Räuberhauptmann" im grünen Rock, weißer Hose und schwarzen Stiefeln aus dem Wald auf. Emma traut ihm nicht und bellt ihn erst einmal ordentlich an. Dann zieht sie sich zurück und beobachtet unser Gespräch argwöhnisch aus Distanz (www.karaseks-revier.de).

Wir verlassen den Räuberhauptmann und wandern weiter zum Gasthof "Wilder Hirsch". Bei der Rast kann Bernd Emmas braunen Kulleraugen nicht widerstehen. Seine Wegzehrung wandert in Emmas Bauch. Nach fast neun Stunden erreichen wir unser Ziel Eibau. Der Chef der Sonnebergbaude übernimmt höchstpersönlich den Rücktransport zum Hotel. Emma bekommt am Abend viele Streicheleinheiten und eine Extraportion aus der Küche.

 

111. Etappe / Waltersdorf – Eibau / 28.07.2010

"Anders als heute galt früher die Gegend um den Kottmar als öde und unheimlich. Wie trostlos es aussah, beschreibt folgende Sage: Als der Teufel sich in der Welt umsah, um einen Ort für den Bau der Hölle zu suchen, kam er auch am Kottmar vorbei. Als er sich umsah fand, er die Gegend so schlecht, dass er die Hölle an diesem Ort doch nicht baute." Nachzulesen auf einer Tafel des Sagenweges, der am Kottmar beginnt.

Vom Gipfel des Kottmar (583m) kann man einen Dreiländerblick genießen: Deutschland, Polen und Tschechien. In 447 Metern Höhe entspringt eine der drei Spreequellen. Die Quelle am Kottmar ist die höchst gelegene. Die Spree fließt auf einer Länge von 365 Kilometern über Bautzen, Cottbus, den Spreewald und den Großen Müggelsee nach Berlin, um im Stadtteil Spandau in die Havel zu münden.

An der Quelle treffen wir Kathleen und Peter. Sie sind in der Nähe aufgewachsen, haben in Dresden studiert und arbeiten nun in Münster. Sie betreiben Geocaching, eine Art moderne Schatzsuche und Schnitzeljagd nach Koordinaten. Der Leitsatz zum Auffinden des Schatzes heißt: "Nichts für Warmduscher". Allerdings wollen die Beiden partout nicht ins Quellwasser.

111. Etappe / Waltersdorf – Eibau / 28.07.2010

Bernd, der mich und Emma auch heute begleitet, führt uns weiter nach Neusalza-Spremberg. Dort befindet sich ein besonderes Museum, das Reiterhaus. Dieses Baudenkmal ist eines der wertvollsten und ältesten Umgebindehäuser der Oberlausitz. Hier erfährt man wir alles über diese Art der Zimmermannskunst (www.reiterhaus.de).

Auf unserem weiteren Weg gelangen wir zum Schwarzen Bruch. Ab 1880 wurde hier Syenit gebrochen, ein dunkelgraues granitähnliches Erstarrungsgestein, das an dieser Stelle mit einer leichten Blaufärbung auftritt. In der Nähe des stillgelegten Steinbruchs kann man die blaue Färbung an einem aufgestellten Stein gut erkennen. Auf dem Stein, der an ein Grabstein erinnert, sind eine Wildsau und eine Tanne abgebildet. Dazu das Datum 5.7.1963. Man kann spekulieren. Hat hier ein Förster seiner erst geschossenen Wildsau einen Grabstein gewidmet? Oder hat er an dieser Stelle einen kapitalen Keiler verfehlt? Ist ihm hier im tiefen Wald eine Wildsau begegnet und hat sich erfolgreich aus dem Staub gemacht? Ich werde es wohl nicht herausfinden. Aber vielleicht kennt jemand den Grabstein im Wald und wird es mir mitteilen.

In Beiersdorf endet unsere zwanzig Kilometerwanderung. Ob Kathleen und Peter doch noch ins Wasser mussten, werde ich heute nicht mehr erfahren. Aber sie haben versprochen zu schreiben.

 

112. Etappe / Beiersdorf – Wehrsdorf / 29.07.2010

Am Morgen rufe ich in der Touristinformation in Sohland an. Ich suche noch eine Unterkunft für die Nacht. Große Überraschung: die Damen im Büro haben den Anruf des Grenzgängers bereits erwartet und für mich in Wehrsdorf ein Zimmer reserviert. Emma und ich sind eingeladen. Ein herzliches Dankeschön nach Sohland.

Hinter Beiersdorf führt die Wegtrasse zum Bieleboh (499 m) wo schon seit über einhundert Jahren ein Aussichtsturm und eine Berggaststätte stehen. Für Bernd ist die Aussicht vom Bielebohturm die Schönste auf dem gesamten Oberlausitzer Bergweg. " Blick hernieder auf der Täler grün, Glück und Frieden mögen dort erblühn" fordert eine Inschrift an der Biehlebobaude den Wanderer auf. Direkt vor uns liegt das Dorf Cunewalde mit der größten Dorfkirche Sachsens. Der Blick geht weiter nach Löbau und Bautzen, nach Tschechien und Polen ins Isargebirge, ins Riesengebirge, zur Zittauer Senke und zum Zittauer Gebirge.

112. Etappe / Beiersdorf – Wehrsdorf / 29.07.2010Bernd hat eine Überraschung geplant. Nur unweit des Bergweges liegt der Ort Crostau. Die Kirche von Crostau wird mit der östlichsten Silbermann-Orgel Deutschlands geschmückt. Gegen Mittag klingeln wir bei der Kantorin Gudrun Schwarzenberg. Obwohl sie viel zu tun hat, packt sie die großen Schlüssel ein, um einige Türen zu öffnen. Dann setzt sie sich auf den Schemel, zieht alle Register und spielt einige Stücke aus dem Orgelbüchlein von Johann Sebastian Bach. Ich bin überwältigt vom vollen Klang dieser wunderschönen Orgel, die seit 278 Jahren hier erklingt. Emma und Bernd sitzen derweil vor der Tür im Schatten der Kirche. Gudrun Schwarzenberg wünscht mir zum Abschied eine weiterhin gute Wanderung. Ich sage danke ihr für dieses unverhoffte Privatkonzert.

Zwischen Ellersdorf und Sohland wurde die junge Spree zu einem See angestaut. Kurz danach erreichen wir die Himmelbrücke, eine steinerne Brücke, die 1796 über die damals noch in ihrem alten Flussbett fließende Spree gebaut wurde und heute den Dorfbach von Sohland überbrückt. In Sohland zeigt mir Bernd die schönsten Umgebindehäuser der Umgebung. Viele der alten Häuser sind renoviert, in den Vorgärten blühen die Sommerblumen. Bernd ist total begeistert.

112. Etappe / Beiersdorf – Wehrsdorf / 29.07.2010Auf dem Weg zur Prinz-Friedrich-August-Baude ziehen dunkle Wolken auf. Eineinhalb Kilometer vor der Baude fängt es an zu gießen. Völlig durchnässt kommen wir dort an. Das Pausenbier schmeckt trotzdem. Beim Abstieg vom Berg erleben wir die Grenze nochmals hautnah. Am Dreiherrenstein von 1750 sind die Wappen der hier angrenzenden Gutsherrschaften von Sahla-Sohland, Graf Salm-Reiterscheidt Hainspach, früher Böhmen und das des Domstifts St. Petri in Bautzen-Wehsdorf eingemeißelt. Für mich der schönste Grenzstein, den ich bislang auf meiner Wanderung rund um Deutschland gesehen habe.

Im Landgasthof Erbgericht in Wehrsdof werde ich übernachten. Zu Bernds Abschied macht uns der Koch leckere echt "handgerappte Grumbeerkischelcha". Bernd wird ab morgen eine Wandergruppe führen, die anlässlich des Lausitzer Musiksommers auf den Spuren von Caspar David Friedrich durchs Gebirge wandern wird. Ich danke Bernd für eine wunderbare Woche traumhafter Wandererlebnisse mit einem neu gewonnen Wanderfreund. Wir werden uns wieder sehen.

 

113. Etappe / Wehrsdorf – Neustadt i. Sachsen / 30.07.2010

Als ich in Wehrsdorf mit Emma auf Strecke gehe schaut sie permanent nach hinten, als ob sie mich fragen möchte: "Wo bleibt denn Bernd?", unser Wanderführer mit dem leckeren Pausenbrot. Bernd führt heute eine Wandergruppe über den Oberlausitzer Bergweg. Wir müssen allein zurecht kommen. Novemberstimmung beim Aufstieg Richtung Steinigtwolmsdorf. Dicke Nebelschleier ziehen durch den dunklen Wald. Leichter Wind kühlt das Gesicht. Es ist absolut still, gespenstig. Emma bleibt mir dicht auf den Fersen. Die Waldhimbeeren und Blaubeeren schmecken gekühlt besonders gut.

113. Etappe / Wehrsdorf – Neustadt i. Sachsen / 30.07.2010Hinter Steinigtwolmsdorf mitten im Wald ein Holzschild mit der Aufschrift: "Nordkap". Haben wir uns verlaufen? Das Nordkap liegt doch einige Tausend Kilometer nördlich. Und jetzt der Hinweis hier im Wald? Ich wandere mit Emma weiter. Wieder ein Hinweisschild zum Nordkap. Ich werde neugierig, folge den Schildern bis wir das "Nordkap" im tiefen Wald erreicht haben. Der Reisejournalist Peter Stache schrieb dazu: "Nur ein weißer Pfahl am Grenzstein 2/40 markiert mitten im Wald den nördlichsten Punkt der Tschechischen Republik. Er befindet sich exakt 51 Grad, drei Minuten und 20 Sekunden nördlicher Breite. Hier ist also der nördlichste Punkt der einstigen Österreich-ungarischen Monarchie und er heutigen Tschechischen Republik."

Ein Ort der Ruhe, ein Ort zum Träumen, ein Ort Stille zu genießen. Während es sich Emma im grünen Moos gemütlich macht, liege ich auf einer Holzbank (halb in Tschechien, halb in Deutschland) und hänge meinen Gedanken nach. Jede, auch noch so schöne Pause, geht zu Ende. Wir steigen wieder Richtung Oberlausitzer Bergweg. Am Waldcafe Waldhaus gönne ich mir einen Kaffee, ehe wir weiter Richtung Valtenberg wandern. Der Weg zum Berg führt zunächst nur leicht bergan, ehe die letzten eineinhalb Kilometer Steigungen von über 20 Prozent ausweisen. Kurz vor dem Gipfel entspringt die Wesnitz in einer Höhe von 515 Meter am Südosthang des Valtenbergs und fließt aus dem Mundloch eines 60 Meter langen Bergwerksstollen, genannt "Goldberg".

113. Etappe / Wehrsdorf – Neustadt i. Sachsen / 30.07.2010Von der Quelle sind es nur noch wenige Minuten bis zur höchsten Erhebung des Oberlausitzer Berglandes (586 m). Den Gipfel krönt seit 1856 ein 25 Meter hoher Aussichtsturm. Leider verhindern tief liegende Wolken weite Ausblicke. Vom Valtenberg geht's steil bergab. Bis nach Neustadt sind noch zwei Stunden zu wandern. Im Bergasthof "Götzinger Höhe", etwas außerhalb von Neustadt, habe ich ein Zimmer reservieren lassen. Die Anhöhe ist benannt nach dem Magister Wilhelm Lebrecht Götzinger (1758 bis 1818). Götzinger war Pfarrer, Humanist und Heimatforscher. Er gilt als Entdecker der sächsischen Schweiz und erster Topograph des Meisner Elbhochlandes.

Am Abend ein besorgter Anruf von Bernd. Er will wissen ob alles geklappt hat. Ich glaube er vermisst Emma aber die kann nicht mit ihm telefonieren.

 

 

114. Etappe / Neustadt i. Sachsen - Bad Schandau / 31.07.2010

"Verläßt man die Höhe und steigt in die Thäler hinab, so wird das Herz durch eine neue Veränderung zur Bewunderung des Schöpfers erhoben. Doch ich fühle mich zu schwach dieses alles lebhaft zu schildern. Diese reizende Gegend will nicht beschrieben, sondern gesehen seyn. Man mache sich gefasst… von nun an eine ununterbrochene Reihe von Naturschönheiten und Seltenheiten zu sehen, welche an Größe, Schönheit und Umfang immer mehr zunehmen, je weiter man kommt… Das Auge wird mehrer Tage lang eine Weide haben, welche für Geist und Herz die schönste Nahrung gibt"… Landschaftsbeschreibungen des Heimatforschers Wilhelm Leberecht Götzinger. Seine Werke über die Sächsische Schweiz werteten seine Zeitgenossen als beachtliche Beiträge zu Landeskunde. Bereits zu seinen Lebzeiten und nach ihm bis zur Gegenwart waren seine Beschreibungen der Landschaft für viele Heimatforscher und Schriftsteller Anregung zu weiteren Forschungen.

114. Etappe / Neustadt i. Sachsen - Bad Schandau / 31.07.2010Ein letzter Blick von der Götzinger Höhe ins Neustadter Tal, für Götzinger das schönste Tal das er kannte. Mit Emma bin ich schnell im Wald verschwunden. Wasser, Wiesen und Wald werden sich auf unserer Wanderung immer wieder abwechseln. Am Nachmittag werden wir in Bad Schandau an der Elbe sitzen.

Hinter Neuhäuser und Krumhermsdorf erreichen wir das Schwarzbachtal. Wasser wird uns nun fast bis nach Bad Schandau begleiten, zunächst der Schwarzbach, später die Sebnitz. An der ehemaligen Buttermilchmühle erinnert nur ein alter Mühlstein sowie eine Hinweisschild an die mitten im Wald gelegene Mühle. Die erst 1815 errichtete Altendorfer Mühle erhielt ihren Namen wegen des "Buttermilchfleckchens", einem Wiesenstückchen mitten im Wald, an dem sie errichtet wurde. Wegen der idyllischen Lage entwickelte sie sich zum Ende des 19. Jahrhunderts zu einem beliebten Ausflugslokal im Sebnitztal. 1985 brannte sie nach einem Blitzeinschlag völlig aus.

Kurz hinter der ehemaligen Mühle treffen wir auf die Wegtrasse des Malerweges. Der Malerweg wurde 2008/2009 zum schönsten Fernwanderweg Deutschlands gekürt. Auf 112 Kilometern, aufgeteilt in acht Etappen, erschließt der Weg die traditionsreichste und im Gesamtverlauf attraktivste Wanderroute in der Sächsischen Schweiz (www.malerweg.de).

114. Etappe / Neustadt i. Sachsen - Bad Schandau / 31.07.2010Bis Kohlmühle wandern wir auf dem Malerweg weiter Richtung Elbe. Im "Mickennest", einem winzigen Gasthaus in Kohlmühle, machen wir Rast. An der Wand hängt eine überdimensionale Landkarte von 1936. Nur zwei Orte aus dem heutigen Saarland finde ich: Saarbrücken und Saarlautern.

Über die Trasse des Fernwanderweges E3 erreiche ich nach einer Stunde Bad Schandau und sitze mit Emma zum zweiten Mal während unserer Deutschlandumrundung an der Elbe. Am 28. Mai hatten wir die Elbe auf unserem Weg von Cuxhaven nach Wilster mit der Fähre überquert. Morgen werden wir einen Ruhetag einlegen.

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