Non-Stopp Deutschlandumrundung Etappentagebuch Mai

 


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37. Etappe / Goch – Emmerich / 01.05.2010

37. Etappe / Goch – Emmerich / 01.05.2010Am 1. Mai durchwandere ich mit Emma flache, sehr fruchtbare Landstriche von Goch Richtung Rhein. Soweit das Auge reicht vereinzelte Gehöfte. Hinter Goch überragt ein weithin sichtbarer Maibaum am Gasthof „Zum schwarzen Adler“ die Szenerie. Pfalzdorf heißt ein zu Goch gehörendes Dorf. Haben sich hier etwa Pfälzer niedergelassen? Tatsächlich, durch die Pfalzchronik, die mitten im Dorf steht, werde ich aufgeklärt. 1741 machten sich einige Pfälzer auf den Weg, um nach Amerika auszuwandern. In der Nähe von Goch war ihnen jedoch bereits das Geld ausgegangen. Im Oktober 1741 wurde ihnen auf der Gocher Heide Land zugewiesen. In den Jahren danach drohte ihnen wegen fehlender Barschaft mehrmals die Ausweisung. Erst eine Bittschrift an den damaligen König Friedrich II hatte Erfolg. Sie durften bleiben. 1749 wählte man den Namen Pfalzdorf. Leider begegnet mir an diesem frühen Morgen kein „Pfälzer“, aber man hat mir erzählt, dass man in Pfalzdorf eine Mundart spricht, die rund um Pfalzdorf kaum einer versteht.

37. Etappe / Goch – Emmerich / 01.05.2010Schloss Moyland erreichen wir gegen Mittag. Das Museum, das weltweit die größte Sammlung des Künstlers Josef Boys zusammengetragen hat, ist zur Zeit geschlossen. Bis September 2011 dauern die Umbauarbeiten. Danach ist die Neupräsentation der Sammlung wieder zugänglich. Außerdem ist mal wieder „das Mitführen von Hunden untersagt“. Also ziehe ich mit Emma weiter Richtung Rhein. Nach sechs Wochen und einem Tag sehen wir am Nachmittag die Uferpromenade von Emmerich und stehen am Rhein. Nur noch über die Brücke. Wir haben es geschafft. In Emmerich erwarten uns liebe Freunde. Morgen ist Ruhetag.

 

Ruhetag in Emmerich / 02.05.2010

Ruhetag in Emmerich / 02.05.2010Den wanderfreien Sonntag in Emmerich verbringe ich bei Ellen und Werner und ihren Kindern Eva und Jonas. Nach einem ausgiebigen Frühstück unternehmen wir einen Spaziergang durch die Innenstadt von Emmerich. Von der Rheinpromenade blickt man auf die längste Hängebrücke Deutschlands, die 1965 hier über den Rhein gebaut wurde. Fast 500 Schiffe passieren täglich die Stadt, die unmittelbarer Nähe zu Holland liegt.

Im Rheinmuseum dokumentieren über 150 Schiffsmodelle die Entwicklung der Schifffahrt auf dem Rhein. Angefangen von den ersten Einbäumen über die unterschiedlichsten Segelschiffe und Dampfschiffe bis hin zu den modernen Containerschiffen.

Ruhetag in Emmerich / 02.05.2010Am Nachmittag eine kurze Fahrt ins holländische s’Heerenberg. Ein Spaziergang rund ums Schloss soll endgültig den Regen am Niederrhein vertreiben. Am alten Wasserschloss „Huis Bergh“ herrscht mittelalterliches Treiben. Der wunderschöne Innenhof des Schlosses bietet die optimale Kulisse für Ritterspiele. Am Abend klärt es langsam auf. Mit Ellen und Werner verbringe ich einen gemütlichen Abend mit Spargel und besten Weinen aus der Pfalz und Südfrankreich. Es tut so richtig gut, nach 7 Wochen unterwegs mal ganz privat bei Freunden zu sein. Emma wartet bereits ungeduldig auf den Start der nächsten Wanderung.

 

38. Etappe / Emmerich – Anholt / 03.05.2010

Der Weg von Emmerich am Niederrhein über Praest, Bienen und Millingen nach Anholt ins südwestliche Westmünsterland scheint auf den ersten Blick unspektakulär. Zwischen Emmerich und Bienen wandere ich mit Emma durchs Naturschutzgebiet Alter Rhein. Der Weg führt durch riesige Weidegebiete und irgendwann verliert er sich im Grün der unendlichen Weiden. Den Rhein zur Rechten halten wir die Richtung, müssen über Zäune und Gatter und werden plötzlich von einem Dutzend Rinder wahrgenommen. Emma scheint für sie hochinteressant. Sie kommen immer näher, wollen Emma beschnuppern. Emma sucht mit eingezogenem Schwanz das Weite. Und so werde ich das Objekt der Begierde. Emma schaut sich das Schauspiel mit respektvollem Abstand an. Die kleine Kuhherde versucht mich regelrecht einzuzingeln, mit hektischen Bewegungen und lauter Stimme gelingt es mir immer wieder die Kühe auf Distanz zu halten. Endlich ein Zaun, dreifach mit Stacheldraht abgesichert. Mit den Kühen im Nacken schaffe ich auch dieses Problem. Gerettet. Emma muss danach sofort an die Leine, denn das Naturschutzgebiet ist auch Spielwiese und Tummelplatz unzähliger Kaninchen. Sie weiß gar nicht wo sie hinsehen soll, aus allen Richtungen rennen die wuseligen Vierbeiner übers Gras.

38. Etappe / Emmerich – Anholt / 03.05.2010

Hinter Bienen verlassen wir das Rheintal. Den Rhein werden wir im September am Bodensee wieder sehen. Bis dahin müssen wir noch einige Kilometer laufen.

Auf Einladung von Familie Brune darf ich mit Emma im Parkhotel Wasserburg übernachten. Die Anlage wurde um 1700 zu einer außergewöhnlichen Barockresidenz ausgebaut und ist im Besitz des Fürsten Carl Philipp zu Salm und zu Salm-Salm. Trotz sechseinhalbstündiger Wanderung streife ich mit Emma am späten Nachmittag durch den traumhaft schönen Landschaftspark mit Barockgarten, altem Baumbestand und großzügig angelegten Wasserflächen. Nach einem ausgezeichneten Abendessen mit Blick in die Parkanlage glaube ich im Paradies angekommen zu sein. Soll ich überhaupt noch weiterwandern?

 

39. Etappe / Anholt – Barlo / 04.05.2010

An Ostern, von Trier nach Kordel, hat mich Barbara mit Mann und jüngstem Sohn begleitet, und den ganzen Weg Frühlingslieder gesungen. Alle Strophen! An Pfingsten wird Barbara mit ihrem Mann zwei Tage mitwandern. Ich hoffe auf Livemusik.

Zum Wonnemonat Mai schickt sie mir per Mail den Text eines Volksliedes, das sicher jeder schon einmal gesungen hat:

39. Etappe / Anholt – Barlo / 04.05.2010„Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,
da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus!
Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt,
so steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.“

Im letzten Teil der dritten Strophe des Liedes heißt es:
„Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all',
mein Herz ist wie'ne Lerche und stimmet ein mit Schall.“

Nun fällt mir auf, dass ich seit Tagen keine einzige Lerche gehört habe. Die intensive Bodenbewirtschaftung hat wohl dazu geführt, dass es in dieser Region keine Bodenbrüter mehr gibt.

Am Morgen fiel es mir schwer, mich auf Schloss Anholt von Familie Brune zu verabschieden. Ein paradiesischer Ort. Hierhin werde ich sicherlich wieder zurückkehren.

39. Etappe / Anholt – Barlo / 04.05.2010Mit Emma verlasse ich Anholt Richtung Deutsch-Holländischen Grenze. Die Gruftkapelle liegt nur einen Steinwurf vom Grenzverlauf entfernt. Bis zu Dinxperlo in Holland und Suderwick in Deutschland wandere ich auf der Grenze. Am Marktplatz in Suderwick trägt eine Plastik den Namen: „Wenn der Zöllner mit dem Schmuggler…“
Von hier aus verläuft der Wanderweg bis kurz vor Spork immer in Sichtweite der Grenze. Über Spork, Holtwick und Stenern erreiche ich nach 6 ½ Stunden das Wasserschloss Haus Diepenbrock und kurz danach Barlo.

Heute haben die Münsterländer Nachrichten ihre Leser aufgerufen, mich morgen ein Stück des Weges zu begleiten. Am Kloster Burlo werde ich gegen 14.30 Uhr erwartet.

 

40. Etappe / Barlo – Oeding / 05.05.2010

40. Etappe / Barlo – Oeding / 05.05.2010„Grenzeloos wandelen“ heißt ein kleines Büchlein, das den so genannten Noaberpad beschreibt. Ein Wanderweg vom Dollard bis zum Rhein. Ich hatte mir die Beschreibung des Weges übers Internet in einer Amsterdamer Buchhandlung besorgt. Gleich hinter Barlo finde ich die Beschilderung und folge ihr. Vogelgezwitscher und Emmas Herumtoben nach Stöckchen sind die einzigen Laute, die ich im Grenzgebiet zwischen Holland und Deutschland höre.

Irgendwann verlasse ich den Noaberpad, suche meinen eigenen Weg, werde Pfad-Finder und Grenzgänger zwischen den Ländern. Im Harmienehoeve mache ich mit Emma eine kurze Mittagsrast. Der frische Pannenkoeken mit Boerenkaas schmeckt köstlich.

40. Etappe / Barlo – Oeding / 05.05.2010An der grünen Grenze stoße ich auf den Kommiezenpad auf dem alten Grenzverlauf zwischen Holland und Deutschland. Die dazugehörige Broschüre habe ich in meinem Rucksack „Wandern auf Zöllner- und Schmugglerpfaden über die grüne Grenze.“

Am Kloster in Burlo treffe ich auf Pater Heinrich Döing. Der 86 jährige strahlt eine ungeheuere Lebensfreude aus. Wir verstehen uns auf Anhieb. Er erzählt mir viele interessante Geschichten aus seinem Leben. Beim Abschied wünscht er mir Gottes Segen für meinen langen Weg und eine gute Heimkehr.

Anschließend ein Interviewtermin mit Melanie Steur von der Münsterland Zeitung. Karin Otto-Höper vom Stadtmarketing Oeding begleitet mich vom Marienkloster Burlo durch ihre Heimat über den Kommiezenpad und erzählt mir mit großer Begeisterung von ihrer Heimat. Im Burghotel Pass bin ich zum Übernachten eingeladen. Hier werde ich herzlich empfangen und bestens betreut. Auch Emma genießt VIP-Status. Das Burghotel wirbt mit dem Slogan „Nutze den Tag.“ Ich nutze die Nacht im Turmzimmer, schlafe wie ein Murmeltier und träume mich auf meinen Weg.

 

41. Etappe / Oeding – Zwillbrock / 06.05.2010

„Na schon wieder unterwegs“, werde ich von einem Radfahrer kurz hinter Oeding begrüßt. Mein Blick verrät Erstaunen. Woher kennt mich der freundliche Radler? „Hab’ Sie am Hund erkannt. Heute Morgen habe ich’s in der Zeitung gelesen.“ Sagt es und radelt seines Weges. Die Münsterland Zeitung hat das „Interview der Woche“ meiner Wanderung gewidmet und mich und Emma abgelichtet. Der Zeitungsartikel führt dazu, dass die Borkener Nachrichten ebenfalls einen Artikel schreiben wollen, ein regionaler Rundfunksender ein Interview von mir haben möchte und der WDR einen Film über meine Deutschlandumrundung drehen wird. Und dies alles Morgen. Hoffentlich komme ich noch zum wandern.

41. Etappe / Oeding – Zwillbrock / 06.05.2010Die Wanderung mit Emma von Oeding nach Zwillbrock wird ein Tag entlang der Grenze. Landwirtschaftlich geprägte flache Landschaft. Im Wechselspiel der Geruch von Schweinemast, Kuh- und Pferdemist. Kalter Wind bläst von Norden, wir stemmen uns dagegen, wollen ankommen bevor es regnet.

Gegen Mittag eine besondere Rast. Am Melkveebedrijf von Familie te Selle hat man eine Zelf-bediening-Station eingerichtet. Eigengemaakte Karnmelk per beker 1,20 €, Eigen gebakken cake 0,50 € per plakje. Stühle und Tische sind platziert. Ich mache mit Emma im kalten Wind kurz Rast, genieße den heißen Kaffee und den köstlichen Apfelkuchen, zahle in eine bereitstehende Blechdose und ziehe weiter. Eine tolle Sache. So etwas sollte auch bei uns in Deutschland öfter angeboten werden.

41. Etappe / Oeding – Zwillbrock / 06.05.2010Das Zwillbrocker Venn mit seinem Lachmöwensee und der nördlichsten Flamingokolonie Europas liegt direkt hinter der Grenze in Deutschland. Im Hotel Kloppendiek von Familie Van den Berg-Ahrens in Zwillbrock bin ich zum übernachten eingeladen. Das Kaminfeuer verströmt eine wohlige Wärme. Emma und ich kuscheln uns in eine Ecke. Die Flamingos müssen bis morgen warten. Bernd, der Chef des Hauses, versorgt Emma und mich mit regionalen Spezialitäten wie Buchweizenpfannkuchen und Moorschnuckengulasch. Nach dem Essen erzählt Nachbar Gerhard Orriens Grenz- und Schmuggelgeschichten wie aus „Tausend und einer Nacht.“

 

42. Etappe / Zwillbrock – Alstätte / 07.05.2010

Nach dem Frühstück im Hotel Kloppendieck ein Interviewtermin mit Denis Burk von Lokalradio WMW. Emma wird unterdessen von der gesamten Familie Van den Bergh betreut. Ich muss weiter, will heute bis Alstätte kommen. Also Abschied von lieb gewonnen neuen Freunden in den nasskalten Morgen.

42. Etappe / Zwillbrock – Alstätte / 07.05.2010

Über die so genannte Flamingo-Route wandere ich mit Emma Richtung Oldenkott an der Berkel. Den Ort erreichen wir noch vor Mittag. Ein Restaurant auf holländischer Seite und eines auf deutscher Seite dokumentieren eindrucksvoll den Grenzverlauf. Bei der heutigen Wanderung erleben wir Naturschutz ohne Grenzen. Zum Schutz des europäischen Naturerbes wurden 1979 die Europäische Vogelschutzrichtlinie und 1992 die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie erlassen. Sie verpflichten alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union gefährdete Lebensräume wildlebender Tiere und Pflanzen durch Einrichtung von Schutzgebieten zu erhalten und zu fördern.

42. Etappe / Zwillbrock – Alstätte / 07.05.2010Über Jahrhunderte bildete eine ausgedehnte Moor- und Heidelandschaft eine natürliche Barriere zwischen Deutschland und Holland. Das Ammeloer Venn und das Haaksbergerveen, ehemaliges Grenzgebiet zwischen zwei Staaten, sind heute ein gemeinsamer Biotopverbund und arbeiten grenzüberschreitend.

Die Wanderung durchs Naturschutzgebiet wird zu einer Art Hörlandschaft. Das Gegacker und Geschnatter verschiedener Gänse und Enten begleitet uns. Emma ist sehr aufmerksam ob der vielen Töne, Leinenzwang ist selbstverständlich, trübt jedoch nicht unsere Stimmung.

 

43. Etappe / Alstätte – Gronau / 08.05.2010

43. Etappe / Alstätte – Gronau / 08.05.2010Heute verlasse ich das touristische „Hohheitsgebiet“ von Karin Otto-Höper vom Südlohn-Oedinger Stadtmarketing. Sie hat mich vier Tage betreut, für die Unterkünfte gesorgt und mir interessante Gesprächspartner vorgestellt. Kartenmaterial, Wandertipps sowie touristische und grenzgeschichtliche Besonderheiten gehörten ebenso dazu. Danke für die engagierte und professionelle Arbeit.

Die Münsterland Zeitung berichtet ausführlich über den „Grenzgänger auf Wanderschaft.“ Schade dass Emma nicht lesen kann.

43. Etappe / Alstätte – Gronau / 08.05.2010In Alstätte starte ich an der Haarmühle, einem beliebten Ausflugslokal in Nordrhein-Westfahlen. Clemens August Brüggemann, der Chef des Anwesens, ist ein leidenschaftlicher Erzähler und kennt viele interessante Grenzgeschichten. Er liebt und lebt das Leben an der Grenze. Ein wandelndes Lexikon zum Thema Heimat, Sprache und Grenze. Fast täglich führt er Menschen durchs Grenzgebiet um ihnen ein Stück seiner Heimat näher zu bringen. Meine Wanderung beginnt heute also mit einem „Schnelldurchgang“ in Sachen Grenzgebiet.

Zwischen Alstätte und dem holländischen Buurse wird heute gefeiert. Man hat einen alten Grenzschlagbaum gefunden und an seinem alten Platz wieder aufgestellt. Das Ereignis wird zu einem kleinen Volksfest.

43. Etappe / Alstätte – Gronau / 08.05.2010Gerne hätte ich mitgefeiert, ich muss aber weiter, wieder einmal Abschied nehmen. Das Hündfelder Moor und das Amtsveen sind meine nächsten Stationen. Am Stadtrand von Gronau steht auf einem Schild. „Grenze erfahren – Grenzen überwinden – Grenzen respektieren“. Vor Begradigung des Flüsschens Dinkel war dieser Platz holländisches Gebiet. Heuet ein Ort der Stille und Besinnung. Das Motto: „Die Grenze und viele Grenzen des Lebens sollen in Begegnung und Spiel, Gottesdienst und Besinnung Leitmotiv für diese Oase der Freundschaft sein.“

Kurze Zeit später bin ich am Ziel meiner heutigen Wanderung, dem Driland Hotel am Dreiländersee zwischen Gronau und Bad Bentheim.

 

44. Etappe / Gronau – Bad Bentheim / 09.05.2010

44. Etappe / Gronau – Bad Bentheim / 09.05.2010An diesem frühen Sonntagmorgen starte ich mit Emma am so genannten Drilandstein. Der am 1. August 1659 gesetzte Stein, markiert bis heute sowohl die deutsch-holländische Grenze als auch die Grenze zwischen der Grafschaft Bentheim und dem ehemaligen Fürstbistum Münster, heute die Grenze zwischen den Bundesländern Niedersachsen und Nordrhein Westfalen. Der 1,08 m hohe Grenzstein aus Bentheimer Sandstein wurde mit den Territorialwappen des 17. Jahrhunderts behauen. Die Markierung verweist auf eine Epoche, in der konfessionelle Konflikte und Allianzen in dieser Region grenzüberschreitend waren. Heute symbolisiert der Drilandstein die Überwindung von Grenzen in einem vereinten Europa.

Die Geschichte der Wanderung ist rasch erzählt. Vom Drilandstein haben wir kurze Zeit später den Dreilandsee erreicht. Von dort wandere ich mit Emma durch Naturschutzgebiet Gildehauser Venn. Von einer Aussichtplattform haben wir gute Sicht ins Venn. Emma sitzt mucksmäuschenstill und beobachtet das Treiben der Wild- und Wasservögel als säße sie vor einer großen Leinwand. Naturfernsehen- und hören mit allen Sinnen. Emma ist begeistert und wäre gerne noch länger sitzen geblieben. Am frühen Nachmittag erreichen wir Bad Bentheim. Über der Stadt, auf einem kleinen Hügel thront die fast 1000 jährige Burg, die größte Sandsteinburg Nordwestdeutschlands. Die schaue ich mir mit Emma morgen an, morgen ist Ruhetag.

 

Ruhetag in Bad Bentheim / 10.05.2010

Ruhetag in Bad Bentheim / 10.05.2010Von Pater Heinrich Döing, den ich vor einigen Tagen im Kloster Mariegarden in Burlo getroffen habe, erreicht mich unerwartet eine Mail:

Lieber Weggefährte,
Gott sei Dank für die beglückende Begegnung mit einem lieben Menschen!
„Wir (alle) sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh mit mancherlei Beschwerden der ewigen Heimat zu.“
Komm gut an! „Holl di kreggel!“ sagen wir im Münsterland (frei übersetzt: „Halt Dich munter - fit und flott!“).
Gruß und Segen vom Kloster „Mariengarden“ in Burlo Pater Heinrich Döing (und sein Team)
Danke für die wundervolle Post und den Segen. Ich denke oft an die Begegnung in Burlo, die so unerwartet und herzlich war.

Ruhetag in Bad Bentheim / 10.05.2010Ruhetag heißt ausruhen, Wäsche waschen, Post erledigen. Beim Spaziergang durch den alten Stadtkern unterhalb der mächtigen Burganlage erinnert eine Plastik an das Bentheimer Gold. So bezeichnet man den Bentheimer Sandstein, der in den Bentheimer und Gildehauser Gruben gefördert wird.

In einem kleinen Lädchen finde ich eine Karte mit einem wunderbaren Spruch:
„unterwegs
ohne Grenzen
ohne jede Eile
neugierig auf den nächsten Tag
den nächsten Hafen
die nächste Begegnung
Woher
Der Wind
auch weht
die Segel
sind gesetzt.“

Morgen setzte ich meine Segel Richtung Nordhorn. Die Wegmarkierung des Podagristenpades wird mir den rechten Weg weisen.

 

45. Etappe / Bad Bentheim – Nordhorn / 11.05.2010

45. Etappe / Bad Bentheim – Nordhorn / 11.05.2010Die Westfälischen Nachrichten widmen unter dem Titel „Der Grenzgänger“ Emma und mir eine halbe Seite in ihrer Dienstagausgabe. „Obwohl Emma mit ihrem Augenaufschlag jedes Casting für einen Hush Puppies-Werbesport problemlos für sich entscheiden würde, Emma läuft. Schmitt läuft, um dem Verlauf der deutschen Grenze zu folgen. Eine Art Annährung an die deutsche Heimat.“

Für die damalige Zeit ungewöhnliche Neugier und Entdeckerlust veranlasste drei Coevordener Herren 1843 zu einer dreitägigen Reise, quer durch die Grafschaft Bentheim bis nach Burgsteinfurt und wieder zurück, also gleich über drei Staatsgrenzen (die königlichen Niederlande, Hannover und Preußen). Ihr vergnüglicher Reisebericht bereichert heute die Kulturgeschichte der Grafschaft Bentheim. Ein Faltblatt für Wanderer, die den 75 km langen „Podagristenpad“ von Bad Bentheim nach Coevorden wandern möchten, erinnert an die berühmten „Vorgänger“.

45. Etappe / Bad Bentheim – Nordhorn / 11.05.2010Gemeinsam mit Joachim Walles mache ich mich auf den Weg, um den Spuren der Grenzgänger von 1843 zu folgen. Joachim verbrachte seine Kindheit in Bad Bentheim, wo er oft mit seinem Vater durch die Wälder zog. Heute lebt er mit seiner Frau in Nordhorn. Er kann viel erzählen vom Leben an der Grenze und kennt den Bentheimer Wald wie seine Westentasche. Joachim war eine Art „Grenzvermesser.“ Als in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Flüsschen „Grenzaar“ an der Grenze zwischen Twist und Schoonebeek begradigt wurde, lagen die Grenzvermessungsarbeiten für den Grafschafter Teil der deutsch-holländischen Grenzkommission in seinen Händen. Nach sechseinhalb Stunden haben wir Nordhorn erreicht, Joachim hat einen guten Schritt. Es ist kalt geworden im Norden, Regen und Wind ziehen auf.

Am Abend freue ich mich auf den Italiener um die Ecke vom Hotel. Mich erwartet jedoch eine herbe Enttäuschung. Im Ristorante Tavola darf ich mit Emma nicht bleiben. Hundeverbot. Bislang hatte man in allen Restaurants Verständnis für einen müden Wandersmann zu Fuß und einen ebenso müden, braven und freundlichen Hund und war bereit in diesem Sonderfall auch mal `ne Ausnahme zu machen. Nicht so im Ristorante Tavola. Kein Erbarmen. Wir müssen hungrig weiter durch die menschenleere Stadt, durch die nasskalten-windigen Gassen, auf der Suche nach einer warmen Herberge und einem warmen Süppchen.

 

46. Etappe / Nordhorn – Uelsen / 12.05.2010

Am Hotel IN-SIDE in Nordhorn werden Emma und ich verabschiedet mit Leckerli. Ich mit Gummibärchen, Emma darf zwischen fünf verschiedenen Geschmacksrichtungen entscheiden. Sie schnüffelt sich durch und nimmt Lamm mit Reis.

46. Etappe / Nordhorn – Uelsen / 12.05.2010Die Welt ist Grau geworden im Norden, feinster Nieselregen, fast Sprühregen fällt langsam vom Himmel. Später sehen wir ein Thermometer das sieben Grad anzeigt. Ist denn schon November und ich bin bald zu Hause?

Hinter Nordhorn begegne ich fünf Frauen beim Walken. „Heute alleine unterwegs?“ frägt eine der Frauen. „Ich hab’ sie heute in den Grafschafter Nachrichten gesehen. Bei dem lausigen Wetter wollte wohl niemand mit.“ Es folgt eine freundliche Verabschiedung, und schon bin allein mit Emma unterwegs an der Vechte. Die Friesentorte im Klostercafe Frenswegen schmeckt vorzüglich, Emma genießt Streicheleinheiten von Kaffee trinkenden Damen.

46. Etappe / Nordhorn – Uelsen / 12.05.2010Bis kurz vor Neuenhaus schlängelt sich der Weg entlang der Vechte. In der Stadt verliert sich jedoch die Beschilderung des Podagristenpades und ich entschließe mich daher auf kürzestem Weg nach Uelsen zu wandern.

Ein Fahrradfahrer hält an, begrüßt mich per Handschlag und wünscht mir einen guten Weg. Er hat mich an Emma erkannt. Keine fünf Minuten später hält der nächste Radler an. Alois Brei aus Neuenhaus stellt sich vor und würde mich gerne ein Stück begleiten. Und so wandern wir gemeinsam, Alois Brei Fahrrad schiebt meinem Rucksack auf dem Gepäckträger, Richtung Uelsen. Er erklärt mir die leicht hügelige Landschaft vor Uelsen, etwas Grafschafter Geschichte und ich erfahre einiges aus dem Leben von Alois Brei. Er begleitet uns bis vors Hotel. Noch ein gemeinsamer Kaffee und Alois radelt wieder nach Hause. Danke für den Gepäcktransport. Ich habe es jedenfalls genossen, das Gespräch und den Transport.

 

47. Etappe / Uelsen – Laar-Eschebrügge / 13.05.2010

47. Etappe / Uelsen – Laar-Eschebrügge / 13.05.2010Im Wald der „Wilsumer Berge“ zwischen Uelsen und Wilsum treffe ich mit Emma auf eine Gruppe Männer auf Vatertagstour, begleitet von einer jungen Frau im „Verpflegungswagen“. Sie erkennen Emma sofort.

Bis Wilsum führt eine tolle Strecke über sandigen Waldboden. In Wilsum verpasse ich eine wichtige Abzweigung. Gehe weiter auf wunderbarem Sandboden. Ich bin vom Weg abgekommen, suche die richtige Spur, Emma ist es egal, sie schnüffelt sich überall durch.

Mitten im menschleeren Feldwegelabyrinth kommt mir ein Jäger im Auto entgegen. Schnell bin ich mit ihm im Gespräch. Er kennt das Saarland, war vor einigen Jahren in Blieskastel. Ein Anruf seiner Frau signalisiert ihm, dass das Mittagessen bereit steht. Emma und ich sind schnell im Wagen von Helmut Veller, der uns auf seiner Fahrt nach Hause auf den rechten Weg zurück bringt.

47. Etappe / Uelsen – Laar-Eschebrügge / 13.05.2010Der Wanderweg entlang der Vechte führt uns nach Laar. Hinter der Brücke biege ich links in die Dorfstraße. Vom Küchenfenster entdeckt mich Lore Lambert, die den Zeitungsbericht gelesen hat. Sie kommt nach draußen, um mich zu begrüßen. Wenige Minuten später sitzen wir in ihrem Garten bei einer Tasse Kaffee. Ihr Mann ist auf Vatertagstour, ihre Kinder bereiten den Grillabend vor. Ich muss weiter, habe noch ein Stück Weg vor mir. Lore begleitet uns noch aus dem Dorf.

Am heutigen Übernachtungsziel, dem Arendshof direkt an der Grenze, werden wir bereits erwartet. Gerrit-Jan Arends, der 83-jährige Senior der Familie, hat viel zu erzählen. Wir sitzen lange zusammen und ich schreibe, denn Gerrit-Jan hat Zahlen und Fakten im Kopf, dass ich nur so staune. Im Familienkreis der Arends ist abends Grillfest. Ich bin eingeladen und hab’ das Gefühl dass ich dazu gehöre. Ich fühle mich rundum wohl, hier kann ich mich fallen lassen. Ein Stück Heimat in der Fremde gefunden. Schade dass ich morgen weiter ziehen muss. Ich komme wieder.

 

48. Etappe / Laar-Eschebrügge – Twist-Bült / 14.05.2010

Herzlicher Abschied am Morgen von Gerrit-Jan Arends und seiner Familie. Gerrit-Jan hat für Begleitung gesorgt. Reinhard Spangenmacher, der in einem alten Zollhaus in Laar wohnt, wird mich bis zur Höhe von Schoonebeek begleiten. Zwei Stunden entlang der Grenzaa, eines kleinen Flusses, der vor einigen Jahren begradigt wurde. Reinhard erzählt mir vom Leben an der Grenze und seiner lieb gewonnen Heimat. Um 11.00 Uhr muss er allerdings zurück, er kümmert sich ums leibliche Wohl der Fietsenfahrer (Radfahrer). In Laar und Umgebung ist für vier Tage „Grenzenloses Fietsen“ (Radeln) angesagt

48. Etappe / Laar-Eschebrügge – Twist-Bült / 14.05.2010

Unmittelbar nach unserem Abschied kommen wir an einem wunderschönen Garten vorbei. Emma ist begeistert von dem Garten, den sie sofort erkundet und so Kontakt zu den Gartenbesitzern herstellt. Ich erfahre, dass dieser Garten vor der Begradigung der Grenzaa auf deutschem Boden lag. Hier hat also Joachim Walles aus Nordhorn, der mich am Dienstag von Bad Bentheim nach Nordhorn begleitet hat die Deutsch-Holländische Grenze neu vermessen.

48. Etappe / Laar-Eschebrügge – Twist-Bült / 14.05.2010Während unserer Mittagsrast am Fluss steigen mehrere Lerchen in die Höhe und veranstalten ein Mittagskonzert der Extraklasse, exklusiv für Emma und mich. Auf der Strecke Richtung Nieuw-Schoonebeek beobachten wir unzählige Kiebitze, die mit waghalsigen und tollkühnen Flugeinlagen über die Wiesen und Äcker fliegen. Ich könnte stundenlang zusehen. Hier gibt es wieder viele Wiesenbrüter!

Irgendwann auf dem wunderschönen Wiesenweg entlang der Grenzaa habe ich gemeinsam mit Emma die ersten 1000 Kilometer absolviert. Ein Viertel meines geplanten Weges. Ich bin stolz und trinke einen Extraschluck aus meiner Wasserflasche. Kurz vor Twist verlassen wir Holland und die Aa um unserer Quartier in Twist-Bült zu finden.

 

49. Etappe / Twist-Bült – Hebelermeer / 15.05.2010

49. Etappe / Twist-Bült – Hebelermeer / 15.05.2010Seit Wochen begrüßt uns täglich der Ruf des Kuckucks, so auch heute, als wir hinter Twist kurz vorm großen Moorgebiet, ein kleines Waldstück erreichen Zum letzten Mal wandere ich mit Emma entlang der deutsch-holländischen Grenze.

Bis weit ins 19. Jahrhundert war der Südosten der holländischen Provinz Drenthe eine riesige zusammenhängende Moorfläche. Das Bergerveen ist das einzige größere Moorgebiet Hollands, das nicht urbar gemacht wurde. Stundenlang wandere ich mit Emma durch diese grandiose Landschaft. Eine außergewöhnliche, ja atemberaubende Geräuschkulisse lässt Emma permanent aufhorchen. Sie ist hellwach, weiß überhaupt nicht wo die verschiedenartigen Laute und Schreie der Vögel, Enten und Gänse herkommen.

49. Etappe / Twist-Bült – Hebelermeer / 15.05.2010Mitten im Moorgebiet begegne ich Johanna und Petra. Emma stellt wie meistens den Kontakt her. Johanna wohnt in Twist, ihr Mann war dort als Grenzposten beschäftigt. Sie kann sich noch gut an die Zeit erinnern, als die Grenze um 22.00 Uhr „dicht gemacht“ wurde, später wurde die Öffnungszeit der Grenze auf 24.00 Uhr verlängert.

Wir wandern weiter, vorbei an riesigen Wasserflächen, Wollgrasfeldern und Moorbirkenwäldern. Eine traumhafte, friedliche Idylle zwischen Deutschland und Holland.

Der Himmel hat sich von hellgrau in dunkelgrau verwandelt. Regenwolken mischen sich ins dunkelgrau. Emma und ich erhöhen das Tempo. Wir werden verschont. Am frühen Nachmittag, zur Kaffeezeit erreichen wir den Ort Hebelermeer und unsere Unterkunft. Die Straßen sind mit bunten Fähnchen geschmückt. Nicht für Emma und mich. Im Ort ist Schützenfest.

 

50. Etappe / Hebelermeer – Haren / 16.05.2010

50. Etappe / Hebelermeer – Haren / 16.05.2010An diesem Sonntagmorgen muss ich mit Emma endlos lange Asphaltpassagen bewältigen. Links und rechts des Weges riesige Felder und einzelne Gehöfte. Ein kühler Wind bläst uns entgegen, am blauen Himmel jagen Wolkenfetzen über uns hinweg. Von Hebelermeer vorbei am Wesumermoor und Fehndorf wandern wir durch Segberg Richtung Himmelsberg. Am Dankernsee haben wir eine längere Pause geplant.

Hier treffe ich Patricia und Peter, mit ihrer dänischen Dogge „Cooper.“ Die Hunde verstehen sich auf Anhieb. Die 67 kg schwere Dogge wiegt 50 kg mehr als Emma. Emma stört das nicht, sie animiert Cooper permanent mit ihr zu spielen. Liebevoll und sanftmütig tobt Cooper mit Emma über den weichen Sandboden, um dann auch immer wieder zu einer Abkühlung in den See zu laufen. Emma folgt Cooper allerdings nur bis zu den Brustwarzen. Wir müssen weiter, Emmas Spielpause ist zu Ende. Am Stadtrand von Haren legen wir dann eine richtige Ruhepause ein.

50. Etappe / Hebelermeer – Haren / 16.05.2010Als wir wieder losziehen wollen, hupt ein kleines Cabrio. Patricia und Peter laden uns ein, bis zum Hotel mitzufahren. Das wird eng, hinten auf schmalem Sitz Cooper und Patricia sowie mein Rucksack, vorne Peter, Emma und ich.

Den Nachmittag verbringe ich mit Emma in Haren. Wir machen einen längeren Spaziergang an der Ems und dem Kanal. Warme Sonnenstrahlen deuten auf warme Tage an der Ems Richtung Nordsee. Morgen ist Ruhetag.

 

Ruhetag in Haren / 17.05.2010

Seit der Emsland-Kurrier eine Geschichte über den Grenzgänger und Emma geschrieben hat, heißt es öfter: „Sind Sie nicht der Wanderer, der in der Zeitung war. Ich habe Sie an ihrem Hunde erkannt.“

Ruhetag in Haren / 17.05.2010Das Mühlenmuseum an der Mersmühle und das Schifffahrtsmuseum am Kanal sind montags geschlossen. Am Kanal kann man allerdings einige Schiffe besichtigen. Während des Spaziergangs ertönt plötzlich eine Glocke, Schranken verschließen an einer Kanalbrücke die Straße und innerhalb weniger Minuten steht die Brücke fast senkrecht in die Höhe, damit ein Schiff die Kanalbrücke passieren kann. Ein faszinierendes Schauspiel nur Emma ist das Ganze nicht geheuer.

Der kalte Wind der letzten Tage hat meinem rechten Ohr nicht gut getan. Ein Besuch beim ortsansässigen Facharzt steht an. Als ich mit Emma die Praxis betrete werde ich darauf aufmerksam gemacht, dass Hunde wegen der Hygiene nicht in ärztlichen Räumen erlaubt seien. Aber ich bin alleine und zu Fuß unterwegs, wohin mit Emma. Ursula Junk, Sprechstundenhilfe in der Praxis hat Verständnis, sie kümmert sich, bringt Emma in den Garten. Dort könne sie auf mich warten. Der Blick ins Ohr bestätigt meine Schmerzen: Entzündung des rechten Gehörgangs. Salbe und Tropfen sollen Linderung bringen.

Ruhetag in Haren / 17.05.2010Meinen ersten Meilenstein „1000 Kilometer“ habe ich am Vorabend mit einem guten Essen gefeiert. Im Hotel Restaurant Greive in Haren habe ich nicht nur eine exzellente Unterkunft gefunden sondern auch eine außergewöhnliche Küche entdeckt. Küchenmeister Alexander Greive zaubert frische und originelle Speisen auf den Teller, sein Bruder Tobias ist für den Service zuständig. Die jungen Männer sind ein gutes Team, sie haben Visionen, die sie an ihre Gäste weitergeben möchten. Man spürt als Gast das Engagement. Eine Wohlfühloase am Ruhetag für Emma und mich.

 

51. Etappe / Haren – Lathen / 18.05.2010

51. Etappe / Haren – Lathen / 18.05.2010Am Fuße des Teutoburger Waldes entspringt die Ems. Mit einer Länge von 370 Kilometern ist sie einer der wichtigsten Flüsse Norddeutschlands. Einige dieser Kilometer werde ich in den nächsten Tagen mit Emma Richtung Norden erwandern.

Alls Schiffsbauer, Schiffer oder Fischer, Fährmann oder Seemann waren viele Familien, die an der Ems lebten in den letzten Jahrhunderten sehr eng unmittelbar mit dem Wasser verbunden. Hinter dem Emslanddom in Haren, entdecke ich folgenden Spruch:
VÖR SINE FAMILIE
BROT UN LÄWEN
HÄW MANCH SCHIPPER
DÄT LÄTZTE GÄVEN
ALLTIED STAOH WIE
IN GOTTES HAND
UP SEIH; UP DE EME’S
UN UP’T LAND
FÜR SEINE FAMILIE
BROT UND LEBEN
HAT MANCHER SCHIFFER
DAS LETZTE GEGEBEN
ALLZEIT SIND WIR
IN GOTTES HAND
AUF SEE; AUF DER EMS
UND AUF DEM LAND

Emma und ich ziehen Richtung Norden. Der Wind bläst kräftig entlang der Ems. Wir stemmen uns dagegen. Viele Fahrradfahrer kommen uns entgegen. Mit Rückenwind fährt es sich leichter. Unser Tageziel heißt Lathen. In der Ortsmitte erinnert noch eine Skulptur an den „Lathener Fährmann“, der bereits im 14.Jahrhundert hier seinen Beruf ausübte.

51. Etappe / Haren – Lathen / 18.05.2010Seit Mitte der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts ist Lathen weltweit durch die Versuchsanlage der Magnetschnellbahn bekannt geworden. Der Transrapid 09 schwebte mit über 450 Stundenkilometer über die 31,5 Kilometer lange Versuchstrecke.

Emma und ich lassen es ruhiger angehen. Wir grüßen freundlich die Radler, winken den vorbeifahrenden Kapitänen zu und haben keine Eile. Wir kommen der Nordsee täglich ein Stück näher. Am Abend im Restaurant dringen vertraute Klänge an mein Ohr zu dringen. „Ei, was isch noch saan wollt“, oder „isch glaab mir misse morje…“ Saarländisch? Oder hat sich meine Gehörgangsentzündung verschlimmert? Ich spreche die Beiden an. Für eine in St. Wendel im Saarland ansässige Firma sind Katrin aus Blieskastel und Rainer aus St.Wendel im Norden unterwegs. Wir sitzen noch lange zusammen, denn jeder kennt mindestens einen den der andere auch kennt. „Ich glaab ess ware meer als äner.“

 

52. Etappe / Lathen – Dersum / 19.05.2010

Der Tag beginnt mit einem ausgedehnten Frühstück mit saarländischen Sprachfarben, gemeinsam mit Katrin und Rainer, die ich am Vorabend kennen lernte. Rainer will im Sommer zum Wanderurlaub. Vielleicht sehen wir uns ja im Bayerischen Wald wieder.

Die Ems begleitet uns von Lathen bis Dersum. Die Wasserlandschaft der Ems, Kanäle und Seen kombiniert mit Heide, Wald und Moor prägen die Landschaft des nördlichen Emslandes. Und mittendrin Emma und ich.

Unterwegs treffen wir Peter, Wolfgang und Karl-Heinz aus Oldenburg. Sie sind auf Fahrradtour entlang der Ems. Als sie von meinem Vorhaben erfahren sind sie voller Erfurcht und wünschen mir beim Abschied gutes Gelingen.

52. Etappe / Lathen – Dersum / 19.05.2010

An der Schleuse in Düthe ein Hinweis auf eine holländische Snackbar mit Cafe. Die holländische Grenze ist etwa zehn Kilometer entfernt. Oder habe ich mich mal wieder verlaufen? Ich wandere mit Emma über den Fahrweg entlang der Schleuse und befinde mich auf der Terrasse von Remon van Essen, der ein kleines Cafe betreibt und einige Ferienwohnungen anbietet. Remon, der Grenzgänger aus Holland, freundet sich schnell mit Emma an. Die genießt die überraschenden Streicheleinheiten. Nach einem Pott Kaffee ein herzlicher Abschied.

Immer größer werdende Schiffe, die auf der Ems an uns vorbeifahren, zeigen dass wir dem Meer immer näher kommen.

Als wir den Weg entlang der Ems verlassen, um die letzten eineinhalb Kilometer nach Dersum zu wandern, erkennen wir in der Ferne viele, kleine, weiße Punkte. Überall auf den Wiesen bewegen sich Schwäne. Die Halbinsel Rodo in der Ems-Auenlandschaft von Dersum wird von Wildschwänen als Brutstätte genutzt. Ein grandioses Schauspiel.

 

53. Etappe / Dersum – Papenburg / 20.05.2010

53. Etappe / Dersum – Papenburg / 20.05.2010

Am frühen Morgen starte ich mit Emma von Dersum nach Papenburg. Nach wenigen Minuten sind wir am Ufer der Ems. Ein Fahrradfahrer mit voll bepacktem Gepäckträger hält an, um nach dem Weg zu fragen. Pfälzische Töne klingen an mein Ohr. Wir kommen ins Gespräch, er langsam auf dem Fahrrad neben mir herfahrend, ich und Emma mit schnellem Schritt daneben. Manfred Ziegler aus Maikammer aus der Pfalz ist mit dem Fahrrad unterwegs, um einen Freund in Emden zu besuchen. Anschließend will er noch zur Weser. Wir haben uns viel zu erzählen, also steigt er vom Rad und schiebt es neben mir her. Manfred ist Weltenbummler, hat alle Kontinente besucht und ist wann immer es seine Zeit erlaubt, irgendwo auf der Welt unterwegs.

53. Etappe / Dersum – Papenburg / 20.05.2010Mitten auf dem Weg liegt vor uns eine schwarze Geldbörse mit Kreditkarten, Ausweispapieren und Bargeld. Sie gehört einer jungen Frau. Mitte zwanzig, an der Donau lebend. Nachdem wir vergeblich versucht haben über die Telefonauskunft eine Telefonnummer ausfindig zu machen, entschließen wir uns die Geldbörse in Papenburg bei der Polizei abzugeben. In Papenburg angekommen, hat Manfred sein Fahrrad zwanzig Kilometer neben mir her geschoben. In Papenburg kommen noch zwei extra Kilometer hinzu, da die Polizeistation am anderen Ende der Stadt liegt.

Manfred begleitet mich schließlich noch bis zu meinem Hotel. Dort trinken wir auf der Terrasse bei wundervollem Sonnenschein ein Bier auf die saarländisch-pfälzische Freundschaft. Ein herzlicher Abschied, Manfred will noch bis Emden kommen. In drei Stunden will er da sein, er steigt auf sein Fahrrad und ist verschwunden.

 

54. Etappe / Papenburg – Leer / 21.05.2010

Über die Seeschleuse komme ich in Papenburg an der Meyer-Werft zur Ems. Leider verläuft der Weg Richtung Leer nicht wie in den letzten Tagen entlang der Ems, sondern hinterm Deich. Die Wiesen am Deich und auf der Deichkrone sind den Schafen vorbehalten. Hunde dürfen dort nicht einmal mit einer Leine hin. Auf einem Schild lese ich: „Das Mitführen von Hunden ist verboten. Der Oberdeichrichter.“ Hier haben die Schafe eindeutig Vorfahrt. Die Ems werden wir also erst in Leer wieder sehen.

54. Etappe / Papenburg – Leer / 21.05.2010Dafür macht Emma Bekanntschaft mit Ufo, einem 14jährigen Beagle, der ganz untypisch für Beagle wunderbar und intensiv bellt und heult. Emma sitzt dabei, ist total fasziniert und himmelt Ufo an.

Die grüne Deichkrone zur Linken, weites, flaches Weideland zur Rechten. Nur ab und zu ertönt ein dunkles Tuckern eines vorbei fahrenden Schiffes auf der Ems. Wildgänse mit schrillen Schreien in verschiedenen Formationen und Verbänden ziehen über uns hinweg. Und auch heute ist der Rufs des Kuckucks nicht zu überhören. Leichte Windböen und ein blauer Himmel sorgen für gute Stimmung.

54. Etappe / Papenburg – Leer / 21.05.2010Heute müssen wir wieder vierundzwanzig Kilometer ASPHLAT wandern. Meine Füße brennen, meine Waden sind hart wie Stein. In der Fußgängerzone in Leer lassen ich mich vor einem Cafe in den Stuhl fallen, Emma liegt daneben. Die Hotelsuche beginnt. Vor einer Buchhandlung Werbung für den neuen Roman von John Irving. Ich bleibe kurz stehen, um zu lesen, gehe weiter und dann ertönt mein Name von einem Parkplatz, an dem ich mit Emma vorbeilaufe. Ulrike, eine Freundin, die in Emden wohnt und die ich in den nächsten Tagen dort besuchen wollte, ist auf Einkaufstour in Leer unterwegs. Wir haben uns viel zu erzählen und sitzen noch lange zusammen.

 

55. Etappe / Leer – Jemgum / 22.05.2010

55. Etappe / Leer – Jemgum / 22.05.2010In der Nacht ist Überraschungsbesuch aus dem Saarland eingetroffen. Barbara und Siegfried wollen mich über Pfingsten begleiten. Der Weg vom Hotel zur Wandertrasse führt mitten durch Leer. Zwischen Fußgängerpassage und Hafen ist Markt. Die ersten neuen Kartoffeln, frische Erdbeeren und Äpfel aus dem Alten Land bei Hamburg. Wir decken uns mit Äpfeln und Erdbeeren ein. Anschließend wandern wir Richtung Rathaus, vorbei an alten und neuen Schiffen, die hier direkt an der Uferpromenade hautnah zu bewundern sind.

Hier treffen wir „Kätpn Axel.“ Barbara bietet ihm spontan die gekauften Erdbeeren an, die er gerne annimmt. Wir kommen ins Gespräch. Axel ist ständig unterwegs, seine Heimat, so sagt er uns, ist sein Fahrrad. Immer unterwegs Richtung Süden oder Norden, im Winter wenn es kalt wird besorgt er sich schon mal Arbeit, aber nur für kurze Zeit. Sein Leben spielt sich auf der Straße ab.

55. Etappe / Leer – Jemgum / 22.05.2010In Leer erinnern an vielen Plätzen Metallschilder mit Bildern und zweisprachigem Text an die Zeit vor hundert Jahren. Am Rathaus heißt es: „Wir blicken in die Pfefferstraße. So hieß bis zum Bau des neuen Rathauses die heutige Rathausstraße. Nur wenig hat sich in den letzten hundert Jahren verändert.“ „Wi kieken in de Peperstraat. So heede ins uns Rathuusstraat, um dat hier de Kooplü, de „Pepersacken“ hör Wark harren.“

Der Weg Richtung Emden ist ein kombinierter Rad- Wanderweg. Wir verlassen Emden über die Jann-Berghaus-Brücke. Die Ems wird auch heute hinterm Deich verborgen bleiben. Am Wegesrand blühende Apfelbäume. Auf den Deichkronen blökende Schafe und in der Luft immer wieder Möwengeschrei. An der alten Windmühle in Jemgum beenden wir unsere heutige Wanderung. Am Montag ist der Deutsche Mühlentag. Wir erhalten bereits heute eine Sonderführung durch die alte Windmühle und trinken anschließend frische Buttermilch.

 

56. Etappe / Jemgum – Emden / 23.05.2010

56. Etappe / Jemgum – Emden / 23.05.2010Der Pfingstsonntag schenkt uns strahlenden blauen Himmel. Wanderlieder im Gepäck starte ich mit Barbara und Siegfried in Jemgum Richtung Emden.

Unzählige Radgruppen sind an diesem Morgen unterwegs, und das freundliche „Moin, Moin“ ertönt in den verschiedensten Sprachtönen. Wie wandern auf einem Abschnitt der „Internationalen Dollard-Route“, einer grenzenlosen Radwandertour, die rund um den Dollard Holland und Deutschland verbindet.

56. Etappe / Jemgum – Emden / 23.05.2010Zur Mittagszeit erreichen wir Ditzum, einen seit dem 8. Jahrhundert bestehenden Fischerort. Direkt an der Emsmündung gelegen, ist Ditzum auch heute noch Heimatort einiger Familien, die ausschließlich von der Fischerei leben. Hier legen wir eine Rast ein, bevor wir mit der Fähre, die schon seit dem 17. Jahrhundert hier verkehrt, nach Petkum übersetzen. Das leise Brummeln der Dieselmotoren hat auf Emma eine beruhigende Wirkung. Sie hat einen kleinen Schattenplatz ergattert und schläft.

Hinter Petkum wandern wir entlang verschiedener Kanäle weiter Richtung Emden. Dunkle Wolken ziehen auf, aber der Wind vertreibt sie schnell. Mitten in Emden, direkt neben dem „Otto-Huus“ gönnen wir uns an diesem warmen Pfingstsonntag eine große Portion Eis.

 

57. Etappe / Emden – Rysum / 24.05.2010

57. Etappe / Emden – Rysum / 24.05.2010Der Wind bläst kalt und kräftig, als ich mit Emma die Innenstadt von Emden verlasse. Barbara und Siegfried haben sich auf den Heimweg ins Saarland gemacht. Die Lieder von gestern klingen noch im Ohr. Beim Abschied hat mir Barbara den Text des Liedes von Emanuel Geibel „Wer recht in Freuden wandern will“ in die Hand gedrückt. Der Text entstand bereits 1839. Die erste Strophe lautet:

„Wer recht in Freuden wandern will
der geh’ der Sonn’ entgegen!
Da ist der Wald so kirchenstill,
kein Lüftchen mag sich regen.
Noch sind nicht die Lerchen wach
nur im hohen Gras der Bach
singt leise den Morgensegen.“

Die rechte Wanderstimmung will allerdings heute nicht aufkommen. Die Temperaturen fallen, der Wind treibt tief liegende graue Wolken über uns hinweg. Irgendwann versinkt die Welt in Grau. Selbst die Flügel der vielen Windräder an denen wir vorbeiwandern sind im nebligen Grau kaum auszumachen. Die grauen Wolken vermischen sich mit noch grauerem Hochnebel. Es schaudert uns.

57. Etappe / Emden – Rysum / 24.05.2010Die Orte, die wir durchwandern heißen Larrelt und Wybelsum. Wir machen keine Pause, wir wollen einfach nur ankommen. Ständig wandern wir an irgendwelchen kleinen und größeren Wasserläufen und Kanälen vorbei. Später erfahre ich, dass ich mich mit Emma in der feuchtesten Region Ostfrieslands befinde. Da das Land unter N.N. liegt muss es ständig entwässert werden. Diese Aufgabe übernimmt das Siel- und Schöpfwerk Knock, südwestlich von Emden. Bei Volllast schafft die Pumpe 60 Tonnen Wasser pro Sekunde. Sie ist eine der größten Pumpen Europas.

Kurz vor Rysum, unserem heutigen Ziel, klart das Wetter ein wenig auf. Die Räder der Windmühle drehen langsam. Heute ist Deutscher Mühlentag. In der Mühle haben regionale Künstler eine Ausstellung vorbereitet. Im Müllerhüs werden Erbsensuppe und Matjes mit Brot angeboten. Selbst die Erbsensuppe kann mich nicht wirklich erwärmen.

 

58. Etappe / Rysum – Greetsiel / 25.05.2010

Vor neun Wochen bin ich am Weltkulturerbe Völklinger Hütte zu meiner Deutschlandumrundung aufgebrochen. Auf meinem Weg Richtung Norden folgten das Weltkulturerbe Römisches Trier und das Weltkulturerbe Aachener Dom, sowie das Weltnaturerbe Vulkaneifel. Mit Emma habe ich nun an der Küste der Nordsee das Weltnaturerbe Wattenmeer erreicht. Die Kontraste könnten größer nicht sein: das Weltkulturerbe Völklinger Hütte als Dokument einer wichtigen Industrieepoche, Trier als Zeuge einer erstaunlichen antiken Kultur und schließlich der Kaiserdom zu Aachen als religiöse Stätte allesamt von Menschenhand geschaffen und mit großen Aufwand vor dem Zerfall gerettet.

58. Etappe / Rysum – Greetsiel / 25.05.2010Das weltgrößte Wattenmeer der Nordsee ist ein Geschenk der Natur. Entstanden vor etwa 7500 Jahren ist es Lebensraum vieler Vögel und Fische und anderer Arten. Der schleswig-holsteinische, niedersächsische und niederländische Wattenmeerbereich gehört seit dem 26. Juni 2009 zum UNESCO-Weltnaturerbe. Fast das gesamte Wattenmeer steht mittlerweile unter Naturschutz. Was Jahrtausende überdauerte ist durch sorglosen und ausbeuterischen Umgang mit der Natur extrem gefährdet.

Wir starten in Rysum und erreichen am Deich hinter Campen den Leuchtturm bei Dyksterhus. Hinterm Deich geht es weiter Richtung Norden. Der gelb-rote Leuchtturm bei Pilsum, einst Filmkulisse im Film „Otto, der Außerfriesische“ ist weithin sichtbar. Am Leuchtturm lasse ich mit Emma fotografieren. Unseren Wanderzielhafen Greetsiel erreichen wir am frühen Nachmittag. Mit 25 Krabbenkuttern, die den Hafen regelmäßig ansteuern, ist hier die größte Kutterflotte Ostfrieslands zuhause. Mit Emma an der Leine spaziere ich durch die kleinen Gassen von Greetsiel und werde fündig: Saarländer.

Bärbel Blasius und Sascha Grosser sind vom Saarland in den Norden Deutschlands gezogen, um zu „entschleunigen.“ Im Atelier Einraum in der Liek Gang 3 in Greetsiel konnten sie ihre Vision von einem eigenen Kunstatelier umsetzen. Ich kann an diesem Nachmittag mal wieder intensiv „saarlännisch schwäddse.“

58. Etappe / Rysum – Greetsiel / 25.05.2010

 

59. Etappe / Greetsiel – Wilhelmshaven (Fahrradtour) / 26.05.2010

59. Etappe / Greetsiel – Wilhelmshaven (Fahrradtour) / 26.05.2010Die Ostfriesen Zeitung berichtet in ihrer heutigen Ausgabe in Wort und Bild über den Grenzgänger Günter Schmitt und seine Hundedame Emma. Vor zwei Tagen saß ich mit der Journalistin Karin Spengler auf einer Bank an Greetsieler Hafen. Abends war es kalt geworden an der Deichkante. Karin Spengler störte es nicht. In leichten, offenen Sandalen ohne Strümpfe sitzt sie im eisigen Wind neben mir, um ihre Fragen zu stellen. Emma hört gelangweilt zu und beim posieren für die Kamera zickt sie wie immer herum. Karin Spengler scheint resistent gegen Kälte zu sein. Auch sie eine Art „Grenzgängerin.“ Bei Wind und Wetter und tiefsten Minustemperaturen läuft sie mit nackten Füßen durch die Welt.

Der Grenzwanderer steigt für drei Tage aufs Fahrrad. Die Grenze ist hier im Norden weit draußen auf dem offenen Meer. Keine Chance zu Fuß die Grenze zu Berühren, um Grenzgänger zu treffen und Grenzgeschichten zu erfahren. Am Ende meiner Grenzerfahrungen möchte ich Deutschland aus eigener Kraft umrundet haben, also überbrücke ich die nächsten Tage mit dem Fahrrad. Emma und mein schwerer Rucksack werden tagsüber mit dem Auto transportiert. Die Wegstrecke entlang der Küste wäre für Emma ohnehin kein Vergnügen: 350 km immer Asphalt und angeleint, ein Alptraum für Jagdhunde.

59. Etappe / Greetsiel – Wilhelmshaven (Fahrradtour) / 26.05.2010Von Greetsiel starte ich am frühen Morgen entlang der Küste Richtung Wilhelmshaven. Die Kälte und die steife Brise gegen die ich ankurbeln muss machen mir zu schaffen. Es ist eine Quälerei. Am Nachmittag zeigt mein Streckenmesser124 Kilometer.

Unterwegs erreicht mich eine SMS von Bärbel und Peter aus Neuss. Vor zwei Jahren waren wir gemeinsam „auf Strecke“ im Hunsrück. So bezeichnete Peter damals seine erste Grenzerfahrung über mehrere Tage eine größere Strecke zu wandern. Zurzeit durchqueren die Beiden Norddeutschland mit dem Motorrad. Zufällig sind sie ganz in der Nähe. Sie schaffen es in meinem Hotel noch ein Zimmer zu bekommen und wir verbringen den Abend zusammen.

 

60. Etappe / Wilhelmshaven – Cuxhaven (Fahrradtour) / 27.05.2010

60. Etappe / Wilhelmshaven – Cuxhaven (Fahrradtour) / 27.05.2010Nach dem Frühstück starten Bärbel und Peter heute mit ihrem Motorrad Richtung Ostsee nach Travemünde. Mit dem Motorrad ein Katzensprung. Ich werde mit Emma noch einige Wochen laufen müssen, um nach Travemünde zu kommen.

Nach dem Bericht über den „Grenzwanderer“ in der Ostfriesen Zeitung erreichen mich wieder Anrufe und Mails von begeisterten Lesern. Dr. Udo Jansen aus Emden gehört auch dazu. 1958 wechselte er im 5. Semester von der Universität München zur Universität Saarbrücken. Damals gehörte das Saarland wirtschaftlich noch zu Frankreich hatte den Franc als Währung. Da die Universität mit Stipendien Studenten nach Saarbrücken lockte, ergriff Udo Jansen die Gunst der Stunde. 180 000 alte Franc habe er erhalten, erzählt er mir. Nächste Woche will er eine ehemalige Studienfreundin im Saarland besuchen. Im Gepäck hat er dann das Wanderbuch „In 20 Tagen rund ums Saarland“ von Günter Schmitt. Gute Reise Udo Jansen.

Meine Reise führt mich weiter Richtung Norden. Der zweite Tag auf dem Fahrrad. Von Wilhelmshaven aus umradele ich den gesamten Jadebusen. Am frühen Nachmittag stehe ich am 60. Etappe / Wilhelmshaven – Cuxhaven (Fahrradtour) / 27.05.2010Ufer der Weser und nehme die Weserfähre nach Bremerhaven. Rudern ist nicht wirklich meine Stärke und zum Durchschwimmen ist es zu kalt, vermutlich wäre es auch nicht erlaubt. Nach einer längeren Rast geht es dann nur noch Richtung Norden. Endlich lässt der Wind nach, die Wolken verziehen sich, die Sonne auf der Haut beginnt zu wärmen.

Als ich am Nachmittag vom Fahrrad steige habe ich von Wilhelmshaven bis Cuxhaven 155 Kilometer zurückgelegt. Ich habe Hunger wie ein Wolf. Am Hafen in Cuxhaven entdecke ich das älteste Fischrestaurant der Stadt. Seit 1933 wird im „Hus op’n Diek“ den Gästen frischer Fisch aus Nordsee zubereitet. Meine Scholle nach Büsumer Art schmeckt fantastisch. Nach dem Essen falle ich ins Bett und schlafe wie ein Murmeltier.

 

61. Etappe / Cuxhaven – Wilster (Fahrradtour) / 28.05.2010

61. Etappe / Cuxhaven – Wilster (Fahrradtour) / 28.05.2010Heute bin ich nochmals mit dem Fahrrad unterwegs. Von Cuxhaven radle ich zunächst in süd-östliche Richtung. Mein Ziel ist der Leuchtturm in Altenbruch, im Volksmund „Dicke Berta“ genannt. 1897 hatte der Leuchtturm an der Niederelbe seinen „Dienst“ aufgenommen. Heute kann man im schwarz-weiß gestrichenen dickbauchigen Turm die Technik von einst besichtigen.

Von der Deichkrone aus habe ich einen guten Blick. Riesige Containerschiffe fahren Richtung Hamburg oder kommen von dort. Ich muss mit meinem Fahrrad wieder hinter den Deich und radle bei angenehmen Temperaturen und Sonnenschein Richtung Freiburg an der Elbe. Kurze Zeit später stehe ich an der Fähre in Wischhafen.

Nachdem ich in den letzten Wochen Saar, Mosel, Rhein, Vechte und die Ems überquert habe, waren es gestern die Weser und heute die Elbe. Am gegenüberliegenden Ufer liegt Glückstadt. Während er Überfahrt muss die Fähre abbremsen, weil ein gigantisches Containerschiff unseren Weg kreuzt. Im Vergleich zu diesem riesigen Schiff sitze ich eher in einer Nussschale.

61. Etappe / Cuxhaven – Wilster (Fahrradtour) / 28.05.2010

Als ich am kleinen, beschaulichen Hafen in Glückstadt eine längere Rast mache, ziehen dunkle Wolken auf. Sie verkünden nichts Gutes. Dazu frischt der Wind auf, der die Wolken schnell vor sich her treibt. Nach einer halben Stunde erwischt es mich. Der Himmel öffnet seine Schleusen. Auf den letzten Kilometern werde ich ordentlich gewaschen. Ich beneide Emma, die heute einen weiteren Ruhetag einlegen kann und das Hundeverwöhnprogramm absolviert. Pitschnass komme ich in Wilster an.

In Wilster erwarten mich die zukünftigen Schwiegereltern meiner Tochter Katrin. Es wird ein langer Grillabend auf der Terrasse in Wilster. Die gesamte Familie ist versammelt, zu meiner Überraschung und Freude auch meine Tochter Katrin und mein zukünftiger Schwiegersohn Hauke. Morgen ist Ruhetag.

 

Ruhetag in Wilster / 29.05.2010

Ruhetag in Wilster / 29.05.2010„Meine Heimat ist meine emotionale Wurzel,
die mir ein Gefühl der Geborgenheit
und Nestwärme gibt.
Sie ist verbunden mit den Menschen,
mit denen ich groß geworden bin,
der geliebten Sprache
und der mir vertrauten schönen Landschaft.“

Am Ruhetag schreibt Dieter Thumann diese Zeilen in mein Heimatbildersammelbuch. Er ist in dieser Landschaft groß geworden, liebt die Marschlandschaft rund um Wilster. Hier ist er zu Hause kennt er jeden Baum, jeden Strauch, jeden Weg und die Eigenarten der Menschen.

Bei Dieter und seiner Frau Fredericke kann ich mich an meinem Ruhetag fallen lassen, kann mich nach drei langen Tagen auf dem Fahrrad ausruhen für die nächsten Wandertage.

Ruhetag in Wilster / 29.05.2010Ruhetag heißt wie immer Waschtag und intensive Körperpflege für mich und Emma. Sie genießt die warmen Sonnenstrahlen und ruht sich weiter aus. Emma ahnt wohl, dass noch einige Kilometer zu Fuß auf uns warten. Etwas Aktivität scheint sie auch heute zu brauchen, während wir uns unterhalten gestaltet sie heimlich einige Gartenbeete um. Der neu gepflanzte Lavendel scheint ihr zu besonders zu missfallen, also raus damit und ein schönes tiefes Loch an der Stelle.

Abends stehe ich bei Dieter und Fredericke in der Küche. Ich genieße es nach wochenlangem „Küchenentzug“ mal wieder selbst am Herd zu stehen und koche eines meiner Lieblingsgerichte: Spaghetti mit Olivenöl, Zwiebeln und Knoblauch. Dazu trinken wir auf der Terrasse gekühlten Weißwein in der Abendsonne.

 

62. Etappe / Wilster – Hohenhörn / 30.05.2010

Mit Emma und in Begleitung von Marianne Ehlers wandere ich heute weiter Richtung Norden. Marianne lernte ich vor einigen Jahren bei einer Mundartveranstaltung im Saarland kennen. Marianne ist in Schleswig-Holstein, dem Land zwischen den Meeren, aufgewachsen. Wir haben uns viel zu erzählen. Sie liebt ihre Sprache, die ein Auswärtiger kaum verstehen kann. Als exzellente Kennerin der Niederdeutschen Sprache ist sie zur Referentin für Niederdeutsch beim Schleswig-Holsteinischen Heimatbund berufen worden. Außerdem ist sie Vorsitzende der Fehrsgilde, sowie der Arbeitsgemeinschaft Nedderdütsch im Heimatbund Kreis Steinburg, ist Mitglied im Plattdeutschen Rat und im Bundesrat für Nedderdütsch. Dazu kommen etliche Ehrenämter.

62. Etappe / Wilster – Hohenhörn / 30.05.2010Unser erstes Ziel ist Deutschlands tiefste Landstelle. Sie liegt in der Wilstermarsch 3,54 Meter unter Normalnull. Hier machen wir unsere erste Rast und lesen im Gästebuch: „Die Reisenden Horst F. und Klaus D. werden von hier bis zur dänischen Grenze wandern. Damit sind sie einmal vom Bodensee bis Zollhaus durch Deutschland gewandert.“ Wir haben uns leider um einen Tag verpasst. Von der tiefsten Landstelle wandern wir Richtung Burg am Nord-Ostsee-Kanal, der auf einer Strecke von knapp 100 Kilometer Brunsbüttel an der Nordsee mit Kiel an der Ostsee verbindet. Er hat die doppelte Breite der Saar. Riesige Schiffe begleiten unseren Weg.

62. Etappe / Wilster – Hohenhörn / 30.05.2010Die Hochzeitsmühle Aurora, eine ehemalige Windmühle, steht in Hochdonn direkt am Nord-Ostsee-Kanal. Hier, im Teecafé Miramar, stärken wir uns in wohliger Wärme bei Musik von Vivaldi mit Kaffee, Tee und Kuchen für den letzten Teil der Wanderung.

Abends hat Marianne noch eine Überraschung für mich. Sie hat ein Wiedersehen mit der Autorin Johanna Kastendieck organisiert. Auch Johanna lernte ich vor Jahren beim Mundartsymposion im Saarland kennen. Sie freut sich, mich heute in ihrer Heimat wieder zu treffen. Johanna ist seit 20 Jahren Mitglied der Gruppe „Liekedeler“ und schenkt mir ihre neueste CD „Vun Land un Lüüd“. Marianne werde ich in 2 Tagen Wiedersehen. Sie hat eine weitere Überraschung geplant.

 

 

63. Etappe / Hohenhörn – Pahlen / 31.05.2010

In Hohenhörn nehme ich mit Emma zunächst die Fähre über den Nord-Ostsee-Kanal. Unser Weg führt über den asphaltierten Radweg Richtung Albersdorf und von dort weiter nach Tellingstedt. In Schalkholz frage ich am Falkenhof nach dem richtigen Weg.

Vor dem Hof sitzen Frieder Eisenschmidt und seine Frau Helga. Beide sind in der ehemaligen DDR bei Risa aufgewachsen. In Ungarn vertrauten sie sich vor vielen Jahren einer Grenzschleusergruppe an, die sie in den Westen brachte. Ein falscher Fußtritt im Grenzminenfeld hätte den sicheren Tod bedeutet. Frieder und Helga haben es trotzdem gewagt und so in Österreich den ersten Schritt in die Freiheit getan. Heute leben sie in Schalkholz in Schleswig-Holstein und betreiben gemeinsam den Falkenhof, wo man Falken, Adler und Eulen und über 100 verschiedene Greifvögel hautnah erleben kann. Von Ostern bis Ende Oktober findet hier täglich, außer Donnerstags, eine Flugschau der Greifvögel statt (www.Falkenhof-Schalkenholz.de).

63. Etappe / Hohenhörn – Pahlen / 31.05.2010

Ich erhalte eine persönliche Führung mit einem unvergesslichen Höhepunkt: Tschitan, der Steinadler und „Filmstar“, sitzt Auge in Auge mit mir, auf meinem Arm. Ganz geheuer ist mir das nicht. Emma hat sich in eine Ecke verzogen und beobachtet das Ganze mit gemischten Gefühlen. Tschitan war schon in etlichen Filmen zu bewundern, z. B. in der Fernsehserie „Forsthaus Falkenau“. Pierre Brice, Walter Giller, Christian Wolf, Ingrid Steeger, Tekla Carola Wied, Horst Janson, Ingrid van Bergen und viele andere drehten bereits mit Tschitan. Jetzt sitzt er auf dem Arm von Günter Schmitt.

Die letzten vier Kilometer schaffen wir wie beflügelt. In Pahlen an der Eider endet unsere heutige Wanderetappe. Am Abend erlebe ich mit Emma einen märchenhaften Sonnenuntergang.

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